Filmkritik: „The End Of Evangelion“ (1997)

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Originaltitel: Shin Seiki Evangelion Gekijō-ban
Regie: Hideaki Anno
Mit: /
Land: Japan
Laufzeit: ca. 87 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Science Fiction, Action, Drama
Tags: Evangelion | Alternatives Ende | Nacherzählung | Sequel

Hideaki Anno schießt den Vogel ab.

Inhalt: Noch während der Ereignisse der TV-Serie (Folge 24+, siehe Rezension) spitzt sich die Lage im NERV-Hauptquartier zu – der Konflikt zwischen Kommandant Gendo Ikari und der geheimen, offenbar alles aus dem Hintergrund kontrollierenden Organisation SEELE erreicht eine kritische Phase. Da SEELE verhindern will, dass der eigensinnige Gendo seine persönliche Version des womöglich alles vernichtenden Third Impact auslöst, entsendet man schwer bewaffnete Truppen gen Hauptquartier – und befiehlt, alle Piloten der EVA’s zu eliminieren. Da die Basis nur für den Kampf gegen die Engel ausgelegt ist; die nunmehr alle besiegt wurden – hat sie der nun allzu menschlichen Macht kaum etwas entgegenzusetzen. Die Basis fällt, während die jugendlichen Piloten der EVA’s getrennt werden und in ständiger Lebensgefahr schweben. Doch es scheint, als seien noch weitere Mächte im Spiel, die dem jungen EVA-Piloten Shinji eine alles entscheidende Rolle zuweisen. Das Schicksal der Menschheit liegt fortan in seinen Händen…

Kritik: Was dann noch alles passiert, lässt sich indes kaum in adäquate Worte fassen. Tatsächlich ist es Hideaki Anno, dem Erfinder und Regisseur von NEON GENESIS EVANGELION gelungen, die Wirkungskraft seiner gerade einmal zwei Jahre älteren TV-Serie noch zu toppen. Und das auf so gut wie allen Ebenen – der filmisch-inszenatorischen, der erzählerischen, der technischen (Zeichnungen, Animationen, Soundtrack); und vor allem der interpretativen. Mit THE END OF EVANGELION bekommt der Zuschauer ein wahres Feuerwerk vorgesetzt – ein Feuerwerk aus komplexen, fantastisch-mystischen Inhalten, die weit mehr sind als bloße Science Fiction. Im Gegensatz zur TV-Serie setzt er in diesem Fall jedoch mehr auf die Möglichkeiten des Films, das heißt; einer expliziteren Ausführung der ehemals nur kryptisch dargestellten Szenen während des alles entscheidenden Third Impacts (der das Ende der Welt bedeuten würde). Und das ist nur gut so – schließlich ist der Film nicht als unabhängiges Werk zu verstehen, sondern als sinnige Ergänzung zur TV-Serie.

Die Folge: nicht-Kenner der TV-Serie werden in Anbetracht eines pompösen Werkes wie THE END OF EVANGELION auf einem merklich verlorenen Posten stehen und sich mit einer Vielzahl von verständnisrelevanten Prämissen konfrontiert sehen. Jedoch ist der Film auch nicht für jene Zuschauer gedacht, die einen schnellen Einstieg in das EVA-Universum suchen. Diese sollten nach wie vor mit der eigentlichen Serie aus dem Jahre 1995, oder aber mit den Mangas beginnen. Alle anderen erwartet mit dem 1997’er Film dagegen ein Schmankerl der besonderen Art. Schließlich ist EOE nicht grundlos entstanden – sondern eher, da viele Fans mit dem Ende der TV-Serie unzufrieden waren und wohl auch Hideaki Anno selbst noch etwas hinzufügen wollte. So hat er kurzerhand – und zur Freude vieler – eine neue Version des apokalyptischen Endes der Serie entworfen. Das Besondere: zwar könnte man den Film als quasi-Ersatz für die Folgen 25 und 26 der TV-Serie betrachten – doch THE END OF EVANGELION ist interessanterweise derart anders und auf seine Weise einzigartig geworden, dass man ihn direkt im Anschluss an die komplette Serie ansehen kann. Ganz ohne, dass sich Inhalte markant wiederholen würden. Deshalb gilt: weder sind die Folgen 25 und 26 der Originalserie auszulassen, noch ist der Film als Konkurrenz zu eben selbigen zu sehen.

