Filmkritik: „Orphan – Das Waisenkind“ (2009)

Originaltitel: Orphan
Regie: Jaume Collet-Serra
Mit: Vera Farmiga, Peter Sarsgaard, Isabelle Fuhrman u.a.
Laufzeit: 123 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 16 freigegeben
Genre: Horror / Thriller

Lieber ein Waisen- als ein Teufelskind.

Inhalt: Das Familienporträt der Coleman’s könnte so harmonisch sein. Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard) verstehen sich blendend, und kümmern sich liebevoll um ihre beiden Kinder Max (Aryana Engineer) und Daniel (Jimmy Bennett). Doch ein finsteres Ereignis aus der Vergangenheit überschattet bis heute das nur vermeintlich perfekte Familienglück: Kate leidet an einer ernsthaften Alkoholkrankheit, die dazu führte dass ihr ungeborenes Kind bei einem Unfall starb, und Tochter Max taub wurde. Dennoch richten die Coleman’s ihren Blick nach vorne; und planen ein Kind zu adoptieren – um so die Liebe für ihr ungeborenes Kind jemandem zu geben, der es dringend braucht. Sie besuchen ein Waisenhaus für Mädchen – und treffen auf Esther (Isabelle Fuhrman), ein ungewöhnlich intelligentes und begabtes Kind. Die Entscheidung scheint gefallen – Esther wird adoptiert und lebt sich daraufhin schnell in ihrem neuen Zuhause ein. Doch fortan läuft nicht alles so, wie es sich die Coleman’s vorgestellt haben. Es häufen sich seltsame Unfälle und Verhaltensauffälligkeiten Esthers; und als Kate versucht mehr über die wahre Herkunft des Kindes herauszufinden, stößt sie auf das ein oder andere Hindernis. Was hat es wirklich mit Esther auf sich ?

Kritik: Eine Familie mit nebulöser Vergangenheit, ein kleines adoptiertes Mädchen und das über allem schwebende Genre des Horrorfilms ? In der Tat klingt das Konzept von ORPHAN alles andere als neuartig oder besonders innovativ. Unglücklicherweise bleibt es auch recht vorhersehbar und überraschungsarm – bis zu einem Zeitpunkt, in dem der Film mit einer 180-Grad-Wende auffährt und den Zuschauer so zumindest etwas schocken und beschäftigen kann. In jedem Fall mehr, als mit der bis zu diesem Zeitpunkt dargestellten Vorgeschichte – die immerhin gut 3 Viertel des Films ausmacht. Hier begleiten wir eine junge Familie, die trotz des heimeligen Anscheins nach bereits einige Schicksalsschläge hinter sich hat. ORPHAN tendiert bei diesem Porträt jedoch niemals zu einem expliziten Drama und behandelt derlei Anleihen recht oberflächlich, sodass die ernsteren Ansätze lediglich als Grundlage für den kommenden Horror und Psycho-Thrill genutzt werden. Der besteht vornehmlich aus den durchdachten Psycho-Spielchen Esthers, vor denen kein Familienmitglied gefeit ist – nicht einmal die anderen Kinder. Während Max als die jüngere Schwester zu einem stillschweigenden Komplizen hin manipuliert wird, konfrontiert Esther Sohn Daniel mit der nackten Angst. Auch die Mutter, die Esthers Spiel als eine der ersten zu durchschauen beginnt, wird entsprechend eingespannt und in eine äußerst missliche Lage gebracht.

Der Mann – oder die Männerwelt – hingegen wird von Esther in eine etwas andere Richtung manipuliert. In welche, erscheint in Anbetracht der finalen Entwicklungen des Films verständlich – und natürlich reichlich verstörend. So baut man gleich noch zwei weitere, für Horrorfilme recht untypische Ansätze mit in ORPHAN ein: den Lolita-Komplex und den einer schier unglaublichen Krankheit respektive Entwicklungsstörung. Mutig, mutig – auch wenn dergleichen vergleichsweise spät kommt und so dem Film erst einen späten Hauch von Frische und Innovation verleiht. Dennoch, etwas anders als die meisten Genre-Kollegen ist ORPHAN dann glücklicherweise doch geworden, sodass sich der Film problemlos über den Status des Durchschnitts retten kann. Ausschlaggebend dafür ist auch die Tatsache, dass der Film trotz seiner relativ enormen Spieldauer von über 2 Stunden zu keinem Zeitpunkt auffällig langatmig wirkt oder nennenswerte Durststrecken aufweist. So ist das eben in einem gut arrangierten Psycho-Kammerspiel der besonderen Art – wobei tiefergehende Drama-Aspekte und Hintergründe einem hohen Grusel-Faktor weichen.

