Filmkritik: „Hereafter – Das Leben Danach“ (2011)

Originaltitel: Hereafter
Regie: Clint Eastwood
Mit: Matt Damon – Cécile de France – Thierry Neuvic – George McLaren – Frankie McLaren
Laufzeit: 129 Minuten
Land: USA
Genre: Drama / Fantasy

Inhalt: Der stets etwas verunsichert wirkende George (Matt Damon) ist ein sozial sehr zurückgezogen lebender Mensch – doch offenbar hat er diesen Pfad nicht selbst für sich erwählt, eine spezielle Gabe scheint ihm ein halbwegs normales Leben grundsätzlich zu verwehren. Denn als einer der wenigen Menschen weltweit ist er in der Lage, mit Verstorbenen Kontakt aufzunehmen, und ihre eventuellen Botschaften aus dem Jenseits an die noch lebenden Verwandten weiterzuleiten. Die Tatsache, dass er keinesfalls nur ein blosser Scharlatan ist sondern tatsächlich einen Kontakt etablieren kann ist für ihn aber eher ein Fluch denn ein Segen: nicht nur, dass ihn die Sitzungen selbst schwer belasten; sein eigener Bruder drängt ihn zusätzlich noch dazu, das möglichst große Geld mit dieser Fähigkeit zu machen. Doch George hat nach einer weiteren Ausnahme-Sitzung endgültig genug, und entschließt sich, erst einmal komplett auszusteigen – und zu verreisen. Unterdessen entgeht die französische Journalistin Marie (Cécile de France) nur knapp dem Tsunami-Tod in Thailand, woraufhin sie ein seltsamer innere Drang antreibt, mehr über das potentielle Leben nach dem Tod zu erfahren. Selbst, wenn sie das ihren Job, ihren Freund und ihre gesamte Glaubwürdigkeit als Person in der Öffentlichkeit kosten würde – sie glaubt an das, was sie in ihrem Schwebezustand zwischen ihrem Leben und der anderen Seite gesehen haben will. Auch ein Zwillingspaar sieht sich dieser Tage mit schweren Prüfungen konfrontiert: dass die Mutter der beiden Kinder alkohol- und drogenabhängig ist erscheint alsbald nur noch zweitrangig, als einer der beiden bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt.

Kritik: Große Themen, große Namen, hohe Erwartungen – Hereafter kann nun wirklich nicht als allzu gewöhnliches Filmprojekt bezeichnet werden. Nicht nur, dass mit Altmeister Clint Eastwood ein sehr erfahrener, talentierter und stets origineller Regisseur das Regie-Zepter in der Hand hält, auch die Geschichte um die sich der Film dreht,  entspricht kaum gängigen Hollywood-Klischees. Was dem Film sehr zugute zu halten ist – die Auseinandersetzung mit der Frage, was auf uns Menschen nach dem Leben warten würde; ist so zeitlos und universell gültig wie kaum keine andere. Jede Nation dieser Welt, jede Religion; jeder Mensch – ob groß oder klein – stellt sich Zeit seines Lebens eben diese Frage, das ist unvermeidbar. Ebenso alt wie die Fragestellung ist die Antwort auf selbige, die ein jeder nur für sich selbst beantworten respektive herausfinden kann – niemand wird einem zur Hilfe kommen. Genau da setzt der Film auch an, und behandelt damit einen gesellschaftlich wunden Punkt: im Grunde ist es geradezu verhöhnt über den Tod zu sprechen; und erst Recht das Philosophieren über ein mögliches „danach“ wird oftmals nur belächelt. Selbst, wenn man durch ein Nahtod-Erlebnis selbst in dieses makabere Faszinosum gezogen wird, und man stellenweise sogar auf wissenschaftliche Tatsachen verweisen kann – es gilt, stets den richtigen Rahmen für die Aufarbeitung der Ereignisse zu finden. Wunderbar wird dies in Hereafter an der Geschichte der Französin Marie dargestellt – und zwar in allen wichtigen Facetten, als Zuschauer kann man die persönliche Aufarbeitung hautnah und Schritt für Schritt miterleben.

