TV-Kritik / Anime-Review: BOKURANO

Typ: Anime-Serie (24-teilig)
Studio: Gonzo
Leitung: Hiroyuki Morita
Land: Japan
Genre: Science-Fiction / Drama

Die Liste der Episoden (ohne Gewähr):

1 Game
2 Zearth
3 Secret
4 Strength
5 Weakness
6 Lust
7 Wound
8 Revision
9 Family
10 Companion
11 Life
12 Blood Relative
13 Earth
14 Perplexity
15 Self-Destruction
16 True Identity
17 Affection
18 Reality
19 Mother
20 Destiny
21 Truth
22 Distance
23 Snowscape
24 Tale

Ein Mecha-Pilot zu sein war noch nie leicht… aber hier ?

Inhalt: Während eines Aufenthaltes in einem japanischen Sommercamp entdeckt eine Gruppe von 15 Kindern eine abgelegene Höhle, in der mehrere noch funktionierende Computer zu einer Art Netzwerk zusammengeschlossen sind. Bald darauf erscheint auch schon der Bewohner des seltsamen Zufluchtsortes, ein Mann namens Kokopelli. Der erzählt den Kindern, dass er derzeit an einem geheimen Computerspiel arbeiten würde, und es bei dieser Gelegenheit gerne in der Praxis ausprobieren möchte. Die Gruppe zögert, doch entschließt sich letztendlich, sich diesen möglichen Spaß nicht entgehen zu lassen. Eine Übereinkunft wird geschlossen, doch keinesfalls eine rein mündliche – die Kinder signalisieren ihr Einverständnis zusätzlich über ein mysteriöses Podest, welches sie als teil des Spiels betrachten. Kurz darauf erwachen sie an einem anderen Ort – und glauben, dass sie das nunmehr erlebte nur geträumt haben können. Doch kurze Zeit später erscheinen plötzlich zwei haushohe Roboter im Wasser der nahegelegenen Küste – beinahe zeitgleich mit einem seltsamen, schwebenden Wesen namens Koemushi. Diese Gestalt behauptet, während der Zeit des ‚Spiels‘ der Berater der Kinder zu sein. Und das scheint auch bitter nötig, denn alsbald stellen sie fest, dass es sich bei dem großen Roboterspektakel um weit mehr als nur ein simples Spiel handelt…

Kritik: Denn, richtig – es steckt wieder einmal viel mehr dahinter. Aber was ? Nun, die Antwort auf dies Frage dürfte zumindest ein klein wenig anders ausfallen, als man es nach den ersten Episoden vermuten würde. Mit Bokurano liefert das Studio Gonzo einen recht ungewöhnlichen Genre-Mix aus absolut fantastischer Science Fiction und dichten Drama-Elementen ab, der verspricht, für beide Interessengruppen einen möglichst unterhaltsamen Stoff anzubieten. Und tatsächlich scheint die Mischung auf den ersten Blick sehr ausgewogen – sobald man mehr über das Schicksal der 15 Piloten weiss, wird klar; dass sich ein Großteil der Episoden mit den jeweiligen Hintergrundgeschichten der Charaktere auseinandersetzen würde. Denn diese 15 unter fragwürdigen Umständen ‚auserwählten‘ Kinder sollen nicht namens- und gesichtslos bleiben, sie erhalten alle ein größtmögliches Maß an Aufmerksamkeit – auf dass man als Zuschauer ein genaueres Bild von jenen erhalten kann, die die großen Schlachten in Bokurano schlagen. Stets im Hintergrund brodelnd spielt sich nun die übergeordnete Science Fiction-Geschichte ab, die unvorhergesehene, geradezu epische Ausmaße annimmt – eben so, wie es in einem guten Anime aus diesem Genre auch sein sollte. Und dennoch sollte man keinen Evangelion- oder Gundam-Abklatsch erwarten, denn Bokurano ist zumindest und in jedem Fall eines: einzigartig.

Doch darf man dieser ‚Einzigartigkeit‘ nicht nur positive Aspekte zuordnen, gerade im Falle eines in mehrerlei Hinsicht gewöhnungsbedürftigen Werkes wie Bokurano. Denn die ersten kleinen Unannehmlichkeit finden sich schnell, und noch bevor man sich explizit mit dem Inhalt beschäftigen würde. Richtig, die Rede ist von der Optik; das heisst der Qualität der Zeichnungen, der Geschmeidigkeit der Animationen und dem Eindruck der CG-Effekte, die bei den Robotern eine große Rolle spielen. Zwar sollte man die (qualitative) Messlatte bei einer TV-Produktion niemals so hoch anlegen wie zu anderen Gelegenheiten, doch man muss selbst unter diesen Umständen feststellen, dass Bokurano einfach nicht mit anderen Serien mithalten kann. Gerade die Charaktere wirken oftmals sehr minimalistisch gezeichnet; es scheint, als würden ihre Gesichter aus nicht viel mehr als einigen Linien und Punkten bestehen – worunter die übertragenen Gestiken und Mimiken enorm zu leiden haben. Außerdem sieht man sich als Zuschauer weitaus häufiger mit Standbildern konfrontiert als sonst, der Zeichenstil wirkt generell etwas ’schludrig‘ und detailarm – was eventuell auf Budget- oder Zeitprobleme zurückzuführen ist. Der gleiche Eindruck weitet sich nämlich auch auf die CG-Animationen aus, wobei es hier sogar noch deftigere Ausmaße annimmt – das Design der Roboter ist wenig hübsch, wirkt zusätzlich unecht und in gewisser Weise ‚billig‘, und auch die Bewegungsabläufe zeugen nicht gerade von einer ausgeprägten Geschmeidigkeit. Die Kämpfe sehen eben in etwa so aus, wie man sich einen (schlechten) Roboterkampf vorstellen würde: sie spielen sich äusserst zäh und langsam ab, die Bewegungen wirken unkontrolliert und hakelig, die zusätzlichen Effekte (wie Explosionen et cetera) sind allerhöchstens mittelklassig.

