Filmkritik: „The Raid“ (2011)

Originaltitel: Serbuan Maut
Regie: Gareth Evans
Mit: Iko Uwais, Yayan Ruhian, Joe Taslim u.a.
Laufzeit: 101 Minuten
Land: USA, Indonesien
FSK: Ab 18
Genre: Action

Hochhausbesichtigung der etwas anderen Art.

Inhalt: Irgendwo in der indonesischen Hauptstadt Jakarta steht ein riesiger Appartementblock, in dem sich der Gangsterboss Tama Riyadi (Ray Sahetapy) eingenistet hat. Aus der obersten Etage heraus regiert er über seine Untertanen und die zahlreichen Bewohner, die ihm entweder aus Überzeugung oder aus Angst heraus folgen. Doch all das geschieht nicht ohne das Wissen der Polizei, die eines Tages ein schwer bewaffnetes SWAT-Team unter der Leitung von Sergeant Jaka (Joe Taslim) entsendet, um das Gebäude zu stürmen und zu säubern. Doch bisher hat es noch niemand geschafft, in den Gebäudekomplex einzudringen – umso verwunderter sind die Polizisten, als sie es beinahe unbemerkt in den sechsten Stock schaffen. Dann aber geschieht das unvermeidliche: sie werden entdeckt, und prompt stürmen allerlei Bewohner und Schergen des Gangsterbosses aus den Appartements. Ein unermüdlicher, blutiger Kampf entbrennt – in dem es nur einen Gewinner geben kann. Langsam aber sicher wird die Elitetruppe der Polizisten dezimiert – doch besonders der Polizist Rama (Iko Uwais) glaubt an die Wichtigkeit der Mission, und will sie bis zum Ende durchsetzen, komme was wolle.

Kritik: Eine Zusammenfassung, die sich reichlich unspektakulär liest – und tatsächlich, bis auf die Anfangs- und Endszene ist die Handlung von THE RAID komplett in einem heruntergekommen Hochhauskomplex angesiedelt, in dem sich zwei verfeindete Parteien bis auf das Blut bekriegen. Doch es gilt Vorsicht walten zu lassen, was allzu voreilige Schlüsse betrifft. Vor allem, wenn wie in diesem Falle einmal andere Produktionshintergründe vorherrschen als gewöhnlich. Denn selbst wenn die USA in der Liste der beteiligten Produktionsländer auftauchen, so ist THE RAID in erster Linie ein indonesischer Film. Die (hierzulande sicherlich unbekannten) indonesischen Darsteller und die etwas mutigere, schonungslose Machart unterstützen den leicht exotischen Eindruck, der nicht zuletzt auch von zahlreichen markanten Kampfszenen und ausgefeilten Choreografien gekennzeichnet wird.

Diese sind zugleich Highlight und Dreh- und Angelpunkt von THE RAID – denn tiefgreifende Inhalte sind grundsätzlich nicht vorhanden. Es bleibt bei der (simplen) Prämisse, dass ein Trupp von Elitepolizisten (die sich aber größtenteils als Neulinge herausstellen) ein von einem Gangsterboss kontrolliertes Gebäude stürmen und dabei zahlreiche Verluste zu verzeichnen haben. Das Ziel ist – nach einem etappenweise Vorarbeiten – verständlicherweise der besagte Gangsterboss selbst. Von dem erfährt man als Zuschauer aber eher wenig; ebenso wenig wie über die beteiligten Polizisten. Der storyrelevanten Highlights hat THE RAID also nicht wirklich viel zu bieten – nur eine Ausnahme bestätigt hier die Regel. So wird einer der Protagonisten auf Seiten der ‚Bösewichte‘ eine überraschende Rolle einnehmen, sodass das gesamte Unterfangen einer weiteren harten Bewährungsprobe ausgesetzt wird. Doch das war es dann auch schon gewesen – wer genau hier gegen wen kämpft und warum, gerät letztendlich zu einer Nebensächlichkeit.

