Spieletest: LUCIUS (2012, PC)

Originaltitel: Lucius
Entwickler:Shiver Games
Publisher: Lace Mamba Group
Land: Finnland
USK: Keine Freigabe erteilt
Genre: Rollenspiel / Action
Tags: Lucius | Teufel | Luzifer | 666 | Teufelskind | Junge | Familie

Ein kleiner Junge auf Abwegen… ein Spiel allerdings auch.

Inhalt: Der kleine LUCIUS, der jüngst seinen sechsten Geburtstag feierte; lebt mit seiner wohlhabenden Familie und zahlreichen Angestellten in einem riesigen Anwesen. Während sich sein Vater auf eine wichtige Wahlkampagne vorbereitet, ahnt niemand was sich hinter den Kulissen abspielt. LUCIUS trifft in seinem Kinderzimmer auf seinen angeblich echten Vater – der niemand geringeres als Lucifer selbst ist. Der erzählt ihm von seinen großen Plänen und der Hoffnung, aus LUCIUS einen regelrechten Satansbraten machen zu können – einen, der diesen Namen auch verdient. Offenbar nimmt LUCIUS das an, was ihm aufgetragen wird – und plötzlich ereignen sich allerlei seltsame Unfälle im Anwesen der Familie. Es beginnt mit einigen Angestellten, zieht sich über nahe Verwandte der Familie – und letztendlich sind auch LUCIUS‘ Eltern selbst betroffen. Die rätseln indes noch, was hier vor sich gehen könnte – auch mithilfe eines auf den Plan gerufenen Polizisten. Als der Verdacht schließlich und endlich auf den unscheinbaren LUCIUS fällt, ist es allerdings schon zu spät…

In LUCIUS, einem recht makaberen Werk des Finnischen Entwicklers Shiver Games, schlüpft der Spieler in die Rolle des 6-jährigen Protagonisten LUCIUS – der sich als waschechter Sohn des Teufels herausstellt. Das mag in Filmkreisen nichts neues sein (siehe das OMEN), doch auf dem PC handelt es sich durchaus um eine kleine Sensation. Demnach liegen aber auch die Aufgaben, die der Spieler fortan zu erledigen hat, auf der Hand: das riesige Anwesen muss nach und nach von allen möglichen Personen gesäubert werden; die LUCIUS und damit auch dem Plan des Teufels in die Quere kommen könnten. Somit stehen grundsätzlich alle menschlichen Wesen auf der Abschussliste: ob nun die x-beliebige Angestellte oder die eigenen, offenbar nur vermeintlichen Eltern. Dabei geht LUCIUS beziehungsweise der Spieler nur selten zimperlich ans Werk: die Morde müssen stets wie Unfälle inszeniert werden; lediglich im späteren Verlauf spielt auch dies – in Anbetracht der stetig wachsenden Macht von LUCIUS – keine Rolle mehr. Doch zu Beginn muss noch entsprechend experimentiert werden: da kann rein zufällig mal eine Tür zum Kühlraum zufallen und verriegelt werden, ein Gasherd explodieren, ein Klavier zusammenbrechen oder ein Elektro-Fön wie von Geisterhand in eine mit Wasser gefüllte Badewanne schweben… vorausgesetzt, man lässt sich dabei nicht entdecken.

Nach erfolgreichem ‚Abschluss‘ der Tat gewinnt das Teufelskind zusehends an Fähigkeiten. Während es zu Beginn eigentlich nur Türen öffnen und einige Gegenstände benutzen kann, kommen so neben der Telekinese-Fähigkeit etwa auch eine Art Vergessens-Zauber (wenn man frisch auf der Tat ertappt wird) oder die direkte Kontrolle eines Opfers – sofern es geistig geschwächt ist – hinzu. Nachdem LUCIUS bereits einen Hauptteil der Opfer ausgeschaltet hat und sich nunmehr kaum noch verstecken muss, erhält er sogar die Fähigkeit, riesige Feuerbälle zu formen – der einzige direkte Zerstörungszauber. Die Fähigkeiten können dabei jedoch nicht beliebig lange benutzt werden – eine Energieanzeige verrät die verbleibende Dauer. Die regeneriert sich nach einer kurzen Pause, sodass danach brav (oder eben nicht) weitergezaubert werden kann.

