Filmkritik: „Sucker Punch“ (2011)


Originaltitel: Sucker Punch
Regie: Zack Snyder
Mit: Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone u.a.
Laufzeit: 110 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 16
Genre: Fantasy (30 %) / Action (30 %) / Drama (20 %) / Thriller (20 %)

Mit diesen Mädels ist nicht zu Spaßen !

Inhalt: Im Streit um ein Erbe greift ein verzweifelter Witwer zu ganz und gar skrupellosen Methoden. Er bringt seine jüngste Stieftochter, eine der beiden Haupterben, um – und hängt den Mord daraufhin seiner älteren Stieftochter an. Diese wird prompt in eine Art Irrenanstalt eingeliefert, und als besonders gefährlich eingestuft. Dass eine vor krimineller Energie nur so strotzende Tat wie diese Erfolg hat, verdankt der Mann wohl auch seiner beruflichen Stellung – er scheint der hiesige Polizeichef zu sein. Doch er möchte es nicht nur bei der blossen Einweisung belassen – er macht ein Geschäft mit einem der Mitarbeiter der Anstalt, der dafür sorgen soll, dass sie schon bald einer Lobotomie unterzogen werden würde. Das bedeutet: in weniger als 5 Tagen würde ein fataler Eingriff am Gehirn der jungen Frau vorgenommen werden, auf dass sie sich an keine Einzelheit der Tat, ja nicht einmal mehr an ihren eigenen Namen erinnern werden wird. Nun ist es an ihr und ihren Mitinsassen, alles junge Frauen etwa gleichen Alters, einen Ausweg aus der hoffnungslosen Situation zu finden – sofern das überhaupt möglich ist.

Kritik: Zack Snyder, der sich vor allem mit dem martialischen Epos 300 einen Namen machte, setzt nach dem ungewöhnlichen Heldenporträt aus Watchmen – die Wächter nun erneut auf einen Filmstoff der etwas unkonventionelle(re)n Art. Allerdings gibt es einen markanten Unterschied: erstmals stammt die Idee vollständig aus seiner eigenen Feder, es handelt sich nicht mehr um eine blosse Adaption. Einerseits begibt er sich also auf für ihn unbekanntes Terrain, andererseits hat er aber gerade mit einem Film wie Sucker Punch die Chance, sich in Hollywood’s Filmszene weiter zu profilieren. Und, sich im besten Falle sogar als innovationsfreudiger, eigensinniger und guter Ideengeber und Regisseur zu behaupten. Aber ob ihm das mit einem Film wie Sucker Punch, einem wilden Mix aus reißerischer Action, doppeldeutigen Traumsequenzen und dramatischer Klinik-Erzählung gelingt ? Sehen wir es uns an.

Die Oberfläche

Von Anfang an unübersehbar ist der etwas eigenwillige optische Stil, der auch schon 300 eine besonderen, leicht mysteriös-surrealen Hauch verlieh. Im Gegensatz zur ‚Wärme der Wüste‘ setzt Snyder in Sucker Punch allerdings explizit auf das Gegenteil, eben so wie man sich die passende Farbpalette zu einem dunklen Mordfall mit anschließender Klinikeinweisung vorstellen würde. Inmitten einer allgemeinen Schwärze und gewollter Unschärfe dominieren kühle Grau- und Grüntöne; wirkliche ‚Eyecatcher‘ oder markante Fixpunkte gibt es im Gegensatz zu anderen Filmen mit einer ähnlichen Stilisierung (unter anderem Sin City) kaum. Doch schon bald wird klar, warum dem so ist: die Handlung von Sucker Punch ist auf 2 Ebenen aufgeteilt; eine tatsächliche (die Realität) und eine imaginäre (die Fiktion). Und in letzterer scheint der Regisseur förmlich zu explodieren, indem er alles (visuell) zurückgehaltene nun innerhalb weniger Minuten auf die Leinwand bringt. Das sind in erster Linie reißerische Actionszenen voller Dynamik, allgemeinem Radau und noch viel mehr Getöse: ob beim Kampf gegen einen riesigen Drachen, in den schmutzigen Gräben einer fiktiven Alternativ-Version des zweiten Weltkriegs oder in der Auseinandersetzung mit futuristischen Robotern – hier wird eindeutig geklotzt, und nicht gekleckert.

