Filmkritik: „Melancholia“ (2011)

Originaltitel: Melancholia
Regie: Lars von Trier
Mit: John Hurt, Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg u.a.
Laufzeit: 130 Minuten
Land: Frankreich, Dänemark, Schweden, Deutschland
FSK: Ab 12
Genre: Drama

Eine Weltuntergangs-Rhapsodie ganz in blau.

Inhalt: Die Hochzeit von Justine (Kirsten Dunst) und ihrem Gatten (Alexander Skarsgard) steht unter keinem guten Stern – erst kommt das Paar zu spät zur eigenen Feier, und dann melden sich auch noch Justine’s schwere Depressionen zurück. Doch sie versucht die ganze Zeit über, eine gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihr sichtlich schwerfällt. So kommt es, dass die Hochzeit allen Anstrengungen zum Trotz dazu verdammt ist, ins Wasser zu fallen – sehr zum Missfallen von Justine’s Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), die das Hochzeits-Schloss zusammen mit ihrem Mann John (Kiefer Sutherland) zur Verfügung stellt. Doch dieser Tage ist noch etwas ganz anderes Gesprächsthema, der riesige blaue Planet MELANCHOLIA nämlich, der auf die Erde zurast. Nachdem sich Justine’s Depressionen weiter verstärken zieht sie zu ihrer Schwester und deren Familie, sodass sich beide Schwestern auf eine ganz unterschiedliche Weise mit dem potentiellen Weltuntergang konfrontiert sehen. Während sich Claire immer mehr in ihrer Angst verliert und sich im Internet über mögliche Theorien zum Ende der Welt informiert, ist ihr Mann John jedoch der felsenfesten Überzeugung, dass der Planet an der Erde vorbeiziehen würde. Doch für Justine scheint das mögliche, vorzeitige Ende ihres Lebens alles andere als schrecklich zu sein – im Gegenteil, sie sieht dem Schreckensszenario gelassen entgegen, erhofft sich vielleicht sogar insgeheim, dass es tatsächlich stattfindet. Doch in was für einer Welt sollte dann Claire’s Sohn Leo (Cameron Spurr) dann aufwachsen ?

Es gibt auch schöne Momente - derer sind es jedoch nicht viele.

Kritik: Nun, allem Anschein nach in gar keiner – schließlich bringt Lars von Trier recht schnell auf den Punkt, wie sich die Situation in MELANCHOLIA entwickeln würde. Wenn er damit nicht gar einen großen Fehler begeht… es braucht nicht viel mehr als gute 5 Minuten, um sich als Zuschauer das Ende des Films ausmalen zu können, was demnach alles andere als überraschend oder spektakulär ausfällt. Die Frage sollte hier jedoch nicht lauten, ob man es hätte anders machen können – sondern warum Lars von Trier (vollkommen bewusst) zu einem derartigen Stilmittel greift. Offensichtlich möchte er das Augenmerk des Zuschauers explizit auf die Charaktere lenken – und zwar so sehr, dass er selbst den Weltuntergang in Sachen Wichtigkeit um das ein oder andere Level degradiert. Auch die weitere Inszenierung lässt vermehrt auf genau das schließen – einige wenige Hauptcharaktere werden ins Rampenlicht gerückt, ein mögliches ‚Gesamtporträt‘ des Weltuntergangsszenarios entschwindet in weite Ferne.

Das ist einerseits nur gut und folgerichtig, schließlich will Lars von Trier mit MELANCHOLIA keinen klischeehaften Hollywood-Katastrophenfilm inszenieren. Andererseits aber lässt dieser stark eingeschränkte Fokus ein nötiges Fingerspitzengefühl vermissen; etwas, dass den Zuschauer direkt in den Mikrokosmos des Films hineinzuziehen vermag. Letztendlich schafft von Trier mit MELANCHOLIA ein reines Kammerspiel, dass von den dargestellten Charakteren lebt – die fiktive kosmische Katastrophe dient lediglich als Aufhänger und Anhaltspunkt einiger späterer persönlicher Entwicklungen. Natürlich ist das etwas schade, da man sich möglicherweise eine universellere Erzählstruktur gewünscht hätte – all jene, die einen Film mit weitreichenden Science-Fiction-Anleihen oder gar wissenschaftlichen Betrachtungen einer zwar fiktiven, aber keinesfalls völlig augeschlossenen Katastrophe gewünscht haben; dürften von MELANCHOLIA eher enttäuscht werden.

