TV-Kritik / Anime-Review: TEGAMI BACHI REVERSE

Typ: Anime-Serie (25-teilig), zweite Staffel
Studio: Studio Pierrot
Regie: Akira Iwanaga
Land: Japan
Genre: Fantasy / Action / Drama

Die Liste der Episoden (ohne Gewähr):

1 Promise
2 Underwear and Bread
3 The Hydrangea Colored Picture-Letter
4 Lighthouse of Illusions in the Wilderness
5 Reverse World
6 The Little Girl Doll
7 Film Noir
8 Blue Notes Blues
9 200 Years of Loneliness
10 Veritably Abbey
11 Cabernet Attacks
12 Light, Illuminating the Darkness
13 The Scarlet Red Melody
14 Day of Flicker
15 Welcome Home
16 Roda, Wandering
17 Lies and Truth
18 The Lost Heart Bullet
19 Neither Malice, Nor Hatred
20 The Smile of Hope
21 Lawrence’s Ambition
22 A Place to Return To
23 In Akatsuki
24 Final Battle! Yuusari Central
25 Light of the Heart

Auf der Suche nach einem verlorenen Herzen…

Inhalt: Endlich geht die Geschichte um Lag Seeing und seinen vermissten Freund Gauche Suede weiter. Nachdem dieser in der ersten Staffel des Animes (siehe hier) plötzlich verschwand; sind Lag, sein Dingo Niché und alle Kollegen aus dem ‚Bee-Hive‘ einmal mehr darauf erpicht herauszufinden, was wirklich hinter seinem Verschwinden steckt. Dann geschieht das Unglaubliche: Gauche Suede kann aufgespürt werden, doch behauptet er, nichts mehr von seiner nunmehr verdrängten früheren Identität zu wissen. Er nennt sich jetzt Noir – und auch sein Dingo Roda hat sich maßgeblich verändert. Gemeinsam arbeiten sie für einen mysteriösen, schwer gezeichneten Mann namens Lawrence – der sich alsbald als Anführer der Anti-Regierungstruppe REVERSE herausstellt. Die Anhänger dieser Gruppe haben es sich zum Ziel gesetzt, die Regierung unter allen Umständen zu stürzen und sie einer wichtigen Machtquelle zu berauben – der riesigen künstlichen Sonne. Doch woher kommt all ihr Hass auf die Regierung, und für welche Seite wird sich grundsätzlich für die Regierung arbeitende Lag Seeing entscheiden ?

Kritik: Tegami Bachi, der ungewöhnliche Genre-Mix aus episodenbasierter Action, Drama-Elementen und einer kaum definierbaren Zielgruppe ist zurück ! Da die erste Staffel auffällig spärlich mit Hintergrundinformationen oder Erklärungen umgegangen ist, ist es nur folgerichtig, dass sogleich (mit weniger als einem Jahr Verzögerung) eine zweite Staffel hinterhergeschoben wurde. Die Abenteuer rund um den Nachwuchs-Postboten Lag Seeing und seinen Freunden gehen also weiter – aber, werden nun endlich alle, oder zumindest ein Großteil der auf den Zuschauerherzen liegenden Fragen beantwortet ? Oder, um noch ein wenig niedriger zu stapeln: werden die ominösen Prämissen (künstliche Sonne, Regierungssituation) endlich sinngemäß angeschnitten und hinterfragt werden – oder sind es doch eher die episodenbasierten ‚Tagesaufgaben‘, die auch das Alltagsgeschehen der zweiten Staffel dominieren ? Es gilt zumindest und vorab schon einmal folgendes festzuhalten: man muss die erste Staffel der Serie nicht zwingend gesehen haben, um einen relativ problemlosen Einstieg in das Tegami Bachi-Universum zu finden.

