Filmkritik: „Hugo Cabret“ (2012)

Originaltitel: Hugo
Regie: Martin Scorsese
Mit: Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Asa Butterfield u.a.
Laufzeit: 127 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 6
Genre: Abenteuer / Drama

Achtung, filmische Mogelpackung !

Inhalt: Nachdem der 12-jährige Hugo (Asa Butterfield) bereits früh seine Mutter und seinen Vater verloren hat, lebt er in den Gewölben eines riesigen Pariser Banhofes im Paris der 1930er Jahre. Eigentlich war es sein Onkel, der ihn nach dem plötzlichen Tod seines Vaters hierhin mitnahm – doch nun gilt auch der als verschollen. Hugo bleibt kaum eine andere Möglichkeit als das einstige Werk seines Onkels fortzusetzen, der damit beauftragt war für die Funktionstüchtigkeit der vielen im Bahnhof platzierten Uhren zu sorgen. Als einziges greifbares Andenken an seinen Vater ist Hugo in Besitz eines seltsamen Automatenmenschen – einer komplexen Konstruktion aus unzähligen Zahnrädern und weiteren mechanischen Bauteilen. Er versucht seit langem, die Maschine zum Laufen zu bringen – doch noch immer fehlt ihm dazu ein seltener Schlüssel in Herzform. Nachdem Hugo derweil bei einem seiner Diebeszüge von einem alten Ladenbesitzer namens George (Ben Kingsley) erwischt wurde, wird er dazu verdonnert fortan für ihn zu arbeiten. Bei dieser Gelegenheit lernt er auch die etwa gleichaltrige Isabelle (Chloe Grace Moretz) kennen. Diese scheint nicht nur in Besitz des für den Automatenmenschen erforderlichen Schlüssels zu sein – sondern auch einen ausgeprägten Drang zum Abenteuer zu hegen. Die beiden verbünden sich, und versuchen mehr über das Geheimnis der Maschine herauszufinden, von der Hugo noch immer glaubt dass sie eine Botschaft seines verstorbenen Vaters enthalten müsste.

Kritik: HUGO CABRET und THE ARTIST – was haben diese beiden auf den ersten Blick grundverschieden wirkenden Filme gemeinsam ? Tatsächlich mehr als man zuerst vermuten würde. Nicht nur, dass beide Filme als die bedeutendsten des Kinojahres 2012 gefeiert werden und sich ein knackiges Oscar-Duell lieferten; auch inhaltlich gibt es gewisse Parallelen. So teilen sich beide die gemeinsame Intention, als zeitlose Hommage an das Kino und seine Ursprünge zu fungieren. THE ARTIST geht dabei jedoch eher den konservativen Weg und bewegt sich handwerklich exakt im Rahmen der stilistischen Vorgehensweisen der jeweiligen Vorbilder – HUGO CABRET dagegen schöpft nicht nur mit einem stattlichen Produktionsbudget von 170 Millionen Dollar aus dem Vollen, sondern auch im Hinblick auf die kompromisslose Inszenierung als abendfüllender Blockbuster. Durch den Einsatz weltweit bekannter und teilweise altehrwürdiger Darsteller, neueste und bestens ausgenutzte 3D-Techniken und den Anschein eines Daseins als Kinder- beziehungsweise Familienfilms wohnt im so allerdings auch eine gewisse selbst einverleibte Problematik inne. Nicht nur, dass viele Zuschauer möglicherweise erwarten etwas ganz anderes zu sehen zu bekommen – die gegensätzlichen Elemente der traditionellen Filmkunst und der Moderne beissen sich und ergeben kein stimmiges Gesamtbild. Ja, wie kann ein Film als Hommage an die Anfänge des Kinos fungieren, wenn er sich gleichzeitig an allzu modernen Stilmitteln als ebensolchen Pervertierungen der traditionellen Vorgehensweisen bedient ?

HUGO CABRET steht demnach stellvertretend für das Prinzip der Augenwischerei – einer reichlich perfiden noch dazu. Schließlich versucht man, heutige Hollywood-Auswüchse (beispielsweise: Stil geht über Inhalt) insofern zu rechtfertigen, als dass man sie als notwendige und einzig sinnige Folgen der Entwicklung des ursprünglichen Kinos darstellt. Massive Produktionskosten, viele künstliche Elemente in der Szenerie, Darsteller die eigentlich keine sind (Sascha Baron Cohen als Stationsvorsteher) sind dabei nur einige der im qualitativ-anspruchsvollen Kino grundsätzlich zu vermeidenden Elemente. Dies führt indes zu einer weiteren auffälligen Zwiespältigkeit von HUGO CABRET: der Film ist weder als Kinderfilm, noch als reine Form der (anspruchsvolleren) Erwachsenenunterhaltung zu bezeichnen. Stattdessen versucht man, möglichst beiden Seiten gerecht zu werden, was in einigen Unstimmigkeiten mündet. Für Kinder ist er bei weitem zu fantasie- und magielos, und steuert mit dem Ziel der Kino-Tributzollung schnell in einen für jüngere uninteressanten Bereich. Ältere dagegen erwartet eine künstlich aufgepeppte, sich schnell als seelen- und inhaltslos herausstellende Szenerie, die lediglich von einigen dezent-interessanten Untertönen am Leben gehalten wird. Das ist reichlich schade – zumal gerade die weltweiten Werbeaktionen und Trailer darauf schließen ließen, dass es sich um einen generationsübergreifend wirksamen Familienfilm handeln müsste, der die Vorzüge des Kinderfilms sowie des Fantasy- und Abenteuergenres verbinden würde. Doch weit gefehlt: die Geschichte fällt letztendlich reichlich bodenständig aus, verneint somit die Existenz von Magie und Vorstellungskraft – und plädiert auf eine möglichst rationale Sicht der Dinge.

