Filmkritik: „Battle Royale“ (2000)

Originaltitel: Batoru Rowaiaru
Regie: Kinji Fukasaku
MitTatsuya Fujiwara, Aki Maeda, Taro Yamamoto u.a.
Land: Japan
Laufzeit: 114 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Action / Drama
Tags: Battle Royale | Überlebenskampf | Kinder | Teenager | Schüler | Insel

Wer sich je über strenge Lehrer oder Erziehungsmethoden beschwert hat…

Inhalt: In einer nahen Zukunft – die Wirtschaft Japans steht kurz vor dem Abgrund, und mit ihr drohen sich auch die einstigen Werte und Normen der Gesellschaft zu verabschieden. Die Kinder verlieren das Vertrauen in die Erwachsenen, beginnen gegen sie zu rebellieren – und gehen nicht mehr zur Schule; da sie endgültig das Vertrauen in das System verloren haben. Doch die Regierung hat eine passende Gegenmaßnahme parat, von der unklar ist wie sie von der allgemeinen Bevölkerung aufgenommen wird: der Millennium Educational Reform Act bezeichnet ein Verfahren, bei dem eine Schulklasse per Loswahl ausgewählt wird um an einer Art Wettkampf teilzunehmen. Dieser Wettkampf ist jedoch weder freiwillig noch besonders sportlich – auf einer einsamen, abgeschotteten Insel werden die Teenager mit ein wenig Ausrüstung ausgesetzt, um sich gegeneinander zu bekämpfen. Und zu töten – denn die Regeln besagen, dass am Ende nur ein einziger übrig sein darf, der die Insel als Sieger verlassen wird. Machen die Teenager nicht mit, können sie mithilfe eines Sprengstoff-Halsbandes schon vorab ins Jenseits befördert werden – das gleiche geschieht, sollte am Ende mehr als ein Überlebender auf dem Feld stehen. In diesem wahnwitzigen, perversen Kampf ums Überleben stehen sich die einstigen Schulkameraden plötzlich feindlich gegenüber – eine Zusammenarbeit gegen die Veranstalter dieses menschenunwürdigen Spektakels scheint aussichtslos.

Kritik: Jeder kennt es von sich selbst oder von anderen – das Schulleben ist nicht immer leicht. In Einzelfällen kann es gar zu regelrechten Problemfällen kommen, die selbst im Laufe mehrerer Jahre nicht zur Zufriedenheit des Betroffenen gelöst werden können. Notgedrungene Schulwechsel, erzwungene Schulverweise, ein ständiges Nachsitzen bei Ungehorsamkeit oder Mobbing durch Schüler und Lehrer sind wahrlich kein Zuckerschlecken – doch was die Protagonisten in BATTLE ROYALE erwartet, lässt selbst die ärgsten Schulgeschichten verblassen. Die Prämisse: in einem zukünftigen Japan ist die Wirtschaft geschwächt, was mitunter auch aus dem mangelndem Engagement des Nachwuchses, und deren Problemen mit den etablierten – das heisst den Erwachsenen – resultiert. Anstatt aber schrittweise Schulreformen in Auftrag zu geben oder mehr Geld in die Bildung zu stecken, entwirft man ein geradezu abartiges Projekt: im sogenannten BATTLE ROYALE müssen sich ganze Schulklassen in einem Kampf auf Leben und Tod beweisen. Nicht nur, dass die Kinder und / oder Teenager gewaltsam entführt und auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden – eine Schar von Soldaten und einem Aufseher (in diesem Falle einem Klassenlehrer) beobachtet die Gefangen auf Schritt und Tritt, und steuert sie kontrolliert in ihr Verderben. Das Ziel: am Ende soll nur ein einziger überleben, der dann vermeintlich als gestärkt aus der Erfahrung hervorgehen soll. Um dieses Ziel zu erreichen, sind den Verantwortlichen jede Mittel recht: entweder, die Schüler bringen sich selbst gegenseitig um, begehen aus schierer Verzweifelung Selbstmord; oder werden in sogenannten Gefahrenzonen oder bei besonderem Ungehorsam durch ein spezielles Halsband getötet.