Die eigentliche Hauptgeschichte dreht sich jedoch um George, der eine besondere Gabe besitzt – diese jedoch nicht als solche betrachtet. Auch hier gibt es viele interessante Ansätze; so erhält man ein besonders gutes Gefühl wie besagter Charakter völlig hin- und her gerissen ist zwischen den Erwartungshaltungen der Menschen und seinen eigenen Wünschen. Hier geht Clint Eastwood mit besonders viel Gespür für die eher stillen Momente vor, und erlaubt letztlich auch in Bezug auf George eine deutlich erkennbare Charakterentwicklung. Sozusagen als dritter roter Faden fungiert die Geschichte um zwei Zwillingsbrüder, von denen einer unglücklicherweise umkommt, und der andere diesen Verlust einfach nicht überwinden kann – hierbei handelt es sich leider auch um die schwächste der drei Geschichten. Das ist besonders schade, da man gerade mit kindlichen Figuren eine besondere Erzählebene hätte etablieren können; die sich vielleicht sogar über den Kontext der beiden anderen Geschichten erhebt. Stattdessen lassen sich hier bereits erste inszenatorische Fehlgriffe vorfinden: die Tatsache, dass die Familie schon vor dem Todesfall zerrüttet war; scheint der Dramaturgie nicht gerade dienlich. So folgt auf die omnipräsente Trauer (aufgrund der Probleme der Mutter, aufgrund der Vernachlässigung) noch die akute und auf einen Todesfall fixierte, es drängt sich (die eigentlich kaum zweckdienliche) Frage auf, ob sich die Geschichte der Familie grundlegend anders entwickelt hätte, würden beide Zwillinge noch leben. Das soll und darf nicht sein – die Tragweite eines familiären Verlustes ist zumeist enorm, doch Hereafter vermag gerade dieses nicht sinngemäß darzustellen. Der Film verirrt sich stattdessen in einer merkwürdig anmutenden Suche nach der Erlösung, wobei diese offensichtlich nur durch eine (fremde) Person realisiert werden kann.

So kommt zu allem Überfluss noch eine mehr als deutliche Vorhersehbarkeit hinzu – bereits zu Beginn des Films steht fest, dass sich diese drei Schicksale am Ende zu einem „großen Ganzen“ verknüpfen würden. Das wäre vielleicht noch gar nicht so verkehrt, doch die Art wie eben dies geschieht; erscheint doch recht unglaubwürdig, konstruiert, und auf reinen Zufällen basierend. Ebenfalls markant sind die gefühlten Durstrecken bei einer Spieldauer von immerhin 129 Minuten – nicht immer vermag es Eastwood, den Zuschauer entsprechend bei Laune zu halten. Wobei besagte Laune nicht zwingend durch künstlich erzeugte Spannung oder Action generiert werden muss – schließlich handelt es sich bei Hereafter grundsätzlich um ein Drama. Doch gerade die gefühlsbetonten Szenen, besonders die in denen George einen Kochkurs besucht und eine junge Frau kennenlernt, wirken doch leidlich gestelzt und – trotz Eastwood als Regisseur- nicht sehr glaubwürdig inszeniert. Es scheint, als ob er sich gerade in Anbetracht der eher schleppenden zweiten Hälfte eines besonderen Kniffes bedient hat, der jedoch wie aus der Luft gegriffen wirkt: die eben bereits erwähnte Geschichte um die Zwillingsbrüder wird zum Hauptaufhänger der gesamten zweiten Hälfte des Films gemacht. So tragisch diese Geschichte auch ist, so wie sie hier inszeniert wird bietet sie kaum genug Unterhaltungspotential im Film-Sinne; und schon gar nicht hätte man den mitunter einzigen Spannungsbogen im Film ausgerechnet auf diese Geschichte zurechtschneiden sollen. Denn wie auch für den Film im Gesamten gilt: man weiss schon vorher, wie es ausgehen wird; und die Antwort die der „Suchende“ letztendlich erhält, wirkt alles andere als weltbewegend oder besonders. Diese Darstellung hätte am Anfang des Films noch funktioniert – aber am Ende, und als vermeintliches Highlight ? Dann doch eher nicht.

