Filmkritik: „Franz + Polina“ (2006)

Originaltitel: Franz + Polina
Regie: Adrian Topol
Mit: Mikhail Segal – Svetlana Ivanova u.a.
Laufzeit: 119 Minuten
Land: Russland
FSK: Ab 12
Genre: Kriegsdrama (100 %)

„Wieviel hält eine Liebe inmitten der Wirren des zweiten Weltkrieges aus ?“

Inhalt: Inmitten des zweiten Weltkrieges – die deutschen Truppen haben das Nachbarland Polen überfallen und wollen weiter in Richtung Osten vordringen. Die deutschen Soldaten, die in Polen stationiert sind, leben nun als Invasoren zwischen den polnischen Einheimischen – und wissen bereits, was als nächstes zu tun ist. Bald, wenn es an der Zeit sein würde… Franz (Adrian Topol) ist einer der jungen Soldaten, der sich hier zusammen mit einem Offizier der Wehrmacht in einem kleinen Dorf  aufhält – wo er von Polina (Svetlana Ivanova) und ihrer Mutter, die beide kaum eine Wahl haben, bedient wird. Doch schon bald stellt er fest, dass in Polina mehr steckt als ein ordinäres Hausmädchen. Er verliebt sich in sie, und stellt im Zuge dessen auch seine Loyalität zu seinen Kameraden in Frage. Da der hiesige Offizier die sich anbandelnde Liebesgeschichte niemals tolerieren würde, ist ein Eklat so gut wie vorprogrammiert…

Kritik: Franz + Polina ist ein Kriegsdrama, wie es im Buche steht – und doch beginnt der Film nicht wie ein typischer Genrevertreter. Im Gegenteil: eine leicht surreal gehaltene Freizeit-Szene, in der einige Soldaten in Wehrmachts-Uniformen an einer Art Strand geradezu vergnügt in einem See baden, läutet den Beginn des Films ein. Auch die darauffolgenden Minuten sind von einer gewissen, beinahe poetischen Friedlichkeit untermalt – wie man bald darauf feststellen kann, einer vorgetäuschten. Unter der Ägide einer unvermeidlichen, nahenden Bedrohung versuchen sich Polnische Dorfbewohner so gut wie es geht mit der Deutschen Besatzung zu arrangieren und ihren Alltagsgeschäften nachzugehen – während sich die Deutschen merkwürdig passiv verhalten. Dann beginnt der Bruch, die Stimmung kippt um 180°, und die Geschichte nimmt die erste tragische Wendung. Die Macher von Franz + Polina verstehen es besonders zu Beginn die Emotionen der Zuschauer aufzugreifen und ihnen den Spiegel vorzuhalten – ganz ohne dabei die Ernsthaftigkeit des Themas ausser Acht zu lassen. So kommt es, dass die Kriegsrealität schnell die vermeintliche Friedensphase ablöst – nachdem zu Beginn noch keine klare Richtung ersichtlich war (beabsichtigt), wird sie es nun, und zwar explizit. Die Deutschen erhalten einen Geheimauftrag, der besagt, dass alle Bewohner des friedlichen Dorfes getötet werden sollen.

Eine Liebe in (mehr als) schwierigen Zeiten…

Diese Geschichte, sowie die bereits dem Titel zu entnehmende Liebesgeschichte, böten demnach mehr als genug Stoff für einen knapp zweistündigen Kriegsfilm. Nach der tragischen Erkenntnis für die Bewohner des Dorfes, und den Zuschauer gleichermaßen – gibt der Film jedoch eine gänzlich andere (Marsch-)Richtung vor. Nunmehr stehen die Charakterporträts der beiden Hautprotagonisten klar im Vordergrund, die Kamera begleitet die beiden nun flüchtigen und verfolgten Liebenden auf Schritt und Tritt. Der Kriegsfilm mutiert zu einer dramatischen Romanze vor Kriegshintergrund – die weniger auf Kitsch und Pathos setzt, als auf knallharte Tatsachen und authentisch inszenierte Erlebnisse. Soweit, so gut – doch genau hier finden sich auch die ersten auffälligeren Schwächen des Films und des Drehbuches. Sicher sind gewisse Szenen die sich mit dem Überlebenskampf der Protagonisten befassen nicht zu trivialisierten – doch die inszenatorischen Einfälle führen mitunter genau dazu. Szenen wie die, in der Franz und Polina das erste Mal intim miteinander werden, gehören ersatzlos aus dem Drehbuch gestrichen – ähnliches absurdes wird man zuvor noch nicht gesehen haben.

