CD-Review: SANTIANO – Bis Ans Ende Der Welt (2012)

Land: Deutschland – Stil: Pop / Irish Folk / Shanty / Schlager

Lineup:

Hans-Timm Hinrichsen Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug
Axel Stosberg Gesang, Mundharmonika, Perkussion
Björn Both Gesang, Gitarre, Bass
Andreas Fahnert Gesang, Gitarre
Peter Sage – Geige, Mandoline, Gesang, Akkordeon, Bouzouki, Perkussion, Tin Whistle

Track-Liste:

01 – Santiano
02 – Frei wie der Wind
03 – Weit uebers Meer
04 – Whiskey In The Jar
05 – Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren
06 – Es gibt nur Wasser
07 – Auf nach Californio
08 – Garten Eden
09 – Irish Rover
10 – 500 Meilen
11 – Der Wind ruft meinen Namen
12 – Blow Boys Blow
13 – Land in Sicht

Eine Seefahrt, die ist lustig…

Vorwort: Nanu, ein Musikalbum welches sich (oberflächlich betrachtet) in den Genres der Popmusik, des Folks oder gar des Schlagers (!) einordnen lässt, im sonst nur eher schwermetallischer Kost vorbehaltenen Rezensions-Abteilung von Oliverdsw.Wordpress ? In der Tat soll heute das Album BIS ANS ENDE DER WELT von SANTIANO behandelt werden, welches auf den ersten Blick ein klein wenig nach massentauglicher Kommerzware anmutet – bei näherem Hinsehen aber explizite Parallelen zum Folk- oder auch Power Metal aufweist. Und nicht nur das: SANTIANO bewegen sich mit ihrem musikalischen Output irgendwo zwischen Lagerfeuerandacht, Chartmusik und Schlager-Hitparade – entsprechend werden Hörer aller Generationen und musikalischer Herkunft zum Mitsingen und Mitschunkeln eingeladen. Das besondere: die Musik von SANTIANO klingt dabei erfrischend anders, ehrlich – und hat sich eher die Heraufbeschwörung alter Musiktraditionen gewidmet als sich sonst üblichen Chart-Eskapen mit allerlei Herzschmerz und Gefühlsduselei hinzugeben. So kommt es nicht von ungefähr, dass es sich bei den 13 Titeln (der Standard-Version, eine SECOND EDITION mit 4 weiteren Songs erschien kürzlich) vornehmlich um Cover-Versionen diverser Klassiker handelt, bei denen der unvorbereitete Hörer selten weiss, um welche Titel es sich im Detail handelt – doch erkennt er sie wieder, dank einer fest im multinationalen Kulturgut verankerten Musikhistorie. Eines haben aber alle Titel gemeinsam: sie klingen nach einem großen Abenteuer, welches sich zumeist auf hoher See abspielt – oder aber in altertümlichen Tavernen und Schankstuben; in denen die alten Seefahrer ihre Heldentaten in feucht-fröhlicher Runde besingen.

Kritik: Kann ein 2012 erschienenes Album, welches sich glatt den ersten Platz in den deutschen Alben-Charts sicherte und über 100.000 Mal verkauft wurde, überhaupt nach althergebrachten Traditionen und nach einer frischen musikalischen Brise klingen ? Offenbar ja, zumindest beweisen dass die ambitionierten und hinter ihre Musik stehenden Mitglieder von SANTIANO, die nunmehr zahlreiche Live-Auftritte hatten und oftmals im deutschen Fernsehen zu sehen waren – auch in sonst eher einem älteren Publikum vorbehaltenen Sendungen. Die andere Seite der Medaille jedoch offenbart, dass die Musik SANTIANO’s unverkennbare Ähnlichkeiten mit anderen Musikgenres aufweist, die sich an einer ähnlichen musikalischen Quelle bedienen – die sonst von eher hart gesottenen konsumiert wird. Sei es Folk- und Viking Metal oder der Power Metal – als Inspiration dienen dieselben Grundlagen und Traditionen. Die durch die Musik übertragene Sehnsucht und Erhabenheit, die Naturverbundenheit (hier besonders die menschliche Freiheit in der Natur; auf dem Meer) oder schlicht das Zusammenraufen in einer zünftigen Männer-Runde mit dem ein oder anderen alkoholischen Getränk – SANTIANO wissen schnell auch der eher anspruchsvollen Hörerschaft zu gefallen, die sonst einen recht weiten Bogen um eine Schlagerparade machen würde. Und dennoch werden beide – und mehr – Interessengruppen bedient. Wenngleich sich viele Parallelen verständlicherweise auf den Folk Metal beziehen, so kommt selbst der Power- oder gar Symphonic Metal nicht zu kurz auf SANTIANO’s BIS ANS ENDE DER WELT – natürlich nur wenn man so will und es entsprechend betrachtet. Doch die schmetternden Männerchöre, die pompösen Arrangements und die deutlich spürbare Vorliebe für extrem eingängige Melodien führen schnell dazu, dass auch sonst Gitarren-verliebte plötzlich mitschunkeln – ganz ähnlich dem VAN CANTO-Prinzip.

