Filmkritik: „Voces Inocentes – Unschuldige Stimmen“ (2004)

voces_inocentes_500

Originaltitel: Voces Inocentes
Regie: Luis Mandoki
Mit: Carlos Padilla – Leonor Varela – Xuna Primus u.a.
Laufzeit: 120 Minuten
FSK: Ab 16
Land: Mexico / USA / Puerto Rico
Genre: Kriegsdrama

Der Schrecken des Krieges in all seiner ungeschönten Wahrheit.

Inhalt: Chava ist ein 11-jähriger Junge, der eigentlich nur eines im Kopf haben sollte – Lausbubenstreiche. Der genervt sein sollte von der Schule, der langsam aber sicher den Mädchen hinterzuschauen beginnt – doch im El Salvador der 80er Jahre sehen sich Chava und andere Kinder seines Alters mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Es herrscht Krieg – ein bitterer, gnadenloser Krieg der kein Ende nehmen will. Bald würde er seinen zwölften Geburtstag feiern, was zu dieser Zeit aber alles andere als ein Grund zur Freude ist – denn die Armee zieht ab diesem Alter Kinder ein und bildet sie zu Soldaten aus. Chava’s Vater hingegen ist bereits fort, er hat sich der Guerilla angeschlossen – woraufhin Chava schon früh die Rolle seines Vaters und damit des Mannes im Hause übernehmen muss. Sein Großvater würde ihn am liebsten auf Seiten der Guerillas kämpfen sehen, was schon schlimm genug wäre – doch das Militär kennt kein Pardon wenn es um die unmenschliche Nachwuchsrekrutierung geht. So erlebt Chava jeden Tag aufs neue schwere Gefechte zwischen dem Militär und den Guerillas, und steht dabei mit dem Rest seiner Familie oft mitten im todbringenden Kugelhagel, der weder Freund noch Feind kennt.


Kritik: VOCES INOCENTES basiert auf einer wahren Kindheitsgeschichte des Drehbuchautors Oscar Torres, die von Regisseur Luis Mandoki in Filmform wiedergegeben wird. Torres bezieht sich dabei schonungslos auf seine teilweise traumatischen Erlebnisse im Bürgerkrieg von El Salvador (1980 bis 1991), der den Tod von mehr als 70.000 Menschen forderte. Die Geschichte wird demnach hauptsächlich aus der Perspektive eines Kindes geschildert, dem 11 Jahre alten Chava (Carlos Padilla). Der ist im Grunde ein ganz normaler Junge, welcher versucht; seine Mutter stolz zu machen – ganz besonders nachdem der Vater im Sinne des Krieges die Familie verließ. Doch ein normales Leben ist nicht mehr möglich, als der Bürgerkrieg ihr kleines Dorf in voller Intensität und Stärke erreicht – und alsbald die ersten Todesopfer fordert. Regisseur Luis Mandoki kennt bei seiner adaptierten Darstellung des Kriegsgeschehens keine Hollywood-Krankheiten wie Sensationsgier oder politische Stellungnahmen – er erzählt den Stoff vielmehr aus einer Art Beobachterperspektive (trotz oder gerade wegen des Kindes als Identifikationsfigur), die das Geschehen schonungslos und in einer ungeheuren Intensität porträtiert. Schließlich braucht man weder politisches Wissen, noch eine gesellschaftliche oder militärische Position um zu begreifen; dass hier, im El Salvador der 80er, etwas ganz gehörig falsch läuft.

