Metal-CD-Review: HEL – Das Atmen Der Erde (2012)

Land: Deutschland – Stil: Pagan / Black Metal

1. Wo Die Tannen Thronen
2. Wagemut
3. Von Reiter Und Flutross
4. Wanderer Im Nebelmeer
5. Komm Zurück
6. Am Grunde Der Unendlichkeit
7. Wyrd
8. So Wahrheit, Erkenne Mich
9. Jagdnacht
10. Eroberer
11. Träumers Melodie
12. Neun Gestade Tiefer

Eine mannigfaltige Metal-Symbiose aus Härte und Wohlklang.

Vorwort: HEL – das ist eine Deutsche Pagan Metal-Combo aus Lüdenscheid, die bereits im Jahre 1994 gegründet wurde. Bis dato haben sie zwei Demos, eine EP und drei vollwertige Alben veröffentlicht – und nun steht mit DAS ATMEN DER ERDE das vierte ins Haus. Man kann also von einem gewissen Maß an Erfahrung ausgehen, das sich die Bandmitglieder Valdr (Gitarre, Stimme, Texte), Skaldir (Gesang, Gitarre, Keyboards) und Hamar (Bass, Gesang, Texte) im Laufe der Jahre angeeignet haben. Dies gepaart mit der Tatsache, dass es bis zum vorliegenden Album immerhin 5 Jahre brauchte, lässt eigentlich nur auf eines schließen: auf ein verdammt durchdachtes, ausgefeiltes und in sich stimmiges Album. Das besondere: DAS ATMEN DER ERDE soll nicht nur Futter für puristische Pagan- oder Black Metaller bieten, sondern auch auf vielen anderen musikalischen Ebenen begeistern. Ob das den drei findigen, naturverliebten Musikern letztendlich zufriedenstellend gelingt ?

Kritik: Tatsächlich brauchen HEL nicht lange, um den Hörer mit ihren Kompositionen zu fesseln. Oder sollte man gar sagen, zu hypnotisieren ? Denn anders kann man den Eindruck, der sich aus der Verkostung des Openers WO DIE TANNEN THRONEN ergibt, kaum beschreiben. Wer erwartet, hier von einem aggressiv-schwarzmetallischen Dauerfeuer beschallt zu werden, wird entweder enttäuscht, oder aber reichlich überrascht sein. HEL widmen sich von der ersten Sekunde an einer tiefgreifenden, schier poetisch-erhabenen Stimmung – und pendeln mit dem Opener irgendwo zwischen den Klängen eines Bardengesangs, einer nächtlichen Lagerfeuermusik und einem Loblied auf die Natur. Neben der fantastischen Instrumentierung ist es vor allem der Leadsänger, der hier eine wahrlich denkwürdige Darbietung abliefert, und nachhaltig beeindruckt. Er erinnert einstweilen an die rar gesäten, wohlklingenden Klargesangs-Passagen der Genrekollegen von FJOERGYN – und sorgt für enorme atmosphärische Schübe, die das Klangbild noch weiter verfeinern. Dezente Backgroundgesänge, melancholische Riffs und eine große musikalische Perfektion bei einem ebenfalls hoch zuhaltendem Unterhaltungsniveau machen den Titel zu einem perfekten, keine Wünsche offen lassenden Opener.

Schreitet man voran zum zweiten Titel, der kurz und schlicht WAGEMUT lautet, so entdeckt man nun erstmals eine weitere, wenn nicht die essentielle Komponente der Musik HELs – die Gegenüberstellung von wohlklingenden Arrangements und Pagan-typischen Brachialklängen. So enden im Klargesang vorgetragene Strophen plötzlich mit schroff-aggressiven Vocals, woraufhin auch die Gitarren eine deutlich düsterere Präsenz zeigen und das Schlagzeug massiver einsetzt. Wie gut das im Falle von HEL funktioniert (und miteinander harmoniert), gleicht einem Geniestreich – und könnte gleichzeitig gar als aktuelle Referenz für das Genre angesehen werden. Weiter geht es MIT REITER UND FLUTROSS, bei dem vermehrt enorm melodische Komponente im Vordergrund stehen. In Verbindung mit dem abermals hypnotischen Klargesang, den stimmigen Backgroundgesängen und den poetisch geschickt in Szene gesetzten Lyrics ergibt sich so ein weiteres, herausragendes Stück – welches auch ganz ohne zusätzliche ‚Härte‘ funktioniert. Die gibt es indes mit WANDERER IM NEBELMEER kredenzt – hier dominieren von Anfang an düstere Töne, die vom versierten Gesang unterstützt werden. Es gilt überdies zu bemerken, dass die aggressiver vorgetragenen Textpassagen alles andere als übertrieben, aufgesetzt oder gar ‚belästigend‘ wirken. Nein, es gibt kein hysterisches Gekeife und kein unverständliches Grummeln – eine wahre Wohltat für die Ohren, denn einer gewissen Härte entbehren HEL dennoch nicht.

