Filmkritik: „Die Reise Des Roten Ballons“ (2007)

Originaltitel: Le Voyage Du Ballon Rouge
Regie: Hsiao-Hsien Hou
Mit: Simon Iteanu, Juliette Binoche, Hippolyte Girardot u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: 113 Minuten
FSK: Ab 6
Genre: Drama

Flieg, roter Ballon, flieg… !

Inhalt: Simon wohnt mit seiner alleinerziehenden Mutter Suzanne in einer Pariser Wohngemeinschaft. Suzanne ist Puppenspielerin und probt für ein neues Stück, während sie nebenbei mit den üblichen Problemen einer Hausfrau und gestressten Mutter zu kämpfen hat. Und, mit einem Untermieter, der partout seine Miete nicht zahlen will. Da sie nicht immer die Zeit für ihren Sohn hat die sie gerne hätte, stellt sie alsbald eine Nanny ein, die sich fortan um Simon kümmern soll. Die ist Filmstudentin, hat stets eine kleine Kamera dabei – und versucht, damit mögliches neues Material für ihr Studium zu drehen. So filmt sie auch einen Teil ihres Nanny-Alltages mit Simon, beispielsweise wie er einen markanten roten Ballon durch die Straßen schweben lässt. Doch welche Geheimnisse und Probleme haben die Charaktere in dieser ungewöhnlichen Konstellation wirklich ?

Kritik: Wie wäre es denn mal mit einem echten… Kunst-Film, einem ungewöhnlichen Independent- oder Arthouse-Projekt ? Einem Film, in dem einfach alle sonst üblichen Filmgesetze knallhart gebrochen werden ? Grundsätzlich sollte die Antwort hierauf lauten: gerne. Schließlich ist es oftmals eine Wohltat, Filme zu sehen und auch regelrecht zu erleben, die sich abseits von kommerziellen Erfolgen oder einer Mainstream-Massentauglichkeit bewegen. Richtig, oftmals… allerdings nicht immer.

Was bei VOYAGE DU BALLON ROUGE zuallererst auffällt, ist die ungewöhnlich ruhige Herangehensweise an ein Thema (oder mehrere Themen), die sich – leider nicht nur zu Anfang – kaum erahnen lassen. So wird sich erheblich Zeit genommen, dieses oder jenes kleine Detail ausführlich zu zeigen – mal schwebt der namensgebende rote Ballon in der Luft umher, mal kreuzt eine Passantin die Straße… und so weiter. Interessant wird es, als Charakter Song beginnt, im Film über einen Film zu sprechen – THE RED BALLOON aus dem Jahre 1956. So wird klar, dass sich dieses 2007’er Werk auf den allseits bekannten Vorgängerfilm bezieht, in dem ein Junge einen Ballon als (einzigen) Freund gewann. Welche Art von gedanklicher Brücke würde man nun also mit VOYAGE DU BALLON ROUGE schlagen ?

Eine interessante Frage, die jedoch nicht während der ersten 40 Minuten beantwortet werden wird – nicht einmal Hinweise gibt es. Im Gegenteil, durch die sehr, sehr stille Erzählweise des Films und die wenigen Informationen die man als Zuschauer erhält, wird so langsam aber sicher ein Gefühl der Verzweifelung entstehen. Oder aber schlicht eines: eine gähnende Langeweile. Was dann nach einer guten Dreiviertelstunde folgt, sind Szenen, die nicht einmal mehr als ‚merkwürdig‘ eingestuft werden könnten. Gewagt sind sie gewiss, doch sicher nicht im angepeilten Sinne: es wird ein möglichst ‚authentisches‘ Bild des Alltagslebens der Protagonisten inszeniert, ganz besonders wenn es um die wahrlich un-interessantesten Dinge geht. Denn diese dürfte ein jeder Zuschauer so oder ähnlich täglich selbst erleben: man betritt (s)eine Wohnung, macht sich einen Kaffee, freut sich dass die Kinder beschäftigt sind, bekommt plötzlich unerwarteten Besuch auf den man vielleicht gar keine Lust hat… et cetera.

