Filmkritik: „The Horse Boy“ (2009)

Originaltitel: The Horse Boy
Regie: Michel Orion Scott
Mit: Rowan Isaacson – Rupert Isaacson – Kristin Neff u.a.
Laufzeit: 93 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 0
Genre: Drama / Dokumentation

Inhalt: Die Geschichte des „Pferdejungen“ Rowan basiert auf einer wahren Begebenheit und porträtiert das Leben von Rupert Isaacson und Kristin Neff, die gemeinsam einen autistischen Jungen großziehen. Sie schenken ihrem Sohn all ihre Liebe und Aufmerksamkeit, und versuchen, den Autismus nicht als negativ auszulegende Entwicklungsstörung zu betrachten. So wird deutlich, dass der Autismus selbst nicht das Problem ist – sondern einige der aus dieser Wahrnehmungsstörung resultierenden Folgen. So erleidet Rowan immer wieder schlimmste Anfälle, die wie aus dem Nichts und vollkommen situations-unabhängig zu entstehen scheinen; wobei diese „neurologischen Fehlschaltungen“ bis zu 4 Stunden anhalten können. Die Eltern sind in diesen schwierigen Momenten größtenteils hilflos – doch sie geben nicht auf, ihrem Sohn das Leben soweit zu erleichtern, wie es möglich ist. Tatsächlich haben sie schon vieles ausprobiert – doch nun möchten sie etwas ganz besonderes wagen. Nein, es wird keine Verhaltenstherapie sein, es werden keine Ärzte aufgesucht, keine Medikamente verabreicht – stattdessen begibt sich die junge Familie auf eine Reise in die Mongolei. Dort hoffen sie, auf das sogenannte Rentier-Volk zu treffen; welches zurückgezogen in den unendlichen Weiten der Natur lebt. Auch soll es einen Schamanen geben, der eine Art Ritual durchführen könnte um Rowan zu helfen.

Kritik: Klingt das vielleicht ein wenig merkwürdig, oder gar stark nach der Verfilmung einer fehlgeleiteten Hoffnung ? Vielleicht, doch The Horse Boy ist keiner der pseudo-wissenschaftlichen Filmen die einem Publikum als „Ratgeber“ dienen sollen (und das zumeist weniger aus menschlicher Güte als aus Geldgier), sondern eine absolut authentische, ernstgemeinte, bewegende Schicksals-Dokumentation ohne irgendeinen versteckten Hintergedanken. Zumal die Reise in die Mongolei und das Treffen des Schamanen zwar durchaus vorkommt und als eigentliches Ziel dient – doch die Eltern von Rowan wissen längst, dass oftmals der Weg das Ziel sein kann. Umso mehr Aufmerksamkeit wird auf die Vorbereitungen sowie die ersten Etappen der Reise gelegt – die Familie durchstreift die verschiedensten Gebiete, trifft auf die unterschiedlichsten Menschen. Und, was in Anbetracht des Filmtitels keinesfalls zu vernachlässigen ist: auf verschiedene Tiere, von denen besonders die Pferde eine ausgesprochen positive Wirkung auf Rowan zu haben scheinen.

