Metal-CD-Review: ENSIFERUM – From Afar (2009)

Land: Finnland – Stil: Pagan / Viking Metal

01. By the Dividing Stream
02. From Afar
03. Twilight Tavern
04. Heathen Throne
05. Elusive Reaches
06. Stone Cold Metal
07. Smoking Ruins
08. Tumman Virran Taa
09. The Longest Journey (Heathen Throne Part II)

Wenn es auch mal wieder etwas brachialer sein darf.

Vorwort: Hat jemand Lust zu… kämpfen (natürlich ist lediglich der imaginäre Kampf gemeint) ? Nicht… ? Schade. Doch vielleicht kommt ja ein wenig Stimmung mit dem 2009’er Silberling von Ensiferum auf, DEN Pionieren des Pagan- und Viking-Metals. Guter Metal dieser Spielart kommt oft aus Finnland, so sagt man… und wenn dem vorher nicht so wahr, dann müssen die Bücher spätestens jetzt und mit From Afar umgeschrieben werden. Denn was die Mannen hier alles, und das im Rahmen von gerade einmal 9 Songs, alles abfackeln – das hat es in einem solchen Ausmaß noch nicht gegeben. Ja, richtig: nicht einmal auf den zweifelsohne guten Vorgängeralben, die teilweise einen Kultstatus erreicht haben.

Kritik: Nun, beginnt man mit Intro By The Dividing Stream, weiss man noch nicht so recht woran man als Hörer ist. Oder aber, besonders wenn man Band-Neueinsteiger ist, worauf man sich hier möglicherweise ‚eingelassen‘ hat ! Schließlich werden hier ausschließlich ruhige bis verträumte Klänge präsentiert, das Ganze könnte am ehesten für eine musikalische (Kopf-)Reise in ferne, nördliche Länder dienen. Denn genau so klingt es: null Hektik, nur sanft zupfende Gitarren, zarte Flöten und eine gewisse Lagerfeuer-Stimmung. Interessant, zweifelsohne – aber handwerklich auch extrem gut gemacht. Achtung, schon folgt ein nicht ganz so zarter Umbruch: der Titeltrack From Afar schlägt ein, und zwar mit einer schier unnatürlichen Kraft. Eine volle Instrumental-Breitseite aus symphonischen und pompös-wohlkingenden Elementen auf der einen, brutale Growls und treibende Gitarren auf der anderen Seite machen diesen Opener zu einer epischen Granate. Und plötzlich wirken alle anderen Bands dieses Genres zwar nicht wie kleine Leuchten, aber doch wie welche, die nicht ganz so hell scheinen wie ENSIFERUM.

Nun heisst es willkommen in der Twilight Tavern – in der man eine kleine Verschnaufpause einlegen kann. Hmm, kann es so etwas auf einem Ensiferum-Album überhaupt geben… ? Glücklicherweise nicht wirklich. Dennoch geht es nicht mehr ganz so brachial-pompös zu wie noch im Opener, dafür regieren abermals griffige Instrumentalpassagen, der markant raue Gesang sowie zusätzlich einige nette Gesangspassagen. Ein zünftiger Mitsing-Refrain sowie ein immer antreibenderer Effekt machen auch diesen Titel zu einem Vergnügen. Mit Heathen Throne folgt nun ein… Meisterstück allererster Güteklasse. Dies ist nicht einfach nur ein simpler Pagan- oder Viking Metal; es mangelt beinahe an adäquaten Attribuierungsmöglichkeiten. Einflüsse verschiedenster Musikrichtungen, abwechslungsreiche Klangelemente und eine meisterliche Gesamtkomposition laufen hier ineinander – was im Gesamteindruck immer markant episch, erhaben und äusserst druckvoll klingt. Man darf sich also abermals verneigen. Elusive Reaches ist dann wieder einer der knapperen Titel – aber was für einer. Die dezenten Flötentöne vor treibender Bombast-Soundkulisse wirken sympathisch, und machen mehr als Laune. Ein ebenso kleiner, aber feiner Refrain rundet die Sache wohlig ab, ganz zu schweigen von den epischen Klangelementen.

Stone Cold Metal beginnt vorerst wie ein typisches Ensiferum-Brachialstück – und legt dementsprechend einiges an Tempo und Aggressivität vor. Doch was dann etwa ab der Hälfte des Titels geschieht, das gab es in dieser Form in wohl nie, zumindest nicht auf einer Viking Metal-Scheibe. So bewegt man sich hier musikalisch ein wenig weg vom typischen Nordmänner-Szenerio, hinein in den Wilden Westen einer längst vergangen Zeit – in der Tat, man könnte es vielleicht als Prärie-Metal bezeichnen, was man hier auf die Lauscher bekommt. Dementsprechend erscheinen staubige Straßen, Saloons und Revolverhelden vor dem geistigen Auge – was zur Abwechslung sicher nicht verkehrt und dabei ein echtes Überraschungs-Moment ist. Für dieses absolut gelungene Klang-Experiment (welches ohne Gesang auskommt) muss man Ensiferum ein weiteres mal Respekt zollen. Auch das folgende Smoking Ruins ist keinesfalls als simpel dahingeworfenes Stück zu bezeichnen, im Gegenteil; auch hier finden sich einige Höhen und Tiefen sowie markante Stimmungswechsel. Das Ganze klingt erneut ein wenig ‚fremdländisch‘ in Bezug auf die eigentliche Assoziation mit dem hohen Norden, und könnte für Ensiferum-Verhältnisse schon fast als ‚Ballade‘ durchgehen – das Gaspedal wird nicht ganz so kräftig durchgetreten, es regieren klare Riffs, symphonische Elemente und eine Art dezenter aber immer noch kräftiger Männerchorgesang. Immer wieder auftauchende Instrumentalpassagen und ein generell ‚erhabener‘ Eindruck machen auch diesen Titel zu alles anderem als einen Ausfall. Mit Tumman Virran Taa folgt nun und überraschenderweise ein sehr volkstümlich angehauchtes Interlude, welches eine Spieldauer von gerade einmal 52 Sekunden hat. Glücklicherweise gibt es davon – bei immerhin nur 9 Titeln – nur eines auf dem Album, weshalb es durchaus als stimmungserzeugendes Intermezzo bezeichnet werden kann. Außerdem gibt es mit dem abschließenden The Longest Journey ein (ausgleichendes) Stück mit einer Spielzeit von satten 13 Minuten serviert, welches den vorherigen in nichts nachsteht.

Fazit: So kann es gehen – From Afar schlägt ein wie eine Bombe und sorgt für mehr als nur eine frische Brise im Genre des Viking Metal. Wie kaum eine zweite Band meistern die Finnen von Ensiferum die schwierige Balance zwischen Brachial-Elementen und wohlklingenden symphonischen Anleihen – was zu einem wahrhaft epischen und erhabenen Gesamteindruck führt. Interessante und ausgefeilte Kompositionen, ein wunderbar rauer Gesang, interessante Songtexte, Chöre, Einflüsse aus der Filmmusik und eine satte Produktionsqualität katapultieren From Afar nicht ohne Grund auf die Spitze des Wertungstrons. Zumindest wenn es um das Genre des Viking Metal geht besteht kein Zweifel: man wird nichts besseres auf dem Markt finden.


90button

„Überraschend symphonisches, ultra-brachiales Genrewerk.“

Zögert bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s