Metal-CD-Review: VEXILLUM – The Bivouac (2012)

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Land: Italien – Stil: Folk / Power Metal – Label: Limb Music

Lineup:

Michele Gasparri (Gitarre, Backing Vocals)
Dario Vallesi (Gesang)
Francesco Ferraro (Bass)
Andrea Calvanico (Giarre, Backing Vocals)
Efisio Pregio (Drums)

1. The Wanderer’s Note
2. Dethrone the Tyrant
3. Dancing Godess
4. The Oak and Lady Flame
5. The Hunt
6. The Dream
7. The Marquetsquare of Dooly
8. The Way Behind the Hill
9. Valhalla
10. Letter from the Earth
11. Megiddo
12. The Last Inn

Eine aussergewöhnliche Symbiose zweier Genres.

Vorwort: Wie auch immer die italienischen Folk- und Power Metaller von VEXILLUM zu ihrem Bandnamen gekommen sind, und was auch immer sie sich bei der aktuellen Alben-Bezeichnung THE BIVOUAC (zu deutsch etwa ‚Nachtlager‘) gedacht haben – für den geneigten Power Metaller gilt es seit jeher, potentielle Bedenken und Befürchtungen jedweder Art aussen vor zu lassen; will man sich die ‚Essenz‘ des Genres herausarbeiten. Probieren geht eben über studieren – es ist nur höchst selten von Nutzen, bestimmte Bands, Alben oder gar landesspezifische Hintergründe bei seiner Vorauswahl auszuklammern. Und so sollte man auch VEXILLUM’s Zweitwerk THE BIVOUAC Gehör schenken – sofern man Lust und Laune auf einen deutlich folkig angehauchten Power Metal hat, oder sich eventuell schon mit dem Vorgänger und Erstwerk THE WANDERING NOTES (2011) vergnügt hat. Die Band scheint derzeit in einer recht aktiven Phase zu sein – erst im Jahr 2007 gegründet, folgte sogleich die erste Demo und danach die beiden Alben, von denen eines heute vorliegt. Auch eines offiziellen Musikvideos (im typischen Stil) hat man sich bemüht; und auch wenn es alles andere als ‚ultimativ‘ ausgefallen ist, so zeigt es doch dass VEXILLUM einiges an Potential mitbringen.

Kritik: THE BIVOUAC fährt sogleich mit 12 vollwertigen Titeln auf – ein Eindruck, der bestätigt dass die Band etwas zu sagen hat. Ob es wirklich ausreicht, um im internationalen Vergleich mitzuhalten wird sich indes noch zeigen. Denn erst einmal beginnt das Album mit dem Opener THE WANDERING NOTES, der merkwürdigerweise so betitelt ist wie das Vorgängeralbum. Gleichzeitig dient dieser Titel als Aushängeschild und Möglichkeit eines Ersteindrucks, schließlich wurde er als Videosingle ausgekoppelt (siehe unten). Nun; auch wenn es sich nicht unbedingt um eine musikalische Offenbarung handelt, so geht der Sound von VEXILLUM recht gut ins Ohr und offenbart gerade in instrumenteller Hinsicht einige Glanzmomente. Die Tempo-Variationen, der vielfältige Einsatz von Keyboard- und Folk-Elementen und ein Höchstmaß an Abwechslung machen Laune und erzeugen alles andere als eine eindimensionale Klangwelt. Gestützt und getragen wird das Ganze von überraschend versierten, angenehm verspielten und wunderbar Atmosphäre-erzeugenden Gitarrenparts, die keinen Zweifel an den musikalischen Fähigkeiten der Band aufkommen lassen. Während die gleichsam schmackigen wie dezenten ‚Chorelemente‘ (eingesungen von den Bandmitgliedern selbst) noch recht gut wirken und funktionieren, gibt es indes leichte Probleme mit dem Leadsänger Dario Vallesi. Dessen Performance ist wahrlich Geschmackssache, und zählt selbst bei bestem Willen nicht zur Elite der Power Metal-Gesangshelden.

DETHRONE THE TYRANT lautet die Bezeichnung des nächsten Titels, und nein; hier handelt es sich um keinen Titel der Genre – und Landeskollegen von RHAPSODY OF FIRE. Tatsächlich ist es gar nicht so leicht, eine passende Vergleichsband für das Schaffen von VEXILLUM anzuberaumen – am ehesten könnten noch die Kollegen von ORDEN OGAN oder BLIND GUARDIAN zu Rate gezogen werden. Der stark folkige Einschlag garniert das Ganze, und verhilft der Band zu mehr Eigenständigkeit und damit einem ganz eigenen Sound – grundsätzlich ein nicht zu verachtender Pluspunkt. In jedem Fall markant: der epische Aufbau des Titels, und die Inszenierung der Hintergrundelemente – welche die Soundkulisse musikalisch aufwerten, dabei aber nie zu aufdringlich oder gar kitschig wirken. Der Refrain wirkt durch die nicht vorhandene Symbiose der verschiedenen Einzelstimmen etwas gewönhungsbedürftig, doch wollen VEXILLUM eben eher als Folk- denn als Symphonic Power Metal-Band anerkannt werden. DANCING GODDESS beginnt absolut stimmig und untermalt von einigen Hintergrundgeräuschen. Es ist Nacht – man begibt sich in eine Taverne und… beginnt zu feiern und zu tanzen. Ein klein wenig nach Konzeptalbum mutet das ganze Projekt in diesen Momenten durchaus an – man möchte eine längst vergangene Ära heraufbeschwören und sich in den Gefühlen der alten Lebensart laben. Besonders wirkungsvoll ist hier eine spätere Passage in einer eben solchen (imaginären) Taverne, in der plötzlich laune machende Flöten- und Fidelklänge ertönen;  nur um daraufhin in  einer ganz und gar brachial-mitreissenden Gitarrenperformance zu münden.

