Metal-CD-Review: LUCA TURILLIS RHAPSODY – Ascending To Infinity (2012)

Land: Italien – Stil: Symphonic Power Metal

1. Quantum X
2. Ascending To Infinity
3. Dante’s Inferno
4. Excalibur
5. Tormento E Passione
6. Dark Fate Of Atlantis
7. Luna
8. Clash Of The Titans
9. Of Michael The Archangel And Lucifers Fall

Luca Turilli auf dem (erneuten) Weg zur Genre-Krone ?

Vorwort: Wie sehnsüchtig wurde es erwartet – das neue Album des ehemaligen RHAPSODY OF FIRE-Masterminds Luca Turilli. Zwar lieferte der Italienische Songwriter, Komponist und Gitarrist schon früher teils grandiose Solo-Alben ab – doch im Jahre 2012 soll es mit ASCENDING TO INFINITY und einer neu gegründeten Bandformation noch einmal richtig krachen. Dass er dabei neuerdings auf das Namens-Anhängsel RHAPSODY zurückgreift, ist zwar etwas makaber – doch wenn jemand das Recht dazu hat, dann wohl Herr Turilli. So werden sich in Zukunft zwei Bands gegenüberstehen, die einst eine einzelne bildeten: LUCA TURILLIS RHAPSODY und die selbstverständlich noch immer existierenden RHAPSODY OF FIRE. Wer in diesem ungewöhnlichen Wettstreit um die Genre-Krone die Nase vorn haben wird, oder ob es gar beide Bandformationen schaffen, sie verdientermaßen zu teilen, werden die Jahre zeigen. Nun aber genießt aber erstmal Herr Turilli die volle Aufmerksamkeit – und sorgt für neues Symphonic Metal Futter; welches generelle Fans des Genres, Anhänger von RHAPSODY OF FIRE und nicht zuletzt Turilli’s Soloalben gleichermaßen beigeistern soll. Stichwort Symphonic Power Metal – dem aktuellen Wortschöpfungsprozess ist gleich noch ein weiterer Begriff entsprungen, der sich nun endgültig in der Musikwelt manifestieren soll: man spricht in Turilli’s Fall nun von einem bombastischen Cinematic Metal. Während einige Bands sich bereits darin versucht haben und relativ sang- und klanglos wieder verschwunden sind, ist es nun an LUCA TURILLIS RHAPSODY, zum Vorreiter des neuen Genres zu werden.

Aber auch die Konkurrenz schläft nicht, beziehungsweise hat die Jahre nicht im Tiefschlaf verbracht – so ist kürzlich eine bis vor einigen Jahren noch unbekannte Band namens PATHFINDER an die Spitze des Genres geschossen. Auch die verwenden eine eigens erdachte Genrekreation als Oberbegriff ihrer Musik: Dream Metal. Aber seien wir ehrlich: im Endeffekt ist es derselbe (epische, schnelle, abwechslungsreiche, komplexe, keyboardlastige) Symphonic Power Metal, von dem hier die Rede ist. Mit ihrem neuesten Werk 5TH ELEMENT haben die Polen alle Register gezogen – und auch auf Oliverdsw.Wordpress eine entsprechend sagenhafte Wertung eingefahren. Wie also wird sich Altmeister Turilli gegen die neue Konkurrenz behaupten ? Denn im Gegensatz zu den Kollegen von RHAPSODY OF FIRE kann man in diesem Fall schon eher von einer ‚echten‘ Konkurrenz, als von einem vergleichbaren Partner-Projekt sprechen. Sehen wir es uns an !

