Metal-CD-Review: REINXEED – 1912 (2011)

Land: Schweden – Stil: Melodic Power Metal

1. 1912
2. The Final Hour
3. Terror Has Begun
4. Spirit Lives On
5. Through The Fire
6. The Fall Of Man
7. The Voyage
8. We Must Go Faster
9. Challenge The Storm
10. Reach For The Sky
11. Farewell
12. Lost At Sea

‚Übertreibung‘ ist ein Wort, dass diese Schweden nicht kennen.

Vorwort: Kaum eine andere Band ist in eingeschworenen Metal-Kreisen so umstritten wie die Schwedische Power Metal-Combo REINXEED. Das melodische Quintett um Frontmann Tommy Johansson verkörpert im Grunde all das, was von nicht wenigen Hörern gern als ‚belangloser‘ und ‚übertriebener Kitsch‘ eingestuft wird. Und tatsächlich, während sich anderswo mehr in Zurückhaltung geübt wird; darf es bei REINXEED gern und stets ein wenig ‚mehr‘ sein. Ein wenig mehr von allem – in erster Linie macht sich das an süffig-süßen Keyboardpassagen, superschnellen Drums mit Doublebass-Dauerbefeuerung und allerlei Samples aus der ‚Konserve‘ bemerkbar. Und, nicht zuletzt an Frontmann Tommy Johansson, der sein Stimmorgan stets bis auf das äußerste zu strapazieren weiss und dabei so manch extreme, die Boxenmembran zu zerreissen drohende Stimmlage erreicht. Hinzu kommt eine in diesem Sinne treffende optische Erscheinung, mancherlei plump produziertes Musikvideo – und fertig ist die Metalband aus der Konserve, welche im Fahrwasser von Bands wie SONATA ARCTICA, RHAPSODY OF FIRE, STRATOVARIUS oder DRAGONFORCE mitschwimmt. Jedoch muss man sich, auch in Anbetracht ihres weltweiten Erfolges, durchaus die Frage stellen, ob nicht vielleicht doch ‚mehr‘ hinter dem Projekt REINXEED (sowie auch der mit REINXEED in naher Verbindung stehenden Combo GOLDEN RESURRECTION) steckt. Schließlich veröffentlicht die Band mit 1912 schon ihr viertes Album – das vierte innerhalb von gerade einmal 4 Jahren. Tatsächlich entstanden REINXEED schon im Jahre 2000, doch bis es zur aktuellen ‚1-Release-pro-Jahr‘ Situation kam, musste erst einige Zeit ins Land gehen.

Kritik: Nun, was fällt dem geneigten Hörer an einem Album wie 1912 wohl zuerst auf ? Richtig, es ist in der Tat selbige Jahreszahl und das dazu entstandene Front-Cover, welches keinen Zweifel dran lässt dass REINXEED ein Konzeptalbum über die Geschichte der Titanic (!) kreiert haben. Dazu kann man stehen wie man will; in jedem Fall handelt es sich um ein regelrechtes Novum in Metal-Kreisen – sodass man den Schweden schon einmal keine Ideenlosigkeit oder Mutlosigkeit unterstellen kann. Zumindest nicht, was das ‚Konzept angeht – ob dies auch für die Musik gilt, soll an dieser Stelle noch festgestellt werden. Das 12 Titel starke Album beginnt sogleich mit dem Opener und Titeltrack 1912, einer flotten Melodic Metal-Nummer mit reichlich Melodie und einigen (wenn auch besonders künstlich klingenden) symphonischen Anleihen. Wer die bisherigen Alben der Band gehört hat, wird hier gewiss nichts weltbewegendes vorfinden – stattdessen wird man wie gewohnt relativ schnell von der allgemeinen Eingängigkeit des Liedguts in den Bann gezogen. Wenngleich der instrumentale Part gewiss nicht als musikalische Offenbarung zu bezeichnen ist, gesellt sich schnell ein anderes, deutlich expliziteres Problem in die Reihe der Kritikpunkte: der Gesang von Tommy Johansson. Nicht nur, dass er wahrlich ‚ultrahoch‘ ist und durch ständige Power-Screams zusätzliche hochfrequent-quietschende ‚Explosionen‘ erzeugt, es wird besonders deutlich dass Mr. Johannson in so manch hoher Lage alles andere als brilliert. Es scheint, als würde das Konzept schlicht durchgezogen – komme was wolle, egal wie es (stellenweise) klingt. Aber was soll man machen – dieser Aspekt gehört zu REINXEED wie die Butter zum Brot; pardon, die Keyboards zu einem jeden REINXEED-Instrumental.

