Filmkritik: „The Broken“ (2008)

Filmtitel: The Broken
Regie: Sean Ellis
Mit: Lena Headey, Ulrich Thomsen, Richard Jenkins u.a.
Laufzeit: 93 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 16
Genre: Horror

Wenn Spiegelbilder lebendig werden.

Inhalt: Der offenbar verwitwete Familienvater John McVey (Richard Jenkins) feiert zusammen mit seinen Kindern und deren Partnern seinen Geburtstag. Die Stimmung auf der Feier im Familienkreis könnte nicht besser sein, als plötzlich ein großer Wandspiegel herunterfällt und zerbricht. Ohne weiter über den recht merkwürdigen Zwischenfall nachzudenken, sieht Tochter Gina McVey (Lena Headey) am nächsten Tag plötzlich eine Person am Steuer ihres Wagens – eine Person, die wie sie selbst aussieht. Die völlig überraschte und verängstigte Gina folgt ihrem mysteriösen Doppelgänger bis in ein Appartement, doch was danach passiert, ist ungewiss. Gina erwacht in einem Krankenhaus – wo ihr gesagt wird, dass sie einen schweren Autounfall gehabt hätte. Mit der Hilfe des Psychologen Dr. Robert Zachman (Ulrich Thomsen) soll sie ihre Erinnerung rekonstruieren und das Unfalltrauma überwinden – doch der Weg hin zur Genesung erweist sich als schwieriger als gedacht. Es zeigt sich, dass auch ihr Freund wie ausgewechselt wirkt – und einfach nicht mehr er selbst zu sein scheint. Als sich dann auch noch ein seltsamer Zwischenfall in der Familie ihres Bruders ereignet, steht fest: irgendetwas läuft hier gehörig schief. Nur was – und welche Rolle  spielen dabei die zerbrochenen Spiegel ?

Kritik: THE BROKEN basiert auf der Kurzgeschichte William Wilson von Gruselautor Edgar Allan Poe, die in diesem Fall frei interpretiert und für eine filmreife Inszenierung angepasst wurde. In Filmkreisen war man sich lange darüber unschlüssig, ob man es jemals schaffen würde eine dem Originalstoff ‚gerechte‘ Umsetzung der altehrwürdigen Geschichten für die große Leinwand zu produzieren – doch nach einigen eher zu vernachlässigenden Versuchen scheint THE BROKEN dem Geist der Vorlage als erstes filmisches Werk auffällig nahe zu kommen. Die Gründe dafür sind vielfältig – doch in erster Linie liegt es an Regisseur Sean Ellis, der THE BROKEN weniger als typischen Horror-Slasher mit zahlreichen Schockmomenten und reichlich Kunstblut; sondern vielmehr wie ein Werk der alten Horror-Filmschule inszeniert. Im Detail definiert sich diese Herangehensweise durch eine höhere Wichtigkeit der Beteiligten Charaktere, weniger spektakuläre und brutale Todesfälle, und nicht zuletzt eine durch und durch gruselig-angespannte Stimmung – was gerade in heutigen Zeiten der Torture- und Gorefilme als wahrer Lichtblick und eine Rückbesinnung auf ehemals gültige Horrorfilm-Regularien gesehen werden kann. So zeichnet sich die Atmosphäre von THE BROKEN durch einen vermehrt subtilen, unterschwelligen Horror aus – der sich wenn überhaupt in psychischen oder emotionalen Auseinandersetzungen entlädt, und nicht in auf eklig getrimmten Gewaltszenen.

Der Faktor der menschlichen Psyche ist es auch, der in THE BROKEN einen immensen Stellenwert einnimmt – auch wenn man dies zu Anfang vielleicht nicht gleich vermuten würde. Im Stile von Poe oder auch Freud werden hier nicht unabwegige, aber stark kryptisch dargestellte Fragen aufgeworfen, die sich zumeist um die Definition des eigenen ‚Ichs‘ und potentiellen Schattenseiten desselben drehen. Ohne an dieser Stelle zuviel verraten zu wollen, wird so vor allem das Sinnbild des eigenen Spiegelbildes benutzt, um eine mögliche unterdrückte Seite, unterdrückte oder unbewusste persönliche Merkmale zu veranschaulichen. Die Spiegel haben also keine Bedeutung wie in anderen Genrefilmen a’la MIRRORS, wo tatsächlich allerlei Dämonen hinter der gläsernen Fassade lauern – sondern dienen als Möglichkeit zur Selbstreflexion; fungieren als Zugang zu seiner anderen Welt – die unser eigenen vielleicht gar nicht so fern ist, wie wir glauben würden. Wie die Augen das Fenster zur Seele sind, kann ein Spiegelbild das Abbild des Unbewussten, also folglich auch ein Abbild eines anderen Ichs sein – wenn es nach THE BROKEN geht, ein weitestgehend unkontrollierbares. So wird man feststellen, dass viele der im Film enthaltenen Gruselszenen sich an genau diesen Stilmitteln bedienen und mit ihnen hantieren – mal ein wenig experimentell, mal etwas expliziter. Recherchiert man bezüglich weiterer Hintergründe, beziehungsweise vertieft man sich in THE BROKEN, so wird auch das Element des Doppelgängers auftauchen – das im Endeffekt aber direkt mit den mysteriösen Spiegelwelten in Verbindung steht.

