Filmkritik: „Unknown Identity“ (2011)

Originaltitel: Unknown
Regie: Jaume Collet-Serra
Mit: Liam Neeson – Diane Kruger – January Jones u.a.
Laufzeit: 113 Minuten
Land: Frankreich / Großbritannien / Japan / Kanada / Deutschland / USA
FSK: Ab 12
Genre: Thriller (65 %) / Action (35 %)

Inhalt: Ein gewisser Dr. Martin Harris (Liam Neeson) macht sich mit seiner hübschen Frau (January Jones) auf den Weg nach Berlin – dieser Tage soll hier im Hotel Adlon ein wichtiger Kongress stattfinden, der sich mit dem Thema Biotechnologie auseinandersetzt. Da dürfen die beiden – neben zahlreichen anderen großen Köpfen der Szene – natürlich nicht fehlen, zumal es naheliegt, dass eine völlig neue und möglicherweise profitable Entwicklung bekanntgegeben werden wird. Doch nur Dr. Martin’s Frau schafft es zum Check-In – denn ihr Ehemann hat einen wichtigen Koffer verlegt und begibt sich sogleich auf die Suche. Auf der Fahrt mit einem Taxi jedoch passiert es: das Fahrzeug stürzt in einen Kanal, woraufhin Dr. Martin in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Die Diagnose: ein Trauma, möglicherweise ein äußerst ernstzunehmendes. Denn während er an seiner Identität festhält, scheint ihn plötzlich nicht einmal mehr seine eigene Frau zu erkennen… hat Dr. Martin wirklich nur mit den Folgen des Unfalls zu kämpfen, oder steckt vielleicht doch mehr dahinter ? Genau dies will er fortan herausfinden, indem er die Taxifahrerin (Diane Kruger) und den Ex-Stasi-Spitzel Jürgen (Bruno Ganz) mit ins Boot holt.

Anmerkung: Auch als Filmkritiker mit langjähriger Erfahrung kann man nicht alles wissen oder sofort durchschauen – wer dem Autor dieses Textes hier also erklären kann, warum ein Film der ausschließlich in Deutschland / Berlin gedreht wurde (!), noch zig andere Produktionsländer in den Credits angegeben hat (was die kosten sicher in die Höhe getrieben hat, sofern wirklich etwas dahintersteckt), der verdient eine Belohnung.

Kritik: Unknown Idenitity basiert auf einer Romanvorlage von Didier van Cauwelaert, in welchem die Handlung noch in Paris stattfand. Regisseur Jaume Collet-Serra verlegte diese nun prompt in die Hauptstadt Deutschlands, ins tiefste Berlin – ein gewagtes, aber letztendlich absolut geglücktes Experiment. Zumindest in dieser Hinsicht – denn gerade das deutsche Publikum wird sich ob dieser „Hommage“ an eine deutsche Stadt bedanken, und darf nebenbei auch noch in den Genuß einer doch nicht ganz so üblichen Kombination kommen. Ein waschechter Hollywoodfilm, gedreht in den Straßen eines winterlichen Berlins – das gibt es nun wirklich nicht allzu oft. Gleichzeitig vermögen es der Regisseur und die Kameraleute, stets das beste aus den Schauplätzen zu machen, und so eine überraschend stimmige Atmosphäre entstehen zu lassen. Die Aufnahmen lassen den Zuschauer die Kälte des Winters förmlich spüren, passend dazu gibt es eine grundsätzlich packende Geschichte, die in erster Linie aus der Suche nach der eignen Identität (siehe Filmtitel) besteht. Eine Rolle, die von einem möglichst glaubhaften Charakterporträt getragen werden sollte – und tatsächlich, Liam Neeson verkörpert den Mann mit dem vermeintlichen Unfalltrauma stets glaubwürdig.