Sicher, man darf dem Film nicht unterstellen dass er keinen Ansatz einer Aussage beinhalten würde. Doch es bleibt bei eben diesem Ansatz: so sieht man den jungen Simon mit seiner neuen ‚Nanny‘ spazierengehen, und ahnt eigentlich schon recht schnell, dass hier irgendetwas bedrohlich im Hintergrund schwebt. Über Simon (der offensichtlich ein recht einsames Kind ist), über seiner Mutter (der man eine Depression ansatzweise ansehen kann); über der neuen Nanny Song, die nun einen Zugang zur Familie erhält und möglicherweise auch etwas zu verbergen hat. Und, nicht zuletzt über dem roten Ballon, der wie ein stiller Beobachter und Begleiter über allem schwebt und teilnahmslos auf irgendetwas zu warten scheint. All dies wäre nun kein großes Manko, handelte es sich hierbei nur um eine Rahmenhandlung, oder einen untergeordneten Ausschnitt der Hauptgeschichte. Doch tatsächlich besteht der Film aus nicht viel mehr als diesen Alltags-Elementen, auf die man sich nur schwerlich einen Reim machen kann. Wer etwas zu sagen hat, der solle es doch bitte kundtun… ! Doch das Schweigen ward nicht gebrochen.

Aber, geht es gar nicht um das gesprochene Wort, den ausgetragenen zwischenmenschlichen Konflikt ? Geht es vielmehr um Verdrängung, ein Aufschieben aller Problematiken und die Auswirkungen von mit sich geführten Geheimnissen ? Selbst wenn dem so ist oder wäre – der Film bringt dies nicht nennenswert zum Ausdruck. Ein Regisseur sollte den Zuschauer an die Hand nehmen und ihn durch einen Film begleiten, gerne auch mal eine Schnitzeljagd veranstalten welche den Zuschauer fordert – aber nicht einfach mit völlig un-inspirierten Inhalten ohne einen jeglichen Anhaltspunkt konfrontieren.

Spricht man von Filmen der ‚besonderen‘ Art, so schlägt sich oftmals auch eine gewisse Unkonventionalität in der (technischen) Machart nieder. Zumindest in diesem Punkt steht VOYAGE DU BALLON ROUGE nicht auf einem ganz verlorenen Posten da – auch wenn es schwerfällt, hier zwischen wirksamen Taktiken und Pseudo-Anspruch zu unterscheiden. So wird die Kamera oftmals durch Scheiben oder Glas gehalten, es werden Spiegelungen gezeigt, die Platzierung des ‚Beobachters‘ findet an ungewöhnlichen Orten statt. Besonders markant sind auch die immer wieder auftauchenden ’störenden‘ Elemente vor der Kamera, wie etwa Pfeiler, Stangen oder Vorhänge. Dies sorgt – ansatzweise – für einen zusätzlich authentischen Touch hinsichtlich der Beobachterperspektive – man besieht hier ein Leben einer Familie, und kein glattgeschliffenes Hollywood-Ensemble. Schade ist dagegen, dass man den allgemeinen Soundtrack nicht als weiteres Medium genutzt hat – dieser wirkt eher wie etwas künstlich-obligatoirsches, etwas dass dazu führt dass der Film nicht noch steriler wirkt. Doch Emotionen transportieren oder die Situationen schlüssiger erscheinen lassen, das vermag er nicht. Ebenfalls äusserst ‚deftig‘ und am Rande des erträglichen: die Szenen, in der die Mutter mit einigen Handpuppen spielt und durch diese mit verzerrter Stimme spricht – hier sollte man den Lautstärkeregler vorsichtshalber runterdrehen.

Fazit: VOYAGE DU BALLON ROUGE ist schon ein merkwürdiges Stück Film. Besonders dann, wenn der gesamte, grundsätzlich relativ nichtssagende Inhalt im letzten Viertel durch die Einführungen eines weiteren Charakters (ein Untermieter, der nicht zahlen will und ausziehen soll) noch einmal über den Haufen geworfen wird. Dieser ‚Haufen‘ besteht demnach aus einer Vielzahl von kleinsten Versatzstücken aus dem Drama-Genre, die jedoch kein schlüssiges Ganzes ergeben. So bleibt dem Zuschauer nichts anderes übrig als den Kopf zu schütteln, und letztendlich doch noch eine Emotion an den Tag zu legen. Er wird sich Ärgern, dass er derart unbeeindruckt von einem Film ist, der wie ein Fernsehprogramm welches man nebenbei beim Bügeln schaut an ihm vorbeigezogen ist. Und dass, obwohl man wie gebannt auf die Leinwand starrt, um nicht doch noch den entscheidenden Moment zu verpassen. Ein Moment, der niemals kommen sollte…

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