Es bleibt aber eine gänzlich andere Zielgruppe; eine solche nämlich, die das gut inszenierte, zeitlose Drama sucht. Tatsächlich wirkt das Porträt der depressiven Justine unglaublich intensiv und dabei immer glaubhaft; auch die damit einhergehenden Verflechtungen innerhalb ihrer Familie werden (wenn auch nur oberflächlich) beleuchtet. Allerdings darf man auch hier nicht zuviel des Guten erwarten: selbiges Porträt fällt zwar atmosphärisch (und damit absolut niederschmetternd) aus, doch ist es stellenweise enorm langatmig inszeniert. Der gesamte erste Teil, der in etwa die Hälfte der Gesamtspielzeit ausmacht, befasst sich mit den Ereignissen auf der Hochzeit – richtig, mit den Ereignissen eines einzelnen Abends. Das mag man im Sinne eines Filmemachers als ‚gewagt‘ bezeichnen, in Wahrheit ist es aber alles andere als zweckdienlich. Zum einen erfährt man das, was man über die Charaktere wissen muss, wissen will bereits innerhalb kürzester Zeit – und zum anderen wird es so schier unmöglich, ein umfassenderes Bild der Charaktere und ihrer jeweils eigenen Geschichte zu erhalten. Da von Trier auch auf Rückblenden jeglicher Art verzichtet, bleibt man so relativ hilflos was das Porträt von Justine betrifft. Sicher, sie ist schwer depressiv; quält sich geradezu durchs Leben – doch keine Frage, die über diese blosse Feststellung hinausgeht, wird beantwortet. Nein, man erfährt nicht, wie sich die Krankheit entwickelt, welche Höhen und Tiefen Justine erlebt hat. Man erfährt nicht, wie sie trotz allem ihren Job in einer Werbeagentur meistern konnte, und wie sie ihren Mann kennengelernt hat. Das ist reichlich schade, und erscheint in Anbetracht der deutlich in die Länge gezogenen Hochzeits-Szenen zusätzlich ärgerlich.

Selbstverständlich ist die weitere persönliche Entwicklung von Justine einer der vermeintlichen ‚großen Clous‘ des Films. So scheint sie im weiteren Verlauf, und je näher ihr eigener Tod rückt; mehr und mehr Struktur in ihr durch die Krankheit zerüttetes Leben zu bekommen. Natürlich ist bei ihrer Schwester, einem gesunden Menschen, genau das Gegenteil der Fall – die Angst wächst und wächst, wird schier unerträglich; man droht dem Wahnsinn anheim zu fallen. In der Tat wird nicht zuviel verraten, wenn man hier erwähnt, dass es sich hierbei auch schon um die tatsächliche ‚Essenz‘ des Films handelt. Weitere Überraschungen bleiben aus, wirklich dramatische Entwicklungen gibt es keine. Und, eine weitere Feststellung wird unvermeidbar: von Trier stellt das Schicksal der beiden Schwestern nicht nur sinnbildlich ‚über‘ den Untergang der Erde (und damit der gesamten Menschheit), sondern gleichzeitig auch über alle anderen Charaktere. Während dies bei den Ehemännern noch verziehen werden kann, erscheint dies besonders bei dem einzigen Kind ärgerlich – hier hätte man das Element der Unschuld, der potentiellen ‚Zukunft‘ noch viel weiter ausschöpfen müssen. So verkommt dieses Kind, wie eigentlich alle anderen Charaktere neben den beiden Schwestern, zu einer blossen Randfigur; die nicht viel Auswirkungen zu haben scheint. Selbst die Mutter des Kindes scheint kaum beeinflusst vom Schicksal ihres Sohnes, lediglich eine panisch-plumpe Aktion zum großen Finale zeigt einen fehlgeleiteten Beschützerinstinkt. Richtig – MELANCHOLIA ist kein durch und durch menschliches Drama in diesem Sinne, es ist vielmehr ein übertrieben emanzipiertes Drama.

