Filmkritik: „The Last Ride“ (2009)

Originaltitel: The Last Ride
Regie: Glendyn Ivin
Mit: Hugo Weaving – Tom Russell – John Brumpton u.a.
Laufzeit: 86 Minuten
Land: Australien
FSK: Ab 12
Genre: Drama

„Vater-Sohn-Beziehung und Verbrechensaufarbeitung in ungeschminkt“

Inhalt: Es kann nichts Gutes bedeuten, wenn ein Vater (Hugo Weaving) seinen 10-jährigen Sohn (Tom Russell) plötzlich und mitten in der Nacht an der Hand nimmt und in sein Auto zerrt – um daraufhin zu fliehen. Was ist nur geschehen, und vor was versucht der Vater zu entkommen ? Doch es bleibt kaum Zeit, Fragen zu stellen; geschweige denn sie zu beantworten. Gemeinsam begeben sich die beiden auf eine abenteuerliche Odyssee quer durch die USA, die einerseits an einen (hoffentlich) temporären Sruvival-Trip erinnert – andererseits aber auch an eine wahre Alptraum-Reise. Denn das Verhältnis von Vater und Sohn ist alles andere als gewöhnlich, und schon gar nicht immer friedlich. Während der Vater zu Gewaltausbrüchen und Kurzschlussreaktionen aus dem Affekt tendiert, sucht Sohn Chook vergeblich nach einem festen Halt und väterlicher Liebe. Bald besuchen die beiden eine alte Bekannte – doch auch hier können sie nicht bleiben. Die Reise ins Ungewisse geht weiter – entweder wird es ein Schrecken ohne Ende geben, oder aber ein Ende mit Schrecken…

Kritik: So alt ist Last Ride noch gar nicht – bis vor kurzem musste man den australischen Film noch händeringend über Online-Plattformen suchen und meist teuer erstehen. Nun aber gibt es auch ein deutsches DVD-Release des Dramas, welches sogleich versucht mit dem relativen Bekanntheitsgrad des Schauspielers Hugo Weaving (The Matrix, Der Herr Der Ringe, V Wie Vendetta) zu werben. Und tatsächlich entpuppt sich dieser (abermals) als wahres Multitalent, und überzeugt auch mit kauzigem Bartwuchs und in wilder Erscheinung. Ihm zur Seite steht ein junges Nachwuchstalent namens Tom Russell, wobei dieser junge Mann noch nicht ganz so viel Filmerfahrung auf dem Buckel hat wie sein erwachsener Schauspiel-Partner – aber dennoch mindestens ebenso intensiv spielt. So fungieren Weaving und Tom Russell als Darsteller der beiden zentralen Charaktere in Last Ride, und wissen dabei durchaus zu überzeugen. Gerade im Zusammenspiel – die sich aus dem zwiespältigen Vater-Sohn-Verhältnis entwickelnde Dynamik ist einer der Hauptanreizpunkte des Films; und bugsiert ihn so automatisch auf eine höhere Ebene als vergleichbare Filme – die einen geringeren Fokus auf Charakterentwicklung (dafür möglicherweise auf Action) setzen.

Und in der Tat ist Last Ride kein reißerischer Streifen mit einem unaufhaltbaren Tempo – was ihm größtenteils zum Vorteil gerät. So lassen sich die Macher ausführlich Zeit mit der Story-Entwicklung und -Aufklärung, vielmehr setzen sie auf (allerdings nicht immer) aussagekräftige Stillleben und atemberaubende Landschaftsaufnahmen. Mit dieser Methode gelingt es zweifelsohne, eine noch beklemmendere Stimmung heraufzubeschwören und das ohnehin schon merkwürdig erscheinende Verhältnis von Vater und Sohn noch intensiver darzustellen. Der geneigte Zuschauer kann also kaum anders, als von Beginn an ein hohes Maß an Empathie zu entwickeln, vor allem für den jungen und oftmals hilflosen Chook. Der Vater hingegen erntet verständlicherweise weniger Sympathie, was an seiner unberechenbaren und durchaus von Gewalt durchtränkten Rolle liegt. Glücklicherweise sehen die Macher aber davon ab, ihm ein zu eindimensionales Porträt zu spendieren. So schwankt das Verhalten des Vaters wie der Eindruck des Zuschauers, nur um selbigen am Ende mit einem schwermütigen Gefühl der Ungewissheit zurückzulassen. Und mit der Frage: was wäre, wenn… ?

