TV-Kritik / Anime-Review: TRIGUN

Typ: Anime-Serie (26-teilig)
Regie: Satoshi Nishimura
Studio: Madhouse
Land: Japan
Genre: Action / Drama / Comedy

Die Episoden (englische Titel):

1 The $$60 Billion Man
2 Truth of Mistake
3 Peace Maker
4 Love and Peace
5 Hard Puncher
6 Lost July
7 B.D.N („Brilliant Dynamite Neon“)
8 And Between the Wasteland and the Sky…
9 Murder Machine
10 Quick Draw
11 Escape From Pain
12 Diablo
13 Vash the Stampede
14 Little Arcadia
15 Demon`s Eye
16 Fifth Moon
17 Rem Saverem
18 Goodbye for Now
19 Hang Fire
20 Flying Ship
21 Out of Time
22 Alternative
23 Paradise
24 Sin
25 Live Through
26 Under the Sky so Blue

Der Mann, auf den ein Kopfgeld von 60 Milliarden Double-Dollar ausgesetzt ist…

Inhalt: Irgendwann in einer fernen Zukunft, auf einem fremden Planeten… das Leben ist hart und rau, Revolverhelden ziehen durch die kargen, wüstenartigen Landstriche und machen rechtschaffenen Bürgern das Leben schwer. Inmitten dieser allgemeinen Tristesse, und zwischen den wenigen hier lebenden Menschen taucht allerdings immer wieder ein und derselbe, berüchtigte Mann auf: Vash The Stampede. Auf ihn ist ein derart hohes Kopfgeld ausgesetzt, dass so mancher Bandit hinter ihm her ist – und auch eine Versicherungsgesellschaft hat inzwischen ein Auge auf ihn geworfen. Doch ob es sich nun um Banditen oder die quirligen Bernadelli-Versicherungsangestellten Meryl Strife und Milly Thompson geht – ein jeder sollte es sich besser zweimal überlegen, ob er sich wirklich in die Nähe des ‚humanoiden Taifuns‘ trauen sollte, wie Vash oftmals genannt wird. Doch was gerade die beiden Damen der Versicherungsgesellschaft alsbald herausfinden, kann in deren Augen eigentlich kaum wahr sein: Vash, der berühmt-berüchtigte Weiber- und Revolverheld ist in Wirklichkeit ein recht harmloser, verspielter und kindgebliebener Mann; der den Frieden liebt und Gewalt grundsätzlich verabscheut. Wie kann das alles nur zusammenpassen ? Doch im weiteren Verlauf werden weitere Mysterien enthüllt, und neue, noch viel gefährlichere Charaktere erscheinen auf der Bildfläche.

Kritik: Wer die Anime-Serie TRIGUN nicht kennt, hat entweder generell keine besondere Vorliebe für Animes, oder war im Jahre 1998 einfach noch zu jung. Denn das, was das Studio Madhouse vor nunmehr gut 13 Jahren erstmals im japanischen TV zeigte, ist längst zu einer Serie mit einem gewissen Kultstatus avanciert. Warum das so ist, liegt dabei geradezu auf der Hand: TRIGUN ist eine der wenigen Anime-Serien, die Elemente der Komödie / des Slapsticks und tiefere Aspekte des Dramas sinnig miteinander verknüpfen. Mehr noch – beide Elemente bilden ein harmonisches miteinander, und lassen die Serie enorm kurzweilig und erinnerungswürdig erscheinen. In der Tat – auch, wenn es zu Beginn vielleicht noch gar nicht explizit danach aussieht. Schließlich beginnt TRIGUN mit einer Einführung eines etwas gewöhnungsbedürftigen Wüstenszenarios, und hält sich erst noch kaum mit Erklärungen auf. Dann taucht auch schon der Hauptcharakter Vash auf – und stiehlt verständlicherweise allen anderen die Show. Gerade in diesen ersten Episoden dominieren die komödiantischen Aspekte, die in vielerlei Form auftreten können. Mal sind die es die übertriebenen Zeichnungen, die Soundeffekte oder die höchst ambitionierten (japanischen) Sprecher – noch wirkungsvoller erscheinen aber die absolut lässigen Sprüche und Aktionen von Vash oder die generell etwas ‚merkwürdige‘ Stimmung, die von dem Zusammentreffen einer rauen Wüstenwelt und einem friedliebenden Revolverheld resultiert. Der Clou daran ist natürlich ebenso simpel wie wirkungsvoll: niemand weiss so recht um die wahre Natur von Vash, und sieht in erster Linie nur das immense Kopfgeld welches auf ihn ausgesetzt ist. So entstehen wunderbar makabere Situationen, die sich durch die gesamte Serien ziehen und für den ein oder anderen Lacher sorgen.

