Die Försterhochzeit

Foto: ‚Der Tag Geht‘ von Sumba, Quelle: http://www.piqs.de, some rights reserved.

I. EIN WEITERER NÄCHSTER Morgen. Eigentlich hatte Nikolas längst aufgehört die Tage zu zählen, doch heute wachte er ungewöhnlicherweise zum schrillen Alarmton des Radioweckers auf. Definitiv war es ein Tag zuviel. Doch hatte er das Unding oder den Schlafhalbierer, wie er ihn nannte, noch am Vorabend programmiert; wenn auch nach längeren zähneknirschenden Überlegungen. Und nicht zuletzt mit dem Wissen, dass es eben jene nervenaufreibende Tonfolge sein würde, die ihn aus dem Schlaf reissen würde. Denn Radiosender konnte er mit dem viel zu alten Gerät schon lange nicht mehr klar empfangen, geschweige denn mit den fummelig-kleinen Schiebereglern zu seiner Zufriedenheit einstellen. Für so etwas hatte er einfach keine Geduld.

II. EIGENTLICH GAB ES für ihn gar keinen besonderen Grund, frühzeitig aufzustehen – doch gleichzeitig glaubte er fest daran, dass auch ein unbedeutender Tag den ersten Schritt hin zu seinem persönlichen Glück markieren könnte. Wenn; ja wenn ihm das Schicksal nur ein einziges Mal wohl gesonnen sein sollte. Er dachte an das, was ihm seine Freunde immer wieder rieten – und versuchte, die sicher nur gut gemeinten Ratschläge zu beherzigen. Was hätte er dafür gegeben, würde ihm in diesem Moment tatsächlich jemand die Hand reichen, würde ihm Kraft und Trost spenden, würde ihn auf seinem Weg begleiten. Doch es war niemand da. Typisch und irgendwie passend, wie er fand; fühlte er sich und sein Weltbild ein weiteres Mal bestätigt. Doch an diesem Tag sollte es nicht an der Zeit sein, sich in eine Ecke zu verkriechen und zu lamentieren. Noch bevor er zu Bett ging, hatte er sich einige Karten der nahe gelegenen Waldstücke zurechtgelegt, die er nun fein säuberlich gefaltet auf seiner Kommode wiederfand. Ohne ordentlich gefrühstückt zu haben, griff er nach seinem Autoschlüssel und der gerade noch halb vollen Zigarettenschachtel vom Vortag, und stieß zur Tür hinaus. Er schwang sich in seinen Wagen, eine rostige alte Kiste, die zwar alles andere als rund lief oder im Innenraum sonderlich gemütlich war; sich aber immerhin noch vorwärts bewegte. Und, er hatte Nikolas Lieblingsfarbe: ein trotz einiger Rostspuren noch immer kräftig schimmerndes Dunkelblau. Am geplanten Ort angekommen stellte er seinen Wagen etwas abseits ab, und betrat den ersten auf der Karte verzeichneten Waldweg.

III. BISHER VERLIEF ALLES genau so, wie Nikolas es sich vorgestellt hatte. Nach einer guten Stunde des für ihn etwas anstrengenden Fußmarsches beschloss er, dass er die Karte nicht mehr brauchen würde und verstaute sie in seinem Rucksack. Bei dieser Gelegenheit griff er zu seiner Zigarettenschachtel vom Vortag, und begann das Werk des eher feuchten denn fröhlichen Vorabends zu vollenden. Normalerweise konnte er locker zwei oder drei Flaschen Rotwein vertilgen, waren sie nur angemessen über den späten Nachmittag und Abend verteilt – doch dieses Mal hatte er sich spürbar übernommen. Obwohl er sich vehement dagegen wehrte, gewann sein Magen die Überhand und beförderte abrupt jene, noch immer von einer roten Flüssigkeit durchzogene Brühe an das Tageslicht. Die Schmerzen waren schier unerträglich, sodass er sich fragte ob es nicht doch besser gewesen wäre zumindest eine Kleinigkeit zu Essen. Doch nachdem er den Boden mit dem penetrant riechenden Sud getränkt hatte, fühlte er sich zumindest innerlich rein gewaschen, und zog seines Weges. Bald darauf entdeckte er eine kleine, offenbar verlassene Hütte. Oder das, was noch von ihr übrig war: ein Dach aus brüchigen Streben, überall verstreute Steine die auffällig sauber geschliffen waren, und eine Eingangstür die man selbst mit Wohlwollen nicht mehr hätte schließen konnte. Doch sein Blick wich schnell auf ein anderes Objekt aus, genauer gesagt eine alte Eiche; die die Hütte und ihren potentiellen ehemaligen Besitzer geradezu zu bewachen schien. Er blickte auf den mächtigen Stamm, und fuhr mit seinen Augen langsam entlang der scheinbar nie enden wollenden, senkrechten Linie nach oben. Er beugte seinen Kopf soweit es nur irgendwie möglich war, und sah den thronenden Baumwipfel, der von der am Zenit stehenden, gleißenden Nachmittagssonne durchleuchtet wurde, einem Tanz gleich.

