Filmkritik: „Findet Nemo“ (2004)

Originaltitel: Finding Nemo
Regisseur: Andrew Stanton, Lee Unkrich
Mit: Albert Brooks, Ellen DeGeneres, Alexander Gould u.a. (Sprecher)
Laufzeit: 96 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 0 freigegeben
Genre: Animationsfilm (Action / Komödie / Drama)

Auch Fische müssen irgendwann einmal erwachsen werden…

Inhalt: Anemonenfische leben zumeist in einer sie schützenden, richtig: Anemone. Doch eine Fischfamilie trifft das Unglück: sie werden von einem hungrigen Barracuda angegriffen, der sogleich einen Großteil der frisch gelegten Fischeier mit dem Nachwuchs verspeist, und auch die Mutter nicht verschont. Nur der Fisch-Vater überlebt, und mit ihm ein einziges Ei – aus dem der quirlige Jungfisch Nemo schlüpft. Von nun an ist er verständlicherweise das ein und alles von Vater Marlin, und wird von ihm liebevoll allein großgezogen. Doch trotz oder gerade wegen der übertriebenen Wachsamkeit seines Vaters gerät Nemo eines Tages in die Fänge von menschlichen Tauchern, die ihn mitnehmen und in ein Aquarium verfrachten. Das steht in einer Zahnarztpraxis – und obwohl Nemo auch hier schnell neue Freunde findet, droht ein weiteres Unheil: ein Mädchen würde in einigen Tagen kommen und sich einen Fisch abholen – Nemo ! Nun ist es an Marlin, sich auf die Reise zu begeben um seinen Sohn zu retten. Ob ihm die ihn begleitende und unter Amnesie leidende Dorie dabei allerdings eine Hilfe oder eher Ballast ist, bleibt abzuwarten…

Kritik: Ja, wo ist er denn nur hin, der kleine Nemo ? Tatsächlich fällt die vom renommierten Animationsstudio Pixar umgesetzte Disney-Geschichte relativ simpel aus und ist schnell erzählt. Was sich allerdings keinesfalls auf den Spaßfaktor auswirkt – denn der ist vergleichsweise hoch, bekommt Findet Nemo durch die wenig ‚flauschige‘, aber dennoch niedliche Unterwasser-Welt doch einen enormen Charme verpasst. Überall kreuchen und fleuchen die verschiedensten Lebewesen, Pflanzen; sinnigerweise steht nichts still – sondern bewegt sich im Fluss der Unterwasserströmungen. Besonders auffällig ist hierbei auch der allgemein hohe Detailgrad und die farbenfrohe Gestaltung der Unterwasserwelt und seiner Bewohner. Wie so oft bei Pixar stellt sich in erster Linie die Optik in den Vordergrund und zieht die Zuschauer in ihren Bann – sodass sich im Zusammenspiel mit dem stimmigen Soundtrack und der allgemein versierten handwerklichen Herangehensweise ein technischer Part präsentiert, der makelloser nicht hätte sein können. Aber wie verhält es sich mit der Geschichte, der Erzählweise, der ehemals so typischen ‚Disney-Magie‘ innerhalb dieses Werkes ? Bietet Findet Nemo auch inhaltlich ausreichend Substanz, oder hat man die Aufmerksamkeit doch zugunsten der reinen Äußerlichkeiten verschoben ?