Doch irgendwann ist jedes Fest einmal vorbei – und es beginnt die Zeit der Besinnlichkeit. So erklingt in THE OAK AND LADY FLAME eine Akustikgitarre und ein Intermezzo aus allerlei klassischen Instrumenten, garniert von einem hier auffälligen Gesang von Leadsänger Dario Vallesi. In der Tat – er klingt wesentlich besser, wenn er sich hinsichtlich der aggressiveren und höheren Töne etwas zurückhält und ein wenig mehr Gefühl in seine Stimme legt. Später gewinnt die Nummer dann doch noch deutlich an Kraft, und eine weibliche Gastsängerin tritt auf den Plan. In jedem Fall erwartet den Hörer mit Titeln wie diesem ein Höchstmaß an Abwechslung – Langeweile kann bei einer derart vielseitigen Struktur gar nicht aufkommen; und auch kein Gefühl der musikalischen Belanglosigkeit. THE HUNT startet sogar noch folkiger durch, und lässt eine enorme Schunkellaune entstehen – bevor die Instrumentation in ihrer ganzen Bandbreite zuschlägt. Hier haben wir das perfekte Beispiel für eine funktionierende Symbiose aus einem guten alten Power Metal und folkigen Anleihen. Die Nummer fällt insgesamt etwas eingängier aus als die vorherigen; und hat einiges an Highlights und Höhepunkten anzubieten. Einzige Kritikpunkte ist der stellenweise etwas übertriebene einsatz von zusätzlichen Instrumental-Elemente und der Chor-Refrain – wieder einmal wirkt das Ganze etwas zu dunkel und fremdartig in der sonst harmonischen musikalischen Szenerie. Ein Ansatz, der schon eher an die Gefilde des Symphonic Metal erinnert, entschädigt aber für vieles.

Mit THE DREAM folgt nun die erste waschechte Ballade, hauptsächlich inszeniert durch eine Akustik-Gitarre und eine zünftige Lagerfeuer-Stimmung. Später gesellen sich noch dezente symphonische Töne hinzu, die nun doch überraschend episch daherkommen. THE MARKETSQUARE OF DOOLY ist ein weiterer, äusserst muntermachener Kracher-Titel mit der Extraportion Vielfalt. Solide, solide. THE WAY BEHIND THE HILL präsentiert sich nun als der wohl aussergewöhnlichste Titel des Albums – eine ganz und gar merkwürdige Instrumentation sorgt dafür, dass man diesen Titel entweder lieben oder hassen wird. Zugegeben, etwas quietisch-schräg klingt das Ganze – besonders zu Beginn. Kommt Zeit, kommt Rat – und eventuell die Gewöhnung. VALHALLA ist nun der Titel, auf den so mancher Power Metal-Fan gewartet haben wird. Zweifelsohne handelt es sich hier um die auffälligste Hymne des Albums, in der man zwar nicht vor allerlei Kitsch Halt macht – aber ehrlich gesagt, wer erwartet das als eingefleischter Power Metal-Fan ? So hat diese Nummer mehr Power Metal-Anleihen zu bieten als die vorherigen, und dröhnt entsprechend temporeich und druckvoll durch die Boxen. Der Refrain erklingt, und… Pathos-Alarm ! Doch es geht einfach nicht anders, man muss sich diesen Klöängen hingeben – erst Recht, wenn man sich das Album bis hierhin angehört hat und man im besten Fall im ureigenen VEXILLUM-Universum versunken ist. Die Riffs sind eine wahre Freude, und die hier eher symphonischen als folkigen Klänge runden das Gesamtbild perfekt ab.  Bleiben noch drei Titel, das stark  LETTER FROM THE EARTH, das mysteriöse MEGIDDO und das noch einmal ordentlich Druck-machende THE LAST INN. 

Fazit: THE BIVOUAC ist ein äusserst vielseitiges, abwechslungsreiches und vor allem auch poisitiv-antreibendes Album geworden, dass die Grenzen zwischen einem ‚traditionellen‘ Power Metal und dem beschwingten Folk Metal verschwimmen lässt. Gerade das Spiel der Instrumente und der vielfältige Einsatz von im generellen Power Metal unüblichen Klängen (Flöten, Violinen) zeigen auf, dass VEXILLUM ihre ganz eigene Interpretationen ihres Folk’schen Power Metals durch und durch beherrschen und es verstehen, diese sinnig an den Mann zu bringen. Wenn man schon Kritik üben möchte, dann sollten zumindest zwei Aspekte benannt werden. So könnten die ‚Zwischenspiele‘ zwischen den einzelnen Titeln etwas abwechslungsreicher sein – oftmals erklingen nur die gleichen Geräusche (Lagerfeuer, Pferdeschnauben, Tiergeräusche). Und: der Leadgesang hat seine starken, aber eben auch etwas schwächeren Momente – in denen Herr Vallesi etwas zu verkrampft-bemüht wirkt. Doch insgesamt bekommt man hier ausgezeichnete Genre-Kost zu einem vergleichsweise wohlfeilen Preis. THE BIVOUAC ist randvoll mit mitreissenden, gut arrangierten und teils emotionalen Klängen, die so manches Mal mit einer gewissen Portion Selbstironie serviert werden. Man sieht, so ganz ernst meinen es VEXILLUM vielleicht nicht immer (siehe Video) – es scheint jedenfalls als hätten sie ordentlich Spaß an dem, was sie da machen. Und wenn man es so draufhat wie die Mitglieder dieser Band – dann ist eigentlich alles erlaubt. Fast alles.

Anspieltipps: THE WANDERERS NOTES, DANCING GODDESS, THE HUNT, THE DREAM, VALHALLA

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