Doch man könnte hier nicht von einer geschickten Verknüpfung von Elementen sprechen, gäbe es da nicht noch eine andere Seite – richtig, die dramatisch-emotionale, die überraschenderweise enorm spannend und dicht inszeniert wird. Irgendwann erfährt TRIGUN einen Wendepunkt, der die ernsteren, hintergründigeren Seiten der Story einläutet – nach denen man als Zuschauer förmlich gieren wird. Schließlich fällt der Einstieg enorm leicht und beschwingt aus, man kann gar nicht anders als die Charaktere (vor allem Vash) liebzugewinnen und die etwas triste, aber doch interessante Kulisse zu hinterfragen. So kommt es, dass man schlicht ‚mehr‘ wissen will – und in dieser Hinsicht lässt einen TRIGUN alles andere als im Stich. Im weiteren Verlauf rücken die komödiantischen Aspekte mehr und mehr in den Hintergrund, es werden zahlreiche Details aus Vash’s Vergangenheit und der allgemeinen Situation und Entstehungsgeschichte der Welt überhaupt erläutert. Diese Elemente fallen ausserordentlich spannend und recht innovativ aus – schließlich schwingt hier ein nicht zu verachtender Sci-Fi-Touch mit, den man sich so (und nach dem Ansehen der ersten paar Episoden) sicher nicht hat ausmalen können. Und noch etwas wird im späteren Verlauf immer ersichtlicher: die Action-lastige Seite der Serie. Natürlich gibt es von Anfang an wahnwitzige Schiessereien, temporeiche Ausflüge und allerlei Entdeckungen in neuen Umgebungen – doch gerade die längeren Kämpfe mit Vash’s späteren Widersachern Nummer 1, den Gung-Ho-Guns, fallen äusserst spektakulär und abwechslungsreich aus. So verfügt jeder dieser speziellen Kämpfer über eine besondere Fähigkeit, mit der Vash sich messen muss – wie er das letztendlich anstellt, sollte man sich unbedingt selbst zu Gemüte führen, schließlich ist sein dabei stets geltender Grundsatz ein besonderer: er darf niemanden bei seinen Schiessereien töten !

Das heisst allerdings nicht, dass TRIGUN als Serie grundsätzlich ohne Gewalt auskommt. Es sterben Menschen, und das nicht wenige – nur nicht durch die Hand von Vash. Gleichzeitig offenbart sich somit auch eine der spannendsten Fragen, die die Serie automatisch aufwirft – in wie weit kann man eine gar barmherzige Philosophie in einer rauen, menschenfeindlichen Umgebung leben; und wie geht man mit schier ausweglosen, lebensgefährlichen Situationen um ? Ist es wirklich möglich, niemanden seiner Widersacher zu töten – auch wenn alle hinter einem selbst her sind, um ein Kopfgeld zu kassieren ? Und, das allerwichtigste: wie sieht es mit den Menschen aus, die man zwar nicht durch die eigene Hand tötet, die aber doch indirekt durch das eigenen Handeln (im Extremfall) oder schlicht durch die eigene Existenz ums Leben kommen ? Hier scheut sich TRIGUN nicht, das ein oder andere moralische Dilemma aufzuwerfen, mit dem sowohl die Hauptfigur Vash als auch der Zuschauer umzugehen – bis zum großen Finale, in dem alle vorherigen Konzepte noch einmal über den Haufen geworfen werden, man sich seinen ‚Dämonen‘ stellen muss. Überhaupt wirkt die Serie in diesen Momenten, sowie gerade auch in den kurzen Episoden-Vorschauszenen recht philosophisch, und präsentiert allerlei humanistische Weltanschauungen. Und wozu sind Weltanschauungen da ? Richtig – um in Frage gestellt; oder gar attackiert zu werden – im Falle von TRIGUN von einer ganz bestimmten Person, auf die aus Spoilergründen jedoch nicht weiter eingegangen werden soll. In jedem Fall gilt: hier prallen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch verbindet sie etwas.