Kritik: ASCENDING TO INFINITY fährt mit einer Tracklist aus 9 Titeln auf – die im einzelnen jedoch vergleichsweise lang und komplex sind. Mit Ausnahme des Intros QUANTUM X, versteht sich – hier sind es zweieinhalb Minuten, die ausreichen müssen um die wahre Lust auf das Album zu erwecken. Die Überraschung ist nicht allzu groß: es gelingt, und zwar tadellos. Nach einigen verdächtig orientalisch anmutenden Klängen, einem merkwürdigen Synthie-Brett a’la DOL AMMAD und einer Hollywood-reifen Erzählereinspielung tauchen jene Elemente auf, die die Musik Turilli’s seit jeher auszeichnen: ein enormes Maß an kompositorischen Fähigkeiten, dem Hang zum Bombast und zur klassischen Inszenierung. Die schmetternden Chöre sorgen für eine wohlige Gänsehaut – etwas derart episches und dramatisches hat man lange nicht mehr auf einem Symphonic Metal-Album gehört. Gut auch, dass die himmlische Erhabenheit einer gewissen Düsterkeit weicht – und man ein entsprechendes Frösteln bei sich feststellen wird. Rumms – der Übergang zum Opener und Titeltrack ASCENDING TO INFINITY ward markiert. Hier hört man einen Luca Turilli, wie man ihn kennt und liebt: es ist dieser urtypische Gitarrensound, der sofort ins Ohr geht und einen einzigartigen Eindruck hinterlässt. Die erste mannigfaltige Überraschung folgt nun im ersten Eindruck des neuen Leadsängers, Alessandro Conti. Man wird schnell feststellen, dass es eine gute Wahl war, diesen talentierten Sänger zu verpflichten – er weiss die enorme Komplexität der Instrumentierung in sich aufzunehmen und die dazugehörigen Lyrics stimmig zu inszenieren. Überhaupt ist sein Spagat zwischen tieferen und immens hohen Lagen bemerkenswert, sowie auch das ständige ’switchen‘ vom Italienischen ins Englische, die Sprachen scheinen ineinander zu verfliessen. Die herzigen Männerchöre im Hintergrund sorgen für zusätzlichen Schmackes, die wahrhaftig meisterliche Produktion rundet den Gesamteindruck nach oben hin ab. Was für Laien nach einem musikalischen ‚Chaos‘ klingen mag, gleicht einem Meisterstück der schwermetallischen Komposition – diese 6 Minuten bieten ein Höchstmaß an Abwechslung und Vielschichtigkeit; die es durchaus erforderlich machen das Stück merhmals zu hören um in seinen vollen Genuss zu kommen.

Mit dem folgenden DANTES INFERNO wird gleich von Beginn an aus dem Vollen geschöpft – klassische Komponente sorgen für einen erhabenen musikalischen Energiefluss, der seinesgleichen sucht – und neben der etwas düsteren Gesamtaufmachung sorgen gerade der Mitsing- und Mitwipp Refrain und die schmetternden musikalischen Einspieler für eine angenehme Eingängigkeit. Das Ganze klingt verdammt episch und enorm ‚bedeutungsvoll‘ – im Gegensatz zu anderen Bands hat man hier kaum das Gefühl, als würde dieses Liedgut der tiefsten Klischeekiste entsprungen sein und allerlei belanglose Heldengeschichten erzählen. Lediglich auf die überlagerte Erzählstimme (2.15 – 2.25) hätte man vielleicht verzichten sollen – der Klangeindruck ist auch so schon vielfältig genug. EXCALIBUR ist nun der erste Titel, der in die Richtung der kurz erwähnten ‚himmlischen Erhabenheit‘ steuert und ein erhöhtes Maß an Eingängigkeit feilzubieten weiss. Bereits der klassische Anfang weckt Erinnerungen an gute alte RHAPSODY-Zeiten, danach allerdings hievt man das Ganze schnell auf eine bis dato unerreichte Ebene voller Glanz und Glorie. Ob nun Italienisch oder Englisch vorgetragen – die Übergänge erfolgen fliessend, und münden in einem sagenhaft wohlklingenden Refrain. Wahnsinn, zu was Leadsänger Alessandro Conti imstande ist – man fühlt sprichwortlich ‚mit‘ und genießt seine vielfältige Darbietung in vollen Zügen.  Spätere Arrangements weisen ebenfalls auf die (ehrenwerte !) Vergangenheit Turilli’s bei RHAPSODY und seinen Solo-Projekten hin – und definieren sich durch schmackige Chöre und wahnwitzige Gitarren- und Keyboardsoli.

