Filmkritik: „Steamboy“ (2004)

Originaltitel: Suchīmubōi
Regie: Katsuhiro Ôtomo
Mit: Kiyoshi Kodama – Manami Konishi – David S. Lee u.a.
Laufzeit: 126 Minuten
Land: Japan
FSK: Ab 12
Genre: Animationsfilm (Action / Fantasy / Thriller / Abenteuer)

„Unterschätze nie die Macht des Dampfes !“

Inhalt: In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebt die Tüftler-Familie Steam in Manchester, Großbritannien. Ray Steam ist einer von ihnen – und gleichzeitig der jüngste. Offenbar hat er die Vorliebe für alles, was mit Technik zu tun hat, von seinem Vater und auch seinem Großvater gleichermaßen geerbt. Denn die beiden sind seit Jahren im Geschäft, und machten dabei eine gar legendäre Entdeckung: in einem Bergwerk stiessen sie auf eine neue Form hochkonzentrierter Energie, die sie in drei sogenannten Steamballs speicherten. Doch seit einem Forschungsunfall ist längst nicht mehr alles so, wie es einmal war: Rays Vater und Großvater sind zerstritten, und verfolgen nun mitunter gänzlich gegensätzliche Ziele. Und so muss sich auch Ray die Frage stellen, für wen oder was genau die Wissenschaft eigentlich gut sein soll. Geht es gar um Fortschritt um jeden Preis – selbst, wenn die entstehenden Technologien zu unglaublich viel Leid führen könnten – oder sollte man die Forschung nur auf Dinge beschränken, die zum Wohle der Menschheit konzipiert werden würden ? Doch auch hier fallen die Interpretationen grundsätzlich verschieden aus – Ray weiss nicht mehr, wem er mehr glauben schenken soll, seinem seit dem Unfall veränderten Vater; oder doch eher dem skeptischen Großvater. Es kommt, wie es kommen muss: am Ende muss auch er seinen ganz eigenen finden… und dabei gut auf den letzen noch für den Steamtower benötigten Steamball Acht geben.

Kritik: In der Tat handelt es sich beim 2004 erschienenen Anime Steamboy um ein höchst ungewöhnliches Werk, welches man gar nicht so leicht in nur ein Genre zwängen könnte. Glücklicherweise ist dies aber auch gar nicht notwendig, denn der Regisseur Katsuhiro Ôtomo hat bereits mit Kultfilmen wie Akira bewiesen, dass kreative Köpfe sich gerade in Anime-Filmen wiederfinden können – sowohl die schaffenden, als auch die konsumierenden; die Zuschauer. So gelingt ihm mit Steamboy ein weiterer in jedem Fall markanter Film, bei dem sich nur noch die Frage stellt, ob es sich tatsächlich um ein Meisterwerk oder doch nur eine große Portion heisser Luft handelt. Die Antwort liegt auf der Hand: natürlich ist zweiteres der Fall, was ersteres allerdings noch nicht gänzlich ausschließen muss. Denn in Steamboy geht es beinahe ausschließlich um das bereits im Filmtitel steckende Wort: um Dampf, beziehungsweise die dahinterstehenden Technologien und den möglichen Nutzen. Das Ganze ist dabei in etwa zu Zeiten der Industrialisierung in England angesetzt, und zu gleichen Teilen historischen und Fantasy-orientierten Inhaltes. Ebenfalls markant: die Entwicklungszeit dieses Films dauerte insgesamt über 9 Jahre an, und verschlang überaus hohe Produktionskosten.

Nun, in Bezug auf den historischen Aspekt fällt besonders die Darstellung eines Englands auf, wie es im 19ten Jahrhundert ausgesehen haben könnte – die verschachtelten Straßenzüge, die idyllischen Häuser und Landgüter, die Eisenbahnstrecken; alles wirkt sehr liebevoll gestaltet und wird erstaunlich stimmig in Szene gesetzt. Untermalt wird dieser Eindruck von der brillianten Optik, die einerseits äusserst detailreich daherkommt, sich aber auch durch eine besondere Farbkomposition von der Masse abzuheben weiss. In der ersten Hälfte sind dies vorrangig bräunlich-erdige Farbtöne, die eine gewisse „Heimeligkeit“ wie auch den Zeitgeist widerspiegeln, in der zweiten Hälfte dominiert dann der farblich kontrastärmere Steampunk. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden dann auch die etwas fantasievolleren Ambitionen von Steamboy ersichtlich, die sich vor allem im riesigen Steamtower manifestieren. Hierbei handelt es sich um eine Gebäude, welches seine Energien ausschließlich aus den mystischen Steamballs bezieht, und am Ende gar in die Lüfte abheben soll… Parallelen zu Das Schloss im Himmel (Studio Ghibli) werden wach.

Doch auch Das Wandelnde Schloss könnte man stellenweise zwecks eines Vergleiches heranziehen – in beiden Fällen handelt es sich um seltsame, auf wundersame Art und Weise angetriebenen Gebilde – von deren Besitzern / „Kapitänen“ man erst nicht so recht weiss, ob sie nun gutes oder böses im Schilde führen. Stichwort Vergleichslaune: die Optik von Steamboy ist mitunter der einzige Aspekt, den man nicht so recht mit Ghibli-Werken vergleichen kann. Hier kommt eine andere, nicht durchgängig traditionell „handgemachte“ Technik zum Einsatz, was in einigen netten CGI-Sequenzen mündet. Dennoch wurden auch für Steamboy unglaubliche viele Zeichnungen von Hand erstellt, was man besonders gut an den detailreichen Hintergründen oder den atemberaubenden Kameraflügen über die Städte erkennen kann. Man kann also von einer durchaus ausgewogenen Mischung sprechen, lediglich der spezielle Charme in Werken wie denen von Ghibli bleibt (verständlicherweise) aus. Doch leider muss man ein weiteres Mal (und dann soll es der Vergleiche auch genug sein) eine Lanze für das renommierte Ghibli-Studio brechen: Steamboy ist zwar ein reichlich unkonventioneller Film, doch dementsprechend auch nichts halbes und nicht Ganzes.