Zweifelsohne sorgen diese Actionszenen, von denen es letztendlich und inhatlich-sinngemäß 4 ‚große‘ (4 Unterschiedliche Schauplätze, 4 unterschiedliche Hauptgegner) gibt, für einen hohen Unterhaltungswert und ein bombastisches visuelles Schauspiel der etwas… anderen, da von allgemeiner ‚Frauenpower‘ dominierten Art. Kampfeslustige, siegessichere Amazonen mit teilweise übermenschlichen Fähigkeiten, die sich wie vom Teufel geritten durch gegnerische Feindeshorden metzeln, und dabei noch eine verdammt gute Figur machen; in einem Wechselspiel aus hintergründig-defensiver Opferrolle (Mädchenhafte Unschuldigkeit) und imaginär-offensiver Täterrolle (Rache für Unterdrückung) ? Das sieht nicht nur nett und teilweise aufwendig aus, dem Regisseur gelingen dabei auch die Übergänge von den fiktiven Ebenen in die tatsächliche – und das fliessend und ohne das ein großes Aufhaben darum gemacht wird. Etwas schade ist allerdings, dass Snyder es gerade in diesen Explosionsartigen Szenen dann stellenweise doch ein wenig zu sehr übertreibt: die Schnitte geraten einstweilen äusserst hektisch; ebenso wie die Choreografien der Amazonen. Weiterhin wirken nicht wenige Szenen etwas zu dunkel; was in einer zusätzlichen Strapazierung der Augen mündet; sofern man das Spektakel nicht gerade auf der ganz großen Leinwand verfolgt.

Ebenfalls enorm auffällig: der Soundtrack, der nicht selten einige Interpretationen von bekannten Popmusikstücken beinhaltet. Zwar sorgt er bei einem Großteil der Szenen für einen stimmigen ‚Drive‘, doch in anderen wirkt er wiederum etwas zu laut, aufdringlich und weniger passend. In jedem Fall ist Sucker Punch das Investment in die technischen Aspekte anzusehen; auch die tatsächlichen Szenenbilder (die nicht-animierten) wirken stets aufwendig und sinnig inszeniert. Zu diesem Eindruck gesellen sich überdies noch die Darsteller – wobei man verständlicherweise nur von den weiblichen Parts sprechen kann, mit eventuell einer Ausnahme. Denn der einzige männliche Darsteller, der sich wirklich in den Köpfen der Zuschauer festzusetzen vermag und nicht nur eine scheinbare Nebenrolle innehat (wie der ominöse ‚Retter‘ der Frauen), ist Blue Jones; der ‚Chef‘ des zwielichtigen Damen-Tanzvereins, beziehungsweise in der Realität ein Klinik-Aufseher. Gespielt wird er von Oscar Isaac, der seine Sache wirklich gut macht. Aus der fidelen Damen-Riege stechen vor allem – wie sollte es anders sein – Babydoll (gespielt von Emily Browning) und Vera Gorski (gespielt von Carla Gugino) heraus, die eine erstaunliche Präsenz zeigen und stets ein nicht allzu offensichtliches Porträt ihrer Charaktere feilbieten. Die anderen Damen und (wenigen) Herren bleiben, dies ist allerdings dem Drehbuch zuzuschreiben, verdächtig blass und hintergründig.

Das, was darunter liegt

Jedem Zuschauer wird relativ schnell klar werden, dass sich der Großteil der Handlung von Sucker Punch nicht in der Realität, sondern auf einer fiktiven Ebene abspielt, sozusagen als von der Hoffnungslosigkeit angetriebene ‚Erweiterung‘ oder ‚Verzerrung‘ der Realität. Dazu muss es nicht erst zu den actionreichen Kämpfen kommen, es beginnt relativ zügig und mit der Vorstellung des ‚Tanzclubs‘ der Frauen. Synder verknüpft die beiden Ebenen (zu denen sich später noch eine dritte, fiktive Sub-Ebene gesellt) Ebenen hierbei stets schlüssig- was zweifelsohne an der Idee der ‚5 Elemente‘ liegt, die die Frauen zum Ausbruch benötigen und die sich sinnigerweise auch in der imaginären Welt wiederfinden. Jedoch handelt es sich bei diesen 5 Elementen nur um jene 5, die für den weiteren Verlauf der Handlung benötigt werden – doch es gibt noch zahlreiche weitere, die weitaus versteckter vorzufinden sind. Dies führt zu einem Schluss und in der Unterstellung an Synder, einen durchaus genialen Coup gelandet zu haben: Sucker Punch könnte einerseits als oberflächliche Action-Kost für ein Mainstreampublikum bezeichnet werden – andererseits aber auch als hintergründige Gesellschaftskritik (dazu gleich mehr), die lediglich in einen massentauglichen Rahmen (Stil & Optik) eingebettet ist. Es kommt also ganz auf den Zuschauer selbst an, ob man dem Film ‚mehr‘ abgewinnen kann als das was nur wenige Zentimeter unter seiner Oberfläche versteckt ist oder eben nicht. Snyder bedient gleichzeitig das US-Massenkino und damit Hollywood – aber ganz subtil auch die etwas anspruchsvolleren Zuschauer.

