Filmkritik: „Rubber“ (2010)

Originaltitel: Rubber
Regie: Quentin Dupieux
Mit: Stephen Spinella – Roxane Mesquida – Jack Plotnick
Laufzeit: 84 Minuten
Land: Frankreich
Genre: Horror / Komödie / Experimentalfilm

Inhalt: Irgendwo in den Weiten einer Wüste findet ein höchst merkwürdiges Treffen einiger „Filmfreunde“ statt – eine Zuschauergruppe erhält nach einer kurzen Ansprache einige Feldstecher in die Hand gedrückt, und wird angewiesen, die nähere Umgebung im Auge zu behalten. Was sie dann erleben, ist eine wohl einmalige Show mit reichlich Action, Horror; aber auch Dramatik – ein Killerreifen erhebt sich aus dem Wüstensand und erkundet die nähere Umgebung. Er scheint eine Persönlichkeit zu besitzen, hört er doch auf den Namen Robert – nur auf den ersten Blick wirkt er nicht viel anders als ein gewöhnlicher Pneu. Denn nach den ersten Gehversuchen macht er sich auf, die nähere Umgebung zu erkunden und auch zu terrorisieren – seine ersten Opfer sind eine Dose und eine Glasflasche, danach geht er zu den ersten tierischen Lebewesen über. Und auch auf die Zweibeiner, das heisst die Menschen, die hier in einem nahen Wüstenkaff leben, hat er es abgesehen. Je weiter er dabei geht, umso mehr Unterhaltung ist für die Zuschauer, die das Ganze aus sicherer Entfernung beobachten, geboten – doch auch die müssen schließlich feststellen, dass sie eine größere Rolle in diesem makaberen Schauspiel spielen als eigentlich gedacht.

Kritik: Nanu – kein anderes Wort eignet sich besser für die Gedanken, die nicht erst während des Ansehens dieses französischen Films aufkommen werden. Denn auch schon im voraus sorgt die höchst eigentümliche Plotbeschreibung für einiges an Verwunderung – und für die Frage, um was für einen Film es sich überhaupt handeln würde. Ist Rubber etwa eine weitere Persiflage auf klassische Horrorstreifen – mit dem Unterschied, dass hier erstmals ein Reifen (!) die Rolle des Mörders übernimmt ? Und, in wie weit würde der Film noch dem Horror-Genre zuzuschreiben sein, überwiegen gar die komödiantischen / satirischen Anteile ? All dies sind Fragen, auf die man so im voraus keine direkte Antwort bekommt – denn der Film wird einstweilen recht unterschiedlich beworben und angepriesen. Für einen weiteren Aha-Effekt sorgt dann auch der Name des Regisseurs: Quentin Dupieux. Etwa noch nicht… ? Dann sollte man vielleicht seinen Künstlernamen zu Rate ziehen – Mr. Oizo. Der dürfte vielen noch aufgrund seines damaligen Hits Flat-Beat im Kopf herumschwirren, von dem es auch ein entsprechendes Musikvideo mit einer… merkwürdigen gelben Handpuppe gab. Lange Zeit war es dann still (zumindest im Großen) um den Künstler, und dann die Überraschung: es gibt einen Film von ihm, in dem nicht nur die Regie führte, sondern eben auch andere wichtige Parts besetzte und nach seinem Können ausfüllte – so war er (selbstverständlich) auch für den ungewöhnlichen Soundtrack des Films verantwortlich.

Um die Frage, um was für einen Film es sich bei Rubber eigentlich handelt, ein für allemal zu klären: es handelt sich um… gar keinen. Pardon, dies bedarf vielleicht einer Erklärung: zweifelsohne handelt es sich um keinen Film in dem Sinne (dem ein eindeutiges Genre zuzuschreiben wäre), sondern eher um eine Art Filmprojekt, Film-Experiment. Und da wird auch kein Hehl draus gemacht: bereits in einer der Anfangsszenen sieht man einen kauzigen Sheriff, der zu den Zuschauern (denen, die wirklich anwesend sind, und zu uns, die Zuschauer vor dem Bildschirm) spricht: alles folgt dem Prinzip der Willkür, nicht alles ergibt Sinn, nicht alles ist nachvollziehbar. Hierzu werden einige Beispiele aus der Filmgeschichte genannt; und ganz getreu nach diesem Motto gestaltet sich auch der restliche Film – der sich damit ebenfalls in diese Riege der Willkürlichkeits-Filme einreiht. Allerdings und zweifelsohne als ganz besonderer: nämlich als die Spitze des Eisberges, pardon; der Willkürlichkeit. Einen zusammenhängenden Plot gibt es nicht wirklich, und da das Ganze auf zwei Ebenen aufgeteilt ist (die Geschichte des Reifens zum einen, die Zuschauer auf dem Berg zum anderen) wirkt der Film zusätzlich abstrus. Und niemals nachvollziehbar – was genau passiert (ob nun in der ersten oder der zweiten Ebene) scheint grundsätzlich irrelevant, und schon gar nicht beeinflussen sich die beiden Ebenen untereinander. Gut, ein wenig schon: denn die „Show“ (des Reifens) sollte eigentlich vorüber sein, wenn keine Zuschauer mehr da sind (genauer gesagt: wenn sie alle erfolgreich vergiftet wurden). Aber einer der Zuschauer lässt sich nicht so leicht abschrecken und will die Show bis zum Ende genießen…