Diese Prämisse, die BATTLE ROYALE zweifelsohne zu einem besonderen, ungewöhnlichen, mutigen und anstrengenden Film macht; gilt es erst einmal zu verdauen. Was auch immer sich die Macher im Detail erdacht haben – alles deutet auf eine überspitzte Form der Gesellschaftskritik hin, die sich vor allem Zuschauern im Osten näher erschließen wird. Schließlich sind hier Dinge wie Leistungsdruck, immense Erwartungshaltungen oder Begrifflichkeiten wie der Stolz der Familie besonders ausgeprägt – wer hier nicht mitzieht und die entsprechenden Leistungen (in der Schule, aber auch im Leben und als Mensch) erbringt, kann schnell ins Abseits geraten. So zeichnet BATTLE ROYALE ein potentielles Bild einer pervertierten Gesellschaft, die keine andere Möglichkeit mehr sieht; als die als hoffnungslos abgestempelten Kinder durch menschenunwürdige Maßnahmen wieder geradezurücken – oder in den meisten Fällen gleich auszusortieren. Offenbar im Wissen des Staates, der Medien; aber auch der Eltern – auch wenn man diesbezüglich nur wenig an Hintergrundinformationen geliefert bekommt. Hierin offenbart sich allerdings auch das erste handfeste Problem des Filmprojekts BATTLE ROYALE: der Erzählfokus liegt relativ streng auf den Ereignissen auf der Insel – und weicht kaum von ihnen ab. Weder erhält man als Zuschauer eine halbwegs plausible (und sei sie noch so weit hergeholt) Begründung dafür, wie und warum ein Projekt wie jenes überhaupt ins Leben gerufen werden konnte; noch für die offenbar apokalyptische Situation in der Wirtschaft und Gesellschaft. Was genau hier passiert, ob es Gegner des Projektes gibt oder wie es international angesehen wird, bleibt dem Zuschauer komplett vorenthalten.

Dies führt dann zu einem mitunter unfreiwillig komischen Start – bei dem eine noch blutverschmierte Siegerin eines vergangen BATTLE ROYALE als Heldin glorifiziert, und in der Gesellschaft zurückbegrüßt wird. Im Zusammenspiel mit den darauf folgenden Szenen; vor allem jener in einem alten Schulgebäude, in dem eine Art Videoanleitung vorgeführt wird – lassen schnell auf eine absolut überspitzte Erzählart schließen. Und die Tatsache, dass man weniger Wert darauf legte, BATTLE ROYALE möglichst realitätsnah zu zeichnen – sondern eher mit einer abrupt-abstrakten Vorgehensweise arbeitet. Bei allen künstlerischen Freiheiten – diese makabere Mixtur aus überspitzt-schwarzhumorigen, todernst-dramatischen und analytisch-kühlen Eindrücken ist wahrlich schwer zu verdauen, und mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Man weiss als Zuschauer kaum, wann und wo möglicherweise (vorschnelle) Lacher beabsichtigt waren – und wenn, ob es im Sinne einer wie auch immer gearteten Moral richtig wäre, mit einem Schmunzeln im Gesicht vor dem Bildschirm zu sitzen. Man fühlt sich dementsprechend schuldig – ob es sich dabei nur um eine weitere Maßnahme des Spiegel-Vorhaltens (und damit einer urkomischen Überzeichnung einer ernsten Angelegenheit) oder um einen inszenatorischen Fehlgriff handelt, ist schwer zu sagen. Besonders schwierig wird dies im weiteren Verlauf, als selbst Morde und Mordversuche in ein überaus makaberes Licht gerückt werden – und man als Zuschauer nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann. Lachen, Weinen und hintergründig philosophieren – schnell wird klar, dass es sich hier eben doch um einen Film aus dem fernen Osten handelt; in dem diese Bereiche nah beieinander liegen.