ORPHAN besticht auch in optischer Hinsicht durch eine stets allgegenwärtige Grusel-Atmosphäre, die vor allem durch die stimmigen Kulissen entsteht. Ein grundsätzlich heimeliges Haus in einer abseitigen, naturbezogenen Lage dient als Hauptschauplatz des Geschehens; die teils unbefleckte, teils mit schlimmen Erinnerungen verbundene Winterlandschaft steht im Gegensatz zur familiären Wärme innerhalb des Hauses. Gefilmt wurde das Ganze stets mit einem guten Gespür für Abstände, Kamerapositionen und die bildliche Gesamtkomposition. Übertriebene Schockeffekte oder eine übertriebene Brutalität gibt es – bis auf stark vereinzelte Ausnahmen, die Esther in einem wahren Tötungswahn zeigen (FSK 16) – nicht. Die von Esther gemalten Bilder entpuppen sich letztendlich als inhaltliches wie auch optisches Highlight – durch besondere Farben haben sie zwei Schichten, eine sichtbare und eine nur bei speziellem Licht erkennbare. Die Symbolik der zwei Gesichter Esthers wird so zwar reichlich auf die Spitze getrieben; doch bleibt es bei einer guten Idee. Die bedrohliche Musikuntermalung vor besonders markanten Szenen ist sinnvoll und nützlich, um die Spannung aufrechtzuerhalten beziehungsweise sie zu unterstützen. Andererseits aber gibt es derer nicht wenige Szenen, in denen selbige Maßnahmen stark gezwungen wirken und viel zu vordergründig erscheinen. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen. Im großen und ganzen erfüllt der Soundtrack so seinen Nutzen – mehr aber auch nicht. Wirklich in Erinnerung bleiben werden die Klänge nicht; ebenso wenig wie die allgemeine Effektkulisse. Auch diese wirkt solide und zweckdienlich; ansatzweise sogar durchdacht – doch ist es nicht vorgesehen, einen expliziten Nutzen aus der Akustik zu ziehen um die allgemeine Szenerie noch schauriger erscheinen zu lassen. Überraschenderweise überzeugen die deutschen Synchronsprecher, sodass sich selbst die Synchronisierung der Kinder (allgemein ein kritischer Faktor) nicht als störend erweist.

Fazit: Ein super-solider technischer Part, überzeugende Darsteller und eine funktionierende Grusel-Story – das ist ORPHAN, aus dem noch viel mehr hätte werden können. Warum man dieses Ziel nicht erreicht, liegt auf der Hand: die grundsätzlich äusserst ungewöhnliche Story wird in einer weitaus zu gewöhnlichen Manier umgesetzt. Die Folge ist ein relativ simpel gestrickter Storyverlauf mit einer noch simpleren Auflösung, wobei sich großzügig an der allgemeinen Klischee-Kiste bedient wird. Keine in ORPHAN präsentierte Idee kann mit der spannenden Prämisse konkurrieren – der Moment in dem man erfährt was hier eigentlich gespielt wird, erweist sich als der mit der größten Durchschlagskraft. Nur kommt der leider recht spät – sodass ORPHAN in erster Linie ein typischer Horrorstreifen bleibt, in dem ein scheinbar besessenes Mädchen in eine harmonische Familiensituation eindringt und die einzelnen Familienmitglieder kräftig manipuliert – und letztendlich auch versucht, zu töten. Eine potentielle Möglichkeit wäre gewesen, die Geschichte von Esther selbst in den Vordergrund zu stellen; anstatt dass sich der Horror nur in einer einzelnen Familie offenbart. Somit hätte auch die allgemeine Glaubwürdigkeit nicht so stark gelitten. Der Weg von Esther zu ausgerechnet dieser hier präsentierten Familie erweist sich als etwas wackelig. So oder so – in Anbetracht eines unterhaltsamen Grusel-Abends kann mit ORPHAN eigentlich nichts falsch machen; auch wenn es sicherlich empfehlenswertere Werke gibt.


70button

„Gut gespielt, geschickt inszeniert.“

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Orphan – Das Waisenkind“ (2009)

  1. Muss ich mir vor allem wegen einem bestimmten Darsteller noch ansehen, aber ich fand immer schon allein dieses Covermotiv so DÄMLICH und in meinen Augen irgendwie „abturnent“ dass mich nie etwas zu diesem Film getrieben hat. ^^ Aber die 7/10 klingt ja irgendwie ganz gut…hmmmm. Wobei, 7/10 ist bei dir schon schlecht, von daher. 🙂

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    1. In der Tat, ein recht hässliches Cover. Nicht unbedingt wegen des Antlitz‘ der Dämonendame, aber doch durch die Penetranz und Künstlichkeit der Darstellung…
      7/10 ist doch solide… irgendwo zwischen TRON (Original) und MEIN FREUND DER WASSERDRACHE anzusiedeln – nur wertungstechnisch, versteht sich^^

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