Mit einem überraschenden TORMENTO E PASSIONE folgt sogleich der erste streng ‚traditionell‘ orientierte Titel, der gemäß der Titulierung ein größeres Italienisches Flair aufweist. Das heisst im Detail, dass neben der klassischen, weniger Metal-lastigen Instrumentierung ein in der Landessprache Turilli’s vorgetragenes Duett von Allessandro Conti und einer Dame (deren Name gerade nicht vorliegt) im Vordergrund steht. Für die nötige finale ‚Passform‘ sorgen dezente Bombast-Elemente und allerlei symphonische Spielereien im Hintergrund – insgesamt macht das Stück (in diesem Fall sollte man wahrhaftig von einem ‚Stück‘ sprechen) einen guten, und handwerklich ohnehin perfekten Eindruck. Jedoch wäre es verständlich, wenn nicht ein jeder Hörer diesen Titel zu seinen Lieblingsstücken zählen würde – es wird explizit klassisch, und durch die höhere Gewichtung der Lyrics, die in diesem Fall von den wenigsten (den Italienern unter uns) verstanden werden wird der Zugang noch zusätzlich erschwert. Ganz anders sieht es dann schon wieder im Falle des folgenden DARK FATE OF ATLANTIS aus, dass auch als Videosingle ausgekoppelt wurde. Wenngleich eine eher negative Kritik zum Video selbst bereits vorliegt, so kann der Song allein doch eine ausreichende Faszination entfachen. Und was für eine -man könnte sogar vorsichtig behaupten, dass es der beste; oder doch zumindest aussagekräftigste Titel des Albums ist. Somit haben Herr Turilli und Co. die absolut richtige Wahl getroffen, den Titel als Single zu veröffentlichen – der interessierte Hörer bekommt hier einen recht guten Eindruck von der Bandbreite der Band, und den vielschichtigen Elementen der Komposition. In diesem Titel werden so ziemlich alle Elemente vereint, die sonst über einzelne Titel verstreut werden: das knackige-unverwechselbare Gitarrenspiel, satte Chorelemente, eine apokalyptische Stimmung, eingängige Mitsing-Momente; und ein generell mannigfaltiger Eindruck des neuen Leadsängers. Wenn nur dieser stark nach orientalischen Einflüssen klingende Auftakt nicht wäre – die wehleidigen Frauengesänge und die weibliche Erzählstimme haben eher das Potential, gerade nicht zeitlos zu wirken. Sei es drum – eine starke Nummer.