Aber, warum ist das so ? Oder, ist dies vielleicht die falsche Frage – sollte man dieses Geschenk eher dankend annehmen ohne es großartig zu hinterfragen ? The Horse Boy geht porträtiert hierbei eine höchst menschliche Herangehensweise an das komplexe Themenfeld des Autismus, und bietet mit Rowan die repräsentative Schlüsselfigur schlechthin, für die Empathie aufkommen muss, aufkommen wird – fernab von künstlich erzeugten Emotionen und sonstigen üblichen Hollywood-Heransgehensweisen. So sollte man auch keine auf dem Präsentierteller feilgebotene „Lösung“ oder eine allgemeine Wahrheit erwarten (in Bezug auf die „Heilung“ des Autismus), die von diesem Werk ausgeht – zumindest nicht in den üblicherweise dargestellten Dimensionen. Nein, um mit einem an Autismus erkranktem Kind umzugehen braucht man keine mystischen Gegenstände (die von Scharlatanen verkauft werden – für Unsummen), nicht zwingend den leichtgemachten Medikamenten-Hammer, und auch keine Jahrelangen Arzt-Odysseen mit zweifelhaftem Erfolg. The Horse Boy zeigt, was für diese Menschen am wichtigsten ist – Liebe und Zuneigung. Und offeriert so also doch eine Lösung – wenn auch keine, für die sich andere „Wahrheitsfinder“ auf dem Medienmarkt interessieren wird. Denn um zu dieser Lösung zu gelangen braucht man nichts zu bezahlen, kein Studium absolviert haben – man sollte sich lediglich auf die grundlegendsten zwischenmenschlichen  Fähigkeiten fokussieren, die in einem jedem Menschen schlummern. Und, auch in Bezug auf das Verhältnis von Mensch und Tier: Ohne Zweifel sind die Tierszenen die mitunter eindringlichsten in dieser Dokumentation. Rowan scheint eine spezielle Bindung zu einem Pferd namens Betsy aufgebaut zu haben (schon vor der Reise) – es ist einfach nur erstaunlich zu sehen, dass er einigen speziellen Momenten wieder ganz er selbst, beziehungsweise ein vollkommen normales Kind ist.

Überhaupt weiss die Dokumentation neben dieser schlussfolgernden Ebene auch auf vielen anderen zu überzeugen. Dies ist besonders der ungezwungenen Machart zuzuschreiben – es wirkt gar, als ob die Ereignisse nur eher „zufällig“ oder „nebenbei“ auf Kamera festgehalten wurden. Die automatische Folge: die Präsenz der Kamera rückt absolut in den Hintergrund, die Beteiligten verhalten sich so wie sie es auch „unbeobachtet“ tun würden – womit ein Höchstmaß an Authentizität generiert wird. So werden auch keine markanten „Eyecatcher“ gefilmt, die in den Film „mussten“ um die (dann: vermeintliche !) Qualität zu erhöhen – stattdessen gibt es aufgrund der eben genannten Herangehensweise immer wieder Momente, die sehr eindringlich und emotional wirken. Und, stellenweise auch sehr privat – sodass man als Zuschauer doch einen gewissen Voyeurismus vermuten könnte. Doch dem ist keinesfalls so: Rupert Isaacson (der auch als Erzähler mit angenehmer Stimme fungiert) weiss was er tut, und weiss; was er mit diesem Film und gerade dem dazugehörigen Buch erreichen möchte. So sollte man sich eher dankbar zeigen (besonders, wenn man selbst mit autistischen Kindern / Erwachsenen zu tun hat), einen solch beeindruckenden Einblick in das Leben und die ungewöhnliche Reise eines Autisten erhalten zu dürfen. Und noch einmal: es wird keine „Heilung“ präsentiert, auch Rupert Isaacson sagt als Vater von Rowan sinngemäß, dass sich viele eine solche zwar am besten noch über Nacht erhoffen würden – dies sei aber reines Wunschdenken.

Fazit: Ein jeder, der selbst von direkt oder indirekt von einem Autismus-Fall betroffen ist; und auch alle anderen von der Gesellschaft als psychisch krank abgestempelten Menschen sollte sich The Horse Boy einmal angesehen haben. Der Film weiss, solchen Menschen auf eine angenehm subtile Art Mut zu machen, und bietet eines der menschlichsten Familienporträts der neueren Zeit. Glauben ist das Stichwort – ein Glaube, eine Hoffnung; fernab von den Dogmen der Weltreligionen oder anderer vermeintlicher Heilsbringer. Entweder dieser Film oder das dazugehörige, gleichnamige Buch – eine der beiden Varianten – hier muss eindeutig von einem Pflichtprogramm gesprochen werden. Beide Daumen hoch und die besten Wünsche für die Familie.

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