Filmkritik: „Blade Runner“ (1982)

Originaltitel: Blade Runner
Regie: Ridley Scott
Mit: Harrison Ford – Rutger Hauer – Sean Young
Laufzeit: 117 Minuten
Land: USA
Genre: Science Fiction / Thriller

Info: Achtung, diese Rezension bezieht sich auf die aktuell (2011) „endgültige“ Schnitt- und Überarbeitungsfassung des Regisseurs, und demnach nicht mehr auf das unangetastete Original, wie es vor bald 30 Jahren gezeigt wurde. Diese Rezension ist in diesem Fall „verkehrt“ herum aufgebaut: zuerst werden die technischen Aspekte behandelt, danach die inhaltlichen.

Inhalt: Im Jahre 2019 ist die Menschheit längst in der Lage, künstliche Menschen gentechnologisch herzustellen. Diese sogenannten Replikanten waren ursprünglich dafür vorgesehen, den Menschen in aussergewöhnlichen Situationen zur Hand zu gehen – beispielsweise im Weltall; denn schließlich ist der Platz auf der Erde knapp geworden. Das besondere aber ist, dass sich die Replikanten in ihrem Aussehen und Verhalten nicht sonderlich von ihren Schöpfern zu unterscheiden scheinen: auch sie können denken, lieben und hassen – was letztendlich auch zu einem Aufstand der Replikanten führt. So verbleiben nicht viel mehr als eine handvoll bisher noch nicht von den Blade Runnern ausgeschalteten Maschinen in Menschengestalt zurück, die dafür umso härter und zielstrebiger vorgehen. Ihr Ziel ist es, die bei Replikatoren nur auf 4 Jahre festgesetzte Lebenszeit zu verlängern – wofür sie jedoch an ihren eigentlichen Schöpfer herantreten müssen, der sich in einer schwer zugänglichen Hauptzentrale einer Firma aufhält. Doch sie scheinen auch hierfür bereits einen Plan zur Hand zu haben… nun steht ihnen nur noch Blade Runner Deckard (Harrison Ford) im Weg, der sich einerseits zum Ziel gesetzt hat, die Replikanten aufzuspüren und zu vernichten – doch andererseits scheint auch er Ausnahmen zu machen. Solch einen speziellen Fall findet er bald darauf in seiner eigenen Wohnung wieder… eine künstliche erschaffene Frau, für die er vielleicht sogar so etwas wie Liebe, zumindest aber eine undefinierbare Zuneigung empfindet…

Kritik: In der Tat wirkt es ein wenig „ungerecht“ und vielleicht auch schlicht und einfach falsch, einen Film aus dem Jahre 1982 aus heutiger Sicht zu bewerten – gerade, wenn es um einen Science Fiction-Film geht, der mit düsteren Zukunftsvisionen hantiert. Doch im Grunde (und glücklicherweise) ist Ridley Scott mit Blade Runner ein recht zeitloser Film gelungen, der auch heute noch nichts von seiner Wirkungskraft verloren hat. Schließlich ist solch ein Szenario, in dem künstlich erschaffene Menschen eine zentrale Rolle spielen, kein allzu fantastisches – sondern eines, welches immer mehr an Bedeutung gewinnt, je weiter die Menschen technologisch fortschreiten. Von daher könnte man Herrn Scott auch einen durchaus genialen Coup unterstellen, indem er sich eben dieser rasanten technologisch / wissenschaftlichen Entwicklung seinerzeit durchaus bewusst war – und so einen Film konzipierte, der nichts von seiner Wirkungskraft verlieren, sondern sogar noch dahingehende Steigerungen erfahren würde. Doch es bleibt das Problem der technische Seite, die in der heutigen „finalen“ Version natürlich etwas anders aussieht als die damalige Schnittfassung. Denn, so zeitlos Inhalte und Aussagen sein können, die Technik ist es zumeist nicht – es sei denn, es handelt sich um explizit minimalistische Filme oder gezeichnete Werke (Cartoons, Animes). So bezieht sich diese Rezension auf die aktuelle Fassung – die tatsächlich kaum Kritik an den Spezialeffekten, und schon gar nicht an der markant-futuristischen Gestaltung der Stadt in der das Ganze spielt, zulässt. Im Gegenteil: viele kleine Details, ein reger Verkehr und ein düsteres Gesamtbild lassen den Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl zurück.

