Filmkritik: „Drive“ (2011)

Filmtitel: Drive
Regie: Nicolas Winding Refn
MitRyan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston u.a.
Laufzeit: 101 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 18
Genre: Drama / Thriller

Ein bildgewaltiges Porträt eines etwas anderen Fahrers.

Inhalt: Das Leben hält so manche Erfahrung bereit – schöne, aber auch solche um die man nicht gerade bitten würde. Ein namenloser Fahrer (Ryan Gosling), der sich neben seinem Job in der Garage von Shannon (Bryan Cranston) als Chauffeur für Kriminelle verdingt, scheint in der alleinerziehenden Mutter Irene (Carey Mulligan) einen wahren Lichtblick entdeckt zu haben. Dumm nur, dass der eigentlich noch länger einsitzende Ehemann Standard (Oscar Isaac) plötzlich aus dem Gefängnis entlassen wird – und über die Zuneigung des Fremden zu seiner Frau nicht gerade begeistert ist. Doch der ‚Driver‘ scheint indes gar nicht mal enttäuscht zu sein über die Rückkehr des Ehemannes und damit eines Nebenbuhlers – schließlich denkt er auch Irene’s Sohn, der einen Vater braucht. So möchte er der wiedervereinten Familie den Raum geben, die sie benötigt – doch die Vergangenheit von Standard holt den noch immer nicht ganz sauberen Ex-Knacki ein und fordert ihren Tribut. Eines Tages wird er von Handlangern eines Gangsterbosses im Beisein seines Sohnes zusammengeschlagen – Grund genug für den ‚Driver‘, sich der Sache doch noch anzunehmen. Gemeinsam vereinbaren sie mit einem weiteren Handlanger, dass sie sich noch für einen letzten Coup zur Verfügung stellen würden – mit der Bedingung, dass Standard und seine Familie fortan in Ruhe gelassen werden würde. Doch es kommt, wie es kommen musst: der Coup geht schief…

Kritik: Wahrlich gefeiert und hochgelobt wird DRIVE, der neueste Streich des dänischen Ausnahmeregisseurs Nicolas Winding Refn. Hierzulande kennt man den Filmemacher vor allem durch Werke wie PUSHER (von dem dieses Jahr ein Remake erschien) oder das höchst umstrittene Wikinger-Epos WALHALLA RISING – beides recht düster angehauchte Genrefilme, die einen nicht gerade leichten Zugang vorweisen können. Und schon gar keine größeren Erfolge, zumindest hierzulande. Nun aber soll DRIVE es ein für allemal richten – in Deutschland, aber auch im internationalen Kontext. Aber: kann ein Film wie DRIVE es wirklich schaffen, oder scheitert er doch an seinem vergleichsweise typischen Setting um einen Fahrer, der sich in eine alleinerziehende Mutter verliebt und daraufhin in einen Strudel der Kriminalität und Gewalt gerät ? Soviel vorweg: er kann, und sogar weit mehr als das – da sich die Geschichte überraschenderweise als weitaus innovativer und einzigartiger herausstellt, als eventuell vermutet. So wird der Zuschauer recht schnell auf die besondere, dem Film innewohnende Atmosphäre aufmerksam. Begonnen wird mit dem kurz angerissenen Porträt der tragischen Titelfigur, und wie sie sich als Fahrer bei nächtlichen Raubzügen verdingt – bereits hier fällt der vorgestellte Charakter durch seine besonderen Eigenheiten auf. Wie kann ein Mensch, der sich derart minutiös an eine für die Raubzüge einzuhaltende Zeitspanne hält, in grundsätzlichen Stress-Situationen derart gelassen bleiben ? So vermag es Nicolas Winding Refn von Anfang an, ein großes Interesse am Schicksal des Fahrers, vor allem aber an seinen persönlichen Hintergründen entstehen zu lassen. Gewiss sollte man nicht erwarten, eine ausgefeilte Charakterstudie und dementsprechend auch explizite Antworten auf dem Silbertablett serviert zu bekommen – man ist gehalten, genau hinzuschauen und sich selbst ein Bild zu machen.

Die eigentliche Geschichte beginnt aber erst, als der Fahrer nähere Bekanntschaft mit seiner Nachbarin und deren Sohn macht. Nun – was sich im ersten Moment wie eine typische, x-mal gesehene Anbandelei anhört, stellt sich im Endeffekt als eines der stärksten Elemente von DRIVE heraus. So lernen sich sowohl der Fahrer als auch die Nachbarin kaum über Worte kennen – sondern vielmehr über ausgetauschte Blicke und wortlose Gesten. DRIVE bewegt sich in diesen Momenten weit weg vom Dasein eines typischen Actioners, und avanciert zu einem ausgefeilten Drama-Thriller mit vielen ungewöhnlichen und im Film-Sinne erfrischenden Momenten. Immer mit von der Partie, beziehungsweise ein wichtiger Grundpfeiler des Films: die beeindruckend-opulente Optik, die sich aus den stimmigen Bildern und der versierten Kameraführung zusammensetzt. Selbst in Momenten, in denen augenscheinlich nicht viel passiert, brodelt es gewaltig: auf der unterschwellig-subtilen Ebene, die durch die eingesetzten Stilmittel schnell und direkt an den Zuschauer herangebracht wird. Das kann so manches Mal etwas aufdringlich wirken, gerade wenn die teils lautstarke Hintergrundmusik zwecks einer zusätzlichen Untermalung eingesetzt wird – aber sei es drum.