Seine wahren Stärken offenbart THE RAID aber ohnehin in der spannenden, teilweise ultrabrutalen Inszenierung des Vorarbeitens der Polizisten innerhalb des Hochhauses. Die Frage ist lediglich, ob das Übermaß an Brutalität gerechtfertigt ist – und nicht zu einem reinen Selbstzweck verkommt. Wie auch immer das diesbezügliche Zuschauerurteil ausfallen wird, man kommt nicht umher den Machern ein gewisses Gespür für ebenso geniale wie unterhaltsame Ideen zu unterstellen. So werden einige besonders markante Actionszenen im Gedächtnis bleiben – etwa als ein alter Kühlschrank durch eine Gasflasche, eine Granate und dem richtigen Timing zu einer regelrechten Massenvernichtungswaffe wird. Oder aber, wie sich ein verdammt agiler und versierter Jungpolizist durch niemals enden wollende Gegnerwellen schlägt – mit allem, was gerade da ist; und seien es nur die bloßen Fäuste. Die Bewegungsabläufe und das Tempo der Choreografien sind zweifelsohne spektakulär, und verleihen dem sonst geradlinigem Actionfilm einen Hauch Fernost-Mentalität. Nach einem besonderen ‚Ehrenkodex‘ wird indes nicht gekämpft – wenn eine Waffe vorhanden ist, wird sie gegriffen; und auch die Frage nach einer zahlenmäßigen Chancengleichheit erübrigt sich. Doch auch etwas stillere, bedrohliche Szenen in denen nicht gekämpft wird stellen sich als recht spannend und gut inszeniert heraus; etwa als einer der Gangster-Schergen mit einer Machete durch eine Pappwand sticht, hinter der sich zwei Polizisten verstecken.

Stichwort Schergen: etwas merkwürdig und stellenweise komisch wirkt es schon, dass sich offenbar der gesamte Gebäudekomplex gegen die Polizisten verschworen hat. Im Zusammenhang mit der Aussage des mietfreien Wohnens auf Lebenszeit (als Belohnung für die Mühen) und der Tatsache, dass so gut wie alle Protagonisten eine höhere Form der asiatischen Kampfkünste beherrschen; entsteht so stellenweise ein auffällig makaberer Unterton. Dabei ist THE RAID grundsätzlich absolut ernst gehalten, eine Vermengung verschiedener Genres (z.B. mit dem der Comedy oder dem Splatter) ist nicht vorgesehen. Die etwas bemüht wirkenden Drama-Ansätze dagegen verpuffen allein aufgrund der Tatsache, dass man kaum Gelegenheit hat mit den (Haupt-)Charakteren warm zu werden, geschweige denn genügend über sie und ihre Beweggründe zu wissen. Hier wird dann doch eher explizit gehandelt als kritisch nachgefragt – ob logisch oder nicht.

Fazit: THE RAID ist ein gut inszenierter, gradliniger und nicht immer logischer Actionfilm mit wenigen Plot-Überraschungen – aber verdammt schicken (wenn auch übertrieben vertonten) Kampfszenen. Die handwerkliche Arbeit ist über beinahe jeden Zweifel erhaben – das Hochhaus wird stets stimmig in Szene gesetzt, die Darsteller agieren glaubwürdig; durch besondere Kamerafahrten und -Positionierungen holt man das Maximum des Settings heraus und verleiht dem Treiben zusätzliches Tempo. Zwar hätte die Kameraführung stellenweise etwas weniger wacklig, der Soundtrack etwas aussagekräftiger ausfallen sollen – aber sei es drum. Es bleibt die Frage, in wie weit man das gezeigte ernst beziehungsweise für voll nehmen sollte – hier konnten sich die Macher offenbar nicht so recht entscheiden. Ein verdammt ernster Grundton und die heftige Gewaltdarstellung sind das eine – die makabere Soundkulisse, die übertrieben kampfeslustigen Anwohner und die Hochstilisierung des Hauptprotagonisten zu einem unbesiegbaren Helden aus Leidenschaft das andere. So oder so, man wird mit THE RAID gut unterhalten werden – und findet letztendlich ein passendes, vielleicht etwas realitätsnäheres Pendant zu DIE HORDE (Review); einem ähnlichen guten Genre-Geheimtipp mit Hochhaus-Setting.

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