So werden beide Geschichten weiter gesponnen, wobei der Reifen immer brutaler vorgeht (ja, auch einige Splatterszenen gibt es), und dabei immer mehr menschliche Seiten an / von sich preisgibt. Bald schon wird klar: es kommt nicht wirklich darauf an, was genau in Rubber gezeigt wird – sondern wie es zu interpretieren ist. Genau das ist der Clou des Films – aber gleichzeitig auch sein Eigentor. Denn, letztendlich wird relativ offengelassen, was ein jeder für sich an Botschaften aus diesem merkwürdigen Werk herausholen kann. Hauptsächlich ist das Ganze als Persiflage auf die Medienlandschaft im allgemeinen zu verstehen, als krudes Porträt der wechselseitigen Beziehung von Filmemachern und den Zuschauern – wobei beide Seiten durchaus miteinander interagieren, auch wenn dies (gerade in der Realität) nicht immer so offensichtlich ist. Alle diese Aspekte werden in Rubber so überspitzt dargestellt wie es nur geht – fragende Zuschauergesichter (nein, nicht in Bezug auf die zweite Ebene, die bleiben interessanterweise absolut gelassen selbst wenn sie vergiftet werden) sind vorprogrammiert. Am ehesten wirkt das Ganze wie eine absonderliche Aneinanderreihung von Versatzstücken, welche im Endeffekt absolut keinen Sinn (da haben wir es wieder) ergeben – neben den unterschwelligen Botschaften gibt es so auch etwas offensichtlichere, wie die Querverweise auf Filmklassiker (z.B. Psycho) oder generelle Analogien (Reifenverbrennungsanlage > Genozid).

Wie also ist so ein Film zu bewerten ? Sicher, man könnte ihm positiv anrechnen, dass er eben keinen Sinn ergibt; quasi als mutiges Experiment welches alle gängigen Filmregeln bricht. Andererseits, und wenn man ehrlich ist, könnte gerade dies zum Nervfaktor geraten: denn wer schätzt schon Momente in Filmen, die keinen Sinn ergeben oder einfach zu viele Fragen aufwerfen (die niemals beantwortet werden) ? Rubber ist demnach und sozusagen eine Hommage an solche Momente, in dem er – ausnahmslos – aus solchen besteht. Schnell kommt der Gedanke an ein alternatives Gewand auf, das vielleicht besser zu Rubber gepasst hätte: das eines Kurzfilms nämlich. Denn so innovativ (oder eben nicht) die Idee erscheint, sie vermag es einfach nicht einen Film von 84 Minuten Laufzeit zu füllen. Viel zu schnell schleichen sich offensichtliche Längen ein, einzelne Szeneneinstellungen wirken ellenlang – beispislweise als der Reifen ziellos durch die Wüste rollt. Immerhin muss man den Machern einen gelungenen technischen Part anerkennen: die Bewegungen des Reifens wirken absolut lebensecht und wie von Geisterhand ausgeführt, die Landschaftsaufnahmen mit der Tiefenunschärfe wirken grandios – und das trotz des Einsatzes einer handelsüblichen Kamera. Auch der Soundtrack weiss mit recht stimmungsvollen Klängen zu überzeugen – die Soundeffekte hingegen wirken (dies war allerdings beabsichtigt) sehr Slapstick-artig und einstweilen viel zu laut und aufdringlich.

Fazit: Wer einen deutlich… andersartigen (und mutigen) Film genießen möchte, nämlich einen der absolut keinen Sinn ergibt – der ist mit Rubber sicherlich gut beraten. Die Gefahr der Langeweile lässt sich allerdings auch so nicht abstreiten: denn mit 84 Minuten und künstlich gestreckten Szenen weiss der Film den Zuschauer nicht immer bei Laune zu halten. Da das Ganze ohnehin wie die Langfassung eines Musikclips wirkt, hätte sich die Produktion als Kurzfilm vielleicht eher angeboten – denn auch das Ende offeriert nicht gerade tiefgreifende geistige Ergüsse seitens der Macher (Gruppe von Reifen steht vor den Toren Hollywoods). So gerät die eigentlich Aussage des Films doch überraschend simpel, und sorgt kaum für einen nachhaltigen oder gar nachdenklich stimmenden Eindruck. Auch hätte dem Film etwas deutlichere Humor-anteile gutgetan; Szenen wie die „Wiedergeburt“ (köstlich, und abermals als Parodie zu verstehen) des Reifens gibt es nur vereinzelt. Wer in dem Film doch noch „mehr“ sieht als vielleicht allgemein üblich (Beispielsweise bei der Reifenverbrennungs-Szene), der hat Glück – doch dabei sollte es sich um Einzelfälle handeln. Rubber ist ein absolut sinnloser, ungewöhnlicher, frischer Film – doch leider ein deutlich zu langer, zu wenig komischer und auch deutlich zu selbstverliebter.

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