TV-Kritik / Anime-Review: RAHXEPHON

Typ: Anime-Serie (26-teilig)
Regie: Yutaka Izubuchi
Drehbuch: Chiaki J. Konaka
Studio: Bones
Land: Japan
Genre: Science-Fiction / Action / Drama

Die Liste der Episoden (Deutsche Titel):

1 Angriff auf die Hauptstadt
2 Der Priester erwacht
3 Willkommen in unserer Stadt
4 Die innere Uhr
5 Nirai Kanai
6 Die zerstörte Hauptstadt
7 Der Tag der Zusammenkunft
8 Die eisige Heilige Nacht
9 Der Schrein der Zeit
10 Sonate der Erinnerung
11 Alptraum
12 Das schwarze Ei
13 Das erste menschliche Exemplar
14 Der Junge im Spiegel
15 Die Nacht der Kinder
16 Die Insel eines anderen
17 Rückkehr ins Labyrinth
18 Die Bande des blauen Blutes
19 Blue Friend
20 Der Kampf des Puppenspielers
21 Das Siegel des Xephons
22 Die Zerstörung von Jupiter
23 Von hier bis in alle Ewigkeit
24 Das Tor zur Stimmung
25 Der unklare Ton des Gottes
26 Fern Jenseits

Sing, RahXephon, sing das verbotene Lied… !

Inhalt: Im Jahre 2012 ist die weltweite Bevölkerung auf etwa 6 Millionen Menschen geschrumpft – alle großen Kontinente wurden ausgelöscht, nur Tokio und kleinere Teile Japans existieren noch. Der halbwüchsige Kamina Ayato ist einer derjenigen, die trotz allem ein relativ gewöhnliches Leben in Tokio führen – bis zu dem Tag, an dem mysteriöse Angriffe die Stadt erschüttern. Riesige, an überdimensionale Steinfiguren erinnernde Gestalten, die sogenannten ‚Dolems‘, erscheinen über der Stadt und lassen einen Krieg entbrennen, bei dem die gegeneinander antretenden Seiten nur schemenhaft erkennbar sind. Kamina Ayato interessiert das alles herzlich wenig – er will nur eines, und zwar inmitten des Chaos überleben. Doch plötzlich trifft er auf die rätselhafte Mishima Reika, ein etwa gleichaltriges Mädchen, dass ihn und sich selbst offenbar zu retten versucht. In einem unterirdischen Komplex treffen die beiden auf etwas schier unglaubliches: die Gestalt RahXephon, die aus einem riesigen weissen Ei schlüpft. Ob nun Roboter, Mecha oder lebendiges Wesen – es scheint, als könnte nur Kamina in das innere von RahXephon gelangen und ihn steuern, mehr noch: er scheint vorherbestimmt zu sein, genau dies zu tun. Bevor er allerdings die Chance hat, mehr über die rätselhaften Hintergründe der weltweiten Krise zu erfahren, flüchtet er – in eine ihm fremde Welt ausserhalb Tokio’s. Und die ist überraschenderweise doch nicht so menschenleer, wie stets in Tokio behauptet…

Bei einer Serie wie RahXephon lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Kritik: Was für ein Brecher – RahXephon ist definitiv keine Serie für ‚zwischendurch‘ oder nebenbei. Was sich anhand der blossen Storyumschreibung und der Eindrücke der ersten zwei bis drei Episoden nach einem undurchsichtigen Wirrwarr aus althergebrachten Sci-Fi-Aspekten und einer typischen Junge-wird-zum-Helden-Story anhört, entpuppt sich alsbald als enorm durchdachtes, interessantes und so bisher nie dagewesenes Apokalypse-Szenario der allerersten Güteklasse. In der Tat – auch wenn sich gewisse Parallelen zu früheren Anime-Serien nicht verhehlen lassen, im Gegenteil. Anime-Freunde werden sich schnell an Neon Genesis Evangelion erinnert fühlen, einen Anime; der eine ähnlich ‚epische‘ Geschichte mit jungen Hauptcharakteren erzählt, deren Handlungen eine enorme Tragweite für sie selbst – aber auch den Rest der Welt haben sollen. Doch irgendwie ist in RahXephon doch alles ein klein wenig anders – eigene Ideen liefert der Anime beileibe genug, und so führt der Konsum der Serie wie bei einigen der ganz großen und zum Kult avancierten Anime-Serien zu reichlich Kopfzerbrechen und einer ganz eigenen, sich selbstständig machenden Faszination. Man wird es bereits erahnen: RahXephon ist keine Mecha-Action-Serie per se, auch wenn es einige nette und bombastische Kampfszenen zu sehen gibt. Ein weitaus expliziterer Fokus wird auf die mysteriöse Hintergrundgeschichte, und noch viel deutlicher auf die beteiligten Charaktere gelegt – und auf die ganz speziellen, der Serie innewohnenden Aspekte.

