Filmkritik: „I Spit On Your Grave“ (2010)

Alternativtitel: – Noch keiner –
Regie: Steven R. Monroe
Mit: Sarah Butler – Chad Lindberg
Laufzeit: 96 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 18 (*hüst*)
Genre: Horror (80 %) / Thriller (20 %)

Inhalt: Eine junge Schriftstellerin namens Jennifer Hills möchte der Hektik der Großstadt entfliehen, um an ihrem neuen Buch zu arbeiten. Was würde sich da besser anbieten, als eine einsame Hütte in einer ländlichen Gegend, die von nicht viel mehr als einem See und dichten Wäldern umgeben ist ? Nachdem sie sich ein Fahrzeug gemietet hat, kommt sie alsbald bei der desolat wirkenden Blockhütte an – jedoch nicht, bevor sie an einer Tankstelle nach dem genauen Weg gefragt hatte. Ein schwerwiegender Fehler, wie es sich für die unbedarfte Jennifer leidlich herausstellen wird… denn von nun an lauert ihr eine Gruppe Einheimischer auf. Zu Beginn begnügen sie sich mit blossen Beobachtungen und heimlichen Videoaufzeichnungen, doch es scheint unvermeidbar, dass sie nicht bald auch zu schlimmeren Mitteln greifen würden. Selbst als die Einheimischen Jennifer direkt in ihrer Hütte terrorisieren, scheinen sie keinen Halt machen zu wollen: stattdessen vergewaltigen sie sie auf brutalste Art und Weise. Und das gleich mehrmals – Jennifer schafft es, im letzten Moment ihrer Hinrichtung zu entgehen und lässt sich in einen Fluss fallen. Kurze Zeit später taucht die verschwunden geglaubte dann erneut auf – diesmal allerdings als Racheengel…

Kritik: Der neue, ausführlichere Inhalt der Filminfos auf Oliverdsw.Wordpress (über der Inhaltsangabe) war ursprünglich dazu gedacht, um sich als Zuschauer ein ungefähres Bild vom Inhalt und der Gangart des jeweiligen Films machen können. Jedoch wurde beim Anlegen der prozentualen Genre-Zuschreibungen eines nicht bedacht: das es zweifellos gewisse Ausnahmefilme wie I Spit On Your Grave gibt, die man kaum unter dem Horrorgenre firmieren lassen sollte. Denn es mag zwar stimmen, dass der Horroranteil aus etwa 80 % besteht (die restlichen 20 sind am ehesten dem Thrillergenre zuzuschreiben) – nur, aus was genau bestehen diese 80 % ? In der Tat hat diese Art des Horrors äusserst wenig mit dem guten alten Grusel- oder Gänsehautgefühl längst etablierter Kultfilme zu tun – er definiert sich im Falle von I Spit On Your Grave ausschließlich durch die expliziten Gewaltdarstellungen. Man sollte also in erster Linie von einem sogenannten Torture-Porn-Streifen sprechen: nicht eine möglicherweise kaum auszuhaltende Spannung veranlasst den Zuschauer den Kopf wegzudrehen, sondern die mitunter abartigen Gewaltszenen. Diese werden in zwei Abschnitte unterteilt: so dreht sich beinahe die gesamte erste Hälfte des Films um das Opfer, also die Vergewaltigung(en). Im zweiten Abschnitt „darf“ sich dann das Opfer rächen: indem es selbst zum Täter wird und ihre Peiniger auf noch grauenvollere Art und Weise foltert und letztendlich ins Jenseits befördert.