Auch seine Kollegen stehen ihm dabei in nichts nach, die deutsche Diane Kruger als Taxifahrerin beispielsweise. Zwar ist ihre Rolle eine eher nebensächliche, besonders die Sache mit der illegalen Einwanderung wirkt etwas aufgesetzt – aber sonst ergibt sie zusammen mit Neeson ein recht sympathisches Duo. Ein Duo, bei dem offenbar mehr „Funken“ sprühen als zwischen Dr. Martin und seiner eigentlichen Frau – auch vor dem Unfall ! So könnte man schon relativ früh davon ausgehen, dass sich vielleicht doch „mehr“ zwischen den beiden entwickeln könnte – glücklciherweise gibt sich der Regisseur aber nicht jedem anzunehmenden Klischee hin. Besonders interessant ist auch der Auftritt von Bruno Ganz als Ex-Stasi-Mann, der hier leicht verschroben wirkt und in Gedanken an die alte Zeit versunken zu sein scheint. Abermals handelt es sich um eine Rolle, die nicht zwingend für den Fortgang der Handlung erforderlich gewesen wäre, die aber dennoch ihren Zweck erfüllt indem sie zum ohnehin schon hohen Unterhaltungswert des Films beiträgt. Selbiger entsteht natürlich vorrangig aus der großen Suche des Hauptcharakters, aus den schrittweisen Enthüllungen, den Actionszenen in denen das ein oder andere Leben auf dem Spiel steht – und mündet in einem Finale, welches den Zuschauer mit keinen offenen Fragen zurücklassen wird (obwohl im Verlauf des Films hie und da immer neue auftauchen). Es wird also alles thematisch angeschnittene auch aufgelöst – das ist nett, raubt dem Film aber auch ein wenig von seiner Komplexität.

Überhaupt, wenn Fragen zurückbleiben, dann sind es solche nach der Logik der Geschichte, respektive des Drehbuchs – welches man natürlich Hollywood-tauglich gestalten musste. Hier offenbaren sich dann auch die mitunter einzigsten, allerdings auch gravierendsten Schwächen des Films. So scheint die Geschichte im Endeffekt doch weniger Sinn zu ergeben als anfänglich gedacht, vieles wirkt unglaubwürdig; wenn nicht an den Haaren herbeigezogen. Hier regiert dann offenbar eine ganz eigene, eigens für den Film (oder das Genre) kreierte Logik, die keiner expliziteren Überprüfung standhalten würde. Da wären zum einen die kleineren, gar nicht so auffälligen Mysterien: warum scheint zu keinem Zeitpunkt irgendeine andere, nennen wir es „Fraktion“ einzugreifen ? Ein Mann verliert seine Identität, Menschen werden ermordet, Verfolgungsjagden münden in dem ein oder anderen Unfall… doch niemanden scheint dies zu interessieren. Tja, wo sind denn nun die lieben Herren Gesetzeshüter wenn man sie (offenbar dringend !) braucht ? Und warum muss sich Dr. Martin erst auf diese (zugegeben, spektakulär inszenierte) Identitätssuche begeben, wenn die Situation schon im Krankenhaus (!) hätte aufgelöst werden können ? Gewiss, dann gäbe es keinen Film… Doch die entscheidende Frage ist nun einmal: kann ein solcher Unfall (+ Trauma) tatsächlich einen derartigen Sinneswandel wie im Film gezeigt (ohne zu Spoilern) auslösen ? Doch es ist wohl besser, man stellt keine derartigen Fragen; sondern lässt sich einfach nur unterhalten.

Fazit: Unknown Identity ist ein spannender, packender Thriller geworden – nur kein besonders intelligenter. Doch der Film punktet mit einer nicht ganz so gewöhnlichen Story und allerlei rasanten Actionszenen – ein hoher Unterhaltungswert ist so dennoch garantiert. Hinzu kommen der gute technische Part sowie die Leistungen der beteiligten Darsteller – und die Tatsache, dass man keinen Hehl aus der relativen Schwachsinnigkeit der Story macht, und den Film nicht noch zusätzlich unnötig kryptisch inszeniert um gerade dieses zu vertuschen. Lediglich einige der wirklich auffallend dämlichen Szenen hätte man besser streichen sollen, wie die in denen die beiden Dr. Martin’s synchron sprechen; oder den kläglichen Versuch eine bestimmte Bombe zu entschärfen. Ansonsten – pure, keinesfalls anstrengende Unterhaltung aus Hollywood; pardon: Deutschland.

