Filmkritik: „The Tree Of Life“ (2011)

Originaltitel: The Tree Of Life
Regie: Terrence Malick
Mit: Brad Pitt – Sean Penn – Jessica Chastain – Laramie Eppler – Hunter McCracken – Tye Sheridan
Laufzeit: 138 Minuten
Land: USA
Genre: Drama / Historie / Fantasy

Inhalt: Jack lebt zusammen mit seinen beiden Brüdern und seinen Eltern in einem typisch-idyllischen Wohnhaus in den USA der 50er Jahre. Während sein Vater bemüht ist, den eigenen Kindern ein seiner Meinung nach nötiges Mindestmaß an Strenge und Härte mit auf den weiteren Lebensweg zu geben, scheint sich die Mutter weniger Gedanken um derlei Dinge zu machen. Für sie ist es wichtig, dass ihre Kinder geliebt werden, und dass sie den Wert des Lebens zu schätzen wissen – und der lässt sich nun einmal nicht an materiellen Gütern oder einem besonders guten Arbeitsplatz bemessen. So sind die drei Geschwister hin- und her gerissen zwischen der Autorität des Vaters und der empathischen Liebe und Fürsorge der Mutter – wobei früher oder später jeder einzelne seinen Weg gehen muss. Doch würde es ein glücklicher sein ? Denn als nunmehr erwachsener Mann hat Jack jegliche Hoffnungen verloren, und ist auf der Suche. Zweifelsohne auf einer äusserst bedeutungsvollen – er möchte wissen, ob es da draußen noch „mehr“ gibt als diese irdische Existenz, er möchte einen Sinn hinter all dem entdecken. Und, er scheint fündig zu werden…

Kritik: Erst einmal – The Tree Of Life ist kein Film in dem Sinne, dies sollten potentiell Interessierte bereits dem Trailer entnommen haben. Spätestens aber wenn man sich etwas näher mit dem Filminhalt und der Mundpropaganda auseinandersetzt scheint es unabdingbar: Terrence Malick hat mit dem bildgewaltigen Epos ein kleines Stück Kunst erschaffen, welches die grundsätzlich für einen Filminhalt (+ Struktur, Dramaturgie) geltenden Regeln einfach mal beiseite lässt. In der Tat, einen vergleichbaren Film hat es bisher noch nicht gegeben – und das schon gar nicht mit einer Spieldauer von über 2 Stunden. Und, als eine weitere Besonderheit: trotz der inszenatorischen Einzigartigkeit wohnt The Tree Of Life ein nicht übersehbarer Hollywood-Touch inne. Mit Sean Penn findet sich ein allseits bekanntes Charaktergesicht im Cast wieder, und der äusserst populäre Brad Pitt spielt nicht nur eine der Hauptrollen, sondern agiert gleichzeitig noch als Produzent. Die Szenen, die es letztendlich in den Film geschafft haben, standen nicht etwa bereits in der Produktionsphase fest – sie sind nur ein Teil des Projektes wenn man so will, denn insgesamt wurden mehrere Kilometer Filmmaterial verbraucht. Auch der restliche Cast wurde unter der Ägide einer für Hollywood typischen Vorgehensweise zusammengestellt: so wurden die 3 Kinderdarsteller unter mehreren tausend (!) Bewerbern ausgewählt, bis auch wirklich alle die Rollen für perfekt besetzt hielten. Kann das überhaupt funktionieren, ein Film der inhaltlich äusserst merklich von gängigen Normen abweicht, produktionstechnisch aber einen eher gewöhnlichen Weg geht ? Oh ja, das kann es – wenn man sich wirklich auf dieses monumentale Werk einlässt, und die dafür benötigte Zeit und Muße mitbringt.