Genau diese potentiell interessante Darstellung einer Opfer-Täter-Charakteristik wird in I Spit On Your Grave allerdings vollständig ad absurdum geführt. Denn: ein wirkliches „Opfer“ in dem Sinne ist eigentlich gar nicht existent – der Film verzerrt die Charakterporträts und die jeweiligen Handlungen derart, dass eine Unterscheidung kaum noch möglich ist. Man gibt sich einfach ganz allgemein wie in Sodom und Gomorrha, jeder ist gleichzeitig Opfer und Täter – solange in beiden Fällen ausreichend Blut fliesst und gepeinigt wird, versteht sich. So kann einzig und allein die äusserst explizite Darstellung der Vergewaltigungen (in dieser Form gab es derartiges noch nicht auf der Leinwand zu sehen) für einen Anflug von Empathie sorgen – was natürlich auch so beabsichtigt war. So wollten die Filmemacher offenbar erreichen, dass man sich selbst und als Zuschauer in dieser schlimmen Opferrolle wiedersieht – und sich bestenfalls schon einmal ausmalt, was man mit den Peinigern so alles anstellen würde; gesetzt man könnte es. Schön (eben nicht !) und gut: doch warum schwächt man die Ernsthaftigkeit dieses Porträts dann schon im Vorfeld ab ? So macht Jennifer eigentlich alles falsch, was nur möglich ist: sie fährt als grundsätzlich ängstliche (das sieht man) Frau allein in ein abgelegenes Waldstück. Sie fragt bei irgendwelchen zwielichtigen „Rednecks“ nach dem Weg, und verrät auch noch ihren eigentlichen Aufenthaltsort. Sie trägt ihre Nase vergleichsweise hoch und verletzt den Stolz der Einheimischen Männer (auch bevor diese überhaupt gewalttätig wurden). Sie informiert offenbar nur eine einzelne (!) Freundin über ihr Vorhaben, und nimmt nur ein Mobiltelefon mit. Und, zu guter Letzt: sie fühlt sich – entgegen ihrer offensichtlichen Angst – dann doch wieder so sicher in ihrer Blockhütte, dass sie Alkohol und Drogen konsumiert; auf Haus- oder Türschlüssel grundsätzlich verzichtet und am besten noch vor der Haustüre einschläft.

Doch damit nicht genug: auch die Täter bekommen ein verqueres Porträt zugestanden, welches auch sie in gewisser Weise zu Opfern macht. So werden sie grundsätzlich als bemitleidenswerte Rednecks dargestellt, die weder eine Zukunftsperspektive noch jemals so etwas wie eine Freundin gehabt haben – und dann kommt eine Städterin daher, die ihre weiblichen Reize zur Schau stellt und den Männern das letzte nimmt, was sie noch haben: ihren Stolz. Einzig und allein der Sheriff fällt aus diesem (verdrehten) Rahmen heraus, und kann zweifelsohne als waschechter Täter – der dazu noch ein verstörendes Doppelleben führt – bezeichnet werden. Dies war allerdings erst die halbe Miete: denn so fraglich und widerwärtig diese erste Hälfte des Filmes auch zu betrachten ist, immerhin könnte man ihr gewisse (sozialkritische, sowie einen Bezug auf den Untertitel Day Of The Women) Ansätze unterstellen, vielleicht ganz im Sinne eines (nicht minder perversen) Films wie Funny Games. Doch es folgt das unvermeidbare, nämliche die zweite Hälfte: und spätestens hier hört jedes Verständnis für das angebliche Opfer auf. Werden Frauen wirklich „Gefallen“ daran finden, wenn sie eine Dame auf einem derartigen Rachefeldzug begleiten dürfen ? Nicht nur, dass die totgeglaubte Jennifer selbst zur Mörderin wird (das wäre eventuell noch verständlich und geschieht des öfteren in anderen Filmen), sie wird zu einer noch größeren Bestie als die Männer es jemals waren und sorgt für die ekeligsten Folterszenen seit SAW und Hostel. Und das am Weltfrauentag… was ist nur in die Macher gefahren, dass sie solch einen Schund auf die Leinwand bringen ? Doch halt, Moment; man sollte nicht meinen dass es sich um eine ach-so-kreative und gänzlich neue Filmidee handelt. Viel gehört nun wirklich nicht dazu, jedoch basiert selbst dieser inhaltsleere Film auf einer Vorlage (!), und die stammt aus dem Jahre 1978. Die Unterschiede… ? Sind kaum spürbar, abgesehen von der nun perfekten technischen Inszenierung.