Denn, wir erinnern uns: es ging in den ersten 25 Folgen hauptsächlich darum, wie der junge Lag Seeing sich der Herausforderung stellte, ein ‚Letter Bee‘ zu werden – und wie er das darauffolgende Tagesgeschäft (welches hauptsächlich aus Lieferungen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades bestand) zusammen mit seinem ‚Dingo‘ Niché erledigte. Dabei erfuhren wir hauptsächlich, wer dieser Junge eigentlich ist; wo er herkommt und wo er hin möchte – und wir sahen uns mit der erschreckenden Tatsache konfrontiert, dass sein einstiges Vorbild Gauche Suede irgendeiner Art von Gedächtnisverlust oder Gehirnwäsche anheim gefallen war. Also begab er sich auf die Suche, nach Gauche und einer Lösung – wobei er stets mehr dazu lernte und nicht nur in seinem speziellen Metier besser wurde, sondern sich auch menschlich weiterentwickelte. So reizvoll das Szenario und die Charaktere auch waren, so bescheiden war die letztendliche Umsetzung des Spektakels: Tegami Bachi schwächelte in seiner Dramaturgie, seinem (ausgeleierten) Spannungsbogen und den teilweise aufdränglich-überzeichneten Charakteren. In dieser Hinsicht fiel besonders Lag stark auf, der einstweilen nicht wie ein vom Schicksal gebeutelter Junge wirkte – sondern wie eine überambitionierter Junge mit einer starken Tendenz zu Gefühlsausbrüchen.

Nun aber hat die zweite Staffel die Chance, das Ruder in die richtige Richtung umzureissen – indem sie weg geht von allzu einseitigen und überstrapazierten Charakterpoträts (und das, ohne viel neues einzubringen), hin zu einem möglichst epischen, allumfassenden Erzählrahmen der die interessanten Geheimnisse des Schauplatzes näher erörtert. Jedoch gehen die Macher hierbei nur halbherzig vor: gerade zu Beginn der zweiten Staffel schleicht sich erneut der für den Zuschauer nunmehr äusserst anstrengende Alltag der Protagonisten ein. Lag und Niché liefern erneut Briefe aus, Gauche taucht zwar hier und da auf, wie auch einige mysteriöse Hintermänner – doch wirklich voran schreitet der Plot nicht. Bis zu einem Punkt, an dem ein erstes ‚Loslassen‘ der zurückgehaltenen Spannung deutlich spürbar wird: Lag’s Dinge Niché, das kleine Mädchen mit den besonderen Fähigkeiten, trifft auf ihren Ursprung und damit auch ihre Bestimmung. Endlich gelangt man als Zuschauer an Hintergrundinformationen, nach denen man gerne schon viel früher gefragt hätte. Und, in der Tat – im weiteren Verlauf hat die Serie sogar einen echten ‚Aha-Moment‘ zu bieten, der einem einen wohligen Schauer über den Rücken fahren lässt – dabei geht es um die künstliche Sonne. Leider bleibt es bei diesen vereinzelten Ausbrüchen aus dem quasi ‚eingeschläferten‘ Szenario – in dem es noch zu viel zu entdecken gäbe, würden die Macher nur endlich die Aufmerksamkeit in entsprechende Richtungen lenken.

So bleibt weiterhin (und demnach auch nach 50 Folgen !) komplett unklar, was genau eigentlich die ‚Regierung‘ dieses Landes ist, wer sie bildet und was ihre Aufgaben sind. Weder kann man einen Blick in die Hauptstadt des Landes erhaschen, noch sieht man hochrangige Vertreter oder Militär – lediglich das Bee-Hive, die Postzentrale, ist hier Dreh- und Angelpunkt. Die liegt aber ohnehin nicht in der Hauptstadt… Die Merkwürdigkeit von Tegami Bachi ist, dass sie die Gegenseite (die ‚Reverse‘-Bewegung) aber sehr wohl vorstellt und nachvollziehbar porträtiert – sodass man zwar die eine Seite verstehen kann; aber in Bezug auf die andere komplett mit leeren Händen dasteht. Was sie der Regierung vorwerfen kann man schlecht nachvollziehen, da weitere stichhaltige Informationen fehlen – und so muss man diese Aspekte als weitere, eher lästige Prämissen hinnehmen. Hier ist ganz besonders die Rede vom Sinn, Zweck und Hintergrund der künstlichen Sonne – man sollte auch nach 50 Folgen nicht erwarten, ein schlüssigeres Bild zu erhalten. Hinweise werden zwar in den Raum geworfen, doch diese sind merklich kryptisch und ergeben letztendlich kein stimmiges Gesamtbild, an dem man wie in anderen guten Serien noch einen gedanklichen Feinschliff vornehmen könnte.

