Filmkritik: „Der Junge Im Gestreiften Pyjama“ (2008)

Originaltitel: The Boy In The Striped Pyjamas
Regie: Mark Herman
Mit:Asa Butterfield, Vera Farmiga, David Thewlis u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Unschuld | Kindheit | Zweiter Weltkrieg | Juden | Nazis

Im Strudel der Ungerechtigkeit sterben auch die Gerechten.

Inhalt: Während des zweiten Weltkrieges wird ein angesehener Offizier der Waffen-SS (David Thewlis) in eine ländliche Gegend versetzt. Er kann nicht anders als zu akzeptieren – und zieht daraufhin mit seiner Frau (Vera Vermiga) und seinen beiden Kindern in das neue, vermeintlich idyllische Häuschen. Die nahe gelegenen Wälder vermögen es jedoch nicht, das überraschend nah gelegene Konzentrationslager der Nazis zu verbergen – wo der Familienvater schon bald eingesetzt werden soll. Er kann es dabei kaum vermeiden, dass seine Kinder mehr erfahren als sie eigentlich sollten – doch die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Während seine Tochter Gretel (Amber Beattie) geradezu begeistert beginnt sich in NS-Lektüren einzulesen, wird sein jüngerer Sohn Bruno (Asa Butterfield) immer neugieriger und ist begierig herauszufinden, was es wirklich mit dem Lager auf sich hat. Er beginnt, die nähere Umgebung spielerisch zu erkunden und stößt dabei bald auf eine Grenze: einen hohen Zaun, der den Innenhof des Lagers von der Außenwelt trennt. Durch einen Zufall jedoch kommt er mit einem anderen, gefangen genommenen Jungen (Jack Scanlon) von der anderen Seite des Zaunes in Kontakt. Ohne zu wissen worauf er sich einlässt, beginnt Bruno ein gefährliches Spiel zu spielen – wobei er von einer kindlichen Neugier und seinem Wunsch neue Freunde zu finden angetrieben wird.

Kritik: Mark Herman’s DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA erzählt die tragischen Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg explizit aus der Sicht des jungen Hauptcharakters Bruno. Auch wenn ein Kriegsdrama wie dieses damit zu einem vergleichsweise kleinen Subgenre der Weltkriegsfilme gehört, betritt der 2008’er Film jedoch keinesfalls filmisches Neuland. Betrachtet man die Reihe an bisherigen, Themen-bezogenen Veröffentlichungen; so entdeckt man doch das ein oder andere Kunstwerk – und landet früher oder später bei herausragenden Genrevertretern wie DAS LEBEN IST SCHÖN. Schließlich bietet es sich gerade bei Kriegsfilmen immer wieder an, die schreckliche Welt der Erwachsenen mit der unschuldigen der Kinder aufeinander prallen zu lassen. Kinder führen keine Kriege – es sind ihre Eltern, die das Leben ihrer Nachkommen damit maßgeblich beeinflussen und ihnen oftmals alles andere als eine rosige Zukunftsperspektive ebnen. In eben jene Kerbe schlägt auch DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA, der wie nur wenige mit den Begriffen der Unschuld und Verantwortung spielt – und den wahnwitzigen Irrsinn des Krieges schnell entlarvt. Oder auch nicht: schließlich ist der Film mit einem Hollywood-typischen Spannungsbogen unterlegt, der sich bis zum großen Finale immer weiter anspannt um sich in einer bewegenden Final-Szene endgültig zu entladen, dass bereits vermutete explizit darzustellen.

