Filmkritik: „Hellraiser – Das Tor Zur Hölle“ (UNCUT, 1987)

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Originaltitel: Hellraiser
Regie: Clive Barker
Mit: Andrew Robinson, Doug Bradley, Claire Higgins u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: 94 Minuten (Achtung, variiert aufgrund von Kürzungen)
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Hellraiser | Pinhead | Hölle | Cube | Würfel | Dämonen | Familie

Pinhead und Konsorten sollte man besser nicht verärgern…

Inhalt: Frank (Sean Chapman) ist begeistert – er gelangt in den Besitz eines uralten, mysteriösen Artefakts; welches offenbar besondere Kräfte besitzt. Von seiner Reise heimgekehrt, kann er es kaum erwarten das würfelartige Gebilde auszuprobieren. Er bereitet sich auf eine spirituelle Reise vor – doch tatsächlich öffnet er ein Tor zu einer anderen Dimension, in dem die sogenannten Zenobiten das Sagen haben. Diese ziehen Frank prompt in ihre Welt – und lassen jegliche Spuren, die auf die Zeremonie hinweisen könnten, verschwinden. Einige Jahre später ziehen Franks Bruder Larry (Andrew Robinson) und seine Frau Julia (Clare Higgins) in das nunmehr verfluchte Haus ein. Eines Tages verletzt sich Larry im Zuge der Umzugsarbeiten – und lässt einige Tropfen Blut auf den Boden des Dachgeschosses tropfen. Natürlich denkt er sich nichts dabei – doch lauert hier schon Frank, der es auf irgendeine Art und Weise geschafft hat, der Welt der Zenobiten zu entfliehen. Wenn auch nicht vollständig – denn seinen Körper konnte er offenbar nicht gänzlich retten. Das Blut aber diente nun als Katalysator eines übernatürlichen Prozesses: es beginnt sich ein neuer Körper zu materialisieren. Damit dieser aber wieder eine annähernd menschliche Form erreichen könnte, braucht Frank noch viel mehr Blut – er schließt einen unheilvollen Pakt mit Julia, die sich als seine Ex-Geliebte herausstellt. Von nun an sorgt sie stets für einen ausreichenden Nachschub an menschlichem Blut und Fleisch, auf dass Frank wieder seine vollständigen Kräfte erlangen würde. Was indes niemand ahnt: die Zenobiten gelangen über einen Umweg an die Information, dass Frank wieder quicklebendig ist…

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Kritik: Was macht einen Film zu einem Klassiker ? Manche Werke erscheinen diesbezüglich geradezu prädestiniert – beispielsweise indem sie Vorreiter eines bestimmten Genres sind, oder schlicht eine einzigartige und zeitlose Wirkungskraft entfalten. Doch gibt es derer auch nicht wenige, bei denen man das Gefühl hat als handelte es sich um einen blossen Zufall, einen glücklichen Umstand innerhalb der Filmgeschichte – wobei die tatsächliche Aussagekraft des Begriffes ‚Kult‘ schon eher in Frage gestellt werden kann. Auf dem letzten Posten fungieren dann jene Filme, die seit ihrem Entstehungs- und Veröffentlichungszeitraum über alle Maßen gelobt (oder manchmal auch gehypt) werden – einhergehend mit einer eher ernüchternden Feststellung, sieht man sich das Werk im Laufe der Jahre und Jahrzehnte erstmals oder noch einmal an.

Es ist nicht ganz leicht, Clive Barker’s HELLRAISER in eine dieser vorgefertigten Kategorien zu stecken; scheint er sich doch in keiner richtig wohl zu fühlen. Sicher erfand er das Horrorgenre nicht neu – doch ist er weit entfernt von einem grundlos gehypten Film, der nur bei einer ganz bestimmten Zielgruppe Anklang finden würde. Um diesen Tatsachen auf den Grund zu gehen, sollte man ihn sowohl in seinen einzelnen Elementen, aber – und unumgänglicherweise – auch als Gesamtwerk betrachten.

HELLRAISER ist eben doch weit mehr, als das Cover oder die allgemeine Mundpropaganda hergeben. Zwar spielt der automatisch mit dem Film verbundene ‚Pinhead‘ durchaus eine Rolle – aber eben doch eine eher untergeordnete; die Gruppe der Zenobiten betrachtet maximal eine gleichberechtigte. Das hat vor allem eines zur Folge: HELLRAISER ist kein Film, in dem ein einzelner, auf besonders böse getrimmter Haupt-Antagonist das Zepter in der Hand hält. Bereits in diesem Punkt unterscheidet er sich von unzähligen anderen Horrorfilmen der 80’er und 90’er Jahre, und bietet somit die besten Voraussetzungen für einen etwas anderen Gruselabend. Tatsächlich (und glücklicherweise) hört es nicht bei diesem ersten besonderen Merkmal auf – denn auch die eigentliche Geschichte erweist sich als recht innovativ und spektakulär. Zwar tischt man dem Zuschauer nicht wirklich mehr als eine handvoll Informationen auf – doch genügend dies, um dem Film eine besondere Stimmung und Atmosphäre einzuverleiben, die einen erschaudern lässt. Mehr noch: sie bietet Raum für eine ordentliche Portion Mystik, und spielt dabei gekonnt mit Symbolen aus Religion, Geschichte und Aberglauben.