Einzig und allein in Sachen Hintergrundzeichnungen scheinen die Macher durchaus bemüht gewesen – hier darf man, sofern die Aufmerksamkeit nicht gerade in den entscheidenden Momenten auf etwas anderes gelenkt wird, einige überdurchschnittlich schöne Erzeugnisse bestaunen. Der Eindruck der Musik und der Soundeffekte ist allerdings ebenfalls durchwachsen: die Roboterkämpfe werden ständig von einer Art nervigem ‚Klopfen‘ oder ‚Rattern‘ begleitet, weitere Hintergrundgeräusche bleiben größtenteils aus; merkwürdige Effekte wie beim Hin- und Herschweben des Wesens Koemushi sorgen für einige unfreiwillige Schmunzler. Der Soundtrack wirkt insgesamt zweckmäßig, zeugt aber auch nicht gerade von markanten Highlights oder generell vortrefflich vertonten Passagen.

Hat man sich dann einmal an den qualitativen Standard der Serie gewöhnt (bei dem durchaus einige markante Abstriche zu machen sind), kann man in Bezug auf die Geschichte und deren Entwicklung fortfahren. Diese offenbart im weiteren Verlauf jedoch mehrere Probleme, die mal weniger schwer, mal deutlich schwerer wiegen. Es beginnt mit der leicht misszuverstehenden Beschreibung der Charaktere als ‚Kinder‘ – zwar sollen alle Beteiligten nicht älter als 13 sein, doch ihre Charakterisierung und Darstellung lässt vielmehr auf ein fortgeschritteneres Teenager-Alter schließen, oder zumindest auf Momentaufnahmen während der wohl schwierigsten Zeiten der Pubertät. So haben viele Beteiligten arge Identitäts- und Selbstfindungsprobleme, keiner von ihnen wirkt (auch aufgrund spezieller familiärer Situationen) wirklich ‚behütet‘ und kindlich – sodass man viel eher von Jugendlichen sprechen sollte. Gesetzt dem Fall man lässt sich darauf ein, erschließt sich jedoch ein weiteres Problem: mit einer Episodenanzahl von 24 kann die Serie mit dem hier vorgestellten Prinzip keinesfalls allen Beteiligten gerecht werden. Es gibt 15 Hauptcharaktere, von denen jeder eine gefühlte Episode ’spendiert‘ bekommt – das wirkt schnell albern und wie ein Handel auf einem Basar (den hätten wir, jetzt kommt der nächste). Auch wirkt das jeweils gezeigte nicht immer passend – die zahlreichen, nur kurz angeschnittenen Geschichten hinter den Charakteren sind das eine, doch so manches Mal werden plötzlich auch die Geschichten ganz anderer Charaktere aufgegriffen, sodass der Fokus noch mehr verwässert.

Doch diese Charakter-Parts bilden letztendlich nur die eine ‚Hälfte‘ von Bokurano – die andere bezieht sich auf die Sci-Fi-Aspekte, die durch ihre wahrhaft ‚epischen‘ Ausmaße zwar irgendwie originell und aufregend wirken, sich beim nähren Hinsehen aber doch als deutlich überdreht entpuppen. Hier wurde mit der Keule zugeschlagen – die Idee ist selbst für eingefleischte Genrefans eventuell etwas zu viel des Guten, und büßt durch die leicht abstruse Präsentation (merkwürdig alberne, allwissende Schwebewesen und lahme Roboterkämpfe) doch wieder einen Großteil des potentiellen Gänsehaut-Gefühles ein. Bokurano ist in dieser Hinsicht weder Fisch noch Fleisch – sondern vielmehr ein aus vielen Einzelteilen zusammengeflickter Teppich. ÜBerhaupt erscheint es relativ unharmonisch, eine grundsätzlich interessante Idee (Stichwort Multiversum) mit derart plumpen Methoden einzuführen: die Kämpfe (wenig hübsch, vorhersehbar und langatmig) und die seltsamen Prämissen (der Pilot muss… die jeweiligen Universen werden…) gehören zu den merkwürdigsten, unzufriedenstellendsten und schlicht ärglichsten überhaupt. Weitere Erklärungen sucht man vergebens, und auch auf einen Auftritt weiterer ‚Hintermänner‘ wird man vergebens warten – ein aufklärender Rückblick reicht nur bis zur Geschichte von Kokopelli und Koemushi. Die ‚Weisen‘ werden zwar erwähnt (und einmal in einem merkwürdigen Zwischenbild gezeigt), doch damit hat es sich auch.

Fazit: Nichts für Anime-Feinschmecker – Bokurano bietet mittelklassige (dafür aber umso zähere) Unterhaltungskost für zwischendurch. Weder in technischer noch inhaltlicher Hinsicht wirkt die Serie zufriedenstellend; vielmehr häufen sich allerlei Ärgernisse, die den Serien-Genuss erheblich beeinflussen können. Hätte man das Augenmerk noch expliziter auf die Thematik des Sterbens (Leben – Kampf – Abschied) gelegt, und sich schlicht mehr auf die dramarelevanten Aspekte konzentriert, hätte aus Bokurano zumindest noch eine halbwegs annehmbare Drama-Serie werden können. Natürlich gesetzt dem Fall, man hätte nicht wie hier ein absurdes Charakter-Roulette gespielt. Aber in Sachen Mecha- oder SciFi kann das hier dargebotene nicht einmal ansatzweise mit der Konkurrenz mithalten.


50button

„Weder Fisch noch Fleisch.“

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