Filmkritik: „Das Waisenhaus“ (2007)

Originaltitel: El Orfanato
Regisseur: Juan Antonio Bayona
Mit: Belen Rueda, Fernando Cayo, Roger Príncep
Laufzeit: 105 Minuten
Land: Spanien, Mexiko
FSK: Ab 16
Genre: Horror

Im Waisenhaus sind die Geister los.

Inhalt: Laura (Belén Rueda) war einst ein Waisenkind, welches in einem ländlichen Waisenhaus aufgewachsen ist und letztendlich doch noch zu denjenigen Glücklichen gehörte, die von einer Familie adoptiert wurden. Jahre später und als verheiratete Frau entschließt sie sich, zu ihrem einstigen Zuhause zurückzukehren – das Waisenhaus stand nunmehr für viele Jahre leer. Begleitet wird sie von ihrem Mann Carlos (Fernando Cavo) und ihrem 6 Jahre alten Sohn Simón (Roger Príncep) sowie einem gemeinsamen Plan: die Familie möchte das Waisenhaus wieder aufleben lassen, indem sie schwer kranke Kinder aus der Umgebung ein neues Zuhause bieten. Simón, der Sohn der Familie, versucht indes sich an sein neues, aufregendes Zuhause zu gewöhnen – doch die einzigen Freunde, die er hier findet, stellen sich als imaginäre heraus. Seine Eltern schreiben dies der normalen Eingewöhnungsphase zu, die jedes Kind bei einem Umzug durchlebt. Doch spätestens als Tomás (Óscar Casas), einer von Simón’s vermeintlich imaginären Freunden, auch Laura erscheint wird klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Bald darauf verschwindet Simón, und Laura realisiert, dass all die Ereignisse der letzten Zeit, und sogar die ihrer eigenen Kindheit, miteinander in Verbindung stehen könnten.

Kritik: DAS WAISENHAUS ist der neue, von Fantasy-Regisseur und Produzent Guillermo Del Toro produzierte Film, der jüngst mit einer Genre-verwandten Produktion für Aufsehen sorgte – PANS LABYRINTH. Wie bei dem ungewöhnlichen 2006’er Fantasy-Horror-Streifen mit relevantem Coming-Of-Age Bezug vor gleichsam bedrohlicher (Kriegsgeschehen) und fantastischer Kulisse,versucht man nun auch in DAS WAISENHAUS verschiedene Genre-Einflüsse miteinander zu verweben – in erster Linie um dem Horror-Genre eine gänzlich neue Seite abzugewinnen. Und in der Tat gelingt das vortrefflich – im Falle vom nun vorliegenden Blockbuster DAS WAISENHAUS sogar noch ein stückweit mehr und auffälliger als in PANS LABYRINTH. Und das, obwohl die zugrundeliegende Geschichte als alles andere als ’neu‘ oder innovativ bezeichnet werden kann…

Denn: abermals dient ein möglichst schauriges, verlassenes Waisenhaus mit zwielichtiger Vergangenheit als Schauplatz, in das eine möglichst glückliche und gewöhnliche Familie einzieht. Was sich aus dieser simplen Voraussetzung entwickeln würde, ist dabei sogar mehr als abzusehen: Ereignisse und Personen aus der (noch nicht abgeschlossenen) Vergangenheit haben sich auf seltsame Weise in dem alten Gebäude manifestiert, und versuchen mit den neuen Bewohnern Kontakt aufzunehmen. Natürlich wird dabei kaum ein Klischee ausgelassen, sodass sich besonders die ersten ‚Kontaktversuche‘ jenseits von gut und böse bewegen und man als Zuschauer kaum erahnen kann, welche Mächte hier ihre Finger im Spiel haben könnten – das gute alte Horrorfilm-Prinzip lässt Grüßen.

Und überhaupt erinnert DAS WAISENHAUS in vielen der anfänglichen Momente stark an DARKNESS von Jaume Balagueró, in dem eine junge Familie mit Kindern ebenfalls ein sich als ‚gefährlich‘ herausstellendes Haus bezieht und im weiteren Verlauf eine dunkle Familiengeschichte aufdeckt. Doch DAS WAISENHAUS hat seine Stärken weder in der Geschichte noch in der Charakterzeichnung – vielmehr in der einzigartigen Atmosphäre und der unendlichen Liebe zum Detail. Tatsächlich haben alle Beteiligten großartiges geleistet und das absolute Maximum aus der ihnen zur Verfügung stehenden Vorlage gemacht, was DAS WAISENHAUS zu einem Horrorfilm mit besonderem Fantasy- und Drama-Anstrich macht, mit dem man rechnen muss.

Es beginnt bereits mit den Eröffnungsszenen, der Ankunft der Familie in ihrem neuen Domizil, der sich langsam abzeichnenden Gefahr, der Suche nach dem plötzlich verschwundenen Simón – und zieht sich über die sinnige Verknüpfen der damaligen Ereignisse mit den heutigen, längst vergessen geglaubten Geschichten und einem ‚höheren Sinn‘ für Gerechtigkeit und Aufklärung. Immer an des Zuschauers Seite: ein verdächtig mulmiges, unsicheres Gefühl; welches aus der dichten Atmosphäre des Films hervorgeht und ihn kaum mehr loslassen wird. Dieses ‚Fesseln‘ geschieht dabei zumeist in einer angenehm subtilen Art und Weise – zu aufdringliche oder künstlich wirkende Szenen und /oder Schockeffekte gibt es kaum.

Mit Ausnahme einiger wenigen, dafür umso ärgerlicheren Szenen; wie die in der ein Sozialarbeiter von einem Auto überrollt wird – das wirkt plump und dient nur allzu offensichtlich der Wahrheits-Verschleierung, der Hinauszögerung bis zum großen Finale des Films. Ebenso mysteriös und merkwürdig, doch ein generelles Problem von Horrorfilmen mit ‚Geistern‘: warum findet die Kontaktaufnahme auch hier unter einer Ägide des Grauens, der Schmerzen und des Schreckens statt; nur damit sich am Ende eventuell (oder ziemlich sicher) herausstellt, dass die ‚Geistwesen‘ es vielleicht doch gar nicht so meinten ? Sei es drum, es gilt, beide Daumen besonders für den technischen Part des Films hoch zuhalten. Die großartige Kameraführung, die Szenenwahl und -Gestaltung, der düstere  Soundtrack – alles bewegt sich auf einem hohen, mehr als zufriedenstellenden Niveau. Zudem sorgen gerade Darsteller wie Belen Rueda als Mutter für Oscar-verdächtige Auftritte.

Fazit: DAS WAISENHAUS ist ein überraschend simpler, überraschend gelungener Horrorfilm der neueren Zeit. Sicher ist, dass man keine allzu innovative Geschichte oder bahnbrechende Ideen erwarten sollte – sondern stattdessen ein besonderes Geschick, ein besonderes Gespür aller Beteiligten, das absolut beste aus einer nur halb so tollen Vorlage herauszuholen. DAS WAISENHAUS ist nichts anderes als Atmosphäre – eine Atmosphäre, wie sie dichter, spannender und furchteinflössender nicht hätte ausfallen können. Zudem liefert er ein etwas anderes, bewegendes Ende, welches sich zwar hart am Rand zum Kitsch bewegt – aber dennoch für einen runden, nachhaltig beeindruckenden Abschluss führt.

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