Filmkritik: „Jahr 2022 – Die Überleben Wollen“ (1973)

Originaltitel: Soylent Green
Regie: Richard Fleischer
Mit: Charlton Heston, Edward G. Robinson
Laufzeit: 97 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 16
Genre: Science Fiction / Thriller / Drama

Hinter der Fassade einer neuen Welt liegt ein schreckliches Geheimnis verborgen…

Inhalt: Im Jahre 2022 ist die Erde beinahe vollständig zerstört. Eine jahrzehntelange Umweltverschmutzung und die stetig wachsende Bevölkerung forderten letztendlich ihren Tribut – Flora und Fauna starben aus, Menschen ist es verboten sich ausserhalb der großen Städte aufzuhalten. Da auch die Nahrungsmittel knapp geworden sind und Dinge wie Rindfleisch oder Gemüse als wahre Luxusgüter gehandelt werden, hat sich eine Firma der weltweiten Nahrungsmittelversorgung angenommen. Soylent Industries stellen mithilfe von einigen wenigen, noch immer ausreichend verfügbaren Zutaten ihr Produkt Soylent her – dass sich durch Farben unterscheiden lässt. Somit erhalten die Menschen zumindest eine Grundversorgung – doch offenbar scheinen einige gegen die Führungsetage der Firma zu wettern. Eines Tages wird ein hoher Angestellter der Firma in seiner Wohnung ermordet – und ein Polizist namens Thorn (Charlton Heston) soll den Fall mit seinem Partner Solomon Roth (Edward G. Robinson) untersuchen. Doch je mehr die beiden herausfinden, desto schwieriger und steiniger gestaltet sich der Weg – zum Mörder, aber auch zu einer alles in Frage stellenden Wahrheit.

Kritik: Schon damals zeichnete sich ab, dass Richard Fleischer’s SOYLENT GREEN einmal ein waschechter Filmklassiker werden könnte. Heute, und damit knapp 40 Jahre später – sieht man diese Annahme einmal mehr bestätigt. Das liegt zweifelsohne daran, dass das einzigartige und durchaus bahnbrechende Science Fiction-Werk bis heute nichts von seiner Wirkungskraft verloren hat, die behandelte Thematik ist nach wie vor aktuell und omnipräsent. Es geht schlicht und ergreifend um die Folgen des weltweiten Rohstoffabbaus und damit dem ‚Raub‘ an der Natur, die sich nicht nur Fleischer’s Meinung nach irgendwann einmal rächen wird, rächen könnte – doch war er einer der ersten, die dieses Thema derart explizit aufgegriffen haben. SOYLENT GREEN ist somit zu gleichen Teilen Science Fiction und Gesellschaftsdrama – eine düstere Zukunftsvision wenn man so will; die so oder in einer anderen Form noch immer eintreffen könnte. Die besagten Elemente der Science Fiction sind dabei folglich äußerst realitätsnah, und alles andere als aus der Luft gegriffen. Im Jahre 1973, als die weltweiten Folgen des Waldsterbens und des stetig ansteigenden Co²-Niveaus die Menschheit geradezu erschütterte; wagte Fleischer mit seinem SOYLENT GREEN so einen Blick in die Zukunft – und prophezeite nichts gutes. Dass er das Jahr 2022 für diesen Blick in die Kristallkugel auserwählt hat, erscheint besonders gewagt: immerhin liegen zwischen dem Produktionszeitraum des Films und dem fiktiven Szenario gerade einmal 50 Jahre.

Ganz unabhänig davon, ob es tatsächlich so schlecht bestellt ist um die regenerativen Fähigkeiten der Erde, hinterlässt SOYLENT GREEN nach wie vor einen bedenklichen Beigeschmack. Einen Eindruck, der sich über den Filmkontext hinaus manifestiert und zum Nachdenken anregt – was besonders gut in Szenen funktioniert, die damalige (und heutige) Selbstverständlichkeiten als wahre Jahres-Ereignisse zelebrieren. Ein frischer Apfel, ein Stückchen Lauch; ein saftiges Steak ? In SOYLENT GREEN sind derlei Artikel Luxusgüter, die nur von Höhergestellten erstanden werden können. Die geschickt eingefangenen Bilder von Straßenzügen und Wohnungsblöckne die vor Menschen überquellen; die aufwendigen Massenszenen auf SOYLENT-Ausgabeplätzen und die offenbar sehr restriktive Gesellschaftsstruktur, die die Grenzen zwischen arm und reich einmal mehr auseinanderdriften lässt – all das sind filmische perfekt inszenierte Elemente, die SOYLENT GREEN eine ganz besondere Atmosphäre verleihen. Zudem erhält man mit dem Polizisten Thorn (Charlton Heston) eine den Zuschauer durch die Szenerie leitende Hauptfigur, die selbst einer enormen Wandlung unterworfen ist – woraufhin man entsprechend mitfiebert, gerade zum Finale. Hier kann der Charakter des Thron immer mehr Sympathiepunkte für sich verbuchen und wird so zur wichtigsten Indentifikationsfigur des Films. Das sah zu Beginn des Films noch ganz anders aus: Thorn agierte hier als recht pietätloser Polizist, der gerne mal wertvolles von Tatorten mitgehen liess. Die Macht der Gewohnheit und seine Vorzüge durch seine höhere Stellung liessen ihn am ehesten für sich selbst handeln.