Doch das durch und durch gemäßigte Tempo kommt dem Film nicht immer zugute. Stellenweise kann sich, und das trotz der relativ geringen Spielzeit, beim Zuschauer ein Gefühl der Monotonie einstellen – einer Monotonie, die nicht auf die (durchaus beabsichtigt-desolate) Filmwirkung zurückzuführen ist. Sobald der Abspann beginnt, kann man sich tatsächlich nicht des Gefühles erwehren, schlicht ‚zu wenig‘ gesehen zu haben – ein zu wenig an heiklen Situationen, spannenden Momenten und vorantreibenden Story-Elementen. Ein gewisser, in diesem Falle unbeabsichtigter Leerlauf lässt sich einfach nicht abstreiten – und von überraschenden Plot-Twists braucht man gar nicht erst zu sprechen. Denn das Ende beziehungsweise der Aufbau zum ‚großen Finale‘ zählt zweifelsohne zu den größten Schwachpunkten von Last Ride. Ja, wie kann ein solcher Film; welcher im Grunde ein Entführungsdrama a’la Perfect World ist, eigentlich nur enden ? Die Antwort, die man sich bereits im voraus zusammenreimen wird, hat eine 50-prozentige Chance, sich zu bewahrheiten – entweder der Film hat ein offenes Ende, oder aber die Flucht endet mit einem ‚Knall‘ beziehungsweise dem Ableben einer der beteiligten Protagonisten. Und so erfindet auch Last Ride das Rad nicht neu, sondern geht äusserst bekannte und daher absolut unspektakuläre und vorhersehbare Wege.

Wenn man böse wäre, könnte man daher auch die ungefähre ‚Formel‘ die zum Film geführt hat, analysieren – ein wenig Perfect World, ein wenig The Road, ein wenig Julia – und fertig ist Last Ride. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass letzterer ein keinen der genannten ‚Vorbilder‘ heranreicht – dafür mangelt es einfach noch an filmischer Perfektion. Zu der gehört neben den technischen Aspekten (Optik, Akustik, Schauspiel) nämlich auch noch ein möglichst packender, mitreissender und gerade im Drama-Bereich bewegender Story-Part. Wie gesagt, wenn man böse wäre – doch hier schwächelt Last Ride tatsächlich am auffälligsten. Das Drehbuch ist ebenso simpel wie auf-den-Punkt gebracht – ‚aufgepeppt‘ und anschaulicher gemacht wird das Ganze mit einer herausragenden Kameraführung, tollen Schauplätzen und Naturaufnahmen; wie natürlich den sagenhaften Darstellerleistungen. Dafür, dass der Film aus dem oftmals unterschätzten Filmland Australien kommt (das merkt man als geneigter Filmzuschauer) und mit einem relativ geringem Budget ausgekommen ist, gibt es gedachte Bonuspunkte – doch auch diese können das Fehlen etwaiger Alleinstellungsmerkmale nicht übertünchen. Dabei hätte man hier durchaus zusätzlich punkten können – doch wirklich intensive und einzigartige Szenen wie die Fahrt über den Salzsee (mit den dazugehörigen Dialogen) finden sich noch zu vereinzelnd.

Fazit: Letztendlich erhält man mit Last Ride solide Drama-Kost der anspruchsvollen, aber verständlicherweise auch bedrückenden Art – wer Dramen mit intensiven Charakterporträts schätzt, bei denen auch über eine gewisse Sub-Ebene (‚zwischen den Zeilen‘, anhand von Bildsprache) kommuniziert wird, der wird mit diesem Werk gut beraten sein. Wer allerdings das aussergewöhnliche, bisher nie gesehene oder auffallend nachhaltig beschäftigende filmische Erlebnis sucht, der sollte doch eher zu einem zeitlos guten Alternativwerk und -Klassiker wie Perfect World greifen. Oder, auch wenn es sich grundsätzlich um das Obergenre des Horror handelt, sich The Road ansehen – denn auch der bietet eine nicht zu verachtende Vater-Sohn Komponente mit der nötigen Prise Dramatik. Last Ride ist gut gemacht, gut gespielt und ambitioniert – und scheitert auf (ganz) hohem Niveau. Was nicht heissen soll, dass der Film eine schlechte Bewertung verdient hat, nur: es wäre ein leichtes gewesen, ihn noch 2.5 Punkte besser zu machen.

Advertisements

Zögert bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s