Filmkritik: „Die Horde“ (2009)

Originaltitel: La Horde
Regie: Yannick Dahan, Benjamin Rocher
Mit: Claude Perron, Jean-Pierre Martins, Eriq Ebouaney u.a.
Laufzeit: 90 Minuten
Land: Frankreich
FSK: Ab 18
Genre: Action / Horror

Auch Probleme folgen einer gewissen Rangordnung.

Inhalt: Eine besonders eingeschworene Truppe von französischen Cops, bestehend aus Franck Jimenez (Aurelien Recoing), Aurore (Claude Perron), Ouessem (Jean-Pierre Martins) und Tony (Antoine Oppenheim), sieht sich mit dem plötzlichen Mord an einem ihrer Kollegen konfrontiert. Bereits auf der Beerdigung des Verstorbenen sinnen die 4, sowie einige Angehörige, auf Rache – der Verantwortliche ist bereits bekannt. Es handelt sich um den Anführer der Markudis-Bande, der sich Gerüchten zufolge in einem Hochhauskomplex aufhalten soll. Die Gruppe bereitet sich vor, allerdings nicht so wie es für Polizisten normalerweise üblich ist – und begibt sich auf eine selbstmörderische Mission. Einmal im Hochhaus angekommen, erfahren sie dass sich die besagte Verbrecher-Bande im obersten Stockwerk aufhalten soll. Doch kurz bevor sie die entsprechende Tür aufsprengen können, geschieht ein Unglück… es gibt tote, verletzte; und sich nunmehr in Gefangenschaft befindende Cops. Noch während die Gangster sich darüber den Kopf zerbrechen, ob noch weitere Polizisten als Verstärkung angerückt sein könnten, kommt ihnen ein gänzlich neues und unvorhergesehenes Problem zuvor.

Kritik: Gewiss, von einem Film wie DIE HORDE kann man als ambitionierter Zombiefilm-Konsument nicht allzu viel erwarten. Vielleicht sollte man das aber auch gar nicht – und sich stattdessen völlig unvorbereitet auf einen mal bodenständigen, mal bemerkenswert abgedrehten Genre-Streifen aus Frankreich einlassen. Denn bereits dieses kleine Herkunfts-Merkmal birgt einen gewissen Zugewinn in Sachen Qualität und Eigenständigkeit: endlich wird sich auch mal wieder in nicht US-typischer Manier durch Zombiehorden gemetzelt. Das bedeutet vor allem, dass ein weitaus geringeres Budget zur Verfügung stand, noch unbekannte Gesichter zu sehen sind; die Szenerie deutlich eingeschränkter ist (in diesem Fall ein übersichtlicher Hochhaus-Komplex) – oder aber, dass man sich in mehrerlei Hinsicht auffälliger aus dem Fenster lehnen kann was Splatter-Anleihen oder einen vermeintlich korrekten politischen Unterton betrifft. All diese aus Hollywood-Sicht sicher eher unglücklichen Umstände lassen DIE HORDE vor allem wie ein kleines Stück Film erscheinen, das es wert ist zu entdecken – schließlich gibt man aufstrebenden Künstlern eher eine Chance als längst etablierten und vor Mitteln nur so strotzenden Bonzen, auch wenn dies nicht heisst, dass die besagten ‚Novizen‘ zwingend bessere Geschichten erzählen können.

Denn tatsächlich hat auch ein Film wie DIE HORDE ein Problem, welches sich – wie es nicht anders zu erwarten war – in der Grundidee und der Geschichte abzeichnet. Dass etwaige Hintergründe einer Zombie-Apokalpyse nicht einmal ansatzweise aufgegriffen werden, niemals ein Versuch einer Erklärung stattfindet (was schnell ins abstruse abdriften könnte) ist nichts neues – doch auch die sonst Genre-typisch hochgehaltenen Inhalte kommen in DIE HORDE verdächtig kurz. So gerät wirkt der Umschwung vom Dasein der Polizisten als Geiseln hin zu notgedrungen Verbündeten recht abrupt und nicht wirklich nachvollziehbar, der eigentliche ‚Überlebenskampf‘ beschränkt sich vornehmlich auf die etwas handfesteren Inhalte – dem Kampf an sich. Aber: ist nicht genau das der eigentliche Clou des Films ? Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass man nicht mit inhaltlichen Innovationen aufwarten kann, doch nicht nur das: man streicht gleich alle Ansätze, die Zombie-Filme sonst typischerweise ausmachen. So ist kein möglicher Ort in Sicht, an dem den Überlebenden Zuflucht gewährt werden könnte (obwohl dies in einem Satz erwähnt wird), man lässt die Charaktere gar nicht erst groß an Morgen denken – sondern lediglich bis zur Türschwelle des Hochhauses, wenn überhaupt. Auch ergibt sich dem Zuschauer kein wirklich intensives Porträt der involvierten Charaktere, sodass es einstweilen etwas schwerfällt, mit ihnen mitzufiebern.