Der Spielinhalt von LUCIUS besteht vornehmlich daraus, die jeweiligen durch eine Art Killcam angezeigten Opfer zu töten – und den Weg bis zur diesbezüglichen Vollendung zu meistern. Oft bewegt man sich zuerst in der Nähe der Opfer, studiert ihre Verhaltensweisen und Wegpunkte ein; sieht sich genauer um – und erschafft mithilfe der Umgebung und Gegenständen aus dem eigenen Inventar die tödlichen Fallen. Das klingt zuerst spannend und vor allem ungewöhnlich – denn wann spielt man schon einmal einen kleinen Jungen, der Erwachsene ins Jenseits zu befördern hat – stellt sich aber schnell als äusserst ernüchternd heraus. Und auch als leicht verstörend, beziehungsweise moralisch fragwürdig – nicht umsonst vergab die USK hierzulande keine Altersfreigabe. Doch abgesehen von möglichen moralischen Dilemmas bietet das Spiel einfach nicht genügend inhaltliche Anhaltspunkte. So kann man sich als Spieler niemals entscheiden, welche Tat als nächstes begangen werden soll oder auch nicht – die seltsamen Aufträge müssen nicht nur in einer vorgegebenen Reihenfolge erledigt werden, auch die Inszenierung der Unfälle ist strikt vorgegeben. Es gilt daher oft, verschiedene Story-Auslöser zu finden; die richtigen Gegenstände an den richtigen, vorgefertigten Orten zu platzieren – und sich daraufhin das fragwürdige Spektakel in überraschend brutalen Zwischensequenzen in Spielgrafik anzuschauen.

Dabei warb man bei der Entwicklerfirma einst mit einer Art freien Spielwelt. Gewiss, man sich mit seiner Spielerfigur bis auf ein paar hie und da verriegelte Türen (je nach Mission) frei bewegen – doch zu sehen oder zu tun gibt es da nicht viel. Zwar sind die Räume recht liebevoll ausgestattet und laden zum Stöbern ein – dumm nur, wenn man mit so gut wie keinem Objekt interagieren kann. Abseits der gradlinigen Hauptaufträge kann LUCIUS lediglich noch die Hausarbeit übernehmen, was sich dann in Tätigkeiten wie den Müll rausbringen oder das Zimmer aufräumen äussert. Hierfür erhält LUCIUS dann kleine Belohnungen, die auf drei Stufen aufgeteilt werden. In der ersten gibt es eine Art Weisheits-Brett auf dem Schreibtisch (mit mehr oder weniger hilfreichen, kryptischen Sprüchen), in der zweiten ein Gerät zur Vorhersage des richtigen Wegs (was sich als recht nutzlos herausstellt), und in der dritten ein kleines Fahrrad, mit dem man angeblich schneller vorankommen soll. Diese Belohnungen motivieren jedoch kaum – sodass man sich die teils nervigen Aufgaben und das damit verbundene Gerenne gleich schenken kann. Richtig arg wird es beispielsweise, wenn LUCIUS verschiedene Kleidungsstücke zur Schmutzwäsche bringen und sortieren muss – er kann immer nur ein Teil tragen, anstatt gleich alles aufzusammeln und in einem Schwung zu entsorgen.

Aber das Inventar ist ja auch schon voll genug. Ist es ? Nicht wirklich, wie sich herausstellt – die Gegenstände, die LUCIUS im Verlauf des Spiels aufnimmt, mit sich herumträgt und ganz selten auch mal miteinander kombiniert, bleiben absolut überschaubar. Noch ärgerlicher als die geringe Vielfalt ist indes, dass LUCIUS für etwaige Aufträge immer einen ganz bestimmten Gegenstand braucht. Der wird zwar auch benannt (beispielsweise Kleber, Sicherung oder Rattengift) – doch das Finden derselben Gegenstände erweist sich stellenweise als Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Genau so wird das Spiel auch künstlich in die Länge gezogen – denn eigentlich strotzt es nicht gerade vor einem großen Umfang. Insgesamt warten 19 Missionen (oder eher gesagt Tötungsaufträge) auf den Spieler, die je nach Spielweise und Aufmerksamkeit bis zu 1 Stunde in Anspruch nehmen können – angeblich. Tatsächlich aber wird man mit dem kompletten Spiel in etwa 5-8 Stunden durch sein. Dies, abzüglich der zwei- oder dreistündigen Stecknadelsuche entspricht einer doch überraschend geringen Spielzeit.

Dann gäbe es da noch einen Bereich, in dem LUCIUS hätte punkten können, unbedingt hätte punkten sollen – die Rede ist von der Story beziehungsweise der Inszenierung. Doch auch hier gilt: weniger ist leider nicht mehr. Die Charaktere werden recht lieblos und schnell vorgestellt, gerade auf Seiten des Teufels und LUCIUS herrscht absolute Charaktertiefen-Ebbe. LUCIUS ist nur eine sprachlose, willenlose Marionette – und der Teufel ein grimmig dreinschauender alter Mann ohne Ecken und Kanten. Was er eigentlich will, und warum man diese ganzen Menschen umbringen soll – erschließt sich nicht wirklich. Auch in Bezug auf die Gruselstimmung herrscht eine regelrechte Flaute – die ersten Minuten machen zwar noch Spaß, doch sobald sich der spielerische Alltag einschleicht (was nach etwa einer halben Stunde der Fall ist – leider) geht auch jegliche Spannung flöten. Lediglich der Bodycount steigt immer weiter, wobei es schon etwas makaber erscheint; dass niemand so recht darauf reagieren will beziehungsweise sich die Stimmung kaum ändert. Erst gegen Ende gibt es dann endlich etwas Bewegung: der Vater hat einen Verdacht, und die Mutter kommt dem Wahnsinn nahe.