Der mysteriöse Schrein RahXephons ist entdeckt…

So ist eines der typisch RahXephon’schen Merkmale die Musik – exakt, Musik und deren Wirkungskraft. Was auf den ersten Blick ein wenig merkwürdig anmuten mag (so fangen bestimmte Charaktere plötzlich an, eine ‚Arie‘ mit bestimmter Intention zu singen), ergibt im Endeffekt einen überraschend tiefen Sinn – und schlägt sich auch im großen Finale, dem großen RahXephon-Storyrahmen nieder. Und der ist beileibe nicht leicht zu durchschauen – auch wenn es ständig kleinere Hinweise auf die Hintergrundgeschichte und die jeweiligen Motivationen der Charaktere zu entdecken gilt. Richtig, es gilt sie zu entdecken – eine Garantie, dass man am Ende als ‚zufriedengestellter Zuschauer‘ aus dem Anime gehen wird, gibt es nicht. So könnte der ein oder andere (selbst als halbwegs erfahrener Anime-Zuschauer) Probleme mit der teilweise ausschweifenden Komplexität beziehungsweise der stark kryptischen Erzählweise bekommen und das ein oder andere Mal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und auch hier offenbart sich eine weitere Parallele zu den ‚ganz großen‘ Werken a’la Neon Genesis Evangelion: auch RahXephon verlangt dem Zuschauer einiges ab, und zwar nicht nur seine volle Aufmerksamkeit – sondern unter Umständen auch, sich über den Kontext der 26 Folgen hinaus mit dem Thema RahXephon zu beschäftigen. Das kann in weltweiten Internet-Communities und -Foren sein, oder aber anhand verschiedener Rezensionen der Kritiker, die dieses Werk bereits begutachtet haben. Wie bei einigen anderen gut gemachten, komplexen Animeserien gilt hier also das Motto: mitunter führt erst der gegenseitige Austausch zu einem zufriedenstellenden ‚Ergebnis‘, auf dass man mit der Serie wirklich reinen Gewissens abschließen kann.

Gewiss, dieser geradezu ‚epischen Dimension‘ des Animes wird man nicht sofort gewahr. In den ersten Episoden sieht es schlicht nicht danach aus – und danach wird man als Zuschauer zwar schon recht genau wissen beziehungsweise erahnen, dass dort etwas ‚ganz großes‘ im Hintergrund lauert – doch bevor etwaige Fragen beantwortet werden, schickt RahXephon den Zuschauer auf eine Reise ins Ungewisse, ins Undurchsichtige, und zugegeben, auch ins Verworrene. Zwar ist einiges auf die Komplexität der Charaktere und der alles entscheidenden (Welt-)Situation zurückzuführen, doch so manches Mal hat man das Gefühl, als sei RahXephon zusätzlich und damit ‚künstlich‘ darauf getrimmt, Verwirrung zu stiften. Im Endeffekt wäre weniger hier mehr gewesen – zumal man gerade bei einer derart ansehnlichen Zahl von beteiligten Charakteren ohnehin kaum Zeit hat, ein ausführliches Porträt, geschweige denn einen nachvollziehbaren Werdegang zu präsentieren. Überhaupt fällt es nicht leicht, ein genaues Gespür oder eine tiefgreifende Empathie für die Charaktere zu entwickeln – allein Ayato als eigentlichen Hauptcharakter wird man näher kennenlernen können, während man einige der anderen Protagonisten gar nicht erst attribuieren kann. Mal werden sie ins absolute Rampenlicht gerückt, mal erscheinen sie eher hintergründig und zweitrangig in Anbetracht des Hauptplots – auch wenn sich zum Finale hin einige Facetten aufdecken lassen, bleibt ein enormer Anteil an aufkommenden Fragen unbeantwortet. Da die eigentliche Geschichte dem in nichts nachsteht, beziehungsweise gerade die Rolle der ‚Mu‘ zunächst äußerst schleierhaft erscheint, fühlt man sich als Zuschauer einstweilen etwas ‚alleingelassen‘.