Der nächste Titel im Bunde ist KOMM ZURÜCK – und der beginnt sogleich mit einer antreibenden Instrumentierung mit einem stärkeren Fokus auf das Schlagzeug, nur um danach die ein oder andere Überraschung feilzubieten. Eine kurze Erzählpassage markiert den Höhepunkt, die Kraft aus der Stille schöpft um danach wieder geradezu explosiv durchzustarten. Tatsächlich: wie lang oder kurz ein Titel auch sein mag – in diesem Fall etwa fünfeinhalb Minuten – HEL sorgen stets für ein ansprechendes Maß an Unterhaltung und Abwechslung, nicht zuletzt durch die markanten Tempo- und Stimmungswechsel. AM GRUNDE DER UNENDLICHKEIT kombiniert wiederum verschiedene Elemente in einem besonderen Gesamtpaket. Eine grundsätzlich schnelle Instrumentierung dient als Grundlage für den Klargesang, doch auch in diesem Fall ist man auf ein gehobenes Maß an Abwechslung bedacht. Es scheint, als gäbe es keinen Einbruch in Bezug auf die Wirkungskraft und Einzigartigkeit der verschiedenen Titel zu vermelden – HEL bleiben auch zur Mitte des Albums verdammt stark. Sei es WYRD als knapp 7-minütige Symphonie der Gegensätze und einer extrem dichten Atmosphäre, SO WAHRHEIT ERKENNE MICH als melodisch-emotionale Auseinandersetzung oder JAGDNACHT mit dem signifikanten Wechselspiel der Stimmungen – Ideenlosigkeit sieht anders aus, und klingt vor allem anders.

Der abschließende Teil des Albums fährt noch einmal drei Titel auf, von denen EROBERER der erste ist. Würde die Instrumentierung nicht dagegen sprechen, wäre das Stück eine Art Ballade geworden – wunderbare Melodien, geschickte Riffs und Backgroundgesänge lassen die Komposition beinahe in höhere Sphären schweben. TRÄUMERS MELODIE ist eine eben solche, die eine ähnlich hypnotische Wirkung innehat wie schon der Opener. Durch die deutlich zurückgefahrene Härte zeigen sich HEL hier von einer weiteren Seite, die auch Nicht-Metal-Fans begeistern könnte würden sie auf diese Band aufmerksam. Das ist jedoch beileibe kein Negativkriterium – sondern ein Indiz für die Vielschichtigkeit der Band. Zum Abschluss gibt es noch das 12-minütige Opus NEUN GESTADE TIEFER, das alle Stärken der Band noch einmal kombiniert, und mehr. Sagenhafte Instrumentalpassagen, epische anmutende Gesänge und das ausklingende Pianospiel lassen keine Zweifel mehr zu: HEL sind mehr als eine Band, mit der man rechnen muss.

Fazit: Wer hätte das gedacht – HEL ist mit DAS ATMEN DER ERDE ein wahrer Geniestreich gelungen. Einer, der die Vorzüge verschiedener Genres kombiniert und einen in sich stimmigen, nachwirkenden Gesamteindruck hinterlässt. Es gilt, die musikalische Erhabenheit, die bedachten Kompositionen und die Texte auf sich wirken zu lassen – und das Album in seiner Gesamtheit zu genießen. Hier bekommt man etwas für sein Geld – ein starkes Album, dass sich alles andere als schnell abnutzen wird und einen hörbaren Nachhall hinterlässt.

Anspieltipps: WO DIE TANNEN THRONEN, KOMM ZURÜCK, AM GRUNDE DER UNENDLICHKEIT, EROBERER


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„Atmopsährisch, wuchtig – eine Empfehlung.“

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3 Gedanken zu “Metal-CD-Review: HEL – Das Atmen Der Erde (2012)

    1. Danke, es freut mich dass ihr den Weg hierher gefunden habt. Gänsehaut ? Dann sind wir in dieser Hinsicht wohl ‚quitt‘ – bei mir habt ihr es nämlich über die Musik geschafft 😉

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