Filmkritik: „Extrem Laut Und Unglaublich Nah“ (2011)

Originaltitel: Extremely Loud And Incredibly Close
Regie: Stephen Daldry
Mit: Tom Hanks, Thomas Horn, Sandra Bullock u.a.
Laufzeit: 129 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 12
Genre: Drama

Mittendrin statt nur dabei ?

Inhalt: Der zehnjährige Oskar (Thomas Horn) lebt mit seinen Eltern in einer schicken Appartement-Wohnung inmitten der lebendigen Metropole New York. Wenngleich er beide gleichermaßen liebt, so pflegt er doch ein besonders gutes Verhältnis zu seinem Vater (Tom Hanks), der in ihm weitaus mehr sieht als ein unmündiges Kind. Ständig erdenkt er sich neue, interessante Aufgaben für seinen Sohn; der er so spielerisch fordert und fördert, und trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit in einer Großstadt auf so manches extravagante Abenteuer schickt. Doch das Schicksal sieht nicht vor, dass Oskar seine aktuelle Aufgabe, die Suche nach einem mysteriösen sechsten Bezirk New York’s, rechtzeitig und damit im Beisein des Vaters abschließen kann. Denn der hat am 11. September ein wichtiges geschäftliches Meeting im World Trade Center,und fällt wie viele andere im Gebäude eingeschlossenen einem schockierenden Anschlag zum Opfer. Oskar hat schwer mit dem Verlust zu kämpfen; das Verhältnis zu seiner Mutter (Sandra Bullock), die sich ebenfalls deutlich zurückzieht und verschließt, droht im Laufe der Zeit gar vollständig zu zerbrechen. Doch nach etwa einem Jahr in Trauer betritt Oskar erstmals wieder das Zimmer und den begehbaren Wandschrank des Vaters, in dem er durch einen Zufall auf eine Vase mit verhängnisvollen Inhalt trifft. Enthalten ist ein kleiner Schlüssel – und ein Name, der offenbar dazugehören scheint. Oskar glaubt, dass es sich hierbei um eine weitere, vielleicht die letzte Aufgabe seines Vaters handeln müsste, die ihn nicht nur ihm; sondern vielleicht auch der Wahrheit des Lebens ein Stückchen näher bringen könnte – und begibt sich auf die Suche.

Kritik: EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH lautet der etwas sperrige Titel eines Filmes, der sich – wenn auch indirekt – den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 zum Thema macht. Natürlich basiert auch dieses Werk auf einer entsprechenden Romanvorlage, in diesem Fall verfasst von Jonathan Safran Foers. Sofort stellt sich die Frage, ob ein solches Projekt im Sinne eines abendfüllenden, unterhaltsamen Dramas überhaupt gelingen kann – vielmehr aber noch, in welcher Richtung der Film letztendlich angesiedelt sein würde. Handelt es sich um ein dokumentarisch angehauchtes Tatsachenwerk mit dem Porträt schlimmer Leidensgeschichten, gar um den Versuch einer ‚Erforschung‘ der Hintergründe, welche zum Anschlag geführt haben könnten ? Oder handelt es sich um plumpes Hollywood-Sensationskino mit dem Bezug auf ein tatsächliches Ereignis, welches automatisch für reichlich Diskussions-Stoff sorgen würde ? Die Antwort lautet: weder noch. Regisseur Stephen Daldry (BILLY ELLIOT; THE HOURS) beweist mit EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH abermals ein Händchen für unkonventionelle Stoffe, an die sich viele Hollywood-Regisseure erst gar nicht trauen würden. So stützt er sich zwar auf das traumatische Ereignis vom 11. September und versucht sich an einer Art ‚Gedenken‘ für die Opfer – doch der Weg, den er dabei letztendlich einschlägt, weicht stark von dem Bild ab, welches man sich als Zuschauer vorab geformt haben könnte. Und diese Art der Überraschung, wenn man so will, ist ihm sichtlich gelungen.