Das heisst in etwa: er bringt von allem ein bisschen mit, doch keiner der behandelten Themenfelder vermag den Zuschauer richtig zu fesseln. Die Drama-Elemente (wie etwas Charakterporträts oder Beziehungsebenen) geraten in Anbetracht des Technologie-Setting gar völlig in den Hintergrund – das hätte nicht passieren dürfen. Letztendlich erfährt man so recht wenig über das bewegte Leben der Steam’s, und auch Hauptcharakter Ray macht nicht gerade sonderlich viele Wandlungen durch, während in anderen Animes ausgedehnte Coming-Of-Age Geschichten beinahe nebenbei abgehandelt werden. Der Fokus liegt eindeutig auf der Action, was sich leider auch deutlich nachteilig auf das Werk Steamboy als Ganzes auswirkt. Während die Actionszenen gerade in der ersten Hälfte noch gut dosiert daherkommen, und oftmals aus Situationen entstehen, die die nähere Umwelt miteinbeziehen (Fabrikhallen, das Wohnhaus, der fahrende Zug et cetera), entbrennt in der zweiten Hälfte ein kleiner Krieg – nicht nur inhaltlich (wobei gerade diese Kriegsambitionen mit der „Produktvorführung“ ein wenig makaber präsentiert werden), sondern auch in akustischer und visueller Hinsicht.

Überall kracht und rummst es, überall entweicht Dampf aus irgendwelchen Gerätschaften, Menschen werden umgeworfen, fliegen mit Fluggeräten durch die Luft; und nochmal: überall entweicht Dampf. Denn eines ist klar: wer mit der Thematik (England, Industrialisierung, Dampf-Technologien) nichts anfangen kann, der wird auch Schwierigkeiten haben, einen Film wie Steamboy liebzugewinnen. Doch nicht nur deswegen – ein wenig Mitschuld tragen hieran auch die Macher, die das Element Dampf besonders gegen Ende hin einfach längst aus- beziehungsweise überreizt haben. Zwischen all den nebligen und zutiefst dunklen Innenräumen und den leicht überdrehten Kampfszenen ausserhalb bleibt eben kaum Zeit, um noch sonderlich auf die Charaktere einzugehen – schade. Auch der Soundtrack und die Sprecher wissen hierbei stets, den Zuschauer zumindest ansatzweise überzustrapazieren – während die etwas ruhigeren, melancholischen Klänge noch überzeugen, reiht sich gegen Ende hin ein Bombast-Soundtrack an den nächsten und untermalt so die ohnehin schon „stressige“ Szenerie. Die Sprecher servieren dann das letzte Tüpfelchen auf dem i – in der japanischen Originalfassung wird geschriehen, was die Kehlen hergeben. Einzelne Worte oder Wortketten wiederholen sich, und gerade der Sprecher des jungen Rays musste sich (gedanklich) wohl des öfteren von der ein oder anderen extrem hohen Klippe stürzen, was in allerlei (zwar passenden, aber eher nervigen) Ausrufen mündet.

Fazit: Ein schwieriges Thema hat sich Regisseur Katsuhiro Ôtomo hier ausgesucht – und das merkt man. Der Zugang zum Film wird einem wahrlich nicht leicht gemacht, doch (leider) liegt dies nicht an der Geschichte (die insgesamt überraschend wenig komplex ist) – sondern am Setting und der viel zu actionlastigen Machart. Selbst eingefleischte Anime-Fans wird der Film höchstwahrscheinlich weder sofort noch durch-und-durch begeistern – andere könnten eventuell noch größere Probleme haben. Wirklich zu gute zu halten ist dem Film letztendlich nur die ansprechende Optik (wenn es gerade mal nicht dampft), die offensichtliche Unkonventionalität sowie die Botschaften in Bezug auf die potentielle Gefährlichkeit eines wissenschaftlichen Fortschritts. Er ist allgemein einfach zu pompös, hektisch und ein wenig Nerven-aufreibend ausgefallen, was dazu führt dass einige der eigentlich essentiellen Subebenen (wie die der Charakterentwicklung) nur äusserst schwer zugänglich erscheinen. Und auch das (abrupte) Finale wird einige Zuschauer berechtigterweise eher skeptisch zurücklassen… wobei man eine weitere, höchst eigentümliche Feststellung machen muss: beim Abspann sind einigen gezeichnete Einzelbilder zu sehen, die – makabererweise – für mehr Stimmung sorgen können als das zuvor gesehene. Da unterschätze noch mal einer die Macht des Bildes, untermalt von ein wenig Musik… der Film: nur bedingt empfehlenswert, und wenn dann nur in der Blu-Ray-Version, die ist allerdings nur in Japan erhältlich.

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Steamboy“ (2004)

  1. Hätte ich nicht gedacht, das du diesen Film so bewertest, nun mal ist dass wohl so, aber hauptsache die bilder zum schluss waren gut 😉 (was war da los §)

    tschöööss

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