So gibt es zwar annähernd so etwas wie einen roten Faden; doch Zuschauer, die nicht das nötige Sitzfleisch mitbringen, seien gewarnt: nicht immer geschieht etwas weltbewegendes auf der Leinwand. Viele Szenen sind eher still inszeniert, manche kommen sogar komplett ohne Ton und mit nur wenigen Schnitten aus – nur um dann von einer… nun, Space-Opera ohne Gleichen (Weltraumbilder + klassischer Ariengesang) abgelöst zu werden. In der Tat eine etwas gewöhnungsbedürftige Konstellation – doch bei Terrence Malick heisst es eben klotzen, und nicht kleckern. Da wird um die eigentliche Hauptgeschichte einer Familie in den 50er Jahren der USA doch glatt mal ein… kleiner Epilog und Prolog gesponnen – „klein“ heisst in diesem Fall, Malick beginnt bei der Entstehung des Universums (speziell der Erde), porträtiert die ersten Lebewesen auf unserem Planeten (auch die Dinosaurier), gleitet dann über besagte Familie um das Ganze gegen Ende dann gen Unendlichkeit (das Leben nach dem Tod) laufen zu lassen. Nun, es gibt immer wieder Menschen, die sich eine detaillierte Haupthandlung wünschen, die möglichst sinnvoll in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang eingebettet ist um so noch ein stückweit bedeutsamer zu wirken. The Tree Of Life dürfte somit ein gefundenes Fressen für derlei Enthusiasten sein – ohne Zweifel wirkt alles von dem, was dort geschieht, in irgendeiner Art und Weise bedeutungsvoll. Wie sollte es auch anders sein, stellt Malick so gut wie alles in Frage, beziehungsweise nicht einmal direkt – doch führt er uns vor Augen, dass es möglicherweise wichtigere Dinge gibt als solche, von denen wir meinen dass sie zu Recht unser Leben bestimmen und lenken.

Natürlich dürfen auch Zeitebenen-Wechsel, das Einstreuen von allerlei Bibel-Zitaten sowie zahlreiche Seitenhiebe auf Erziehungsmethoden und Lebens-Ansichten nicht fehlen. Während man über den Inhalt sicher noch streiten kann, sind gerade die gezeigten Bilder über jeden Zweifel erhaben: sie sind überaus ästhetisch, und das sowohl auf einzelne Bilder als auch auf die Gesamtkomposition bezogen. Während die universellen Bilder aus Natur und Kosmos den großen Erzählrahmen untermalen, wirkt gerade das 50er-Jahre-Setting äusserst stimmungsvoll in Szene gesetzt. Hier sind es dann die eher ruhigen, authentischen Bilder die brillieren – doch auch sie entbehren nicht einer gewissen Ästhetik, wobei sich diese hier viel eher zwischen den Zeilen (und damit im Zwischenmenschlichen) entdecken lässt. Als Zuschauer erhält man hier ein Porträt zweier grundsätzlich verschiedener Lebenseinstellungen (Mutter und Vater), und kann deren Blüten direkt in der Auswirkung auf die gemeinsamen Kinder betrachten, die sich folglich in einem Zwiespalt befinden und um ihre eigene Identität kämpfen müssen. Gerade diese familiären Szenen sorgen für ein wohliges Gänsehaut-Gefühl: man spürt, dass hier mit enormer Liebe zum Detail und mit einem markanten Hang zum Authentischen vorgegangen wurde, dementsprechend ungekünstelt und lebensnah wirkt die Inszenierung. Die stellenweise äusserst emotional daherkommt; wobei wieder gilt: nicht durch künstliche erzeugte Spannungsbögen oder eine abgehackte Dramatik, sondern durch die Darstellung des Lebens wie es ist, gewesen sein könnte. Nicht umsonst schreibt Malick dem Film unübersehbare biografische Züge seinerseits zu. Als besonderes Highlight fungieren auch die ausnahmslos überragenden Darsteller (gerade die der Kinder), es ist einfach sagenhaft was hier schauspieltechnisch abgeliefert wird.

