Filmkritik: „Six String Samurai“ (1998)

Filmtitel: Six String Samurai
Regie: Lance Mungia
Mit: Jeffrey Falcon, Justin McGuire u.a.
Laufzeit: 91 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 12
Genre: Action / Science Fiction

Manchmal müssen alte Legenden durch neue ersetzt werden.

Inhalt: In einem postapokalyptischen Amerika, welches im Jahre 1957 durch russische Atombomben beinahe vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurde, regiert der King des Rock n‘ Roll die jetzige Hauptstadt Lost Vegas. Der King ist niemand geringeres als Elvis selbst – der noch immer von einigen übrig gebliebenen Soldaten der roten Armee belagert wird. Die Stadt scheint sicher – doch eines Tages stirbt der King, und gibt damit einen Anlass für das Ödland, einen neuen Anführer zu erwählen. Auch Buddy (Jeffrey Falcon), ein Mann welcher stets ein Katana und eine Gitarre mit sich führt, scheint sich für diesen Posten zu interessieren – und macht sich auf den langen Weg nach Lost Vegas. Unterwegs trifft er dabei auf einen kleinen Jungen (Justin McGuire), dessen Eltern gerade ermordet wurden – er rettet ihn, und sieht damit eigentlich schon seine Pflicht getan. Doch der Junge, der nicht reden will oder reden kann, folgt Buddy – und so werden die beide zu einem ungewöhnlichen Duo, welches auf dem Weg nach Lost Vegas einige Gefahren meistern muss. Nicht nur, dass ihnen Horden von Wilden, gewalttätige Bowlingspieler und eine kannibalische Vorstadtfamilie ans Leder wollen – auch der Tod höchstselbst ist mit von der Partie. Der will noch vor Buddy Lost Vegas erreichen, um die Herrschaft des Metals anstatt des Rocks einzuläuten – ein spannendes Kopf-an-Kopf Rennen beginnt.

Kritik: Was, ja was bitte ist denn das ? Im Falle von SIX STRING SAMURAI handelt es sich zweifelsohne um einen Film mit einer wunderlichen Story-Beschreibung, die sich wie eine Verunglimpfung einer eben solchen liest. Und auch ein genaueres Hinsehen verheisst alles andere als gutes: der Low-Budget-Film aus dem Jahre 1998 kostete immerhin 2 Millionen Dollar, spielte aber nur schlappe 125.000 wieder ein. Ein Film wie dieser, welcher einen bei Gelegenheit im Niedrigpreis-Segment eines Kaufhauses begegnen könnte, kann doch einfach nur miserabel sein – oder ? In der Tat sollte man dies meinen – doch umso größer ist die Überraschung, die man mit dem Genuss dieses nicht ganz eindeutig zuzuordnendem Werk erlebt. SIX STRING SAMURAI wird als Mischung aus Science Fiction und Action angepriesen – doch es kommt ganz anders als man denkt. Das Setting eines postapokalyptischen Amerikas, das die Russen mit Atombomben zugepflastert haben; sowie der ominöse Zufluchtsort Lost Vegas und die Figur des Tods könnten tatsächlich als Sci-Fi Anleihen bezeichnet werden – doch letztendlich könnte man auch gleich noch weiter ausholen und das Ganze sinnbildlich in einer Art Paralleluniversum stattfinden lassen. Denn: was SIX STRING SAMURAI zeigt, gleicht weniger einem authentischen Porträt einer hoffnungslosen Welt – sondern vielmehr einer kruden Zusammenstellung zutiefst grotesker Szenen und Charaktere.

Allerdings macht der Film dabei recht schnell klar, dass er zumeist nicht allzu ernst genommen werden will. Das merkwürdige Gebaren des Hauptcharakters Buddy, der sich nur widerwillig eines hilflosen Jungen annimmt; das Streben unbedingt die Metropole Lost Vegas zu erreichen um der neue King des Rock n‘ Roll zu werden – viele der enthaltenen Inhalte und Elemente sind nur allzu offensichtlich mit einem gewissen Augenzwinkern zu betrachten. Oder aber aus der Sicht des regelmäßigen Filmzuschauers – so werden sich viele Querverweise auf andere Werke finden lassen, wobei die Parallelen zu früheren Werken wie MAD MAX am deutlichsten erscheinen. Doch SIX STRING SAMURAI ist beileibe keine Kopie gewisser Vorbilder oder Verunglimpfungs-Opfer – sondern ohne Zweifel ein komplett eigenständiges Stück Film. Ein absolut verrücktes noch dazu – dessen sollte man sich auf jeden Fall gewahr sein, wagt man sich an ihn heran. Der Film lebt von hoffnungslosen Überzeichnungen und Vereinfachungen: die Charaktere bleiben recht undurchschaubar und werden einseitig porträtiert, sie scheinen wie die vielen Widersacher direkt einem (oberflächlichen) Action-Comicbuch entsprungen. Da bedarf es eben auch nicht vieler Erklärungen: sei es nun die menschenfressende Familie, die stets schick angezogene Rockband, das makabere Bowling-Trio, der personifizierte Tod und seine Bogen-schießenden Begleiter, die unterirdische Kampfarena oder der offensichtlich verdächtig geringe Bedarf an Trinkwasser (in einer Wüste !) – alles hat seinen angestammten, wenn auch recht zusammenhanglos erscheinen Platz.