Schließlich ist die imaginäre Ebene ähnlich wie bei den Traumebenen aus Inception potentiell endlos, und kann so mehrere Subebenen enthalten. Zwar fällt das Auseinanderhalten dieser Ebenen äusserst leicht (zumal Snyder es bei maximal 3 Ebenen belässt), doch dient gerade die erste imaginäre Ebene (die des Damen-Tanzclubs) als wahrer Sammelpunkt für allerlei unterschwellige Botschaften. Allerdings und wie gesagt nur, sofern man sie überhaupt entdecken möchte: von moderner Gesellschaftskritik im sinne des technologischen Fortschritts (die ‚Traumvorstellung‘ einer Frau aus der Perspektive einer männerdominierten Gesellschaft der ‚Nerds‘) über Analysen der femininen Sexualsymbolik als ‚Waffe‘ oder unter fremdbestimmten Zwangseinwirkungen von Aussen (egoistisch orientierte Stimulation) bis hin zur allgemein zu hinterfragenden Rolle der Frau in der Gesellschaft und speziell Berufsständen (baustellenartige Entwicklung des Feminismus ) ist so gut wie alles vertreten. All diese Botschaften und Intentionen Synder’s sind ebenso omnipräsent wie schemenhaft, entweder man achtet auf sie oder ‚vergisst‘ jegliche Ambitionen die über den blossen Action-Kontext hinausgehen. Dies ist in etwa vergleichbar mit dem Regenfall, der nur zu Beginn des Films zu sehen ist, und die ohnehin schon vorhandene Tristesse noch zusätzlich unterstreicht – und doch hat man das Gefühl, als müsste es die ganze Zeit (selbst wenn die Handlung ins Innere verlegt wird) regnen, da die Situation (des Verrats, der Unterdrückung) stets die selbe bleibt. Und überhaupt, wem genau ist die Entstehung der irrealen Traumwelt mit Realitätsbezug zuzuschreiben ? Eine Frage, die man nicht voreilig beantworten sollte – es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Immerhin, einen etwas weniger dezenter Hinweis auf diese altkluge Weisheit gibt letztendlich der eigentliche Hauptcharakter Babydoll selbst, wenn es auf das große Finale zugeht.

Fazit: Die Erwartungen an Sucker Punch waren nicht hoch, und letztendlich floppte er beim US-Publikum – vielleicht wird anhand dieses Reviews auch ersichtlich, warum. Tatsächlich ist Sucker Punch gar kein so stumpf-platter Streifen wie man aufgrund des Trailers und der Storyumschreibung vermuten könnte; er ist demnach nur oberflächlich massentauglich. Stumpfes Haudrauf-Actionkino aus Hollywood sieht ganz anders aus – womöglich wollten viele Zuschauer aber genau das sehen. Ein großes Lob gebührt Regisseur und Ideengeber Snyder für die Verwirklichung dieser Filmvision, die nicht jedem zusagen wird; und gar nicht so leicht in eine bestimmte Schublade einzuordnen ist. Für einen einzigartig-perfekten Film reicht es dann aber doch (noch) nicht – dafür leistet sich Snyder noch zu viele Schnitzer. Oder anders gesagt, er hat sich womöglich noch nicht weit genug aus dem Fenster gelehnt. Der Hauptkritikpunkt: die Charaktere bleiben größtenteils viel zu flach und weitestgehend unangetastet wenn es ans eingemachte geht, man ist als Zuschauer nicht angehalten wirklich ‚mitzufiebern‘ (fehlende Empathie-Entwicklung). Zudem werden weitere potentiell wichtige Rollen gleich komplett ausgelassen oder nur minimal angeschnitten – das sind vor allem die der wenigen (aber für die Story umso wichtigeren) Männer. Dazu gesellt sich noch ein nicht immer perfekter technischer Part (Hektik, Dunkelheit, viel CGI) und ein gewöhnungsbedürftiger Soundtrack (besser: weniger Mainstream). Alles in allem eine recht eindeutige Empfehlung – aber keine 100%-tige.