Doch dann kommt eben doch alles ganz anders. So zeigt eine der mitunter stärksten Szenen de Films das (freiwillige) Ableben seines langjährigen Partners – der eine Art Sterbeklinik aufsucht um zumindest die letzten 20 Minuten seines Lebens noch einmal genießen zu können. Ein Genuss, der aus der wiederbelebten Erinnerung rührt: als einer der wenigen älteren kennt er die alte Erde noch aus der Erinnerung. Das Aufeinandertreffen des filmischen ‚heute‘ (klinische Gefühlslosigkeit) und des ‚damals‘ (klassische Musik, die Erde in all ihrer natürlichen Pracht) sorgt so für einen absoluten Gänsehaut-Moment, der in Erinnerung bleiben wird. Doch so gut gefilmt, so zeitlos SOYLENT GREEN auch ausgelegt ist – ist auch ein Werk wie dieses nicht vor Schwächen gefeit. Die liegen vor allen in der Zeichnung der Welt begründet, die nicht wirklich in sich schlüssig wirkt – es bleiben zu viele Fragen offen, zu viele potentielle Themen unbehandelt. Das mag auch auf die vergleichsweise knappe Spielzeit zurückzuführen sein – doch ein wenig mehr hätte man hier durchaus erwarten können. So läuft alles auf der große, alles enthüllende Finale hinaus – doch wo bleiben in einer Welt wie dieser die Aufstände, die Kriminalität, die Korruption ? Immerhin, letztere wird kurz thematisiert – doch im großen und Ganzen wirkt die Welt aus SOYLENT GREEN noch viel zu harmlos, geregelt und kontrolliert. Dass die Regierung potentiellen Unruhen mit Waffengewalt entgegenkommt, wird leider nur teilweise ersichtlich – in einer Szene, in der riesige Bagger eingesetzt werden um die Massen in Schach zu halten. So könnte man vermuten, dass das SOYLENT auch als eine Art Kontrollmittel eingesetzt wird, um die Menschen noch tatenloser zu machen als sie ohnehin schon sind – doch dies führt uns bereits in den Bereich der Interpretation / Mutmaßnungen.

Fazit: SOYLENT GREEN kann zu recht als Kultfilm und Klassiker des Sci-Fi-Genres bezeichnet werden – seine Idee ist zeitlos, die Wirkungskraft ist nach wie vor gegeben. Eine gute Kameraführung, gute Kulissen, versierte Schauspielkunst und viele Massenszenen sorgen dafür, dass auch der technische Part zufriedenstellend ausfällt – ja, auch aus heutiger Sicht. Ein kleines Problem gibt es dann aber doch: dafür, dass der Film im Jahre 2022 angesiedelt ist, sieht die Welt immer noch verdächtig nach den guten alten 70er Jahren aus. Frisuren, Autos, Kleidung, Technik und Co – alles wirkt weitestgehend ’naturbelassen‘, damit verdammt altbacken und eben nicht visionär. Auch hier hätte man sich ruhig noch ein Stück weiter aus dem Fenster lehnen können. Aber sei es drum – SOYLENT GREEN sollte man gesehen haben.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Jahr 2022 – Die Überleben Wollen“ (1973)

  1. Ein Klassiker! Und doch bleibt Soylent Green aktuell denn…eine ähnliche Idee gab es auf komödiantischer Ebene mit Claude Zidis „Brust oder Keule“ mit einem Louis de Funès in Höchstform. ^^ Ich schließe mich in diesem Fall der Wertung an…8/10.

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