Jedoch ist The Tree Of Life – leider – nicht das lang ersehnte, zeitlose Meisterwerk geworden, welches es hätte sein können. Das erscheint besonders schade, da der Film so wunderbar „anders“ ist als viele Hollywood-Vertreter, und besonders auch vor metaphysischen Inhalten nur so strotzt. Doch genau das ist gleichzeitig auch das Problem: dieser Film hat keinen roten Faden, was noch zu verzeihen ist. Doch weiterhin offerierte er lediglich ein absolutes Minimum an Anhaltspunkten, an denen man sich orientieren kann – er ist demnach ungewöhnlich „frei“ inszeniert wenn man so will. Das mag Vorteile haben, doch auch der Nachteil ist nicht zu übersehen: viele Zuschauer werden aufgrund dieser Tatsache (keine echte Story im gewöhnlichen Sinne) gar nicht erst in die Kinos gehen; und die, die sich doch für dieses Werk interessieren werden stellenweise im unklaren darüber gehalten, um was es eigentlich geht. Denn: durch das Erschaffen eines absolut „freien“ Films hält man sich ebenso viele Verständnisebenen und Interpretationsmöglichkeiten offen, von denen keine schlicht als richtig oder falsch abgestempelt werden kann. In einem gewissen Maße ist das noch vertretbar und interessant, schließlich möchte man einen Tree Of Life auch nicht als abgedroschene Popcorn-Kino-Variante erleben – doch es gilt, die Grenze zur Übertreibung nicht zu überschreiten. Genau das könnte hier allerdings passiert sein – so ist es nicht verwunderlich, dass viele in The Tree Of Life lediglich eine „recht gewöhnliche Familiengeschichte in den 50ern“ sehen werden. Das ist natürlich etwas wenig, in Anbetracht der Spieldauer – doch es erscheint verständlich, dieses Werk offeriert nun wirklich keinen leichten Zugang.

Letztendlich kommt es also ganz auf den Zuschauer und dessen Reflektion an – entweder er fühlt sich zu denen zugehörig, die den Film in Cannes ausgebuht haben; oder denen, die ihn letztendlich doch ausgezeichnet haben. Oder, und das ist das wahrscheinlichste: er wird sich weder großartig unterhalten fühlen, noch wird er sonderlich bewegt sein – eine Bewertung im qualitativen Mittelfeld scheint dann zumeist unabdingbar. Dabei hätte der Film noch weitaus mehr Potential gehabt – in erster Linie hätte man der Veränderungen zwei vornehmen müssen. Zum einen erscheint eine Reduzierung der Gesamtspielzeit angebracht, wobei man vorsichtig von etwa 20-30 Minuten sprechen könnte. Als Folge hätte man einen automatisch intensiveren, dichteren Film mit weniger Längen. Denn die hat The Tree Of Life ohne Zweifel, und selbst für solche die an diesem Werk generell großen Gefallen finden. Zum anderen hätte man den Komplexitäts-Regler ein wenig zurückschrauben können oder sollen. Etwas weniger Zitate aus dem Off (Bereits zu Anfang, gespart wird an diesem Stilmittel nicht), nicht ganz so viele Wechsel hinsichtlich der Zeitebenen… und schon wäre der Zugang ein ganz anderer, einfacherer, universellerer. Sei es drum – der Film liegt in dieser Version vor, und in keiner anderen.

Fazit: Bildgewaltig, monumental, schauspielerisch über jeden Zweifel erhaben, ein wunderbar zeitloser Soundtrack und ein geradezu fantastischer Erzählrahmen, der in seiner Reichweite seinesgleichen sucht. Doch aufgrund der relativen Überlänge und der doch sehr kryptischen Inszenierung entstehen Reibungsverluste – in Form von gefühlten Längen, Verständnisproblemen und der insgesamt doch sehr (zu) frei gehaltenen Aussage des Films. Schade – so reicht es nicht ganz für den Wertungstron. Aber immerhin für eine Platzierung knapp darunter – denn Tree Of Life ist und bleibt einfach ein einzigartiger, wenn nicht gar poetisch-revolutioneller Film.

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