Fazit: Man nehme einen storybefreiten Originalfilm und peppe ihn stilecht auf – indem man statt nachvollziehbarer Charaktere oder näheren Erklärung einfach nur noch mehr Folterszenen und Gewaltexzesse einstreut. Bravo, was für eine Leistung ! (Geschmacksbefreite) Fans von gängigen Folterfilmen a’la Hostel und Co werden so zufriedengestellt, und bekommen sozusagen n0ch die bisher wohl ausführlichste Darstellung einer Vergewaltigung als „Sahnehäubchen“ obendrauf. Wohl bekomm’s ! Vielleicht hätte aus dem Film mehr werden können – doch dafür hätte man die komplette zweite Hälfte streichen und durch etwas anderes ersetzen müssen. Ebenfalls merkwürdig: es wird nicht darauf eingegangen, was genau mit Jennifer nach ihrem Sturz in den Fluss geschah – ist sie nun ein böser Waldgeist (dies wird lächerlichst angedeutet) oder hat sie tatsächlich überlebt (davon gehen die meisten aus) ? Doch wie man es auch dreht und wendet – es spielt einfach keine Rolle. Das einzig positive an diesem menschenverachtenden Machwerk ist ein kleiner Teil des technischen Parts, nämlich die Optik. Nein, nicht in Bezug auf die Folterszenen; sondern auf die Atmosphäre im Wald et cetera. Hier hat man zweifelsohne ein paar Bilder und Stimmungen einfangen können. Der Rest – auch der Soundtrack (viel zu aufdringlich und künstlich hektisch) und die Darsteller (blass) – ist dann bitte in einer der hintersten Schubladen einzuordnen. Ganz „stilecht“ eben.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „I Spit On Your Grave“ (2010)

  1. Ach mein Gott, eins dieser Remakes von Filmen wo das Original schon mehr als zweifelhaft war. Keine Version steht auf meiner Watch List, das Original ist weiterhin nach § 131 StGB bundesweit beschlagnahmt (was natürlich einer Sichtung nichts entgegenzusetzen hat^^). Das Original genießt einen Schmuddelruf, wie viele Filme aus den 70ern und davon leben diese Filme, es hat also absolut keinen Sinn die glattgebügelt neuzuverfilmen…wenn ich sowas sehen will, dann das Original. Darüber hinaus, damals wurden wahllos, im Vergleich zu heute, total harmlose Filme indiziert und zum Teil noch beschlagnahmt. Heute ist das gar kein großes Thema mehr, die widerlichsten Filme aller Zeiten wurden in den letzten Jahren gedreht und die sind frei zugänglich. Wie sehr sich die Zeiten ändern können, dafür gefallen mir die meisten der neuen Horrorfilme nicht mehr, weil sie total blöde sind und zum Teil extremst abscheuliche Bilder zeigen die nicht mal ich als Horrorfan unterhaltsam finde. Ich sag nur Hostel und das von dir angesprochene Torture-Porn Genre…also ich mag es definitiv nicht. Ich hätte nichts dagegen wenn sie diese Filme beschlagnahmen würden, leider tun sie es zum Großteil nicht mehr…aber früher wegen paar abgetrennten Körperteilen so nen Terz machen! Ich sag da nur z.B.. „Braindead“.

    Einen niveauvolleren Vertreter aus der Ecke hingegen – der Film wurde 1973 in den Kategorien bester Schnitt, bester Regisseur und bester Film für den Oscar nominiert – gibt es mit „Deliverance“ (Beim Sterben ist jeder der Erste) in dem Jon Voight und Burt Reynolds die Hauptrolle spielen…allerdings muss ich den selbst irgendwann mal sehen. Der Film wurde sogar bei South Park verarscht, der Hammer! ^^

    http://de.wikipedia.org/wiki/Beim_Sterben_ist_jeder_der_Erste

    …oder, wenn es speziell um „Frauenrache“ geht, „Die Fremde in dir“ mit Jodie Foster, den wollen wir da nicht unter den Teppich kehren.

    „…ist sie nun ein böser Waldgeist…“ wie geil…muss ich an diese ganzen Japsen-Horrorfilme denken die auch ständig von den Amis kopiert werden müssen…echt die können doch GAR NIX mehr neues. ^^

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    1. Achja einen hamwer noch…^^

      „…it’s only a movie…only a movie…“ LOL

      Ich habe „The house on the left“ von Wes Craven noch nicht im Original gesehen, aber ich fand das Remake sogar recht gut! Und das kommt sehr selten vor, dass mir ein Remake gefällt. Das Ende ist so geil…ich sag dazu aber nix.^^ (!!! den Trailer der Neufassung dann besser nicht anschaun, der verrät nämlich ALLES!!! ) Die meisten vergessen, dass bereits der Film von Wes Craven ein Remake war eines Ingmar Bergman(!) Films und zwar „Die Jungfrauenquelle“ (Oscar 1961 für den besten Auslandsfilm). Das Ende hierbei ist recht tragisch, es wird ein Junge am Schluss vom Vater des Opfers (gespielt von Max von Sydow) getötet, dabei war dieser eigentlich nur Zeuge der Taten seiner Brüder und kein Täter im eigentlichen Sinne.

      Hier ein gutes YouTube Vergleichs-Video dazu:

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