Im weiteren Verlauf spielt DRIVE mit vielen weiteren Elementen, die alleinstehend für einen vielleicht durchschnittlichen Film getaugt hätten – doch in seiner Gesamtkomposition gelingt Nicolas Winding Refn weitaus mehr. So sind die Momente, in denen der ‚Fahrer‘ Bekanntschaft mit dem Ehemann der Frau macht, in die er sich gerade erst verliebt hat, aussergewöhnlich und ideenreich inszeniert. Anstatt auf typisch-plumpe Schemata zu setzen, geraten hier beide ‚Nebenbuhler‘ in eine ungewöhnliche Beziehung der gegenseitigen Abhängigkeit – einer Frau und ihrem Sohn zuliebe. Doch nicht nur der Begriff der Liebe wird in DRIVE erfrischend anders definiert, auch in Bezug auf die Charaktere und deren Vergangenheit gibt es interessante Elemente. So präsentiert Nicolas Winding Refn niemals eine vollständige Aufklärung über den Hintergrund des ‚Fahrers‘ – sondern stattet ihn stattdessen mit einer Charakterzeichnung aus, die für sich schon viel verrät. Sind es immer auch die vergangenen Taten, die uns als Menschen auszeichnen und definieren – oder kann eine einzige selbstlose Tat den Start in ein neues Leben markieren ? Oder: können wir die Vergangenheit wirklich vollständig hinter uns lassen, wenn wir zu einem späteren Zeitpunkt auf den richtigen Weg geführt werden ? Solche und viele weitere Fragen greift DRIVE auf, ohne sich dabei dem Zuschauer aufzudrängen oder moralische Standpauken zu halten.

Natürlich bleibt es dabei nicht aus, dass der ‚Fahrer‘ in so mancherlei Moment etwas überstilisiert daherkommt. Wie eine Art ‚gerechter Rächer‘ der Armen und Schwachen eben – doch dies vermag den weiteren Fluss der Bilder und Erzählinhalte kaum zu schmälern. Technisch-handwerklich gesehen ist DRIVE ein rundum gelungenes Werk – auch wenn einige Elemente durch die Form der Inszenierung künstlich ‚aufgeblasen‘ werden. Doch dies hat einen positiven Nebeneffekt: in DRIVE wirken selbst vergleichsweise belanglose Szenen immer absolut kinotauglich, und das gänzlich ohne das dabei auf übertriebene Effekte oder sonstige Eyecatcher zurückgegriffen werden muss. Der Zuschauer wird bei Laune gehalten, das Geschehen zu verfolgen – und kann sich dabei entweder am Stil, oder aber an den Inhalten orientieren. Im besten Fall geschieht dies natürlich über beide Ebenen – das Angebot ist jedenfalls gegeben, man sollte es folglich nicht ausschlagen. Ein großes Lob ist den Darstellern zuzusprechen – alle spielen wunderbar authentisch, ungekünstelt und lebensnah. Ein stets passender, abwechslungsreicher Soundtrack rundet den Gesamteindruck perfekt ab.

Fazit: Achtung, DRIVE ist alles andere als ein gewöhnlicher Actionfilm, der ausschließlich aus Verfolgungsjagden oder Schießereien besteht – und das ist auch gut so. Zwar bietet er auch etwas ‚Futter‘ für eben solche Genrefans, was sich unter anderem in heftigen Gewaltszenen (warum auch immer) oder der Story um gefährliche kriminelle Verwicklungen niederschlägt –  doch im großen und ganzen dominieren hier andere Aspekte. Stille, unterschwellige, zwischenmenschliche – es lohnt sich zweifelsohne, den besonderen Unterton und die erfrischend-interessanten Charakterporträts von DRIVE auf sich wirken zu lassen. Für eine Attribuierung als Meisterwerk hätte es aber gerne noch eine etwas ausgefeiltere Story mit mehr Tiefgang, Twists und Überraschungen sowie ein wirklich zufriedenstellendes Ende sein dürfen. Wohlgemerkt, es zwar ’schön so wie es ist (beziehungsweise eben nicht) – doch ganz so offen hätte Nicolas Winding Refn das ungewöhnliche Fahrer-Porträt vielleicht nicht enden lassen sollen. Insgesamt: eine absolute Empfehlung für jene, die dem Genre des Actionfilms etwas mehr abgewinnen möchten.

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