Überhaupt scheint Eastwood einige gravierende Fehler in Bezug auf die zeitliche Abfolge der Ereignisse gemacht zu haben. Sicher, es mag kaum etwas anderes übriggeblieben zu sein als den Tsunami gleich zu Beginn des Films zu porträtieren; doch damit hat man sogleich die beste Szene des Films „verbraucht“ wenn man so will. Wieder gilt: nicht allein aufgrund des Action-Gehaltes, sondern aufgrund der Essenz und des wahrlich aufwühlenden Effektes. Auch denkt man in diesen ersten Minuten noch an einen Film, der deutlich mit den Grenzen der Realität spielen, hantieren, jonglieren würde – doch besagter Einblick in die mögliche Welt „danach“ bleibt der einzige. Und zwar für den gesamten restlichen Film. Mit einer solchen Maßnahme müsse man sich doch eigentlich bewusst gewesen sein dass es unvermeidbar wäre, die Zuschauer zu enttäuschen. So kann man die Begriffe Fantasy und Sci-Fi hinter dem Hauptgenre Drama bedenkenlos streichen – es sei denn, man zählte die Begabung mit den Toten Kontakt aufzunehmen noch mit dazu. Ansonsten bleibt der Film aber erschreckend trocken, ein reines Drama eben; doch leider auch kein sonderlich gutes – gerade die vermeintlich „epische“ Inszenierungsweise + die Zusammenführung der drei Erzählstränge am Ende schlägt fehl. Immerhin bietet der Film einen soliden technischen Part: die Einstiegssequenz mit dem Tsunami zeigt auf, dass man nicht unbedingt Emmerich heissen muss um einen (fast-)Weltuntergang erschreckend authentisch in Szene zu setzen. Die Wahl der Schauplätze fand auf mehren Kontinenten statt und wirkt dementsprechend abwechslungsreich; die Kameraführung ist absolut versiert, ebenso wie die Schnitte (wenig hektisch) und der Soundtrack im allgemeinen (niemals zu pompös oder aufdringlich). Den besten Job machen zweifelsohne die Darsteller, von denen besonders Matt Damon als Außenseiter mit besonderer Gabe zu beeindrucken weiss.

Fazit: Die hohen Erwartungen, die viele Zuschauer in Anbetracht der großen Namen und der bedeutungsvollen Thematik haben werden; können letztlich kaum erfüllt werden. Ausserdem handelt es sich um eine kleine Mogelpackung im dezenten Sinne: wer einen Film voller (fantastischer, metaphorischer, hinterfragender, gewagter…) Ansichten auf eben dieses im Titel angegebene „Leben danach“ erwartet, wird abermals enttäuscht; handelt es sich bei Hereafter doch um ein allzu menschliches, irdisches Porträt. Es geht einzig und allein darum, welchen Bezug drei völlig verschiedene Menschen zum Tod haben; zwei davon aufgrund eines jeweils schrecklichen Unglücks, einer davon offenbar seitdem er denken kann. Und, es geht darum, wie man diese (oftmals frühzeitige) Begegnung mit Gevatter Tod verarbeiten kann – ein einschneidendes Erlebnis ist es immer, doch jeder wählt einen anderen, auf ihn zugeschnittenen Weg. Das ist grundsätzlich spannend, andererseits aber auch nichts wirkliches neues – Hereafter verschenkt den größten Teil seines Potentials.

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