Auch Spielmechanisch gibt es einiges zu bemängeln – von etwaigen Bugs gar nicht erst zu sprechen. So kann es doch auffällig oft vorkommen, dass man in einem Möbelstück hängenbleibt oder irgendwo eingequetscht wird – neu laden ist hier die einzige Option. Richtig ärgerlich sind auch die kurzen Action-Einlagen, beispielsweise in einem rituellen Raum im Keller (bei dem man ständig von einem Widersacher mit einem Messer angegriffen wird aber keinen Schaden nimmt) oder beim Endkampf – hier kann man einfach nur den Kopf schütteln. Es bleibt bei einigen kurzen Momenten, in denen man sich in LUCIUS einfühlt und die ihm gegebene Macht gierig ausnutzt – ganz im Sinne der guten alten OMEN-Filme. Die Grafik ist nicht gerade berauschend, höchstens passabel – warum die Hardware-Anforderungen vergleichsweise hoch sind, lässt sich nicht wirklich erklären. Auch der Soundtrack bewegt sich auf einem mittelmässigen Niveau; die Steuerung kann einstweilen recht hakelig ausfallen (Hängenbleiben an Türrahmen et cetera). Kommen wir zu einer Übersicht:

Positivaspekte von LUCIUS:
  • Riesiges, stimmiges Anwesen als Schauplatz
  • Besonderes Spielgefühl durch kindlichen Charakter und kindliche Perspektive
  • Erzählung durch einen den Fall behandelnden Polizisten
  • Teils gute Zwischensequenzen mit glaubhaften Charakteren
  • Makabere Unfall-Inszenierungen
Negativaspekte von LUCIUS:
  • Lieblose Story-Inszenierung
  • Hauptcharakter bleibt stumm und blass, keine Entscheidungsfreiheit
  • Keine Dialog-Optionen
  • Kaum spielerische Möglichkeiten
  • Fest vorgegebene Vorgehensweisen
  • Anwesen teils unübersichtlich
  • Türen schließen sich von selbst
  • Suche nach Gegenständen langwierig
  • Gegenstände teilweise nicht Inventar-tauglich
  • Spezialfähigkeiten kaum sinnvoll / selten genutzt
  • Miese, geradezu lächerliche Action-Sequenzen mit Frustpotential
  • Hoher Gewaltgrad in Zwischensequenzen, Spiel selbst eher harmlos
  • Offenes, lieblos hingeworfenes Ende
  • Kein Springen, Werfen, Ducken oder Um-die-Ecke schauen
  • Hakelige Steuerung
  • Sprecher in Zwischensequenzen teils asynchron
  • Mäßige Grafik bei hohen Anforderungen
  • Teils nerviger, künstlich wirkender Soundtrack

Fazit: Das war wohl nichts. LUCIUS ist nicht nur weniger teuflisch ausgefallen als erwartet, rein inhaltlich und spielerisch herrscht gähnende Langeweile. Die lieblose Inszenierung, der geringe Handlungsspielraum und ein insgesamt plump-dilettantischer Gesamteindruck lassen sich eben nicht allein durch die (durchaus besondere) Tatsache wettmachen, dass man hier ein kleines Kind mit dämonischen Kräften spielt. Wenn man schon nicht inhaltlich punkten kann, dann wohl eher auf der schockierenden Ebene ? In der Tat streute man teils heftige Gewaltszenen ein – die aber vor allem durch eine nervige Kameraführung ad absurdum geführt werden (zum Beispiel lange Einstellung und Zoom auf die Gesichter der Toten, bei äußerst mäßiger Grafik) und auch sonst nicht zur generellen Harmlosigkeit und Starrheit des Spiels passen wollen. Man kann es betrachten wie man will – LUCIUS ist und bleibt ein ambitioniertes, aber schlicht mieses Spiel. Der Wiederspielwert beträgt gleich null, zumal man beim Kennen der Rätsel nur noch 2 oder 3 Stunden beschäftigt sein wird und schlicht keinerlei Variationen (Storyentwicklung, Charakterentwicklung, Unvorhergesehenes) möglich sind. Sollte das Spiel irgendwann einmal für 5 Euro zu haben sein, aus Kuriositätsgründen zugreifen – ansonsten besser Finger weg.


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„Eine gute Idee, nur leider nicht zufriedenstellend umgesetzt.“

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