Zumindest in technischer Hinsicht begeht man keine groben Fehler, besonders die optischen Aspekte wirken im großen und ganzen brilliant. Es regiert eine allgemeine Hochglanz-Optik, wenn denn mal Special-Effects zum Einsatz kommen, wirken sie zeitlos und pompös (wie der auf die Erde zurasende Planet, oder die Gemälde-artigen Anfangsszenen). Die Schnitte fallen keinesfalls hektisch aus, die Kameraführung kristallisiert sich als kleines stilistisches Highlight heraus. Auch wenn einige Szenen unter der etwas ‚wackeligen‘ Kameraführung zu Leiden haben, hier wäre etwas weniger dann doch mehr gewesen. Der Soundtrack ist zwar stimmig, wird durch den häufigen und etwas penetranten Einsatz eines immer wieder auftretenden Klassik-Musikstücks (‚Tristan & Isolde‘) aber etwas abgewertet. Das größte Lob ist den Darstellern zuzusprechen – hier werden preisverdächtige Leistungen abgeliefert, ohne Frage. Jedoch stellt sich zwangsläufig auch die Frage, ob man dieses Potential nicht lieber in einem anderen Film investiert gesehen hätte.

Nicht alle haben Angst vor dem Weltuntergang...

Fazit: Was hat sich von Trier nur dabei gedacht, und noch viel wichtiger – wie konnte MELANCHOLIA zum ‚besten‘ Film des Jahres 2011 gewählt werden ? Zu Vergleichszwecken: Terrence Malick’s TREE OF LIFE schaffte es auf den zweiten Platz, und selbst hier muss man sich einstweilen die Frage stellen, ob dies so recht und richtig ist – trotz der immens hohen Wertungen (auch auf Oliverdsw.Wordpress – 9.5/10). MELANCHOLIA schiesst in dieser Hinsicht aber den Vogel ab, grundsätzlich erscheint eine Platzierung auf einem jeglichen Siegertreppchen alles andere als erwägungswert. Sicher, das Porträt der beiden Schwestern ist eindringlich, bedrückend, neuartig inszeniert – doch weitere Überraschungen oder merkliche Vorzüge bleiben komplett aus. Lediglich die allgemeine Optik und Akustik (sinnig platzierte klassische Musik) können noch überzeugen – ansonsten wird man vor allem eines aus dem Film mitnehmen, und das ist eine vergleichsweise selten schlechte Laune. Kurzum: man hätte genauso gut den gesamten Mittelteil weglassen können, und lediglich das (durch erhabene Zeitlupen-Bilder dargestellte) Ende der Welt zeigen können. Der Nihilismus hat ein neues Geschwisterchen, und dass nennt sich MELANCHOLIA. Sicher kein schlechter Film, aber ein reichlich überschätzter.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Melancholia“ (2011)

  1. Ja genau da stimme ich zu … der Film erweckt eine innerliche Übelkeit, sehr fokussiert auf nur die beiden Schwestern,wird dadurch der Weltuntergang in den Schatten gestellt! da niemand die Figuren sympatisch findet, kümmert es auch nicht dass diese zugrunde gehen, außer mit denjenigen die ja so und so nicht dargestellt wurden, die vielen anderen Menschen auf der Erde, die anderen die auf der Party waren und mit dem Jungen, der von Wahnsinnigen umgeben ist, tut einen leid. (xtra plump geschrieben) und ist so sehr überbewertet dass jeder Zuschauer einfach nur …… sein wird!
    Danke Herr von Trier für dieses langweilige Werk.

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