Im Gegenzug wird aufgezeigt, wie sich eine ungewöhnlich zusammengesetzte Gruppe in einer derartigen Extremsituation verhalten könnte. Welche Gruppendynamiken entstehen, welche (moralischen) Grenzen werden überschritten, über welche(n) Schatten wird gesprungen ? Wenngleich einstweilen auch tiefere Cahrakterzüge ans Licht kommen – ja, tatsächlich – besteht das dargebotene Porträt hauptsächlich aus ultra-brutalen Kampf- und Slasherszenen, die sich eher der instinktiven Natur des Menschen bedienen, als dem rationalen Verstand. Ein Stilbruch und ein Kampfschrei gegen Hollywood, der erfrischend wirkt und zweifelsohne mit gemischten Gefühlen zu betrachten ist – doch der Unterhaltungswert hat darunter nicht zu leiden. Im Gegenteil – geneigten Genre-Freunden werden höchst absonderliche Kampfszenen geboten, die unter anderem aus handfesten Schlägereien (!) mit Untoten bestehen, die so noch nicht in filmischer Form zu sehen waren. Ist es sinnlos, einen Zombie zu verprügeln ? Gewiss, doch ist es wie gesagt nicht der Verstand der hier entscheidet. Statt einer charakterliche Tiefe bekommen die Protagonisten allesamt einen höchst animalischen Zug spendiert, was allemal besser ist als typisch klischeehafte Bemühungen; noch das ein oder andere persönliche Schicksal oder gar eine Romanze einzubauen.

Es ist wahr – auch als Zuschauer sollte man seinen Verstand ein stückweit hintenan stellen, und sich voll und ganz auf das etwas unglaubwürdige, aber doch unterhaltsam inszenierte Spektakel einlassen. Genrefans werden die besonders agilen und sich nicht so hirnlos wie sonst anstellenden Zombies schätzen, die dem Film ein zusätzliches Tempo verleihen – und selbstverständlich den Einsatz von allerlei Waffengerät. Sicher, es ist ein höchst unglaubwürdiger Zufall das gerade der Hausmeister des hiesigen Gebäudekomplexes ein fanatischer Waffennarr ist, beziehungsweise war – doch das, was die Charaktere in seinem persönlichen Arsenal vorfinden werden, lässt sich eben gut und stilsicher gegen die Untoten einsetzen. Stichwort stilsicher: das ist die Inszenierung allemal. DIE HORDE wirkt insgesamt deutlich düsterer und farbensspezifischer (Grüntöne) als andere Genrefilme, das teils heruntergekommene Hochhaus wurde bestmöglich in Szene gesetzt. Die wackeligen Kamerafahrten und die teils hektischen Schnitte sind in diesem Fall gerade noch erträglich – gut ist, das vieles aus ‚echter Handarbeit‘ besteht und weitestgehend auf Special Effects verzichtet wurde. Die Soundkulisse ist zumeist bombastisch, und vermag es, den wild-durchtriebenen Eindruck des Films noch zu unterstreichen.

Fazit: Mit DIE HORDE bekommt man alles andere als standardisierte und tausendmal durchgekaute Hollywood-Kost zu sehen. Stattdessen wirkt das ganze Projekt auf Krawall gebürstet, und das in jederlei Hinsicht – das ungewöhnliche, ein letztes Mal mit gängigen Klischees brechende Ende macht dies noch einmal eindringlich deutlich. Ist DIE HORDE ein sinnfreier Film ? Vielleicht. In jedem Fall ist er verdammt unterhaltsam, bietet einige Szenen- und Charakter-Highlights (der schlachtende Hochhaus-Bewohner) und sticht trotz altbekannter Voraussetzungen merklich aus dem Genre-Dickicht hervor. Er ist zweifelsohne deutlich besser als ein ebenfalls recht ‚exotischer‘, neuerer Genrevertreter a’la PHASE 7 (Review) oder der auf Hochglanz polierte ATTACK THE BLOCK (Review). Von abgrundtief schlechten französischen Horrorfilm-Pendanten wie FRONTIER(S) (Review) erst gar nicht zu sprechen. Viel eher könnte man die HORDE als Verfilmung von DEAD ISLAND (Review) sehen, in dem man als Spieler selbst ähnliche Schlachtfeste veranstalten konnte. Fragwürdig und moralisch bedenklich bleibt das Ganze, sicher – doch wer sich diesem Genre nähert (das exakt darauf aufbaut), sollte ohnehin nicht unbedingt zart besaitet sein. Eine absolute Empfehlung für Genrefans – trotz der vergleichsweise düsteren Kulisse sollte mit DIE HORDE ein unterhaltsamer Zombiefilm-Abend garantiert sein.

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