Ob es BATTLE ROYALE dabei gelingt, eine vernünftige Geschichte zu erzählen, ist eine andere Frage. Sicher ist die Grundidee ebenso absurd wie auf eine perverse Art nachvollziehbar, die Ereignisse auf der Insel höchst dramatisch – doch gerade aufgrund der vielschichtigen Vermengung verschiedenster Ansätze ist es schwer, sich ein halbwegs differenziertes Bild zu machen. Brutale Zweikämpfe und regelrechte Hinrichtungen wechseln sich so prompt mit eindringlich-emotional dargestellten Verlusten, purem Slapstick (gerade in den Kämpfen und Bewegungsabläufen) und perverser Zuschauerbefriedigung (in diesem Fall der Aufseher) ab. Dass am Ende eben doch mehr als nur einer als Überlebender aus der Geschichte hervorgeht, ist die einzige Überraschung des Films – der sich sonst recht vorhersehbar durch eine Liste von potentiellen Opfern durcharbeitet. Die ständige Einblendung des aktuellen Status Quo, das heisst den kürzlich ermordeten und verstorbenen, sowie den verbleibenden Teilnehmern; geradezu spielerisch angesagt durch den alles beobachtenden Lehrer dient hier als Orientierung – aber auch als Unterstreichung der Ereignisse. Schließlich bekommt man als Zuschauer keine Zeit zugestanden, die jeweiligen Charaktere näher kennenzulernen; ihr Verschwinden nachhaltig zu bemerken – sodass eine emotionslose Darstellung einer Liste als einziges sinniges Stilmittel in Betracht kommt. Dass es den Machern nicht unbedingt auf Einzelporträts ankam, sondern auf die sich entfaltende, negative Gruppendynamik und das Projekt als ganzes, sollte allerdings klar sein. Und doch gibt es eine Art Einzelkämpfer, beziehungsweise einen hervorstechenden Charakter: einen Schüler gespielt von Tatsuya Fujiwara (u.a. DEATH NOTE – THE LAST NAME), der es wahrlich nicht beabsichtigt auch nur einen einzigen seiner Klassenkameraden umzubringen, sondern stattdessen schlichten und sich um eine seiner weiblichen Freunde kümmern möchte.

Aber auch hier gilt: diese Darstellungen scheinen der Realität absolut entrückt, ob beabsichtigt oder nicht. Charaktere wie die der verführerischen Kampfes-Amazone ohne Gewissen, oder dem skrupellosen Killer der offenbar aus reinem Vergnügen an der Veranstaltung teilnimmt, markieren hier das i-Tüpfelchen. Was also soll uns BATTLE ROYALE (im übertragenen Sinne) sagen ? Dass man sich im Leben immer wieder Auseinandersetzungen und Verlusten zu stellen hat, ob man will oder nicht ? Dass man an eben jenen Auseinandersetzungen wachsen kann, dass es wichtig ist seinen engsten Freunden selbst in der Not beizustehen ? Dass ein zwanghafter Wahn, jeden und alles in der Gesellschaft auf Leistung zu trimmen und zu instrumentalisieren; ins Nichts oder eben die noch unbekannte Formen der Perversion laufen wird ? Wie man es auch dreht und wendet, in BATTLE ROYALE stecken viele Aussagen – doch sind sie bei weitem zu dünn und zu schwer zu greifen. Mehrere Interpretationsansätze anzubieten ist schön und gut – doch einen kleinen roten Faden sollte man dem Zuschauer als Macher dann doch zugestehen. Davon abgesehen bietet er einfach nicht genügend unterhaltsame Elemente, die eine (somit recht zähe) Laufzeit von knapp 2 Stunden rechtfertigen würden.

