Filmkritik: „Türkisch Für Anfänger“ (2011)

Filmtitel: Türkisch für Anfänger
Regie: Bora Dagtekin
Mit: Josefine Preuß, Elyas M’Barek, Anna Stieblich u.a.
Laufzeit: 100 Minuten
Land: Deutschland
FSK: Ab 12
Genre: Komödie

Ein Türkisch-Kurs der etwas anderen Art.

Inhalt: Die 19-jährige Lena Schneider (Josefine Preuss) ist genervt: ihre Mutter Doris (Anna Stieblich) hegt und pflegt einen recht eigentümlichen Erziehungsstil, und scheint sich in ihrem Verhalten immer mehr ihrer eigenen Tochter anzupassen. Alles ist gut, solange man im Herzen jung ist – eine wohl verständliche Einstellung. Doch Doris beginnt, den Bogen langsam aber sicher zu überspannen. Zu allem Überfluss arrangiert sie dann auch noch eine gemeinsame Reise nach Südostasien, um so möglichst wertvolle Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen. Lena verzweifelt, willigt aber notgedrungen ein – was sie alsbald bereut, als sie im Flugzeug auf den machohaften Cem Öztürk (Elyas M’Barek) und dessen streng gläubige Schwester Yagmur (Pegah Ferydoni) trifft. Sofort beginnt ein Schlagabtausch der Kulturen – doch es bleibt nicht viel Zeit für weitere Streitereien, das Flugzeug muss aufgrund schwerer Turbulenzen notwassern. Bei der Flucht aus der Boeing finden sich jedoch ausgerechnet Lena, Cem, Yagmur und der stotternde Grieche Costa (Arnel Taci) in einem Rettungsboot wieder. Dieses wird zu allem Überfluss abgetrieben – sodass die Jugendlichen auf einer offensichtlich verlassenen Insel stranden und fortan ums nackte Überleben kämpfen müssen. 

Kritik: Eine handvoll junger Erwachsener, die auf einer Insel stranden und sich aufgrund verschiedener ethnischer Hintergründe in einem witzig aufgemachten ‚Clash‘ der Kulturen wiederfinden ? Das klingt nach ganz großem (komödiantischem) Kino, welches auch einen gewissen ersten Unterton nicht vermissen lassen würde; ist das Werk nur geschickt genug gemacht und entsprechend ausbalanciert. Nun, TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER ist zumindest der Versuch, genau diese Ziele zu erreichen, hoch anzurechnen – handelt es sich um einen Stoff, der gar nicht mal so leicht umzusetzen ist, möchte man nicht vorschnell in Klischees abdriften. Das letztendliche filmische Ergebnis überzeugt allerdings nur halbwegs. Regisseur Bora Dagtekin möchte eine Geschichte erzählen, die sich möglichst nah am Leben abspielt; und die für die angepeilte Zielgruppe damit in direkt greifbare Nähe rückt. Ganz im Sinne der eigentlichen, gleichnamigen TV-Serie eben, auf welcher die pompös aufgemachte Leinwand-Adaption basiert. Das Problem: nicht nur die vorgegebene Situation, sondern insbesondere auch die Figuren wirken auffällig konstruiert; und stellenweise gar nicht mal wie direkt aus dem Leben gegriffen. Ein immerhin mäßig bis gute Wortwitz wird dabei vornehmlich in sperrig vorgetragenen Dialogen serviert; alles eingepackt in einer Situation, in der die Charaktere – wieder einmal – über sich hinauswachsen und letztendlich auch alle kulturellen Differenzen beiseite schaffen können.

In dieser Hinsicht bietet TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER also gewiss nichts neues – ähnliche Geschichten wurden schon desöfteren für die große Leinwand produziert. Wohlgemerkt mit dem einzigen Unterschied, dass sie bisher nicht auf einer deutschen TV-Serie basierten. So gesehen macht Bora Dagtekin grundsätzlich einiges richtig – er hievt eine TV-Serie auf das nächste Level und trimmt sie auf leinwandtauglich, hält dabei gleichzeitig die Fans der Serie bei Laune; orientiert sich aber auch an jenen Zuschauern ohne ein jegliches Vorwissen. Die ganz großen Innovationen bleiben aber verständlicherweise aus – sodass die eigentlichen Fans der Serie doch eher adressiert werden als unvoreingenommene. Alles beginnt mit dem Porträt einer quirligen Mutter-Tochter-Beziehung, die mal mehr, mal weniger glaubwürdig inszeniert wird und als Dreh- und Angelpunkt für die weitere Geschichte dient – sollte man meinen. Doch nach einem recht ausführlichen, diesbezüglichen Auftakt ändert sich der Fokus schnell – und landet auf dem potentiellen Dilemma, welches aus dem Zusammenleben und Zusammenkommen verschiedener Völker entsteht, entstehen kann. Bereits hier wird alsbald klar, dass es sich Bora Dagtekin recht einfach macht – wählte er zwei vollkommen gegensätzliche Hauptprotagonisten, die ein jeder für sich den gängigen Klischees nicht auffälliger hätten entsprechen können. Wirklich menschlich wird es also selten – das Drama-Potential und damit das einer Tragik-Komödie geht hier vollends abhanden, TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER driftet nicht erst nach dem merkwürdig inszenierten ‚Notfall‘ an Bord des Flugzeuges in die Richtung einer seichten Komödie, die allein der Unterhaltung dient. Dass quasi nebenbei auch noch ernstere Themen angesprochen werden, kann einen interessieren – muss es aber nicht.