Die Charaktere leben in der zweiten Staffel hauptsächlich von der Sinneswandlung von Gauche – die durchaus ein gewisses Spannungspotential mit sich bringt, wie auch das Auftreten einiger bisher unbekannter Nebencharaktere. Doch in Sachen Hauptprotagonist wird – leider – wieder das alte Lied gespielt: es wird wieder ausführlich geweint (aber stets so oft und übertrieben, dass es kaum noch unter dem Drama-Aspekt einzuordnen ist), Niché lernt zwar mehr über sich selbst und ihre Herkunft kennen, verharrt aber grundsätzlich auf ihrer kindlich-naiven Position als Sidekick. Der optische Stil ist qualitativ komplett mit dem der ersten Staffel gleichzusetzen: auch hier regiert die leicht verträumte, dunkel-weihnachtliche Stimmung welche die erste Staffel so markant machte. Vereinzelte Charaktere, Tiere und Gegenstände haben wieder einen stark auf kindlich getrimmten Touch verpasst bekommen, was das Gesamtbild aber nicht aus dem Ruder bringt. Es wirft lediglich erneut die Frage nach der Zielgruppe auf – schließlich ist Tegami Bachi recht bunt, verträumt und bietet mit Lag eine vergleichsweise junge Identifikationsfigur. Doch was mit den Gaichú als ‚erwachseneres‘ Element angefangen hat, mündet langsam aber sicher in einer reichlich düsteren Story über Machtmissbrauch, Gesellschaftstrennung und menschenverachtende Experimente – eigentlich ein Stoff für deutlich ältere. Wirklich glänzen kann auch dieses Mal wieder der Soundtrack, der von wunderbar klassischen Klängen dominiert wird, und einige äusserst ansprechende Intro- und Outromelodien mit in die Waagschale legt. Die Sprecher sind ambitioniert wie eh und je, ein gewisses Grundmaß an Unterhaltung wird geboten.

Fazit: Wohin will man mit Tegami Bachi gehen ? Wird die Serie noch in einer dritten Staffel fortgesetzt ? Reichlich Stoff gäbe es noch, Voraussetzung wäre nur, dass die Macher sich endlich auf den eigentlichen Erzählrahmen besinnen und alle Hintergründe ausleuchten. Denn in den bisherigen 50 Episoden wurde schlicht unglaublich viel Potential verschenkt. Statt die Handlung sinnvoll voranzutreiben oder gar in neue Dimensionen zu bugsieren, hält man sich vornehmlich mit Nebensächlichkeiten und den ewig gleichen Charakterporträts auf – was sich in einer gewissen Langatmigkeit widerspiegelt, die im schlimmsten Fall in einem Desinteresse münden könnte. Zu verdenken wäre es keinem Zuschauer – es ist schließlich keine besonders nette Geste, auf ewig ‚hingehalten‘ zu werden. Und auch das vermeintliche ‚Finale‘ der zweiten Staffel ist nicht viel mehr als ein kleiner Wermutstropfen. Denn wirklich ‚gelöst‘ wird im Kern letztendlich nichts (richtig: nur ein Aufstand), der Jubel der Protagonisten wirkt unglücklicherweise wie eine kleine Farce – Autsch. So nicht – sollte es eine dritte Staffel geben, könnte sie einiges wieder geradebiegen – andererseits kann man Interessenten auch nicht immer wieder nach hinten vertrösten (vielleicht sogar auf eine vierte, fünfte, sechste Staffel)… deshalb erhält Tegami Bachi Reverse eine entsprechende Wertung. Diese fällt 0.5 Punkte besser aus als die zur ersten Staffel, da es in der zweiten immerhin eine spürbar höhere Anzahl von stärkeren, unterhaltsameren Episoden gibt.


65button

„Da hätte man mehr draus machen können und müssen.“

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2 Gedanken zu “TV-Kritik / Anime-Review: TEGAMI BACHI REVERSE

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