So geht man auch in THE FINAL HOUR kaum andere Wege, sondern kloppt stattdessen erneut ordentlich auf alles, was der Aufnahmeraum an Instrumenten hergegeben hat – wobei ein Großteil aus der Konserve stammt. Tatsächlich ist es manchmal gar nicht so leicht jede einzelne Tonspur / jedes Instrument (ob ‚echt‘ oder nicht) herauszuhören, beziehungsweise das musikalische Durcheinander zu ‚entschlüsseln‘. Das schnelle Tempo und die generell etwas ‚überladen‘ wirkenden Songstrukturen helfen da beileibe nicht – sondern lassen einen relativ klebrigen, kitschigen Einheitsbrei entstehen. Wirklich ‚erhellende‘ Momente (der Stille, des pompösen) bleiben aus, sodass lediglich der Refrain als Orientierung herhalten kann – doch auch der ist viel zu gewöhnlich und unspektakulär, als dass er Begeisterungsstürme auslösen könnte. Es erklingt TERROR HAS BEGUN, ein Stück, welches überraschenderweise stark an das Schaffen von SABATON erinnert. Einen Unterschied allerdings gibt es, der sicherlich nicht überraschend kommt: das Tempo. So geht der ‚militärisch-erhabene‘ Anspruch der Vorlage flöten, und REINXEED lassen ein jegliches (wenn auch abgekupfertes) Potential in einem See aus Kitsch zerfließen. Überhaupt klingt gerade das (ununterbrochen schnelle) Drumming alles andere als natürlich oder organisch – genauso gut hätte man einem Drumcomputer die Arbeit überlassen können.

Sicher, einige nette Soli werden auf 1912 präsentiert – doch fällt es reichlich schwer, diese den völlig überladenen Strukturen zu entnehmen. Das ist auch der Fall im folgenden SPIRIT LIVES ON, welches nun zweifelsohne stark an DRAGONFORCE erinnert. Abermals ein Problem: die mehr und mehr ’scheppernd‘ wirkenden Drums, die dem Hörer einfach keine Ruhepause gönnen und es schlicht verhindern, dass wirklich einmalige Song-Höhepunkte entstehen können. Diese Form des Drummings ist in etwa vergleichbar mit den früheren DRAGONFORCE-Alben, mehr noch aber mit dem Debüt von POWER QUEST – Hauptsache ein Dauerfeuer abfackeln; unabhängig von Rhythmik, Anspruch oder (produktionstechnischer) Qualität. THROUGH THE FIRE erleidet ein ähnliches Schicksal, gerade gegen Mitte des Albums wird es vermehrt schwer, die einzelnen Titel (besonders im Nachhinein) auseinanderzuhalten. Sie gleichen sich schlicht zu sehr und lassen ein gewisses Maß an Eigenständigkeit vermissen. Auch die Tatsache, dass es keine wirklichen Interludes oder überleitende Erzählparts gibt (das hätte sich auf einem Album wie diesem doch sicherlich angeboten) macht es zusätzlich schwer, den ‚Brei‘ portionsweise zu verköstigen. Vielmehr läuft man ständig Gefahr, sich zu verschlucken – was sicherlich Schade ist in Anbetracht von potentiell hochkarätigen Titeln wie THE FALL OF MAN. Hier kann die Band erstmals mit einem etwas stärkeren, nicht ganz so künstlich klingenden Beginn aufwarten, verzettelt sich danach aber auch wieder allzu schnell in hektischen Drumpassagen und disharmonischen Kopfschmerz-Arrangements.