Glücklicherweise ist diese Frage grundsätzlich mit nein zu beantworten. Die Geschichte um die Entführung Nemo’s fällt einerseits absolut kindgerecht (FSK-Einstufung: ab 0) aus, andererseits bleibt aber auch älteren Zuschauern eine gewisse Spannung erhalten. Die Macher setzen hierbei weniger auf allzu reißerische oder aus dem Kontext gerissene Maßnahmen, als vielmehr auf ein durchtriebenes Wechselspiel der Charaktere, die – wenn man einmal ehrlich ist – den gesamten Film fast komplett allein tragen. Es sind ihre Eigenschaften und ureigenen ‚Macken‘ (die offensichtliche Verweise auf allzu menschliche Züge beinhalten), es ist ihr Umgang mit ihrer Umwelt und den daraus resultierenden Missgeschicken und Abenteuern, die den Reiz von Findet Nemo ausmachen. So ist es kein Wunder, dass Charakter-Sidekicks wie Dorie mit ihrer Leinwandpräsenz nicht geizen – hier blühen die Macher vollends auf, und servieren mal herrlich trockene, mal weniger trockene Gags und Witzeleien die Zuschauer aller Altersklassen bei Laune halten werden. Kann ein Fisch, der an einer Amnesie leidet, wirklich komisch sein ? Und ob – und außerdem noch reichlich liebenswert, wie grundsätzlich alle Charaktere des Nemo-Universums. Selbst die wunderbar makaber präsentierten Haie (die eine Art Selbsthilfegruppe gegründet haben) überraschen mit gar menschlichen Zügen, indem sie sich darauf besinnen, ihre brutale Natur zu unterdrücken. Ja, auch das ist in einem Disney-Kinderfilm erlaubt – und herrlich anzusehen.

Jedoch kommt es, wie es kommen muss – so toll Findet Nemo auch aussieht, so stark seine Charaktere sind; so simpel und überraschungsfrei ist letztendlich die Story. Die ist grundsätzlich viel zu schnell erzählt und schnell abgehandelt – die Entführung und Befreiung Nemo’s dient als Aufhänger Nummer eins und lässt so kaum Raum für kleine Nebengeschichten oder einen größeren erzählerischen Rahmen. Das inhaltliche Hauptaugenmerk liegt also auf dem Faktor des (familiären) Zusammenhalts und der Tatsache, dass es sich immer lohnt für das an was man glaubt zu kämpfen – auch wenn es noch so aussichtslos erscheint. Das ist nur gut und rechtens, und auch für die jüngsten unter den Zuschauern verständlich – aber ganz so geschickt wie die Japaner (Hayao Myazaki, Studio Ghibli) sind die US-Filmemacher eben doch (noch) nicht. Findet Nemo ist in erster Linie ein Kinderfilm, und kein durch-und-durch unterhaltender Film für die ganze Familie. Und auch die viel beschworene ‚Disney-Magie‘ ist längst nicht mehr so spür- und greifbar wie in früheren Werken, in denen die Existenz eines Animationsstudios wie Pixar noch als Hirngespinst gegolten hätte. Die sich ständig weiterentwickelnde Technik macht eben einiges besser (und teurer, aber das ist ein anderes Thema), anderes wird im ‚Glanz‘ dieser Entstehungsprozesse wiederum vernachlässigt – und das ist zumeist der Inhalt. Bei Findet Nemo gelingt der Spagat – doch einen zeitlosen Klassiker sollte man nicht erwarten.

Fazit: Mit Findet Nemo kreierte das Animationsstudio Pixar einen überdurchschnittlichen Animationsfilm, der einen gewissen Kultfaktor besitzt – jedoch nicht aufgrund des Inhaltes oder der ausschweifenden, dem Film innewohnenden Magie; sondern aufgrund des quietschbunten Unterwasserszenarios mit all seinen liebenswerten Bewohnern. Diese wird ein jeder sofort ins Herz schließen können – und an deren beeindruckender Präsentation kann man sich kaum sattsehen. Gute, engagierte deutsche Synchronsprecher runden den durchweg positiven Eindruck ab – doch für eine Höchstwertung reicht es dann doch nicht. Dies wäre vielleicht der Fall gewesen, hätte man einen Teil der in die Charaktere investierten Energie für eine noch eindrucksvollere, universellere, zeitlosere Story verwendet. Dennoch gilt: Familien mit jüngeren Kindern – zugreifen !

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