Der Soundtrack (hier gilt ebenso wie in Bezug auf den Inhalt zumeist eher eine zeitlose Wirkung) weiss dann gerade diesen Eindruck wieder gezielt zu unterstreichen, einerseits klingt er „typisch“ nach den 80ern, andererseits merklich futuristisch – und erinnert damit ein wenig an einige der Eindrücke, die man bei dem (ebenfalls technologie-orientierten) Film Tron gewinnen konnte. Aber, und das wird man sich vermutlich auch damals gefragt haben: warum ist der Film generell so dunkel gehalten ? Sicher, das Szenario ist ein düsteres, und auch die Ereignisse und Inhalte sind sicherlich keine stimmungsaufhellenden – aber als Stilmittel eine dauerhaft pechschwarze Nacht zu verwenden, das ist dann doch etwas zuviel des Guten. Denn selbst die Ausflüge in das innere von Gebäuden (Bars, Wohnungen, der Firmensitz) wissen sich nicht der allgemeinen Dunkelheit zu entziehen: es gibt kaum Lichtquellen, kaum markante Fixpunkte. Alles verschwimmt in- und miteinander – sicherlich ein Teil der Intention, doch so lassen sich kaum optisch nennenswerte Aspekte hervorheben (abgesehen von den Kamera-Schwenks über und durch die futuristische Stadt). So kommt es, dass man wenn man dem Look von Blade Runner gefragt wird, wohl eher nicht behaupten kann er sähe futuristisch aus – denn dieser Aspekt geht größtenteils in der allgemeinen Schwärze unter. Dafür sind die Schnitte mehr als angenehm, und gerade die Szenen in der Stadt wirken teilweise aufwendig inszeniert – gerade dann, wenn das (offenbar recht trostlose) Leben der Menschen doch noch ein wenig floriert. Schade, dass es nicht mehr solcher Szenen gibt – so kommt unweigerlich ein desolater Eindruck auf, der den Zuschauer nach dem warum und wie fragen lässt. Warum ist das Leben auf der Erde so eintönig und offenbar alles andere als schön ? Und was hat das mit der Kolonisierung von anderen Planeten im All zu tun ? Dies sind jedoch alles Dinge, die anfangs nur sehr kurz angeschnitten werden, weitere Erklärungen oder Hinweise erhält man nicht.

So ist das größte Manko am gerne als Kultfilm bezeichneten Blade Runner die Story: sicher, aus damaliger Sicht scheint es ein mutiger Schritt gewesen zu sein, eine solche zu realisieren. Doch nicht nur aus heutiger Sicht stellt sich die Frage: wenn man schon so offensichtlich auf gewisse Aspekte anspielt (moralische Dilemmata – ist eine Maschine auch ein Mensch, wenn sie nicht weiss dass sie eine Maschine ist ? / kann oder darf man menschenähnliche Maschinen auch dann noch eliminieren, wenn sie ganz gewiss schon so etwas wie eine Seele entwickelt haben ?), warum führt man diese Gedanken dann nicht weiter aus ? Stattdessen scheint es, als sei der Fokus zum größten Teil auf die „Jagd“ gelegt worden, wobei zumeist keine Fragen gestellt werden. Die Replikanten werden, auch weil es so „von oben“ befohlen wird, ausgeschaltet – wobei der letzte eben ein besonders zäher ist. Das ist dann doch ein bisschen zu wenig für einen „bahnbrechenden“ Sci-Fi-film ! Denn zu keinem Zeitpunkt erhält man Hinweise auf die Hintergründe (beispielsweise den Entstehungsprozess der Replikanten), zu keinem Zeitpunkt steigt der Film über eine nennenswerte philosophische Schiene in das Geschehen ein (stellt beispielsweise Grundsatzfragen, kritisiert, verurteilt, gibt Seitenhiebe), zu keinem Zeitpunkt werden Parallelen zur Gesellschaft (ob fiktiv oder nicht) ersichtlich. Der Zuschauer hat somit und quasi die freie Wahl, was er mit dem Film anfängt beziehungsweise was er in ihn hineininterpretiert – Vorgaben gibt es kaum, nicht einmal Anhaltspunkte an denen man sich orientieren könnte. Da kommen (wirkliche) „Kultfilme“ (aus einer ähnlichen Entstehungszeit) wie Uhrwerk Orange schon wesentlich universeller daher: zwar wohnen auch ihm gewisse unterhaltende Aspekte inne, doch die Gesellschaftskritk ist niemals unüberhörbar, ebenso wie die Fragen die er aufwirft. Sicher, man muss nicht gleich mit der Holzhammermethode hergehen und die offensichtlichen Dinge offensichtlich anprangern – doch Blade Runner wirkt aufgrund der relativ freien und kontextlosen Machart einstweilen sogar etwas seelenlos.

Fazit: Großartige schauspielerische Leistungen, ein interessantes düsteres Zukunftsszenario, einige kultig anmutende Besonderheiten (wie die Gestaltung der Zukunfts-Stadt) – aber leider einige inhaltliche Defizite. Blade Runner ist gewiss nicht automatisch ein „perfekter“ (da als Kultklassiker attributierter) Film, man sollte schon einmal genauer hinsehen. Wenngleich man die technischen Aspekte vernachlässigen würde (was ohnehin der Fall sein sollte bei einem 30 Jahre alten Film), wird gerade die Story recht einseitig, eindimensional und unspektakulär erzählt. Es entstehen so gut wie keine Fragen; das was interessant wäre wird lediglich vor dem eigentlichen Film erwähnt (die futuristische Vorgeschichte) – und letztenendes wird der Bogen niemals wieder zum vielversprechenden Beginn geschlagen. Zahlreiche Actionszenen dominieren das Szenenbild, wenn es nicht gerade pechschwarze, merkwürdig ruhig wirkende Szenen innerhalb vermeintlich futuristischer Räumlichkeiten sind. An wirklich große Fragen traut man sich nicht heran, die Atmosphäre ist zwar kontinuierlich düster – aber zu keinem Zeitpunkt wirklich nachvollziehbar. Denn die Welt, in der Blade Runner spielt, sieht stellenweise wunderbar futuristisch aus – eine Seele scheint ihr aber nicht innezuwohnen, und ein tiefgreifender Sinn schon gar nicht. Man mache sich ein eigenes Bild, doch wer den Film bisher noch nicht gesehen hat, sollte Vorsichtig mit (zu) hohen Erwartungen sein…

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