Über das etwas unnatürlich wirkende Porträt des Offiziers kann man noch getrost hinwegsehen – immerhin sorgt gerade dieser Charakter für das Aufkommen eines interessant-ambivaltenen Gefühles, welches abermals auf die Zwiespältigkeit (besser: Verlogenheit) der deutschen Soldaten anspielt. Doch gerade in den Überlebenskampf-Szenen gerät die Gewichtung der Themenschwerpunkte beziehungsweise der Fokus auf dieses oder jenes Detail leicht ausser Kontrolle. Beispielsweise gibt sich der Regisseur reichlich Mühe, das Waldversteck der beiden möglichst authentisch und beklemmend in Szene zu setzen – doch dafür vergisst er andere Feinheiten oder plant sie gar nicht erst ein. Potentiell relevante Fragen in solch einer Situation beziehen sich eben – und aus reinem Menschenverständnis heraus – nicht nur auf die Beziehung der beiden untereinander, die ausführlich porträtiert wird. So wird zu keinem Zeitpunkt expliziter auf die Versorgungssituation der beiden eingegangen, als Zuschauer muss man sich seinen eigenen Reim darauf machen wie genau die beiden nun an Trinkwasser, Nahrung (mit Ausnahme des Fischens) kommen, wie und worauf sie schlafen et cetera. Hier wären wahrlich nur wenige Extra-Sekunden nötig gewesen, die diese Grundbedürfnisse der Charaktere abgedeckt hätten – so verkommt der vermeintlich höchst-authentische Survivalpart doch zu einer merkwürdigen Szene mit beliebigem Fokus.

Der Nazi-Terror weitet sich über ganz Europa aus…

Eine der späteren Szenen zeigt einen Sprung von einer Klippe – nachdem Franz und Polina entdeckt und bedroht wurden. Anstatt sich hier auf eine möglichst realitätsnahe Schilderung der Ereignisse zu konzentrieren, gibt sich der Regisseur entweder der Zuhilfenahme makaberer Metaphern hin – oder macht schlicht etwas falsch. Anders sind die merkwürdigen Reaktionen jedenfalls nicht zu erklären (Franz läuft davon, stösst auf einige Leichen, läuft daraufhin zurück und entdeckt die verletzte Polina). Was und wie ist es geschehen, und wo sind diejenigen die die beiden zuvor noch gestellt hatten ? Es sind war nur Kleinigkeiten, doch diese Details rauben dem Film ein nicht unerhebliches Maß an Qualität und Struktur. Besonders auffällig wird dies speziell in der zweiten Hälfte des Films, in der noch weitere Plotlöcher auftauchen (beispielsweise die Szenen, in denen Franz in einem besetzten Dorf Medikamente besorgt). Immerhin kann ein Gefühl für die angespannt-bedrohliche Situation vermittelt werden, welches sich im Finale noch einmal deutlich zuspitzt und in einem Ende der etwas anderen Art mündet – soviel darf an dieser Stelle verraten werden. Auch das Porträt von Franz als nunmehr desertierten Soldaten zwischen Vaterlandsstolz und offiziell verbotener Liebe / Verrat wird zu keinem Zeitpunkt ausser Acht gelassen.

Fazit: Die leichten Unstimmigkeiten werden von einem gelungen technischen Part zwar nicht vollständig kaschiert – aber immerhin nicht noch zusätzlich untermalt. Die Optik im Gesamten fällt überaus stimmig aus, die Kamerafahrten und Szenenaufbauten / die Kostüme sind beeindruckend, der Soundtrack erscheint passend – und wartet dazu noch mit einer äusserst ansprechenden Titelmelodie auf. Die Darsteller sind hierzulande weitestgehend unbekannt, weshalb ein zusätzlicher Eindruck der Authentizität vermittelt werden kann. Franz + Polina ist letztendlich ein überdurchschnittliches Kriegsdrama geworden, welches mit einigen Besonderheiten daherkommt – sowohl im positiven, als leider auch im negativen Sinne. eine explizite Empfehlung nur für diejenigen, die die Thematik WK-II aus einer etwas anderen Perspektive (aus einer eingeschränkten, vom Standpunkt einer schicksalhaften Liebesbeziehung) erleben möchten – allen anderen wissen, dass es weitaus bessere Filme zum Thema zweiter Weltkrieg gibt.

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