Und das ist noch stark untertrieben: das Leben von Chava, seinen Freunden und allen Menschen im Dorf wird zu einem tagtäglichen, erbittertem Kampf um das nackte Überleben. Die Schrecken des Krieges sind greifbar nah; ein jeder sieht sich mit der brutalen Alltagsrealität und dem Tod konfrontiert. Als wäre all das noch nicht schlimm genug, lenkt VOCES INOCENTES alsbald die Aufmerksamkeit auf ein sehr wichtiges Thema, welches anderswo gerne mal unter den Tisch gekehrt wird – die Rede ist vom Einsatz von Kindern als Soldaten. Genau dies steht nun auch Chava, dem Hauptcharakter des Films, bevor. Er geht zwar noch zur Schule – welche bereits zu einer Festung ausgebaut wurde – doch Soldaten patrouillieren hier an jeder Ecke, und die ersten Kinder fallen ihnen bereits zum Opfer. Selbst ein deutlich jüngeres Kind wird unter grausamster Gewaltanwendung eingezogen, und das nur wegen eines typischen Streiches, welcher hier als Affront gegen das Regime aufgefasst wird. Bei solchen Szenen geht einem als Zuschauer verständlicherweise der Hut hoch, doch es ist nicht Luis Mandokis Absicht, diese Bilder noch zusätzlich hochzustilisieren oder für andere Zwecke zu benutzen als denen der Wahrheitsfindung. So ist es kein Wunder, dass ein Film wie VOCES INOCENETES wortwörtlich ‚wehtut‘ – doch genau das soll er auch, er soll aufrütteln und auf Missstände hinweisen.

Ebenfalls porträtiert werden aber auch die kleinen, kurzen Alltagsszenen der Menschen in El Salvador, die sich zwischen dem steten Kugelhagel ereignen. Dies sind einige der wenigen Szenen die eine etwaige ‚Normalität‘ unter Extremzuständen nur andeuten – mit einem erschreckenden Bezug zur Realität. Was für den Zuschauer erst wie ein normaler Abend bei einem einfachen, aber gemütlichen Essen aussieht; mündet im Bruchteil von Sekunden in ein blutiges Schlachtfeld wo keines sein sollte. Der Film schafft es weiterhin, den Bogen zwischen den bürgerkriegsbezogenen Ereignissen und der (universellen) Thematik der ‚Kindersoldaten‘ zu spannen. Schließlich, und das ist sicher nicht jedem gewahr, gibt es derzeit noch über 300.000 Kindersoldaten weltweit – wobei die Dunkelziffer noch höher liegt. Sie kämpfen und sterben für nichts und wieder nichts – ausser dem weltweiten Durst nach Macht und Überlegenheit. VOCES INOCENTES besitzt dabei, neben den wertvollen und schockierenden Inhalten, außerdem einen technischen Part der keine Wünsche offen lässt – man ’spürt‘ beinahe die Tödlichkeit des Schlachtfeldes. Kamera, Schnitt und Ton bewegen sich fernab jeder Kitschgrenze und unterstützen den authentischen Eindruck.

Fazit: VOCES INOCENTES ist einer der besseren, vielleicht sogar besten Anti-Kriegsfilme aller Zeiten, der eindringlicher und ehrlicher nicht hätte ausfallen können. Es wird keine politische Position bezogen, sondern vielmehr eine zutiefst menschliche, eigentlich von allen menschlichen Wesen zu erwartende. Er rüttelt auf, regt zum Nachdenken und zur Diskussion an – und verurteilt all jene, die mit Menschenleben spielen wie mit Schachfiguren auf einem Spielbrett. Es lohnt sich auch, einen Blick auf die offizielle Seite zum Film zu werfen. Dort findet man auch einen Teil der Musik aus dem Film, welche damals offiziell vom Regime verboten wurde.

Advertisements

3 Gedanken zu “Filmkritik: „Voces Inocentes – Unschuldige Stimmen“ (2004)

  1. Ich glaube ich muss noch eine 10/10 für diesen Film vergeben, ich wüsste nicht was ich zu bemängeln gehabt hätte und auch nur noch sehr wenige Filme die mich auf eine ähnliche Art schockiert und bewegt haben, dass ich sie nur noch mit Überwindung ein zweites Mal ansehen kann. Weitere Empfehlung von mir: „Geh/Komm und sieh“ von Elem Klimov. Da verblassen Hollywoods Kinder a la Schindlers List.

    Gefällt mir

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s