Filmkritik: „Das Mädchen Mit Dem Zauberhaar“ (2009)

Originaltitel: Maimai Shinko To Sennen No Mahō
Regie: Sunao Katabuchi
Drehbuch: Sunao Katabuchi
Laufzeit: 91 Minuten
Land: Japan
FSK: Ab 06
Genre: Animationsfilm (Abenteuer / Fantasy / Komödie)

 Bereit, in (gar nicht mal so) fremde Welten abzutauchen ?

Inhalt: Die 9-jährige Shinko lebt im Jahre 1955 in einem kleinen japanischen Dorf namens Hōfu. Sie ist ein lebendiges Mädchen, aber auch eine kleine Träumerin – und lauscht deshalb besonders begierig den Geschichten ihres Großvaters Kotarō. Der hat stets viel zu erzählen, und ermöglicht es Shinko, sich mithilfe des erfahrenen in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Vor 1000 Jahren, so heisst es, war dieser Ort noch die Hauptstadt der Provinz Suō in der Heian-Zeit – in der jedes Haus seinen angestammten Platz hatte, was den rechtwinklig verlaufenden Bach hervorbrachte, der noch immer durch das idyllische Dof fliesst. Auch ihr seltsam gewachsenes Haar, dass sie als Zauberhaar bezeichnet, hilft ihr dabei sich in die damalige Prinzessin Nagiko Kiyohara hineinzuversetzen. Sie war die Tochter eines viel beschäftigten Gouverneurs und wünschte sich nichts sehnlicher als eine gute Freundin und Spielkameradin – wie Shinko insgeheim auch. Alsbald trifft sie in ihrer Schule auf eine neue Mitschülerin namens Kiiko Shimazu, die gerade erst aus Tokio hierher gezogen ist. Shinko hält nicht viel von dem Verhalten der anderen, die die ’neue‘ als Außenseiterin abstempeln – und freundet sich schnell mit ihr an. Gemeinsam erkunden die beiden den Ort in dem sie leben, scharen weitere Freunde um sich und erleben so manches spannendes Abenteuer.

Kritik: DAS MÄDCHEN MIT DEM ZAUBERHAAR ist eine Verfilmung der Autobiografie der japanischen Schriftstellerin Nobuko Takagi, welche von Drehbuchautor und Regisseur Sunao Katabuchi für die große Leinwand umgesetzt wurde. Angelegt als lebensbejahender Animationsfilm für die ganze Familie befasst er sich mit der Geschichte der quirligen, 9-jährigen Shinko mit dem Zauberhaar und deren Aufwachsen in einem kleinen japanischen Dorf in den 50ern. Moment – ein Porträt eines kleinen idyllischen Dörfchens, eines kleinen fantasievollen Mädchens und die Darstellung einer Freundschaft ? All diese Elemente klingen stark nach einem typisch-zeitlosen Ghibili-Werk (NAUSICAÄ, PRINZESSIN MONONOKE, CHIHIROS REISE) – und tatsächlich fühlt sich DAS MÄDCHEN MIT DEM ZAUBERHAAR auch wie ein eben solches an. Während man im Hause Ghibli erst kürzlich und mit PONYO eine kindgerechte, aber doch altersübergreifend-fantastische Geschichte inszenierte; zeigt nun das japanische Animationsstudio Madhouse – hierzulande eher bekannt durch zahlreiche Anime-Serien als abendfüllende Filme – dass es sich keinesfalls hinter den ganz großen Geschichtenerzählern wie Hayao Miyazaki verstecken muss. Konkurrenz hin oder her: aus DAS MÄDCHEN MIT DEM ZAUBERHAAR ist eine enorm zeitlose, melancholische und bewegende Geschichte geworden, die ihr Dasein keinesfalls als Kopie anderer Werke fristet – sondern als vollkommen eigenständiges Werk mit einer faszinierenden Wirkungskraft.