Mit THE VOYAGE kommt nun das zum Tragen, was das Album die ganze Zeit nicht bieten konnte: Atmosphäre. Endlich nimmt man sich ausgiebig Zeit für ein sich langsam entfaltendes Intro, bevor der volle Instrumentaleinsatz erst nach etwa einer Minute entfesselt wird. Und auch dann klingt der Titel noch vergleichsweise ‚harmlos‘ im Vergleich zu den vorherigen – positiv zu bewerten ist das zurückgefahrene Tempo, die zurückgestellte musikalische Penetranz, die etwas tiefere Stimmlage von Mr. Johansson in den Strophen, sowie die gesteigerte Melodie-Verliebtheit. Ärgerlich nur, dass auf etwas merkwürdige Stimm-Experimente nicht verzichtet wurde – und so gerade die ‚Chorpassagen‘ und der Refrain recht makaber wirken. WE MUST GO FASTER ist ebenfalls eines der erträglicheren Stücke des Albums, und glicht nach dem komplett überfrachteten Auftakt einer kleinen musikalischen Offenbarung. So lassen sich REINXEED hören – indem man weniger auf ein anhaltendes Tempo, als vielmehr auf instrumentale Abwechslung, die ein oder andere ’stillere‘ Passage und eine ausgewogene Mischung von tieferen und höheren Gesangslagen setzt. Auch der Refrain setzt sich schnell in den Gehörgängen fest, eine Extraportion Melodie rundet das Ganze ab.

Tatsächlich nimmt die Qualität von 1912 im weiteren Verlauf bedeutend zu, offenbar hat man sich die stärkeren Nummern bewusst für einen späteren Zeitpunkt aufgehoben. Denn auch das folgende CHALLENGE THE STORM weiss zu überzeugen, wenngleich es sich um eine Nummer mit recht penetrantem Drum-Part handelt. Doch stellenweise werden gar Erinnerungen an frühere Zeiten von AVANTASIA wach – sofern man gerne, oder auch frevelhafterweise einmal soweit ausholen möchte. Interessant verhält es sich auch mit einer Nummer wie REACH FOR THE SKY, welche klischeehafter nicht hätte inszeniert werden können. Aus irgendeinem Grund jedoch macht diese Nummer – trotz unglaublicher Gesangshöhen und Highspeed-Drumming – mehr Spaß als die ersten 5 Titel des Albums zusammen. Die Laufzeit geht mit knapp 4 Minuten in Ordnung, der Sound und die Spielfreude erinnern hier verstärkt an frühere REINXEED-Alben. Und der Refrain ist sogar richtig gut – wäre der Gesang etwas gemäßigter (in der Tat ist vom Gesang die Rede) ausgefallen, wäre er vielleicht sogar perfekt. Man kann wohl behaupten, dass sich das Blatt für REINXEED wieder teilweise wendet, wenn sie richtig abdrehen – und einen Titel wie diesen hier abliefern. Bleiben noch FAREWELL – eine grundsolide, insgesamt angenehme Melodic Metal Nummer – und das stark atmosphärische Outro LOST AT THE SEA, welches als Soundtrack-taugliches Zwischenspiel voller Übersee-Atmosphäre leider viel zu spät kommt.

Fazit: In der Tat sollte man einigermaßen Stress-Resistent sein, um 1912 einigermaßen genießen zu können. Wem DRAGONFORCE ‚zu schnell‘, RHAPSODY OF FIRE ‚zu überladen‘ und STRATOVARIUS ‚zu keyboardlastig‘ sind, der wird auch oder gerade mit REINXEED arge Probleme haben. Und er wird der Tatsache, dass mit dem Themenkomplex der Titanic mal ein etwas anderer Inhalt präsentiert wird, relativ unbeeindruckt gegenüberstehen. Schließlich werden selbige Inhalte und Emotionen zumeist kaum mit Gefühl oder einem sinnigen Gespür transportiert, sondern mit der guten alten Holzhammer-Methode. Rasant-schnell, ultra-überladen und beinahe jaulend-hoch gesungen – das sind REINXEED, eine Band; die dennoch in vereinzelten Momenten Spaß macht und eine gewisse Ambition und Liebe zur Musik nicht vermissen lässt. Wer mit Kitsch und der übertriebenen Ausreizung aller den Power Metal kennzeichnenden Elemente kein Problem hat, der sollte definitiv mal Probehören.

Anspieltipps: THE VOYAGE, WE MUST GO FASTER, REACH FOR THE SKY

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