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „Unknown Identity“ (2011)

  1. Unterhaltsamer Film definitiv. Ich mag Liam Neeson, er verkörpert Charme, Glaubhaftigkeit, Seriösität und manchmal auch Härte in einem. Der Film selbst hat dennoch einige Schwächen. Zuerst die Lokalität Berlin…ich finde im Film sticht die Stadt gar nicht oder kaum wirklich prägend hervor, das hätte in jeder anderen europäischen oder amerikanischen (meinetwegen auch asiatischen) Stadt spielen können. Die Berliner werden mit Sicherheit einige Sachen entdecken die Fragen aufwerfen, wie schon ein Kommentierender das hier schon erwähnte. Auch als Deutscher wird man sich einige Fragen stellen…mir z.B. sind als erstes die Fernsehsender im Krankenhaus aufgefallen…was war das denn??? Wo bitte sind ARD,ZDF,RTL…meinetwegen auch Lokalfernsehen? ^^ Ist Berlin wirklich so amerikanisch wie im Film??? Man könnte jetzt 100 Fragen stellen die andere Logiklöcher betreffen, wie auch du mit „Wo bleiben die Gesetzeshüter wenn man sie braucht?“…das dachte ich mir auch manchmal. Eine Antwort auf die meisten Fragen: „Hallo, es ist ein Film!“ Wollte eigentlich auch eine Wertung von 7/10 (Defizite schon mit eingerechnet) geben, weil der Film wirklich unterhält, aber der Schluss ist meiner Meinung nach nicht nachvollziehbar und unlogisch. Kann ein Gedächtnisverlust einen Menschen wirklich verändern, vor allem wenn man sich am Schluss an alles erinnert??? Leider verkorkst dieses aufgesetzte „Happy End“ den Film etwas…da fehlt die entscheidende Konsequenz.

    Mich hat das Thema des Gedächtnisverlusts, der „Identitätskrise“ und überhaupt die Story stark an Edward Dmytryks „Mirage“ (Die 27. Etage) mit Gregory Peck, Diane Baker, Walter Matthau, Kevin McCarthy und George Kennedy erinnert. Ein Film den ich damals sehr gerne gesehen habe…von 1965 und in S/W, aber kann ich nur empfehlen. Muss ich mir auch irgendwann mal wieder geben.

    Wertung: 6/10

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  2. Ich gebe dir Recht, dass die Story des Films – die „verschwundene“ Identität – als auch manche technischen Aspekte interessant sind. Ich bezog mich ausschließlich auf die Lokalitäten.

    Gruß aus Berlin

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  3. „Gleichzeitig vermögen es der Regisseur und die Kameraleute, stets das beste aus den Schauplätzen zu machen, und so eine überraschend stimmige Atmosphäre entstehen zu lassen.“

    Sorry, aber das kann nur jemand schreiben, der Berlin nicht kennt. Es ist völlig rätselhaft, wie man auf dem Weg zum Flughafen Tegel über die Oberbaumbrücke rauscht (und in die Spree kippt); auch habe ich noch nie erleben können, wie man in der Friedrichstraße per Auto rasen kann. Könnte die Aufzählung noch verlängern.

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    1. Akzeptiert !

      Finde ich gut, dass ein Berliner mehr über die Schauplätze sagen kann da er die Drehorte offenbar aus dem Alltag kennt.

      Allerdings habe ich nie behauptet, dass dieses im Film gezeigte „Berlin“ der Realität nahekommt – nur, dass die Schauplätze gut genutzt wurden (auch wenn sie letztlich realitätsfremd miteinander verknüpft wurden). Die hier erzeugte „Stimmung“ kommt also nicht auf, weil die Szenen Berlin zeigen wie es wirklich ist, sondern hauptsächlich aufgrund der technischen Aspekte (wie optische Filter, Schnitte, Kamerafahrten etc). Natürlich auch und wie immer nur meiner Meinung nach 😉

      MfG,

      Oliver

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