Deutlich merkwürdiger wird es nun aber mit LUNA, dass ebenfalls ausschließlich aus Italienischen Gesängen besteht (mit Ausnahme einzelner Parts der Dame) und zudem einen stark jazzig-souligen Einfluss aufweist. Selbiges haben auch NIGHTWISH auf ihrem neuesten Album versucht – dazu kann man stehen wie man will, als ungewöhnliches, so noch nie gehörtes Experiment taugt das Ganze allemal. Doch insgesamt betrachtet hätte ein solches Stück, gerade nach einem ebenfalls sehr klassisch-traditionellen TORMENTO E PASSIONE (das weitaus mehr Turilli-typische Elemente aufweist), nicht unbedingt enthalten sein müssen. De facto bedeutet das: es sind nun schon 2 (von 9) Titeln, die puristische Metal-Fans weniger ansprechen werden. Auf jeden Fall macht es noch einmal vehement deutlich, über was für Fähigkeiten Allesandro Conti verfügt, den man genauso gut auf die klassische Bühne stellen könnte. CLASH OF THE TITANS ist dann wieder ein typischer Kracher, der vermehrt auf Metal-Elemente setzt und so mit einem angenehmen Druck durch die Boxen rauscht. Tolle Chor-Elemente, ein flotter Refrain und die typischen Spielereien an den Instrumenten sorgen für eine erhabene Stimmung. Gut auch, dass Allesandro Conti in den Strophen eine etwas gemäßigtere Schiene fährt, und der Titel so dem Progressive Metal entsprungen sein könnte – stellenweise. Der Finaltrack OF MICHAEL THE ARCHANGEL AND LUCIFERS FALL zieht mit einer beträchtlichen Laufzeit von 16 Minuten noch einmal alle Register, und ist damit das RHAPSODY-typische, abschließende Opus. Es gilt, sich zurückzulehnen, und die vielfältigen Eindrücke in sich aufzusaugen – auf dass das Liedgut seine volle Wirkung entfalten kann. Ein Wahnsinns-Track, der für ein beeindruckendes Finale sorgt und lange in Erinnerung bleiben wird, ohne Zweifel.

Fazit: Zwar ist ASCENDING TO INFINITY kein Album a’la PROPHET OF THE LAST ECLIPSE geworden, wie von einigen eingefleischten Turilli-Fans erhofft – aber vielleicht kann und sollte man so ein Album auch schlicht nicht wiederholen. Stattdessen macht ASCENDING TO INFINITY genau das, was die Titulierung verspricht: das Album steigt wahrhaftig in die unendlichen Sphären der Metal-Geschichte hinauf und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Und das ist Endeffekt sogar besser, als krampfhaft zu versuchen, direkt an alte (ebenfalls glorreiche) Zeiten anzuknüpfen. eine spürbare Erhabenheit und ‚Epicness‘ zeichnen auch den neuen Turilli aus – der mit ASCENDING TO INFINITY ein rundum gelungenes Metal-Werk abliefert. Ein verdammt abwechslungsreiches, satt produziertes, gut inszeniertes und handwerklich versiertes. Allerdings wird die zunehmend klassische Orientierung nicht jedem Metal-Fan zusagen – selbst wenn er dem Genre des Symphonic Metal generell offen gegenübersteht. Somit gilt, dass man nicht nur eine Bereitwilligkeit sich dem Genre hinzugeben mitbringen muss, sondern auch eine möglichst vorurteilsfreie Einstellung gegenüber der Italienischen Sprache, klassischen Gesangsduetten und Opern-artigen Intermezzi. Alles in allem weiss das Album zu überzeugen – doch es ist gewiss kein Album für Jedermann. Das ist positiv, da sich Turilli so seinen Platz als wahrer Ausnahme-Musiker sichert – aber auch leicht negativ, da seine früheren Arbeiten zumeist von einer deutlicheren Eingängigkeit und leichteren Zugänglichkeit gekennzeichnet waren; auch ohne dass auf musikalische Komplexität verzichtet werden musste. Belassen wird es dabei und kommen zu einem Fazit: ASCENDING TO INFINITY ist die Wahl, wenn es um einen etwas experimentelleren, klassisch orientierten Ansatz geht das Symphonic Metal-Genre zu interpretieren – PATHFINDERS 5TH ELEMENT ist (als Konkurrenzalbum) die Wahl, wenn man das Genre in einer etwas ‚puristischeren‘ Form genießen möchte. Beide haben aber eines gemein: einen nie dagewesenen gefühlte ‚Bombast‘ und eine musikalische Genialität, die ihresgleichen sucht. Wer die Wertungen vergleicht weiss, wem der Autor dieses Textes persönlich den Vorzug gibt – wenn auch nur knapp, und im Moment der Review-Schreibselei.

Ansspieltipps: ASCENDING TO INFINITY, DANTES INFERNO, EXCALIBUR, DARK FATE OF ATLANTIS

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