Die Wirkung die von SIX STRING SAMURAI ausgeht, ist jedoch nicht in einzelnen Szenen, Charakteren oder gar der eigentlich gar nicht vorhandenen Story zu entdecken – sondern einzig und allein in seiner ungewöhnlichen Gesamtwirkung. Diese fällt, wie sollte es anders sein: zutiefst unglaubwürdig, billig, trashig und beinahe willkürlich aus. Doch gerade daraus schöpft der Film einen Großteil seiner Reize: man wird über weitere Strecken schlicht überdurchschnittlich gut unterhalten, bekommt allerlei groteske Lacher serviert – und ein Porträt einer Ödland-Welt, wie man es so noch nie gesehen hat. Dabei ist zu bemerken, dass SIX STRING SAMURAI absichtlich in diese schwer zu definierende Richtung steuert – von einem unfreiwilligen Trash-Charme ist also keinesfalls die Rede. Nein, der Film ist ein Trashfilm durch-und-durch – und spielt mit der bunten Zusammenwürfelung von pittoresken Landschaftsaufnahmen, durchgedrehten Charakteren und vermeintlichen Sinnlos-Szenen. Im Endeffekt könnte man aber tatsächlich weitaus mehr im Film entdecken, als man zuerst vermuten würde – womit Regisseur Lance Mungia das unglaubliche gelingt. Er macht aus einem Film, der auf den ersten Blick zu keinem Zeitpunkt ernstzunehmenden ist, ein überraschend stimmiges B-Movie mit dem Hang zum besonderen. So offenbart vor allem das Ende mehr, als die vorherige Szenenzusammenstellung als plumpes Konstrukt ohne Daseinsberechtigung zu entlarven – es gibt Aufschlussreiche Hinweise auf die  Bedeutung des Charakters des Jungen, der Buddy begleitet hat. Der Rock ist somit gewiss nicht tot – er lebt in Form des kleinen Begleiters als Repräsentant einer neuen Generation weiter. Die alternative Variante wäre gewesen, dass der Metal, personifiziert durch den Tod selbst, obsiegt – wohlgemerkt, man darf diese Elemente und Begrifflichkeiten nicht nur auf der ersten Ebene betrachten. Es geht in SIX STRING SAMURAI schließlich um weitaus mehr als um eine Auseinandersetzung der verschiedenen Musikrichtungen – doch das sollte offensichtlich sein.

So hat SIX STRING SAMURAI durchaus eine gewisse Kontinuität in Bezug auf die nur vermeintlich sinnfreien Inhalte zu bieten. Die ungewöhnliche Aufmachung und die Umkehrung sämtlicher allgemein gültiger Stilmittel dienen also nur als Träger der eigentlichen Informationen und Inhalte. Gewiss, diese Herangehensweise ist diskutabel – und führt mitunter dazu, dass sich viele Zuschauer entgeistert abwenden und den Film als Schund bezeichnen werden. Doch gibt es selbst für derlei Zweifler mindestens drei vergleichsweise handfeste Aspekte, die auf die unterschwellige Qualität (als frei zu interpretierenden Begriff) des Films schließen lassen. Zum einen ist dies die verdammt gute Filmmusik, die aus treibend-rockigen Klängen besteht und eigens von den The Red Elvises und Brian Tyler für den Film komponiert wurde. Allein diese Musik, ob man sie nun im Zusammenhang mit den gezeigten Szenen betrachtet oder nicht, schafft eine bemerkenswert skurrile Atmosphäre. Das zweite, deutlich handfestere Element findet sich in Bezug auf die ungewöhnliche Beziehung des Katana-schwingenden Hauptcharakters und dessen Begleiter wieder. Dieses Porträt fällt, von einigen eher nervigen Elementen einmal abgesehen, ebenfalls tiefer aus als gedacht; bietet stellenweise gar einige Drama-taugliche Komponente (Brechen des Schweigens, Annäherung in der Wüste, Anvertrauen der Gitarre als Sinnbild et cetera). Der dritte Aspekt ist schlicht der Mut und das Wagnis, ein solches Werk auf die Beine zu stellen – ein gänzlich anderes, definitiv nicht massentaugliches und absolut unkonventionelles. Wenn man so will, könnte man also von einer ähnlichen Ambition ausgehen wie sie einst und seinerzeit Werken wie BRAINDEAD zugrundelag. Ein anderes Genre, ein anderer Film – doch ein ähnliches Konzept, welches schnell missverstanden werden könnte.