Ayato, der Junge, der über das Schicksal der Welt entscheiden wird…

Doch der Zuschauer wird keinesfalls vollständig entmutigt – sondern mit dosierten Hinweisen ‚gefüttert‘ und anhand des überdurchschnittlich guten technischen Parts bei Laune gehalten. Tatsächlich sieht RahXephon sehr gut aus – die Hintergründe wirken stimmig, die Charaktere minimalistisch aber wirkungsvoll, viele Details und allerlei Symbolik beleben die allgemeine Szenerie. Hinzu kommt ein angenehmer Schnitt, der auch in den Action-Szenen nicht zu hektisch wirkt – und gerade diese haben es (stilistisch) in sich. Auch wenn RahXephon keine Action-Serie ist, stechen gerade die epischen Flug-Kampfszenen aus der Masse an vergleichbaren Produktionen heraus – und wissen den Zuschauer im Zusammenspiel mit der bombastischen Soundkulisse zu begeistern. Lediglich die späteren Szenen, die sich u.a. mit der Zusammenkunft zweier spezieller ‚Wesen‘ beschäftigen, erscheinen etwas gewöhnungsbedürftig und erinnern abermals stark an Evangelion (Bildung von Flügeln aus ‚Licht‘, Aufblähen von Körpern kurz vor der Zerstörung etc). In Bezug auf die Synchronisation gelten gemischte Gefühle: das japanische Original klingt schlicht am besten und glaubwürdigsten, wenngleich die deutsche Fassung ebenfalls nicht zu Verachten ist und das Verständnis in einem nicht unerheblichen Maße erleichtert. Da es im Falle einer Serie wie RahXephon ohnehin beinahe unabdingbar erscheint, sich das Material zumindest zwei Mal zu Gemüte zu führen, bietet sich hier automatisch ein Ansehen (bzw. Anhören) beider Versionen an.

Nicht alle Geheimnisse lassen sich den blossen 26 Folgen entlocken…

Fazit: Mal düster und mysteriös wie Serial Experiments Lain, mal episch und weltbewegend wie Neon Genesis Evangelion, mal actionreich wie eine gut gemachte Mecha-Actionserie – doch RahXephon muss sich nicht hinter etwaigen Vorbildern verstecken. Die Serie erzählt eine eigene Geschichte mit ausreichend Alleinstellungsmerkmalen, sodass sie zweifelsohne auch so zu behandeln ist, das heisst als unabhängiges Werk. RahXephon erzählt eine gewagte; geradezu wahnsinnige, episch-ansprechende Geschichte – die Lust darauf macht, mehr zu erfahren und potentielle Geheimnisse an das Tageslicht zu befördern. Das mitunter einzige Problem ist die stark kryptische Erzählweise voller Andeutungen, Symbolik und Schemenhaftigkeit – einige wird es freuen, endlich einmal wieder von einer Serie gefordert zu werden, andere wiederum könnten der Meinung sein, dass hier eindeutig zu viel des Guten (d.h. eine ausschweifende, eigentlich unnötige Komplexität) über einen soliden, faszinierenden Storyrahmen gelegt wurde. So oder so, RahXephon weiss gut zu unterhalten, und bietet einen soliden Mix aus epischer Science Fiction, dynamischer Action und tiefgreifender Dramatik – und das stets auf einem hohen Niveau. Eine Empfehlung ist klar auszusprechen – doch man sollte sich entsprechend (viel) Zeit für diesen Anime einplanen. Denn im Gegensatz zu Evangelion kann man RahXephon kaum mit ‚zwei Augen‘ sehen (eines für die reine Action und den hohen Unterhaltungswert, das andere für die Hintergrundgeschichte in all ihren Facetten) – hier werden beide automatisch auf zweiteres gelegt. Aber auch das ist nur gut und Recht so.


85button

„In vielerlei Hinsicht überraschend.“

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