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3 Gedanken zu “Filmkritik: „Sucker Punch“ (2011)

  1. Auweia..der Film ist alles und gleichzeitig auch nichts. Ein optisch opulentes Werk durchaus (wobei die Effekte teilweise auch noch richtig schlecht aussehen)…zum Teil fand ich die Musik ganz gut, allerdings wurden einige Klassiker (u.a. von Queen) regelrecht vergewaltigt…oder sollte das wortwörtlich zum Thema passen…man weiß es nicht. ^^ Aber tiefgründig genug für eine hohe Wertung…das mag ich bezweifeln. Der Film fängt gar nicht mal schlecht an (Emily Browning covert ganz nett im Intro „Sweet Dreams“…klang stimmlich zuerst nach Lana del Rey)…aber ich konnte mit der Art und Weise wie 3 Ebenen („Sanatorium“, „Bordell“, und „Battlefield“^^) miteinander verschmelzen (ähnliche Richtung wie in Inception) nichts anfangen…der Vergleich ist eigentlich fast schon eine Beleidigung für zuletzt genannten. ^^ Das wirklich übelst kitschige offenbart sich auf Ebene 3, denn die Szenarien im Sanatorium und im Bordell fand ich sogar recht ansprechend, der Rest ist die reinste Wichsphantasie eines vorpubertierenden männlichen Video Game Junkies. (das mag damals 1981 sicherlich in ähnlicher Weise in „Heavy Metal“ funktioniert haben..die Parallelen zu diesem Klassiker sind nicht zu übersehen und sind – zu meinem Erstaunen – auch noch eine gewollte Hommage ^^) Nicht genug…besonders lachhaft die philosophische Botschaft am Ende des Films…autsch. „Inception“ ist um Welten besser. Da fand ich von Zack Snyder „300“ schon besser. „Cabin in the Woods“ fand ich besser…sogar „Abraham Lincoln: Vampirejäger“ (durch den ich mich damals teilweise richtig gequält habe LOL) war besser. Ich habe den Film im Fernsehen gesehen…angeblich in HD und war sehr enttäuscht über die Bildqualität (altes Thema mit dem Stilmittel)…aber HALLO…gerade bei einem solchen Film in dem Optik alles zählt ein solches Stilmittel zu wählen (schlechtes Bild) ist eine katastrophal eigensinnige Entscheidung! Das ist mir dann zusätzlich sauer aufgestoßen. Vielleicht hast du ja die Extended Version gesehen…ich hingegen nur die Kinofassung..aber ich glaube nicht, dass die erweiterte Fassung irgendwas besser macht. Oder doch? Sieht man da endlich Babydoll tatsächlich auch mal tanzen? *heul* ROFL Wirr, wirrer…Sucker Punch! Das nenne ich mal eine gelungene Lobotomie und genau so schnell möchte ich den Film auch wieder vergessen. ^^

    Wertung: 4/10

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    1. Die besten 5 Min. des Films…da hatte ich sogar Gänsehaut! (sogar jetzt wo ich es mir nochmal ansehe^^) Danach konnte der Film kaum noch Emotion aus mir herauskitzeln…schade eigentlich. Der Film ist pure Reizüberflutung wo man nicht mehr weiß was man überhaupt noch empfinden soll. Too much! ^^

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  2. Hätte nicht gedacht dass du dem Film 8 Punke geben würdest… Ich fande den Bombast Action Film auch recht gut/interessant, dass lag dann wohl aber auch an den meheren Ebenen, auf dem sich die Story abgespielt hat und am überraschendem Ende, dass nicht für jederMann ersichtlich daherkommen mag. ( Da durch zu viel Haut und Action geblendet 😉 )
    Ein guter, nicht nur Action Film mit einigem zu sehen… der nicht so gut Abgeschnitten hätte wäre die Erzählweise, Ebenen, das Ende… nicht. In dem Streifen steckt mehr drin und vor allem dahinter als mann auf den ersten Blick vermuten mag.

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