Das Album beginnt recht fröhlich und locker, mit dem Opener SANTIANO – der einen recht guten Einblick in das musikalische Schaffen der Flensburger Männertruppe erlaubt. Eine flotte, von traditionellen Instrumenten begleitete Struktur, satt-solide Soli-Gesangspassagen der Sänger; sowie ein schmackig-erhabener Refrain lassen einen schnell zum Takt mitwippen. Der inhaltlichen Komponente drehen sich – natürlich – speziell um das Meer sowie alten ‚Seemannsgarn‘, andererseits aber auch um die sinnige Vorstellung der Band – welche die Überleitung zum folgenden FREI WIE DER WIND enorm flüssig erscheinen lässt. Hier handelt es sich um das erste Highlight; welches sich durch noch markantere Solo-Gesänge und einen tollen Refrain auszeichnet. Nicht umsonst gibt es eine Videoauskopplung zu besagtem Titel – unten gleich nach der Wertungsvergabe zu sehen. Während die ersten Titel einen recht treibenden Eindruck hinterlassen, so wirkt WEIT ÜBERS MEER nun weitaus besinnlicher und verträumter; zusätzlich unterstützt wird diese Ambition durch eine ruhig-verhaltene Instrumentierung und den weiblichen Gastgesang. In der Tat klingt das Ganze recht schlagertauglich – doch durch die markanten Unterschiede hinsichtlich der inhaltlichen Gewichtung und der Präsentation muss niemand befürchten, in einer typischen Klischee- und Kitschfalle zu landen. Mit WHISKEY IN THE JAR wird es nun wieder deutlich traditioneller – und erstmals auch ganz anders, was den allgemeinen Klangeindruck betrifft. Nicht nur, dass der Songtext komplett in englisch vorgetragen wird, man glaubt sich wahrhaftig in einer gemütlichen Taverne mit allerlei gut gelaunten Seeleuten und – Räubern wiederzufinden.

Das absolute Highlight aber folgt erst jetzt und mit ALLE DIE MIT UNS AUF KAPERFAHRT FAHREN – der Wahnsinn, was SANTIANO hier aus einem alten Klassiker machen, den einige bereits im Kindergarten gesungen haben werden. Eine gehörige Priese Filmmusik (beziehungsweise FLUCH DER KARIBIK, wem dieser Vergleich besser gefällt), schmackige Pauken und ein Refrain, welcher erhabener nicht hätte ausfallen können – endlich erfährt ein Klassiker eine passend wirkende Interpretation, die leicht witzig; zugleich aber auch unglaublich episch ist. Das nächste Highlight lässt aber doch nicht so lange auf sich warten, wie eventuell gedacht: ES GIBT NUR WASSER ist eine verdammt unterhaltsame, witzig-freche Nummer, die vor Selbstironie und Kneipentauglichkeit nur so strotzt – ohne dabei zu flach zu wirken. Auch CALIFORNIO fällt schön beschwingt und geradezu Saloon-tauglich aus, der Inhalt und die leicht ironische Aufmachung erinnern leicht an das Schaffen eines ALEXANDER MARCUS – der ebenfalls nicht wenig zu einem besseren Verständnis verschiedener Musikgenerationen beigetragen hat. Gute Laune ist jedenfalls garantiert. Für die etwas besinnlicheren Momente dient nun GARTEN EDEN, eine Interpretation eines höchst bekannten Liedes, dessen Melodie bei jedem Erinnerungen wecken sollte. Eine bravouröse Leistung.