Das wäre bei weitem nicht so gravierend, würde der Film mit seiner gesamten stilistischen Aufmachung den Zuschauer nicht ständig in die Richtung eines Fantasy- oder Kinderfilms drängen – nur damit dieser feststellt, dass sich viele dahingehende Elemente als Mogelpackung erweisen. Langsam umhertreibende Schneeflocken, komplexe Uhrwerke und Maschinen, kräftig-bunte Farben, aufwendige Kamerafahrten und letztendlich auch der berüchtigte Automatenmensch – alles verliert seinen Zweck, wenn sich die Geschichte unaufhörlich der (gefühlskalt-investigativen) Auflösung nähert. Denn gerade das Hauptaushängeschild von HUGO CABRET – die Geschichte um den verbitterten alten Geschäftsbesitzer, der sich erst aufgrund des investierten Herzbluts und Engagements eines Jungen seiner Vergangenheit stellen kann – fällt weniger nachvollziehbar aus als man sie hätte inszenieren können, inszenieren müssen. Die große ‚Crux‘ hinter der Verdrängung wird kaum ersichtlich, sie erscheint geradezu willkürlich – und wird entsprechend trivialisiert. Auch erinnert die Stilisierung HUGO CABRETs als Verkörperung einer ’neuen Generation‘ stark an die tragische Musen-Funktion des Peter aus FINDING NEVERLAND – nur, dass hier weniger nachvollziehbare Grundlagen geboten werden.

In technischer Hinsicht überzeugt HUGO CABRET, verständlicherweise – das Budget wird vollends ausgenutzt, was in einigen imposanten Szeneneinstellungen und der Darstellung gut aufgemachter Schauplätze mündet. Die Kamera-Arbeit ist schlicht herausragend, der Soundtrack stimmig, die optische Abwechslung enorm. Schier unfassbar fallen die enorm detailverliebten Ansichten der ‚Innenwelten‘ von allerlei technischem Gerät aus, sowie die allgemein bis auf das kleinste Detail durchdachten Ansichten des Bahnhofes. Die Darsteller hinterlassen indes einen zwiespältigen Eindruck. Die ‚ganz großen‘ Mimen spielen versiert wie eh und je, selbst einen kleinen Gastauftritt von Sir Cristopher Lee bekommt man zu sehen. Warum man indes ausgerechnet Sache Baron Cohen als Stationsvorsteher engagiert hat, bleibt fraglich. Die Kinderdarsteller Asa Butterfield und Chloe Moretz erweisen sich als äusserst talentiert – doch kann man sich nicht des Eindruckes erwehren, als gäben sie sich einer gewissen Form des (von den Produzenten gewollten) Overactings hin. Dies führt zu einigen Szenen, in denen sich die jungen Nachwuchskünstler einigermaßen hölzern und unglaubwürdig verhalten. Dass sie es mit anderen Partnern vor und hinter der Kamera weitaus besser können, zeigen Filme wie DER JUNGE IN DEN GESTREIFTEN PYJAMAS (Asa Butterfield) oder KICK-ASS (Chloe Moretz).

Fazit: Das war wohl nichts – HUGO CABRET enttäuscht als nur vermeintlicher Familienfilm. Weder kann er ein jüngeres Publikum zufriedenstellen, noch die alteingessenen und Kino-erfahrenen Zuschauer stimmig unterhalten. Zu viele Genres und Anleihen vermischen sich, und ergeben im Zusammenspiel mit der glatt geschliffenen und möglichst alle Zielgruppen ansprechenden Inszenierung ein erschreckend unstimmiges Gesamtbild. Martin Scorsese versucht auf Biegen und Brechen, alles und jeden zufriedenzustellen – und kann sich nicht so recht für eine Richtung entscheiden. Großes Kino sieht anders aus. Wenn man schon eine Hommage an das selbige formulieren und für die Leinwand umsetzen möchte, sollte man größeres Geschick beweisen und sich keiner irreführenden Marketingkampagnen bedienen. Wie es richtig geht, zeigt CINEMA PARADISO (1988) von Giuseppe Tornatore – eine wahrhaft zeitlose und gute Hommage an das Kino und seine ‚magische‘, alle Generationen betreffende Wirkung. Es gilt, sich nicht von der blossen Zahl der Oscar-Nominierungen blenden zu lassen – Vorsicht ist geboten.