So sieht man sich schnell mit der Situation auf der vermeintlich einsamen Insel konfrontiert, die jedoch die Charaktere selbst mehr beeindruckt als den Zuschauer. Hier wird kein Überlebenskampf gezeigt – sondern eher die oberflächlichen Probleme einiger verwöhnter, hochnäsiger junger Menschen porträtiert; die sich über einen fehlenden Luxus beklagen. Auch wenn dies so gewiss nicht beabsichtigt war, findet sich hier doch das wahre Spiegelbild der Gesellschaft aus TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER: die Jugend verroht, wird separiert; und unter fragwürdigen Zielsetzungen erzogen. Die Integration spielt dabei eine Rolle – aber auch das Thema der eigentlichen, sicherlich diskutablen Integrationsbereitschaft der Betroffenen. Der Film klagt diese Missstände jedoch zu keinem Zeitpunkt an – und verwendet den unfreiwilligen Aufenthalt auf der Insel für eine Zur-Schau-Stellung eines Integrationsprozesses, der eher an das gute alte Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzip erinnert. Ganz im Sinne peinlicher TV-Pseudo-Dokumentationen wie DIE STRENGSTEN ELTERN DER WELT reichen hier einige Tage an einem fremden Ort an dem man gewisse Entbehrungen machen muss, um die Jugendlichem auf Dauer zu ‚heilen‘ und einander näherzubringen; ja sogar die Nächstenliebe zu lehren. Nebenbei, und indem sie ebenfalls einer für sie neuen Situation ausgesetzt sind, kommen sich auch die Eltern der Kinder näher – und, Überraschung: verlieben sich trotz aller Widrigkeiten ineinander. All das geschieht unter der Ägide eines seichten Kulturhumors, den man sich so oder ähnlich (oder besser) bei zahlreichen Comedians, Kabarettisten oder Liedermachern zu Gemüte führen kann. Braucht es dazu wirklich einen immerhin 100-minütigen Film ?

Fazit: TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER möchte zwar mehr sein als eine seicht unterhaltende Komödie – verdient sich diesen Status aufgrund zahlreicher Unstimmigkeiten, Halbherzigkeiten und einer gewissen Mutlosigkeit aber nicht. Viel zu geschliffen und konstruiert wirkt das Porträt der Bruchlandung, der Figuren, der multikulturellen Liebes-Anbandeleien. Da helfen auch ein paar abgebrühte Sprüche, oder eine fragwürdige (aber sicherlich den Geist der Zielgruppen-Generation treffende) Darbietung eines Rap-Titels nicht mehr viel. Wenngleich einige über die eigentlichen Inhalte des Filmes geteilter Meinung sein werden; und sie je nach Geschmack und Facón (darauf kommt es in diesem Fall wahrlich deutlicher an als sonst) auch im Hinblick auf eine Gesamtwertung variieren werden; so fallen doch zumindest die technischen Aspekte eindeutig aus. Eindeutig heisst in diesem Falle eindeutig mittelmäßig – denn es gibt ein gravierendes Problem hinsichtlich der Verwendung diverser Stilmittel und Grundaspekte. So erscheint im ersten Augenschein vieles glücklich gewählt, wie etwa die schöne tropische Kulisse oder der Jugendliche ansprechende Soundtrack – doch geht man nur einen Schritt weiter, stürzen diese Konstrukte bereits wieder in sich zusammen. Will heissen: die tropische Gegend ist zwar nett anzusehen und stimmig in Szene gesetzt; doch ein wirklicher Bezug zur Gegend (ein geografischer, ein kultureller, ein alltäglicher) wird nicht hergestellt. Ebenso verhält es sich mit dem Soundtrack: einzelne Titel sind zwar mitreißend und je nach Geschmack gut gewählt – doch setzen sie stets in den ungünstigsten Momenten ein, sind dazu viel zu laut eingespielt und wirken so noch aufdringlicher – das hätte man dezenter lösen müssen. Die Darsteller machen einen guten Job – auch wenn sie nicht gerade viele Sympathieüpunkte für ihre schrecklich künstlichen Charaktere einheimsen können. Alles in allem: für Fans der Serie interessant, alle anderen können getrost einen großen Bogen um TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER MACHEN.

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