IV. DAS LICHT BLENDETE ihn, und verstärkte seine plötzlich auftretende Empfindung eines Gefühls der Unwirklichkeit. Er glaubte für einen kurzen Moment, zwei Sonnen wahrzunehmen; woraufhin er den Kopf senkte, leicht schüttelte und versuchte, wieder klarere Gedanken zu fassen. Nachdem er den von einem Menschen erbauten Nachbarn des Baumriesen genauer erkundet hatte und nicht vorfand, was er suchte, steckte er sich eine weitere Zigarette an und zog weiter. Zuvor drehte er sich noch einmal um, und dachte daran, was für ein wunderschönes Motiv diese sich ihm nun darbietende, natürliche Figurenkonstellation mit der riesigen Eiche, den tänzelnden Sonnenstrahlen und der verwitterten Hütte abgeben würde; sei es für ein Gemälde oder eine speziell belichtete Fotografie. Doch es störte ihn, dass er die Elemente nicht so anordnen konnte, wie er es wollte – obwohl es kaum einen Sinn ergeben hätte, wollte er sie verschieben. Er schaffte es verständlicherweise nur in Gedanken – und ärgerte sich über seine Machtlosigkeit. Er zog weiter, und fand endlich das, was er gesucht hatte – nicht viel mehr oder weniger als einen anderen, sich an diesem idyllischen Ort aufhaltenden Menschen. Irgendwie kam ihm das, was er tat in diesem Moment äußerst lächerlich vor. Was sollte es ihm bringen, träfe er an einem solch abgelegenen Ort auf einen Menschen; einen fremden Wanderer, Jogger, Fahrradfahrer oder Ausflügler ? Und vor allem: was würde er ihm oder ihr sagen ? Dass er sich ausgemalt hätte er müsse eine unbekannte Person, ob männlich oder weiblich; an einem möglichst verlassenen Ort treffen und sie unter irgendeinem Vorwand ansprechen, um endlich eine Wende in seinem Leben herbeizuführen ? Doch war die Gedankenwelt von Nikolas nicht immer jedem verständlich, weder seinen Eltern, noch seinen wenigen Freunden, die seine etwas eigentümliche Art so manches Mal als Behinderung abstempelten. Von seiner Frau gar nicht erst zu sprechen – die war schon seit längerem nicht mehr mit der unstrukturierten Lebensweise ihres Mannes und Partners zufrieden.

V. DOCH ER WAGTE es tatsächlich, und sprach den Mann, der trotz der Stille und Beschaulichkeit der sie umgebenden Natur etwas nervös zu sein schien, direkt an. Der Mann erschrak, ließ daraufhin einige Utensilien fallen und wich sofort einige Schritte zurück, in Richtung einer kleinen Lichtung. Auf der konnte Nikolas ein dunkelblaues Fahrzeug entdecken. Er wunderte sich noch und entgegnete dem Mann, der Nikolas nun nach seinem Namen fragte, dass er es wohl nicht allzu weit geschafft hätte auf seinem Ausflug weg vom Trubel des Stadtlebens, ja doch nicht auf sein Auto verzichten könnte. Was zum Teufel redete er hier ? Der Mann geriet nun sichtlich in Rage, und fragte Nikolas, was ihn seine Angelegenheiten eigentlich angingen. Noch bevor der verdutzte Nikolas etwas entgegnen konnte, bekam er einen Autoschlüssel in die Hand gedrückt, sowie den Hinweis; das Auto doch bitte wegzufahren. Er würde den Weg auch so bewältigen können, behauptete der Mann – und steckte Nikolas einen Zettel mit seiner Adresse zu. Der drehte sich wortlos um, und marschierte los, in Richtung des Autos, welches nun immer deutlichere Konturen annahm. Bald entdeckte er einen größeren, aber noch undefinierbaren Gegenstand auf der Rückbank; und holte den Zettel aus seiner Tasche hervor. Er konnte nicht so recht glauben, was er da las: der Mann wohnte im selben Mietshaus wie er. Bevor er sich weitere Gedanken machen konnte, spürte er plötzlich einen dumpfen Schlag auf seinem Hinterkopf. Er geriet ins Taumeln, behielt aber seinen Stand – und rannte in Panik los. Kurz bevor er das Auto erreichte, stolperte er und stürzte einen Abhang hinunter. Er versuchte zu schreien, doch seiner Kehle entkam kein Laut.

VI. PLÖTZLICH SCHRECKTE NIKOLAS auf, der Schmerz war wie weggeblasen. Er versuchte, sich den Schweiss von der Stirn zu wischen – doch es war keiner da. Er hatte geträumt; doch wie er nun feststellte, anders als sonst – und ungleich viel intensiver. Er blickte nach rechts, wo seine Frau regungslos auf der Seite des Bettes lag, und war weniger erschrocken als er vermutete. Es war einer von so vielen nächsten Morgen. Nachdem er aufgestanden war, glitt seine Hand wie sonst auch über den Autoschlüssel – doch dieses Mal griff er nicht zu. Seine Hand wanderte in Richtung des Telefonhörers; in den er eine Nummer eintippte – und daraufhin ein leises Seufzen, gepaart mit einigen kaum verständlichen Worten, in die Sprechmuschel hauchte. Endlich Frieden.

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