Ebenfalls höher als in einem zweckdienlichen Bereich anzusiedeln sind die Charaktere, die weitaus mehr Ecken und Kanten besitzen als so manches US-Pendant. Das hauptsächlich zu sehende Ehepaar erweist sich ausnahmsweise nicht als fixes Gebilde, welches stets zusammenhält und sich einer großen Gefahr stellen muss – gerade Julia trägt so manches Geheimnis in sich, und sorgt gleichsam für Überraschungen wie auch für den ein oder anderen (emotional) schockierenden Moment. Weiterhin können die vermeintlichen Hauptfiguren selbst nach einer vergleichsweise langen und expliziten Vorstellung plötzlich sterben – sodass HELLRAISER weitaus unvorhersehbarer gerät als zuerst anzunehmen. Das größte Potential steckt erzählerisch in Frank; einige Rückblenden erläutern seine (heimliche) Beziehung zu Julia – doch die größte Stärke liegt diesbezüglich in der Wandlung von Franks Zielen. Zu Beginn will er einfach nur wieder ins Leben zurückkehren – mitsamt seiner Seele und (s)einem Körper, wie dem Zuschauer nahegelegt wird um sich wieder mit Julia zu vereinen. Doch über seine tatsächlichen Beweggründe kann man nur spekulieren – es wirkt jedenfalls stets so, als würde hinter all dem noch weitaus mehr stecken als gezeigt. Von einem simplen Schema a’la ich will ins Leben zurückkehren um mich an Person X zu rächen ist HELLRAISER also meilenweit entfernt. Dass dann auch noch die Tochter eine größere Rolle spielen sollte, kommt leicht überraschend – fügt sich aber gut in den Kontext ein. Zumal besagte Tochter alles andere als ein typischer, kreischender Teenie ist.

Die Schwächen, die HELLRAISER je nach Alter und Gusto der Zuschauer offenbart, beziehen sich vor allem auf den Zeitgeist und die Technik des eigentlichen Veröffentlichungszeitraums. Besonders die billig wirkenden, viel zu bunten Spezialeffekte; aber auch die einstweilen etwas aufdringliche Kameraführung mit einem Schwerpunkt auf Nahaufnahmen der Gesichter können hier etwas befremdlich wirken. Darüber kann man aber getrost hinwegsehen, gesetzt dem Fall man kann sich generell auf einen gewissen 80’er-Jahre-Charme einstellen. Dafür sorgt auch der Soundtrack, sowie die teils kinematografisch äusserst ansprechenden Weitwinkelaufnahmen einiger besonderer Gegenstände oder Situationen. Auch die Darsteller wissen zu überzeugen – wenngleich Vater und Tochter weit hinter der vielschichtigen Darstellung von Clare Higgins als Julia bleiben. Die mitunter beeindruckendste und zeitloseste Leistung aber lieferten die Kostüm- und Maskenbildner ab – gerade hier wird noch einmal deutlich, warum HELLRAISER zu einem Kultfilm avanciert ist. Hier stimmt einfach alles: angefangen bei der erneuten Mensch- beziehungsweise ‚Fleischwerdung‘ von Frank (die gleichsam ekelig wie beeindruckend wirkt), über die teils heftigen Gewaltdarstellungen samt völlig entstellten Leichen bis hin zur schaurigen Darstellung der Zenobiten, alles deutet auf eine äusserst aufwendige und zeitintensive Handarbeit hin.

Fazit: Was auch immer Frank genau erreichen wollte, was der seltsame Obdachlose mit dem Würfel zu tun hat (wobei, darauf gibt HELLRAISER letztendlich doch Aufschluss) und was es mit den ominösen Zenobiten auf sich hat – vielleicht tut HELLRAISER ganz gut daran, nicht allzu viel zu verraten. Lediglich in Bezug auf die Frage, wie Frank es schaffen konnte den Zenobiten zu entkommen, und vor allem warum sie dies nicht bemerkten – bleibt ungelöst und störend im Raum stehen. Aber: es reicht so oder so zu einem handwerklich versierten, atmosphärisch unschlagbaren Horrorfilm der späten 80’er Jahre – der nicht nur in Sachen Charme, sondern auch in Sachen Zeitlosigkeit und Gesamtwirkung beeindrucken kann. Und das heute wie damals – sowohl Freunde des atmosphärischen, subtilen Horrors mit einer Prise Mystik, als auch Fans einer etwas expliziteren Gangart werden voll auf ihre Kosten kommen. Dabei gilt wie immer: auch wenn der Film so schon nichts für schwache Mägen ist, sollte unbedingt nur die UNGESCHNITTENE Fassung konsumiert werden, sonst bleibt vieles auf der Strecke.

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