Filmkritik: „Phase 7“ (2011)

Originaltitel:  Fase 7
Regie: Nicolas Goldbart
Mit: Daniel Hendler, Jazmín Stuart, Yayo Guridi u.a.
Laufzeit: 93 Minuten
Land: Argentinien
FSK: Ab 16
Genre: Thriller / Horror

Wenn der Dritte Weltkrieg zweimal klopft…

Inhalt: Eine Epidemie ist ausgebrochen ! Die Medien hören nicht auf, von der Katastrophe zu berichten und ermahnt alle Bürger, sich in ihre Häuser und Wohnungen zurückzuziehen. Was genau geschehen ist, lässt sich indes kaum sagen. Handelt es sich um die Folgen einer Umweltkatastrophe, um ein Austreten hochgiftiger Stoffe; oder hat vielleicht sogar die Regierung die Finger im Spiel, wie einige Verschwörungstheoretiker behaupten ? Doch ein junges Paar, bestehend aus Coco (Daniel Hendler) und der schwangeren Pipi, hat momentan ganz andere Probleme. Sie müssen dafür sorgen, dass sie genug Lebensmittel kaufen und sich selbige gut einteilen – es scheint, als müssten auch sie für eine längere Zeit in ihrer Wohnung bleiben. Die Lage spitzt sich alsbald zu, als Wissenschaftler das Gebäude von aussen hermetisch abriegeln – und niemanden hinein oder hinaus lassen. Die wenigen im Haus verbliebenen Nachbarn stellen sich auf eine lange Wartezeit ein – doch schon bald kommt es zu ersten gegenseitigen Anfeindungen. Wie gut also, dass Cocos Nachbar ein heimlicher Waffenfanatiker zu sein scheint – und die beiden von nun an gemeinsame Wege gehen.

In Zeiten wie diesen ist sich jeder selbst der nächste…

Kritik: PHASE 7 – ein Filmtitel, der wie die Beschreibung einer der letztmöglichen Eskalationsstufen eines globalen Problems klingt. Und damit ist es tatsächlich gar nicht mal so weit her: im 2011 erschienenen, argentinischen Film geht vordergründig um die Folgen einer Pandemie ungewissen Ursprungs, die die Menschen dazu zwingt, sich hinter verschlossenen Türen und Fenstern aufzuhalten. Trotz dieser relativ klaren Prämissen lässt er sich allerdings nicht ganz eindeutig zuordnen – da er verschiedene Genre-Ansätze miteinander kombiniert. Zwar schwebt über allem der mächtige und prestigeträchtige Begriff des Endzeitfilms – doch im Detail verwebt Regisseur Nicolas Goldbart zu gleichen Anteilen Elemente des Horrorfilms, des Thrillers und des Dramas. Selbst dezente Elemente der Comedy hat er in sein ungewöhnliches Werk eingeflochten – sodass den Zuschauer gerade in den ersten Minuten ein äusserst stimmiges, im Film-Sinne erfrischendes und vielversprechendes Szenario erwartet. Es ist jedoch wichtig, PHASE 7 immer als das zu nehmen, was er ist: ein Film, der die Folgen einer Seuche / Epidemie aus einem stark eingeschränkten Sichtfeld porträtiert – einem Haus-internen Mikrokosmos gleich. Involviert sind also gerade einmal eine handvoll von Personen – wobei sich selbige den absoluten Großteil des Films im nunmehr hermetisch versiegelten Haus aufhalten. Wie genau es zur Epidemie gekommen ist, was sie für die Menschheit im gesamten bedeuten könnte, wer etwas dagegen unternimmt oder nicht – kurz: der gesamte Makrokosmos – rückt dagegen kaum in den Fokus. Erst gegen Ende wagt man sich – als absolute Ausnahme – auf die Straße, und sieht sich mit einer umfassenderen Situation konfrontiert.

Somit wird das Filmprojekt PHASE 7 zu einem sehr personenbezogenen Drama-Thriller – der auf mögliche Massenunruhen, ausufernde Kämpfe und potentielles Zombie-Gemetzel gar nicht erst eingeht. Dass das generell eine gute Idee ist, liegt auf der Hand. Zu überlaufen scheint der Markt von Genreproduktionen, die sich typischer Schemata wie Überlebende-treffen-auf-Infizierte bedienen und immer weniger neues bieten können. Dass aber auch ein ambitionierter, vieles anders machender Film wie PHASE 7 deshalb nicht automatisch zu einem Genrehighlight avancieren muss, gehört leider zur bitteren Wahrheit. Nicolas Goldbart verschenkt schlicht zu viel Potential, als dass er es in einer stimmigen, potentiell kultverdächtigen Art und Weise ausgenutzt hätte. Einiges an Stoff und Geschichten gäbe es in der dargestellten Wohnsituation sicherlich zu erzählen – doch letztendlich wirkt das Porträt der eingeschlossenen überraschend unglaubwürdig und der allgemeinen Spannung kaum förderlich. Wenn ein erheblicher Teil der zu erzielenden Filmwirkung als Last auf den Schultern der Charaktere liegt – dann sollte man sich in jedem Fall auch darum kümmern, genügend Ideen parat zu haben. Das besondere: in PHASE 7 sind die Charaktere nicht einmal besonders stereotyp ausgefallen, im Gegenteil – gerade mit dem ungewöhnlichen Paar (welches keinen besonders netten Umgangston pflegt) hat man eigentlich eine gute Wahl getroffen. Wenn sich aber gerade diese Hauptcharaktere im weiteren Verlauf immer unglaubwürdiger verhalten und sich schlicht und einfach dämlich anstellen – dann führt das zu vor Wut und Ärger qualmenden Köpfen.