Allerdings muss man auch im Falle von einem ambitionierten, gruseligen Horrorthriller wie THE BROKEN Zugegeständnisse der eher negativen Art einplanen. So wirkt der Film einstweilen nicht recht entschlossen was seine Marschrichtung angeht – sowohl der Anfang, als auch das Ende (bei dem sich erstmals explizitere und brutale Tötungsszenen offenbaren) scheinen nicht recht zum grundsätzlichen subtil-stimmigen Mittelteil passen zu wollen. Und auch das Drehbuch beziehungsweise die Story weist einige Unzulänglichkeiten auf, die sich in einer ärgerlichen Disharmonie  der aufklärenden und kryptischen Elemente widerspiegeln. So kommt THE BROKEN mal zu einfach gestrickt, und mal zu verwirrend und orientierungslos daher – ein wirklicher Filmfluss ergibt sich nicht. Gerade die ‚Reise‘ des weiblichen Hauptcharakters (die eine ungewöhnliche Reise zur Selbstfindung darstellt) gerät recht schnell vorhersehbar; Szenen wie die in einer Straßenbahn (eine ältere Dame inspiziert Passagiere) versprechen weitaus mehr, als sie halten können. Hier wurde prompt und plötzlich eine sich potentiell ergebende Frage beantwortet, auf die man als Zuschauer zuvor noch eine andere gegeben hätte: es handelt sich nicht mehr länger um das Schicksal einer einzelnen Familie, sondern – ähnlich wie in eher abgeschmackten Horrorvarianten a’la THE INVASION – eine Art Invasion der Spiegelbilder.

Diese eher zufällige Auflösung führt den Zuschauer auch schnell zum größten Schwachpunkt von THE BROKEN, einem eigentlich viel versprechendem Werk. Die Verantwortlichen haben sich schlicht keine weiteren Gedanken darüber gemacht, was genau hinter den Spiegeln (oder in / mit den Charakteren) geschieht, und welche Folgen dies nach sich ziehen könnte. Eine einzige Szenen zeigt, wie sich langsam ein Etwas von der Innenseite des Spiegels nähert, um ihn dann zerbersten zu lassen – doch das war es dann auch schon gewesen. In Bezug auf alle anderen Fragen waren die Macher offenbar genauso wie nun der Zuschauer gehalten, reichlich zu spekulieren und frei zu interpretieren. Man bediente sich eines ‚großen‘ Vorbildes (der Kurzgeschichte Edgar Allan Poes), fixierte sich auf die erst reichlich erfrischend daherkommenden, Horrorfilm-tauglichen Elemente – doch das ist nur der halbe Weg hin zu einem wirklichen guten Film. Denn wenn es bei diesen Zutaten bleibt, kann es passieren dass sich das Gesehene letztendlich als kleine Mogelpackung entpuppt. In der Tat – auch THE BROKEN wirkt wie ein Film, der sich an nur schwerlich greifbaren Inhalten labt, und diese niemals hinterfragt oder auch nur ansatzweise analysiert. Das ist in etwa so, als drehe man einen Horrorfilm über die potentiellen Schrecken des Unterbewusstseins – frei nach der Aussage eines einzelnen Betroffenen. Was dabei genau passiert, warum dies geschieht oder welche Folgen dies auch für andere haben könnte – bleibt dabei freilich aussen vor. Doch THE BROKEN verspricht im Grunde gegenteiliges: in Anbetracht der spannenden und alles andere als surrealen Inszenierung konnte man als Zuschauer durchaus eine wohl durchdachte Geschichte erwarten, die zumindest einige vereinzelte Schlüsse und / oder Offenbarungen zulässt. THE BROKEN bestellt den Zuschauer – reicht ihm aber keine helfende Hand, geschweige denn dass er es schafft, ihn von seinem derzeitigen Standpunkt abzuholen.

Fazit: THE BROKEN ist ein handwerklich mehr als solide gemachter, durch seine Bilder und spannende Inszenierung fesselnder Film; der es schlussendlich aber leider doch verpasst, mehr zu bieten als schiere stilistische Willkür und zutiefst spekulative Inhalte. Viele Elemente aus der Psychologie werden nur halbherzig angeschnitten, allgemeine Hollywood-Anleihen grteifen in den falschen Momenten. So verzichten die Macher nicht auf einige genretypische Szenen und Stilmittel, und blasen die Szenerie durch innovativ wirkende Elemente lediglich künstlich auf. Der größte Knackpunkt bleibt die inhaltliche Relevanz und Hintergründigkeit von THE BROKEN – offenbar gingen den Machern hier die Ideen aus, sodass sie sich zumeist hinter der Fassade der Spannung und den kryptisch dargestellten psychologischen Komponenten verstecken. Frei nach dem Motto: es wird schon keinem auffallen, dass THE BROKEN so gut wie keine Substanz besitzt – schließlich ist das, was wir hier machen Kunst. Eine Kunst, die wir einstweilen nicht einmal selbst verstehen… Das mag im Sinne eines Indie-Films vielleicht funktionieren, doch nicht im Falle eines derart vielversprechenden Blockbusters. Technisch und in Bezug auf die Darsteller Top – inhaltlich eher eine (gut verschleierte) Enttäuschung.

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