Sollte man die Stärken von TRIGUN zusammenfassen, so wären das also in erster Linie der gekonnte Mix aus Komödie, Drama und Action – sowie die dezente, aber neugierig machende Einstreuung von Sci-Fi-Elementen. Desweiteren ist es der enorm hohe Unterhaltungsfaktor, der keine der 26 Episoden als ‚Lückenfüller‘ dastehen lässt, sowie die enorme Bindung zu den Charakteren und deren Schicksal. Garniert wird das Ganze mit einem wunderbar atmosphärischen Soundtrack, einem mitreißenden Intro sowie einem fulminanten Finale, welches einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Kann eine solch ungewöhnliche Serie überhaupt Schwächen haben ? In der Tat, sie kann – allerdings sind diese vergleichsweise marginal. Zum einen merkt man der Serie nicht nur das Alter an, sondern auch die für damalige Verhältnisse stellenweise etwas lieblose Gestaltung – hier haben sicher auch finanzielle Aspekte eine Rolle gespielt. So wirken die Charaktere nicht immer detailreich gezeichnet, die Wüstenstädte ähneln sich stark; wirklich aufwendige oder pompöse Hintergründe gibt es nicht. Was aber noch schlimmer wiegt, sind die immer wieder auftretenden Standbilder, die den Anime so ‚künstlich‘ in die Länge ziehen, beziehungsweise Lücken füllen, ohne das ein größerer Aufwand entsteht. Man sieht, es handelt sich dabei lediglich um leichte technische Aspekte in Bezug auf die Optik, die den Gesamteindruck etwas schmälern – inhaltlich gibt es da schon weniger auszusetzen – beinahe nichts. Der mitunter einzige negative Aspekt der hier auffällt wäre der, dass die beiden Damen von der Versicherung etwas zu einseitig und stellenweise ‚penetrant‘ in Szene gesetzt werden. Das wirkt dann eben nicht immer so charmant wie bei Vash, sondern kann so manches Mal auch zu einer nervigen Angelegenheit werden. Dafür gibt es aber genügend andere Charaktere, die dies wieder ausgleichen – wie etwa Nicolas D. Wolfwood, einen der interessantesten Charaktere aus dem TRIGUN-Universum überhaupt.

Fazit: TRIGUN ist eine enorm vielfältige Serie, die einerseits einen Heidenspaß macht, und andererseits gnadenlos gut und atmosphärisch unterhält. Den Machern ist eine vortreffliche Mischung gelungen, die sowohl in Bezug auf die Machart als auch auf den Inhalt überzeugen kann. Eine klare Empfehlung für alle Anime-Fans oder solche die es werden wollen – alle Fanatiker einer polierten Hochglanzoptik, Freunde von ‚wahren Eyecatcatchern‘ oder einer ständigen Bewegung innerhalb eines Animes könnten allerdings leichte Dämpfer zu spüren bekommen. Schließlich ist TRIGUN in erster Linie ein dezenter, ruhig-verspielter Anime; der erst im weiteren Verlauf mit packenden Actionszenen und einer tieferen Dramaturgie punkten kann. Doch wer auf der Suche nach möglichst ‚bunten‘ und bedingungslos actionreichen Serien ist, sollte sich ohnehin eher in Hollywood umsehen… TRIGUN bietet eine überraschend komplexe Geschichte, und serviert gleichzeitig reihenweise Lacher – was will man mehr ?


90button

„Ein etwas anderer Western.“

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