Denn: sein Werk fungiert im Grunde als handfestes Coming-Of-Age-Drama, dass den Fokus genretypisch auf ein einzelnes Kind (hier: den 10-jährigen Oskar) legt, welches durch den Verlust des Vaters auch zum Opfer des Anschlages wird. Dementsprechend ist auch die Erzählweise strukturiert und inszeniert – man bekommt wieder Erwarten weder einen moralischen Zeigefinger, noch ein mitleidiges Opferporträt präsentiert. Die Ereignisse werden konsequent aus der (kindlichen) Sichtweise des 10-jährigen Jungen erzählt und bewertet, sodass man als Zuschauer ebenfalls angehalten wird, sich auf eben jene Ebene zu begeben – und die Geschehnisse weniger sachlich, sondern stattdessen emotional zu interpretieren. Dies gelingt dem Regisseur überraschend gut und stimmig, zumal er sich mit Oskar eine Figur erdacht hat, die gängige Klischees und Stereotypen problemlos zu überragen vermag. In der Tat liegt hier auch eine der größten Stärken des Regisseurs, die man bereits in einem kontrovers diskutierten Film wie BILLY ELLIOT begutachten konnte. Er hat ein Gespür für sensible, gesellschaftlich gern verdrängte Themen und Figuren, die etwas besonderes an sich haben – und weiss diese überaus sensibel und emotional in Szene zu setzen, ohne auch nur ansatzweise dem Voyeurismus zu verfallen.

So ist auch Oskar ein besonders Kind mit besonderen Fähigkeiten und einer potentiell nicht ‚alltagstauglichen‘ Sichtweise – wobei sich das Porträt aber stets in der Realität bewegt und zu keinem Zeitpunkt unglaubwürdig wirkt. Wie passend erscheint es da, dass man mit dem Nachwuchstalent Thomas Horn einen jungen Darsteller gefunden hat, der diese Rolle geradezu perfekt auszufüllen scheint – sodass man schnell ein bemerkenswertes Maß an Empathie für den Charakter und seine Geschichte entwickeln kann. Leider findet man den ersten Kritikpunkt allerdings schon im gleichen Atemzug – denn diese Attribuierungen treffen beinahe ausschließlich auf selbigen Hauptdarsteller und dessen Charakter zu. Zwar wirkt auch das Porträt der Eltern (als Charakterfiguren) stets glaubwürdig und nachvollziehbar, doch diese Rollen wurden schlichtweg falsch besetzt. Mit Sandra Bullock und Tom Hanks hat man zwar Könner ihres Fachs und gleichzeitig zwei riesige Namen mit ins Boot geholt – doch entsprechend künstlich und unnatürlich wirkt ihre Präsenz, die nicht sonderlich mit der eines gänzlich ‚frischen‘ Gesichts mit dem von Thomas Horn zu harmonieren scheint. Gerade Tom Hanks wirkt hier leicht überambitioniert, da er seine Rolle mit einer ganz ähnlichen ‚Kauzigkeit‘ spielt wie die in TERMINAL – sodass man eher den Eindruck eines verspielten, denn eines liebend-fürsorglichen Vaters erhält. Deutlich besser verhält es sich dagegen mit Max von Sydow als wortkargem Rentner mit rätselhaftem Hintergrund, und John Goodman als frechem Portier – ebenfalls zwei große Namen, die die Präsenz der eigentlichen Hauptfigur aber nicht derart einschränken und von ihr ablenken.

Grundsätzlich ist die Reise des Jungen spannend, und zeigt einen deutlich erfrischenden Weg auf, wie möglicherweise mit einem schweren Verlust umzugehen ist. Ebenfalls hervorzuheben ist, dass dieser Film sich nicht dem wahnsinnigen Vorhaben stellt, möglichst allen Opfern ‚gerecht‘ zu werden oder gar politische Fragen aufwirft. Es geht nach wie vor  um das Schicksal eines einzelnen Jungen, der so zum Abbild einer ganzen, neuen Generation an US-Bürgern wird, die nur insofern im Terror involviert sind, als dass sie mit ihm aus einer beobachtenden Position aufgewachsen sind. Eine entsprechende Wertung kann demzufolge nur in den Köpfen der Zuschauer selbst vorgenommen werden, sofern sie sich vom gezeigten inspirieren lassen. Doch die Reise des Jungen besteht längst nicht nur aus filmischen Glanz-Momenten. Spätestens als Daldry versucht, das elterliche Pflichtverhältnis der Mutter zu ihrem Sohn darzustellen, läuten die Alarmglocken. Wenngleich es gewagt und stellenweise sogar fantastisch gewesen wäre, Oskar allein (und damit im Sinne des Coming-Of-Age-Genres) losziehen zu lassen, so wirkt die letztendlich pseudo-moralische Herangehensweise mehr als unglaubwürdig und konstruiert. Und das ist gleichzeitig auch das Stichwort: EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH WAHR wirkt in sich nicht wirklich stimmig, und scheint vielmehr aus einigen (dafür aber gelungenen) Versatzstücken zu bestehen. Die Figur des Großvaters, grandios gespielt von Max von Sydow, bietet hier noch das größte Potential.