Fazit: BATTLE ROYALE ist schon ein merkwürdiges Stück Film. Ein schwer einzuordnendes, vielseitig interpretierbares – aber eben auch ein nur schwer verständliches, im Film-Sinne eher schlecht gemachtes und von Pathos überladenes. Potentielle Hintergründe werden stets ausgeblendet, die Darstellung der Ereignisse auf der Insel folgt entweder einem reichlich absurden, einem aufgesetzt-emotionalen oder schlicht einem ultrabrutalen Schema. Auch stellt sich – trotz der grundsätzlich schockierenden Ereignisse – schnell ein Gefühl der Gleichgültigkeit ein, was an der strikten Abarbeitung der Todesliste, aber auch dem fehlenden Allgemein-Zusammenhang liegt. Bitterböse Soundeffekte, die regelrecht aufdringlich ausfallen; sorgen ebenso wie für Missmut wie der vermeintlich bedeutungsschwangere Soundtrack aus vornehmlich klassischen Stücken. Zwar gibt man sich derlei Konzepten gerne in Japan hin – doch es reicht eben nicht, ein (vielschichtiges) klassisches Stück auf die Hülle eines Films zu pfropfen, der dadurch auch keinen inhaltlichen Zugewinn verzeichnet oder emotional verstärkt wird. Bleiben die ungewöhnliche Idee, die schonungslose Umsetzung und die ansprechende Kameraarbeit – aber keine wirkliche Empfehlung.

6 Gedanken zu “Filmkritik: „Battle Royale“ (2000)

    1. WTF ist denn da los… kurios. Und das bei einem Film, bei dem die Gewalt so offensichtlich in einen Kontext eingebunden ist und keinesfalls willkürlich erscheint. Da stünden bei mir erst einmal ganz andere Machwerke vorne auf der Liste… auch wenn eher nicht aus Gewalt-, als vielmehr Blödheitsverherrlichen Gründen…^^

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  1. Auch hier muss ich widersprechen. ^^ Es ist schon länger her, dass ich ihn gesehen habe, ich fand ihn zwar nicht überragend, aber recht gut. Kennst du den Film „The Running Man“ mit Arnold Schwarzenegger? Bei „Battle Royale“ hat man eine ähnlich perverse Grundidee mit einer Spur mehr Tiefgang versetzt, obwohl ich zugeben muss, dass „The Running Man“ irgendwie mehr „Spaß“ macht, was bei Battle Royale mehr ins Gegenteil schwenkt. Man fragt sich hier mehr nach dem Sinn des ganzen und ich glaube das ist auch gut so. Mir fehlt allerdings noch die Vergleichsmöglichkeit zu „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ der sich nochmal der Thematik in ähnlicher Form annimmt.

    Wertung: 7/10

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    1. In der Tat, die ‚Tribute von Panem‘ standen eigentlich auch noch auf meiner Liste. Den ‚Running Man‘ habe ich sicher schonmal gesehen, doch muss das Äonen her gewesen sein… ich kann mich nicht sehr gut an ihn erinnern.
      Es stimmt schon, ‚Battle Royale‘ ist eher etwas, nun… ‚depressiv‘, aber meiner Meinung nach nicht gekonnt depressiv. Hier vermischen sich die merkwürdigsten Stimmungen, oftmals driftet der Film explizit ins Lächerliche… heraus kommt ein zumindest verstörendes (wie es wohl beabsichtigt war) Gesamtprodukt, aber auch ein irgendwie unrund erscheinendes. Eigentlich wollten wir noch den zweiten Teil hinterherschieben, liegt noch auf Halde… vielleicht ändert sich dort etwas. Denn die Grundidee an sich (!) ist schon irgendwo faszinierend. Nur die Umsetzung konnte ruhig noch deutlich atmosphärischer, hintergründiger und spannender ausfallen. Kurzum: weniger Slapstick-artiges, mehr Seele.

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