Als hätten SANTIANO den Begriff der Abwechslung für sich gepachtet, folgt mit IRISH ROVER nun plötzlich wieder ein echter Fetenhit im traditionellen Stile, erneut auf englisch vorgetragen. Wahrlich, eine Super-Stimme, die den Hörer hier durch das Liedgut führt – und im Refrain darf wieder zünftig mitgesungen werden, sofern man bei steigendem Alkoholpegel (sofern Konsument) im Takt bleiben kann. 500 MEILEN fällt wiederum etwas ruhiger aus; legt aber eine ähnliche Ohrwurmgarantie vor wie alle bisherigen Stücke. Die inhaltlichen Komponente sowie die Inszenierung des Refrains lassen erstmals deutlicher auf einen Popmusik-Bezug schließen – doch noch immer erscheint der Sound erfrischend anders und beeindruckend. Gerade die dezenten Männerchöre im Hintergrund, sowie der wie immer alles abrundende Refrain machen auch diese Nummer zu alles anderem als einem Durchhänge-Titel. DER WIND RUFT MEINEN NAMEN wäre schon eher ein Kandidat für diesbezügliches. Hier hätte man noch mehr Ecken und Kanten einbauen können oder sollen – auch im sonst recht genialen Refrain, der sofort ins Ohr geht und insgesamt geradezu festlich (trotz inhaltlichem Bezug) wirkt. BLOW BOYS BLOW ist der dritte Titel in der Riege der Irish-folkigen (und auf englisch vorgetragenen) Party-Nummern; und bietet so leider nicht mehr allzu viel neues. Wie auch das abschließende LAND IN SICHT – natürlich geht es auch hier grundsolide zu, doch nach 10 oder 11 wahnwitzig starken Nummern ist die Luft eben schon ein stückweit raus.

Fazit: Achtung, Ohrwurmgefahr – für kein anderes Album des Jahres 2012 muss dieser Warnhinweis derart hochgehalten werden wie in Bezug auf BIS ANS ENDE DER WELT. Doch ist es nicht die (durchaus vorhandene) Massentauglichkeit oder der Pop-Bezug der Musik, welche den Hörer nicht mehr loslässt – sondern das Gesamtkonzept SANTIANO. Dieses besteht indes aus zweierlei Komponenten – die eine ist die unbestreitbare musikalische Genialität und Perfektion der Band und aller Beteiligten; welche sich in erhabenen Arrangements, einem vielseitigen Instrumentenspiel, einem stimmigen Solo- und Chorgesang sowie einer glasklaren Produktion widerspiegelt. Die andere Komponente geht indes noch ein stückweit tiefer, und bedient gewisse Sehnsüchte welche es im Endeffekt vermögen, alle Generationen und Hörerschaften einander näherzubringen. Es ist die Sehnsucht nach gleichsam erfrischenden wie traditionellen Musikstücken; aber eben auch nach allgemeineren, zeitlosen Inhalten, welche sich einmal nicht an großen Liebesgeschichten, Herzschmerz oder Gesellschaftskritik orientieren. Zumindest nicht direkt – die Klangwelten von BIS ANS ENDE DER WELT sind jedoch mannigfaltig und können auf vielerlei Lebensbereiche projiziert werden. So sind sowohl jene perfekt beraten, welche eine inhaltliche Offenbarung, eine ‚Wahrheit‘ (wenn man so will) erwarten – aber auch solche, die einfach nur eingängig und gut gelaunt unterhalten werden möchten. Lediglich gegen Ende (ab Titel 10) wirken die Kompositionen leicht repetitiv, die Highlights finden sich eindeutig im vorherigen Verlauf. Alles in allem – ein Muss, sowohl für Volksmusikfans als auch für Metaller.

Anspieltipps: FREI WIE DER WIND, ALLE DIE MIT UNS AUF KAPERFAHRT FAHREN, ES GIBT NUR WASSER


90button

„Es weht ein frischer (Seemanns-)Wind.“


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