Doch auch hier gilt: angeschnitten wird vieles, wirklich zufriedenstellend porträtiert aber nur das wenigste. Wo Daldry ein ausserordentliches Gespür für das Porträt von Oskar beweist, so mangelt es ihm insgesamt an der Etablierung einer gewissen ‚Nähe‘ zum allgemeinen Geschehen. Vieles lässt den Zuschauer eher kalt als dass es ihn berührt; zumal die vermeintlich ‚emotionalsten‘ Momente explizit als solche gekennzeichnet werden und der Zuschauer eher die direkte Aufforderung erhält ‚bewegt‘ zu sein als dass sich potentielle Gefühlsausbrüche allein aufgrund der (bestenfalls subtilen) Bildsprache manifestierten. Denn dazu hätte man zweifelsohne die Gelegenheit gehabt: die Kameraführung ist überdurchschnittlich gut, die Wahl der Schauplätze gelungen, der Soundtrack stimmig und zumeist dezent-hintergründig. Andererseits liegen die Schwächen neuerlicher Hollywood-Filme nur noch allzu selten in diesen Bereichen – die Crux ist nach wie vor der Inhalt und dessen Präsentation.

Fazit: EXTREM LAU UND UNGLAUBLICH NAH ist eine grundsolide Drama-Verfilmung geworden, die gleichermaßen spannend, bewegend und handwerklich geschickt inszeniert wurde. Letztendlich fällt Daldrys Werk überraschend unpolitisch aus – was in erster Linie auf die Verwendung eines expliziten Ich-Erzählers (Oskar) zurückzuführen ist. Gerade dieses Element fungiert zugleich als stärkste Stütze des Films, die von Nachwuchstalent Thomas Horn zudem außerordentlich gut gespielt wird. Doch von einem ‚Meisterwerk‘ ist der Film weit entfernt – es fehlt an unkonventionell-ungekünstelten Ausbrüchen aus der Fassade der US-Gesellschaft, viele Stilmittel werden deutlich überstrapazierend eingesetzt, das Ende wirkt nicht gänzlich zufriedenstellend und etwas halbherzig. Auch die eigentliche Aussage kann zweifelsohne als ‚umstritten‘ bezeichnet werden – da diese im Grunde nur wenig mit den Anschlägen des 11. September zu tun hat und genauso gut in einem gänzlich differenzierten Kontext hätte stattfinden können. So verstärkt man die Wirkung entsprechend künstlich – und sorgt für ein größeres Publikum. Wie auch mit der in diesem Falle perfiden Werbung – so zieren Cover und Plakate stets nur die ‚großen‘ Namen von Sandra Bullock und Tom Hanks, was einer mittelgroßen Frechheit gleichkommt. Beide sind nicht nur von der Wichtigkeit und Präsenz ihrer Charaktere deutlich unter der von Thomas Horn als Oskar anzusiedeln – sondern auch im Hinblick auf die dargebotene Schauspielkunst. Hollywood bleibt eben Hollywood.

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5 Gedanken zu “Filmkritik: „Extrem Laut Und Unglaublich Nah“ (2011)

  1. Gleichwohl ich deine Kritik weitgehend teile, weiche ich in einigen Punkten von der Wertung ab, die bei mir zu einen insgesamt positiveren Ergebnis führt. Natürlich kommst du auch zu den Schluss, dass dies ein sehr sehenswerter Film ist, für mich ist es jedoch der beste, den ich seit langen gesehen habe. In folgenden Punkten weichen wir von einander ab.