Der Kniff: in PHASE 7 bietet man die offensichtlichen Drehbuchschwächen nicht direkt feil, sodass man sich als Zuschauer oftmals fragen wird, ob diese oder jene Handlung nun absichtlich so dargestellt wurde – oder vielleicht sogar eine Daseinsberechtigung im Sinne anderer Genres (wie der dezenten Comedy / Satire) hat. Doch wenn zu viele dieser merkwürdigen Elemente in einem grundernsten Film (wie PHASE 7 einer ist) zusammenkommen, hört es auch mit der Bereitwilligkeit zur Interpretation auf. So hat die hochschwangere Frau kaum andere Sorgen, als sich mit ihrem Mann zu streiten. Sie scheint sich nicht um die Epidemie zu kümmern, verschwendet keinen einzigen Gedanken an ihr bald zur Welt kommendes Kind – und bekommt zu allem Überfluss nichts von den Ereignissen ausserhalb der Wohnung mit. Auch nicht, wenn Schussgeräusche fallen, es Explosionen im Treppenhaus gibt, ihr Mann verletzt in die Wohnung zurückkehrt. Will sie es nicht wahrhaben, greifen hier psychologische Aspekte (wie Verdrängungsmechanismen) oder ist sie schlicht minderbemittelt ? Der Film gibt nicht einmal einen kleinen Hinweis darauf. Ihr Mann hingegen wird als schüchtern und verkappt dargestellt – was noch in Ordnung wäre. Allerdings sammeln sich auch hier allerlei Merkwürdigkeiten: Waffen sind ihm unangenehm – Leichen aber nicht. Er rennt gleich zwei Mal in eine Art Sprengfalle – was beim ersten Male und aufgrund der Panik nachvollziehbar ist. Wenn er beim zweiten Mal aber kurz erschrocken stehenbleibt, nur um sein Gesicht dann genau zur Sprengladung hin auszurichten, dann ist das hirnrissig. Überhaupt kann dieser Charakter schnell zu einer Art Nerv-Faktor werden – spätestens als er gegen Ende seinem ohnehin schon paranoiden Nachbarn versucht, gut zuzureden – und daraufhin, oh Überraschung – ein Messer ins Bein kriegt.

Fazit: Nach unzähligen Merkwürdigkeiten ist es am Ende dann aber die Ideenlosigkeit, die überwiegt. Eine Familie, die man Abwesend glaubte, taucht plötzlich auf – und rettet den Hauptcharakter. Man entscheidet sich, doch einen Versuch zu unternehmen die ‚Welt dort draussen‘ zu erkunden – doch wenn es bereits im Haus derartige Probleme gab, wie würden sich diese Charaktere dann anderswo anstellen ? Man verbitte sich an dieser Stelle Rufe nach einem zweiten Teil. Was als etwas andersartige Charakterstudie geplant war, entpuppt sich im Endeffekt als (unfreiwillige) Lachnummer, die zu reichlich Kopfschütteln und Langeweile führt – der saloppe Spruch nach dem Film ist vor dem Film bekommt eine gänzlich neue Bedeutung. Was will PHASE 7 eigentlich ? Will er ein glaubwürdiges Endzeitporträt mit glaubwürdigen Charakteren zeichnen ? Versucht er es über die (schwarz-)humorige Schiene, und lässt die Charaktere absichtlich in allerlei Fettnäpfchen treten ? Was auch immer die Intention war – das Ergebnis verschwimmt zu einem merkwürdigen Wirrwarr aus verschiedenen Ansätzen, die letztlich kein stimmiges Bild ergeben. Einzig in technischer Hinsicht kann der Film überzeugen – auch wenn er mit einem vergleichsweise geringen Aufwand produziert werden konnte. Die Darstellerriege hat Potential, ebenso die Arbeit des Kamerateams – und auch der nur stellenweise etwas zu aufdringliche Soundtrack entwickelt einen gewissen Charme. Alles in allem: ein eher ärgerlicher Film, der massenhaft Potential verschenkt.

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