So müssen erst gar nicht viele Minuten vergehen, bis der Zuschauer in den Bann dieses Werkes gezogen wird. Dies geschieht, wie bei guten Animes aus Fernost üblich, über mehrere Ebenen: der optischen, der akustischen (Soundtrack) und der inhaltlich-atmosphärischen. Die enorm idyllischen Bilder eines kleinen, verträumten Dörfchens bilden also bei Weitem nicht das einzige Element, das von Anfang an positiv hervorsticht. Die ungewöhnliche, einstweilen leicht kokette Filmmusik und eine schier magische Atmosphäre, ausgehend von allerlei subtilen Zwischentönen; machen schnell Lust auf mehr – und sind in der Lage sowohl Kinder als auch ältere Zuschauer zu fesseln. Schnell ist man beim Porträt der Hauptfigur Shinko angelangt – einem lebendigen jungen Mädchen, welches inmitten der ländlichen Idylle aufwächst und sich dabei so manches Mal ihrer ausschweifenden Fantasie hingibt. Wunderbar gelungen ist hier der stilistische Ansatz des Monologes aus der kindlichen Perspektive, sodass auch jüngere Zuschauer dem Geschehen stets folgen, und die ansprechend verpackten Hintergrundinformationen problemlos aufnehmen können. In der Tat ist selbige Shinko mit einem ungewöhnlichen Haarwirbel ausgestattet, der in Bezug auf die Namensgebung des Filmes eine entscheidende Rolle spielte – doch wer glaubt, dass sich DAS MÄDCHEN MIT DEM ZAUBERHAAR als mystische Zeitreisengeschichte oder als Porträt einer kräftig zaubernden Heldin entpuppt, irrt sich. Glücklicherweise – denn das Zauberhaar stellt sich vielmehr als sinnbildliche Analogie, als Querverweis auf die kindliche Vorstellungskraft heraus.

Man bezieht sich auf eine 1000 Jahre zurückgehende Geschichte, in der eine kleine Prinzessin ein recht einsames Dasein fristete und sich eine Freundin wünschte – das Zauberhaar von Shinko erlaubt es ihr, sich die Welt der Prinzessin detailgetreu vorzustellen und entsprechend mit dem einsamen Mädchen mitzufühlen. In dem Moment, in der sich die Prinzessin eine gute Freundin sehnlichst wünscht, betritt plötzlich eine neue Klassenkameradin von Shinko die Bildfläche – Kiiko Shimazu. Das Porträt dieser sich langsam anbahnenden, durch und durch ehrlichen Freundschaft wird somit auf zwei Ebenen erzählt: Shinko und Kiiko erleben ihre Freundschaft jetzt, und übertragen diese mithilfe ihrer Vorstellungskraft auch auf eine längst vergangene Zeit. Alles fließt, steht miteinander in Verbindung – die Fantasie wird zur Realität (wie die Papierschnippsel, die sich zu einem Goldfisch wandeln), die Realität zur Fantasie. Solch anspruchsvolle Herangehensweise findet man in Kinderfilmen selten – allerdings weitaus häufiger, wenn sie aus Japan kommen. Was man dem westlichen Zuschauer noch immer nicht zutraut, ist dort längst Teil der hiesigen Kultur: verschiedene Generationen sollen einander nähergebracht werden, die Tradition und die Vermittlung wichtiger Werte soll in Zeiten der Modernisierung nicht verblassen. So bietet DAS MÄDCHEN MIT DEM ZAUBERHAAR weitaus mehr als kindgerechte oder gar infantile Inhalte – ähnlich wie bei PONYO vermischt sich eine Vielzahl von Einflüssen und Anleihen zu einem großen, die ganze Familie unterhaltenden Ganzen.