Denn die Unterschiede sind größtenteils gravierend. Während die TV-Serie sehr stark auf den inneren Konflikt der Protagonisten (allen voran denen von Shinji und Asuka) fokussiert war, nimmt sich Altmeister Anno nun der etwas actionreicheren Komponente von EVANGELION an und zeigt all jenes, was tatsächlich während der inneren Auseinandersetzungen und Monologe der EVA-Piloten passiert sein könnte. Im Detail sind das die Ereignisse im NERV-Hauptquartier, das ewige Bestreben von SEELE, den Third Impact möglichst kontrolliert stattfinden zu lassen; sowie die Bemühungen einzelner, Shinji davon zu überzeugen den ‚richtigen‘ Weg zu wählen. Sicher, das (an dieser Stelle nicht zu verratene) Endergebnis ist grundsätzlich dasselbe – doch ein derart wundervoll inszeniertes, zeitlos-bewegendes Finale wie in THE END OF EVANGELION sieht man im allgemeinen eher selten. Hier wird wahrlich alles aufgefahren, was die technischen und erzählerischen Möglichkeiten hergeben – stellenweise droht ein visueller (und vor allem symbolischer) ‚Overload‘, der von der melancholisch-atmosphärischen Musik konterkariert wird und dem Zuschauer so doch noch genügend Raum für Interpretationen lässt. Und gerade derer werden es nicht wenige sein, gelangt man erst einmal zum Abspann des Films – NEON GENESIS EVANGELION wird nicht von ungefähr als einer der komplexesten, gewagtesten, innovativsten und schlicht bewegendsten Animes aller Zeiten bezeichnet.

Umso besser ist es da, dass der Film an diesen Eindruck nicht nur anschließt, sondern ihn noch auf ein unglaublich viel höheres Niveau hievt – und Zuschauer aller Nationalitäten sprachlos macht; sprachlos machen wird. Sicher, eine gewisse Faszination für das EVA-Universum beziehungsweise die Bereitschaft sich nicht nur unterhalten, sondern durch und durch inspirieren zu lassen sollte man schon mitbringen, um in den vollen Genuss des Films zu kommen. Doch auch ohne diese Zusatz-Voraussetzung ist THE END OF EVANGELION über jeden Zweifel erhaben. Die Zeichnungen sehen hervorragend aus, die Animationen sind flüssig, das Design der Charaktere, der Evangelions und der ‚übernatürlichen‘ Elemente ist zeitlos und stimmig, die erzählerische Dichte ist beeindruckend. Zahlreiche, packend inszenierte Actionszenen sorgen für den nötigen Fluss, wobei dem Film niemals der Eindruck des endzeitlichen, des apokalyptischen abhanden kommt. Immer hat man das Gefühl, als sei alles was hier geschieht, von enormer Bedeutung. Auch einige Realfilm-Szenen kommen zum Einsatz – die tauchen zwar selten auf, sorgen in Verbindung mit bekannten Klassik-Musikstücken aber für eine ungeheure, über den Kontext des Anime-Genres hinausreichende Wirkung. Hinzu kommt eine kraftvolle Soundkulisse sowie ein bemerkenswerter Soundtrack – hier wird man in jeder Hinsicht ein rundes, mehr als zufriedenstellendes Gesamtpaket vorfinden.

Fazit: Auch nach dem Genuss von THE END OF EVANGELION kann man noch lange nicht behaupten, dass ‚alles einen Sinn ergibt‘ – doch mit Sicherheit wird man um einige Quäntchen schlauer sein, was den überaus komplexen Mikrokosmos des NEON GENESIS EVANGELION-Franchise angeht. Der Film ist nicht nur außergewöhnlich gut gemacht und bringt alle Stärken mit, die ein guter Anime haben sollte – sondern überzeugt vor allem anhand der inhaltlichen Ebene und den schier wahnwitzigen visuellen Ausführungen der Ereignisse vor, während und nach des Third Impacts. Kann all das überhaupt noch von dieser (schnöden) Welt sein ? Es kann, wenn es von einem gewissen Hideaki Anno kommt. Für Fans der Serie ein Muss – und für alle, die es noch werden wollen – THE END OF EVANGELION ist nicht weniger als einer der besten Animes aller Zeiten.

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„Ein Meisterwerk durch und durch.“

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