Doch soll der JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA weniger die Diskussion um die allgemeine Schuldfrage der Deutschen Bevölkerung aufwerfen und verarbeiten. Obwohl sich dies zweifelsohne angeboten hätte, zeigt der Film relativ bald auf welche Richtung er stattdessen einschlagen würde: eine stark personenbezogene, die eher ein Einzelschicksal als das einer gesamten Generation aufzeigt. Zumindest augenscheinlich – denn durch den hohen Symbolgehalt und die sich bedrohlich andeutenden Hintergründe wird schnell klar, dass es sich letztendlich doch um ein repräsentatives, den Krieg als Wahnsinn entlarvendes Familienschicksal handelt. Indes sollte man sich die Frage stellen ob es wirklich nötig ist, einen Kriegsfilm wie diesen mit vergleichsweise expliziten Hollywood-Anleihen zu adeln – da er so zu einem Blockbuster verkommt, der eigentlich gar keiner ist und auch nicht sein sollte. Unabhängig von der erzählten Geschichte fällt so vor allem die musikalische Komponente ins Gewicht, die mit Komponist James Horner eine typisch-amerikanische Instrumentation erhält und so nicht selten aufdringlich-kitschig erscheint. Auch die Szenengestaltung, die Kamera-Arbeit und die Schnitte wissen das weitestgehend seelenlos inszenierte Szenario eher künstlich aufzublasen – was bei einem inhaltlich schwergewichtigen Kriegsfilm einfach nicht passieren darf. Andere Werke vermögen es schlicht weitaus geschickter, eine bedrohliche bis beinahe unwirkliche Atmosphäre entstehen zu lassen – passend zur Prämisse.

Andererseits ist gerade diese Herangehensweise ein Indiz auf die kindliche Unbefangenheit Bruno’s. So ließe sich jene an den Tag gelegte Verspieltheit und vielleicht auch Oberflächlichkeit des Films insofern entschuldigen, als dass sich der Film auf eine kindliche (und damit eher eingeschränkte) Sichtweise der Ereignisse bezieht. Ob dies nun eine gewollte Maßnahme oder vielmehr ein regelrechtes Zufallsprodukt einer typisch amerikanischen Art der Inszenierung ist, sei einmal dahingestellt – es führt in jedem Falle dazu, dass der große Final-Moment des Films eine Wirkung von einer ungeheuren emotionalen Kraft erzielen kann. Tatsächlich ist DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA dabei eher als Film für jüngere Zuschauer zu empfehlen, die ähnlich wie auch Haupt-Protagonist Bruno an die Nazi-Thematik herangeführt werden sollen – mit einer Erkenntnis, die gleichermaßen schockierend wie wertvoll ist. Man erfährt gerade genug, um auf die zahlreichen Gräueltaten der Nazis schließen zu können – und letztendlich auch auf die völlige Bedeutungslosigkeit von Herkunft, Nation, Alter, Geschlecht oder persönlicher Haltung in einem Krieg. Jeder kann, jeder wird zum Opfer werden – mit Wunden seelischer und physischer Natur.

Fazit: DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA erfüllt seinen Zweck als filmisch zwar typisches, aber reell doch nicht zu vernachlässigendes Mahnmal eines der größten menschlichen Verbrechen aller Zeiten. Eine Hollywood-typische Inszenierung die zu einem überdurchschnittlichen Unterhaltungswert führt macht ihn bei gleichzeitig hoch gehaltenen und zeitlos-wichtigen Aussagen gerade für ein jüngeres Publikum interessant. Besonders bemerkenswert ist das Schauspiel des jungen Asa Butterfield, der hier nicht nur in Anbetracht seines Alters eine wahre Glanzleistung abliefert. Auch die Kulissen und Kostüme sind durchaus vorzeigbar. Jedoch bleibt schlussendlich festzustellen, dass es sich hierbei um ein schlicht weniger anspruchsvolles, weniger geschickt gemachtes und einem sicherlich von anderswo bekannt vorkommendes Werk handelt. Die Innovation bleibt auf der Strecke; ebenso wie Anzeichen einer ausgefeilten Filmkunst – ein wie auch immer gearteter Kult-Faktor offenbart sich nicht.

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„Besonders geeignet, um auch ein jüngeres Publikum für die schwierige Thematik zu sensibilisieren.“

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Der Junge Im Gestreiften Pyjama“ (2008)

  1. Spielen deine Worte im Fazit auf „Schindler’s Liste“ oder so an? ^^ Den finde ich persönlich sehr sehr überbewertet. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ empfinde ich von der Atmosphäre etwas „steril“, die Jungdarsteller finde ich toll, vor allem Asia Butterfield und ich traue mich den Film schon gar nicht mehr anzusehen wegen diesem Ende. 😦 Auch wenn es teilweise konstruiert wirkt…eine 7,5/10 von mir.

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