Schließlich dient die Geschichte von Shinko und Kiiko sowie des Zauberhaares lediglich als (äußerst standfestes) Grundgerüst der Geschichte – im weiteren Verlauf gesellen sich noch viele weitere Elemente und besondere Momente hinzu. Das Porträt der Freundschaft wird um viele Alltagsszenen, erlebte Abenteuer, aber auch zu bewältigenden Gefahrensituationen und zu verarbeitenden Schicksalsschlägen erweitert. Immer wieder finden sich filmische Höhepunkte, etwa wenn Shinko und Kiiko eine immer größere Gruppe von Kindern um sich sammeln und gemeinsam einen Damm bauen, und sich darin den kleinen Goldfisch halten. Markant: bereits das Porträt dieser Szenen an sich bietet einen wahrhaftigen Fundus von mal versteckten, mal offensichtlichen Botschaften – doch dienen sie immer wieder als Brücken für noch kommendes. So verstirbt der Goldfisch, die Stimmung der Kinder schlägt um – und sie finden sich in einer Zerreißprobe wieder, die ihre Bereitschaft füreinander einzustehen auf die Probe stellt. Quasi nebenbei werden typische Coming-Of-Age Anleihen eingestreut, die den nicht immer ganz glatten Weg ins Erwachsenendasein behandeln; und so auch den Tod eines nahen Familienangehörigen eines der Protagonisten aufgreifen. Es ist in der Tat erstaunlich, sich als (älterer) Zuschauer auf Entdeckungsreise zu begeben, und die vielen Botschaften aus DAS MÄDCHEN MIT EM ZAUBERHAAR auf sich wirken zu lassen, aufzugreifen und gedanklich herauszuarbeiten. Das alles wäre jedoch nur halb so schön, würde die jüngere Generation dabei nicht gleichzeitig noch tadellos unterhalten werden – es ist für jeden etwas dabei.

Die technischen Aspekte machen einen super-soliden Eindruck. Die Qualität der Zeichnungen und Animationen ist enorm, die Szenengestaltung fällt insgesamt recht bunt und fantasievoll aus – ohne dabei zu sehr ins fantastische oder skurrile abzudriften. Das Charakterdesign ist ansprechend und abwechslungsreich, die Hintergrundbilder sind malerisch – und gerade der Soundtrack stellt sich als kleines Meisterstück heraus. Stets findet man die passenden Töne – sei es in Szenen in denen die Kinder Kinder sind, sein dürfen; in den abenteuerlichen oder dramatischen Abschnitten, in den fantasievollen Ausflügen in die Vergangenheit – hier wurde eine Glanzleistung abgeliefert, die selbst die Emotionalität und Wirkungskraft von den gängigen Ghibli-Soundtracks zu übertreffen vermag.

Fazit: So sollte ein Kinderfilm beziehungsweise Familien-tauglicher Animationsfilm aussehen – und nicht anders. DAS MÄDCHEN MIT DEM ZAUBERHAAR schweißt Generationen zusammen, und bietet in seinem kleinen Filmkosmos derart viele Sub-Ebenen, dass jeder Zuschauer etwas geboten bekommt. Es kommt eben ganz auf die Sichtweise und den Standpunkt des Zuschauers an. Wenn sich das Porträt einer kindlichen Freundschaft nicht nur in einem filmischen Makrokosmos aufhält, sondern nach und nach immer umfassendere, man möchte fast sagen weltbewegende Ausmaße annimmt, dann ist das ganz große Filmkunst. Eine Kunst, die man so bisher nur in Japan bewundern darf – glücklicherweise und mit den richtigen Lizenzinhabern aber auch immer wieder in Deutschland und anderswo. Dass das Studio Madhouse einen Film abliefert, der derart positiv überrascht und wahrlich jedem (besonders Familien mit Kindern) empfohlen werden kann ist das eine – dass DAS MÄDCHEM MIT DEM ZAUBERHAAR dann auch noch locker mit früheren Ghibli-Produktionen mithalten kann, das andere. Man darf sich verneigen ob dieses poetischen, zeitlosen filmischen Kunstwerkes für die gesamte Familie – wir hier im Westen haben noch viel zu lernen.

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