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „Hugo Cabret“ (2012)

  1. Ich finde du tust diesem Film unrecht. Von mir bekommt er 9/10. Einer der wenigen Filme der letzten Jahre, wo die 5 Oskars verdient sind.

    Klar, er ist überladen mit Kitsch. Klar, es ist schwer, eine Zielgruppe auszumachen. Klar, es ist kein anspruchsvoller Film. Aber das „verschenkte Potential“ sehe ich hier nicht. Jeder kennt Thomas Edison, Henry Ford, Neil Armstrong etc. Aber die Pioniere des Films? Georges Méliès? … Dabei schauen wir mehr Filme, als wir uns mit Glühbirnen, Mondlandungen, Autos… beschäftigen.
    Es ist schön, wenn ein Künstler wie Georges Méliès gewürdigt wird. Wer weiß, wo der Film heute wäre, ohne die Leistungen dieses Mannes. Sehr schön die Szenen aus dem Meisterwerk „Die Reise zum Mond“. Und die Schauspieler samt Kinderdarsteller überzeugen, die eher ruhigere Gangart des Films läßt Ihnen auch mal Raum, der Rolle ein wenig Leben einzuhacuen, erwähnenswert die Leistungen von Chloë Grace Moretz. Fehl am Platze wirkte die „Actionszene“ mit dem Zug… frei nach dem Motto: OK wir machen einen Film in 3D, haben das Budget. Lassen wir es zumindest mal krachen… Wann begreift Hollywood, das weniger oft mehr ist?

    PS: Duell der Magier, den habe ich bereut ihn je gesehen zu haben. Schlechter geht kaum… Wäre bie mir ein Fall für 1/10

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  2. Duell der Magier aber eine 6,5/10 geben? LOL Nein also der Film, auch wenn er in meinen Augen nicht das so gefeierte Meisterwerk darstellt und auch nicht DIE Hommage und Liebeserklärung an den Film, weiß er dennoch zu gefallen. Was mir persönlich an diesem Film nicht gefallen hat ist die Tatsache, dass der Handlungsrahmen stark begrenzt ausfällt und sich thematisch zu sehr versteift. Dadurch wirkt einiges Hölzern und (ironischerweise) etwas eindimensional. Keine Ahnung…mir hat er gefallen. Ob er das ein weiteres Mal tut kann ich dir im Moment nicht beantworten. ^^

    Wertung: 7/10

    Ben Kingsley hatte schon gröbere Schnitzer…ich sage nur Uwe Boll…Bloodrayne. Der Film ist einfach nur „wääääää“ aber gut, was will man machen, wenn man einfach die Blu-Ray mitgeschickt bekommt? ^^

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    1. Hehe, heute ärger ich Dich aber richtig 😉
      Einen Vergleich zum ‚Duell Der Magier‘ zu ziehen ist natürlich mutig; aber wenn ich dies täte… würde ich beide Filme gefühlt auf einer Wertungs-Ebene einstufen. Doch meiner Meinung nach verschenkt ‚Hugo Cabret‘ einfach viel zu viel Potential, weitaus mehr als ‚Duell Der Magier‘. Was ist also ärgerlicher… ein Film, der einfach nur etwas blöd-infantil und auf Hollywood-Bombast getrimmt ist (Duell Der Magier), oder ein Film über den Film, der es einfach nicht schafft ein gewisses Nostalgie- oder Magiegefühl auf den Zuschauer zu übertragen – und sich letztendlich doch als recht bodenständige, etwas gezwungen wirkende Hommage an eine Einzelperson (wenn man es so sieht) herausstellt ?
      Aber ich denke, Du stimmt mit mir überein wenn ich sage, dass ‚Cinema Paradiso‘ beide um Längen schlägt…

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      1. Ich fand es auch mutig „Hugo Cabret“ überhaupt mit „Nuovo Cinema Paradiso“ vergleichen zu wollen. 🙂 (der locker eine 9/10 verdient hat)

        „Was ist also ärgerlicher… ein Film, der einfach nur etwas blöd-infantil und auf Hollywood-Bombast getrimmt ist (Duell Der Magier), oder ein Film über den Film, der es einfach nicht schafft ein gewisses Nostalgie- oder Magiegefühl auf den Zuschauer zu übertragen “

        Ich denke BEIDES, allerdings ärgert es mich mehr, dass es Filme wie ersteres Beispiel überhaupt gibt.

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