    Die Besetzung der Erwachsenenrollen ist, meines Erachtens, mit einer Großartigkeit gelungen, wie sie seines Gleichen sucht. Tatsächlich spielen Sandra Bullock und Tom Hanks bravorös die zweite Geige, auf eine Art und Weise, wie man sie kaum anderen Hollywood-Größen abgenommen hätte. Bei „The Sixth Sense“ gelingt dies Bruce Willis nicht ganz so gut, wie den zwei Schauspielern hier. Es ist eine Wohltat, zu erfahren, wie sich zwei Hochkaräter so zurücknehmen können. Ich hatte weder den Eindruck der Unnatürlichkeit, Künstlichkeit ihrer Darbietung, geschweige denn Überambitionierung.

    Ist es nicht eher so, dass eine liebevolle Vaterrolle im Rahmen dieses Filmstoffes nur so gezeigt werden kann, um das „Band“ zwischen Vater und Sohn zu zeigen, welches durch den Terroranschlag, der auch, und das ist eine Stärke der Romanvorlage, jedwede andere Katastrophe sein können, was zerrissen wurde.

    Max von Sydow hat hier, meines Erachtens eine Parade-Rolle und spielt sie vortrefflich. Für ihn brauchte man nicht einmal einen Synchronsprecher 🙂 .

    Wer am Ende des Filmes, besonders in der Szene zwischen Mutter und Sohn, eine pseudo-moralische Herangehensweise erkennen will, den muss ich auf’s Schärfste widersprechen. Tatsächlich hebt sich, auch in diesen Bereich, Stephen Daldrys Werk wohltuend von sonstigen amerikanischen Filmen ab, besonders bezüglich des 11. September 2001, der schon für ganz andere Streifen missbraucht wurde (etwa: World Trade Center – Der Film). Das liegt daran, dass wie gesagt, hier die Katastrophe für den Jungen austauschbar wäre. Der Junge hätte genau so gut seinen Vater bei einen Autounfall verlieren können. Oskar wäre für sich zu den gleichen Ergebnis gekommen.

    Natürlich bezieht sich die Grundaussage des Filmes nur wenig auf den 11. September. Das soll sie auch nicht. War auch nicht das Ziel des Autors der Romanvorlage, da wie gesagt, die Terroranschläge nur als eines der auslösenden Momente dargestellt werden, die für Oskar zur Initialzündung werden.

    Was die Umsetzung der Romanvorlage angeht, ist die für mich immer dann gelungen, wenn dass, was im Film passiert, auch im Buch nicht unmöglich wäre. In sofern ist dies Daldry rundum gelungen. Er hat das Buch an den richtigen Stellen umgesetzt und an anderen richtigen Stellen entrümpelt. Tatsächlich ist die Umsetzung filmisch viel besser als das Buch. Beim Lesen hätten es gut und gerne weniger Handlungsstränge sein können, daran hätte der Autor gut getan. Dass Stephen Daldry eben nicht, das Buch in all seinen Facetten genommen hat, sondern sich auf die wichtigsten Handlungen konzentriert hatte, ist eine große Stärke dieses Filmes. So hätte ich mir tatsächlich den Roman gewünscht. Daher ist Daldry etwas ganz seltenes gelungen, bei mir als Vielleser den Eindruck eines besseren Filmes als der Vorlage zu hinterlassen.

    Einig sind wir uns wieder mit der Werbemasche, die zu diesen Film betreiben wurde. Zwar ziert das Gesicht Thomas Horns das Cover und die Plakate, aber eben nicht dessen Namen, gleichwohl er es verdient hätte. Thomas Horn hätte hier mehr verdient, denn seine Leistungen sind in jeder Hinsicht großartig.

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    1. Absolut akzeptiert ! Kann Deinen Standpunkt sehr gut nachvollziehen und somit auch verstehen, dass Du dem Film eine höhere Wertung vergeben hättest. Auch der Vergleich mit dem Buch ist natürlich interessant, habe es selbst nicht gelesen. Ist aber tatsächlich äusserst rar dass eine Verfilmung besser abschneidet !

      Welche Wertung würdest Du dem Film denn geben, natürlich nur wenn Du Dich festlegen kannst ? Nehme sie dann oben mit auf, jede (so ausführlich begründete) Meinung zählt ! 🙂

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      1. Wenn ich mich festlegen soll und das tue ich äußerst ungern, da das rein subjektives Empfinden ist und jeder sowohl Roman als auch Buch (daran scheiden sich die Geister – schau mal auf Amazon) anders sieht, komme ich zu einer Wertung von 9 Punkten für den Film und das auch nur, weil ich Luft nach Oben lassen will.

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