Fazit: Was wohl passiert wäre, hätte der (todbringende) Heavy Metal gewonnen ? Man weiss es nicht. Mit SIX STRING SAMURAI darf man sich in jedem Fall auf etwas gefasst machen. Auf nichts anderes als ein so noch nie erlebtes, zutiefst ungewöhnliches und verdammt unterhaltsames Werk im überzeichneten Comic-Stil. Dann doch lieber einen Film wie diesen – als die typisch glattgeschliffenen, überteuerten und möglichst allen gefallenden Hollywood-Verfilmungen bekannterer Comic-Franchises. Einige Abzüge in der B-Note gibt es dann allerdings doch: der Film hätte aufgrund einiger Längen glatt 10 Minuten kürzer sein dürfen, außerdem hätte man einige Stilmittel nicht derart überstrapazieren sollen. So ist vor allem der akustische Part (nicht der Soundtrack) von einer gewissen Eintönigkeit durchzogen – seien es die generelle Asynchronität, die übertriebenen Echo-Effekte oder unpassende Geräuscheffekte, hier gilt es Durchhaltevermögen zu zeigen. Und auch die ‚Schlacht‘ zwischen Buddy und den verbliebenen Truppen der Roten Armee hätte man sich beinahe komplett schenken können. Filmische Fehler und Unstimmigkeiten gibt es zuhauf – aber das ist bei einem Werk wie diesem auch gar nicht zu vermeiden. Eine absolute Empfehlung – für einen Filmabend unter Freunden, an dem man sich gut (und mal ganz anders) unterhalten wissen will.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Six String Samurai“ (1998)

  1. Nur 8/10?

    Von mir gibts glatte 10/10. Kunst. Einer der besten Indie-Filme (und ich kenne eine Menge).

    Btw: Du hast eine nette Auswahl an Reviews, zum Glück nicht ausschließlich Mainstream-Crap (wenn auch noch viel zu viel davon). Thumbs up dafür.

    Vlt ein paar Empfehlungen am Rande:

    * Montana Sacra – Der heilige Berg (bzw. auch El Topo vom gleichen Regisseur, Alejandro Jodorowsky)
    * Network (1976, „intellektuell“ anspruchsvoller Film, und dann noch aus den USA… seiner Zeit voraus)
    * The Big Lebowski – absolut spaßige Unterhaltung (ok, ein no-brainer)
    * Delicatessen sowie Stadt der verlorenen Kinder (Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro zusammen = Qualität)
    * Frankensteins Todesrennen aka Death Race 2000 (1975) – Trashperle, erstaunlich und unterhaltsam.

    Tja könnte ewig so weiter machen, aber die o.g. solltest Du – falls Dir unbekannt – unbedingt mal sehen.

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    1. Ohlala, Danke für die offenbar hochkarätigen Vorschläge ! Da muss ich doch mal schauen, was sich machen lässt.
      In der Tat versuche eine möglichst bekömmliche Balance aus eher mainstreamigen und eher unbekannten / unterschätzten / kontroversen Filmen anzubieten. Vielleicht gelingt mir das nicht immer… was sicher auch an der allgemeinen ‚Verfügbarkeit‘ liegt. Ein Mainstream-Blockbuster läuft einem (beziehungsweise mir) eben häufiger über den Weg – beispielsweise wenn man bei Freunden ist, zufällig TV schaut et cetera. Und da bei mir das Credo gilt, einen Film den man begonnen hat auch komplett bis zum Ende zu schauen (und zu rezensieren)… werden diese auch weiterhin hier vertreten sein. Sicher nicht in der Überzahl, aber doch zahlreich. Auch wenn das einstweilen Schmerzen verursacht, was sich dann aber auch in den Wertungen widerspiegelt 🙂

      MfG und Danke,

      Oli

      p.s. Deine Wertung nehme ich oben mit auf 😉

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