CD-Review: Heinrich I.F. Biber – Missa Salisburgensis / Salzburger Domfestmesse

Escolania de Montserrat, Tölzer Knabenchor, Collegium Aureum, Ireneu Segarra / Deutsche Harmoni Mundi CD RD77050 (1974)

Da es einige andere CD-Versionen der MISSA SALISBURGENSIS gibt, werden hier noch einmal einige der bekannteren aufgeführt; die mit diesem Rezension nicht gemeint sind:

  • Otto Schneider Festival Concert Orchestra (unter Leitung von Otto Schneider)
  • Musica Antiqua Köln (unter Leitung von Reinhard Goebel)
  • Amsterdam Baroque Orchestra & Choir (unter Leitung von Ton Koopman)
  • La Stagione Armonica (unter Leitung von Sergio Balestracci)

Man kann heute von Glück reden, dass es die MISSA SALISBURGENSIS überhaupt durch die Wirren der Zeit geschafft hat – und von ausgewählten Ensembles interpretiert werden kann. Etwaige CD-Versionen sind natürlich stets mit einer gewissen Vorsicht und Einsicht zu genießen – es ist klar, dass diese Messe nicht für dieses vergleichsweise eingeschränkte Format geschaffen wurde. Doch wann hat man schon mal die Gelegenheit, in der Zeit und damit zur Uraufführung zurückzureisen ? Oder, was vielleicht etwas realistischer wäre – ein pompöses Klassik-Konzert zu besuchen ? Man sollte sich also mit dem Beglücken, was man hat oder zumindest leicht bekommen kann. Interessant dabei ist, dass die Messe nun auch endlich dem wahren Erfinder zugeschrieben wurde – Heinrich Ignanz Franz von Biber(n). Davor waren eher andere mögliche Schöpfer im Gespräch; so auch Benevoli. Kommt Zeit, kommt Rat… und die Wahrheit ans Licht.

Es braucht gewiss kein Musikstudium oder ein Übermaß an Bildung respektive Wissen (in Bezug auf die klassische Musik und zeitgenössische Komponisten) um erahnen zu können, dass allen Versionen – bis auf die eine – etwas fehlt. Auch Klassik-Neueinsteiger werden den Unterschied direkt hören und spüren können – und dazu braucht man sich nicht einmal die Aufführung im ursprünglichen Sinne vorzustellen. Der wichtigen Stichworte sind es vor allem zwei: Geschwindigkeit und Kraft; oder hier vielleicht eher Ausdrucksstärke. Es scheint gar, als komme bei den meisten Versionen zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, man höre etwas wirklich zeitloses, einzigartiges, pompöses – die Chöre bleiben schwach und kraftlos, die Instrumente wirken einstweilen lustlos gespielt. Dabei ist diese Messe eher eine voller Glanz, Glorie und Erhabenheit; welche entsprechend transportiert werden sollte.

Ganz im Sinne einer musikalische Feier, die Menschen aller Nationen zu verbinden und gleichsam zu berühren vermag – egal, welcher Religion sie sich nun zugehörig fühlen. Dies scheint ein besonders nennenswerter Aspekt zu sein – schließlich handelt es sich hier wie bei so vielen anderen um ein sakrales Werk, welches im klassischen Sinne gegliedert ist und damit auch direkt mit dem Christentum zu assoziieren ist. Doch ob nun ein Gott gelobt wird oder nicht sollte keine zentrale Rolle spielen – wichtig sind die Aspekte, die direkt von der Musik ausgehen. Hier die (damals gebräuchliche) Gliederung:

  • Kyrie
  • Gloria
  • Credo
  • Sanctus/Benedictus
  • Agnus Dei
  • Hymnus Plaudite Tympana

Und was muss man noch über diese hier vorzustellende Messe wissen ? Vielleicht gar nicht mal so viel; denn das Klangerlebnis spricht für sich. Wer mehr wissen möchte über den Komponisten oder die Messe; der wird in den Weiten des Internets einiges finden können – unter anderem in Bezug auf weitere kreative Werke von Biber. Denn für eine explizite Analyse ist dieser Blog hier nicht wirklich gedacht; nur für eine kleine Vorstellung. Es erscheint vorrangig besonders wichtig, dass die Messe bereits im Jahre 1682 aufgeführt wurde, und zwar zu einem recht feierlichen Anlass – dem 1100-jährigen Bestehens des Erzstiftes Salzburg. Nur, was genau ist eine 53-stimmige Festmesse ? Explizit sieht die Gliederung in etwa so aus:

  • Choro I: SSAATTBB in concerto, mit Orgel (S= Sopran, A=Alt, T=Tenor, B=Bass)
  • Choro II: 2 Violinen, 4 Violen
  • Choro III: 4 Flöten, 2 Oboen, 2 Clarini (auch: Klarinette)
  • Choro IV: 2 Cornetti (Blöder Name für ein Instrument, aber zu deutsch auch Zinken), 3 Posaunen
  • Choro V: SSAATTBB in concerto (wie Choro I)
  • Choro VI: 2 Violinen, 4 Violen
  • Loco I: 4 Trombe, Timpani (zu deutsch auch Pauken)
  • Loco II: 4 Trombe, Timpani
  • Organo e Basso continuo (der sogenannte Generalbass)

Und wie klingen die einzelnen Stücke ? In erster Linie fällt eines auf: diese Messe erscheint besonders zugänglich. Nicht aufgrund dessen, dass es vergleichsweise wenig Text gibt – aber doch aufgrund des allgemeinen, omnipräsenten und schlicht pompös-schmetternden Gesamteindrucks. Bereits im Kyrie entfaltet sich ein Instrumentalteppich von unglaublicher Vielfalt; welcher sinngemäß mit dem Chor verschmilzt. Hier gibt es noch weniger Soli als später, lediglich im Mittelteil gibt es bereits einige Kostproben der unglaublichen Fähigkeiten der ausschließlich männlichen Sänger. Wie gut und wunderbar, dass kein Frauensopran bei dieser Version Einzug hält – gegen selbigen ist allgemein sicher nichts zu sagen, doch in Bezug auf die Missa Salisburgensis durchaus. Das Kyrie fungiert also als wahrliche Auftakts-Hymne, welche in einem pompösen Finale mündet. Dann folgt das Gloria, welches schon wesentlich ausführlicher (knapp 9 1/2 Minuten) und komplexer daherkommt. Hier wird wirklich alles aufgeboten, was möglich ist. Ein sagenhafter Choreinsatz, anmutige Solipassagen mit dezenten Streichern und Orgeltönen im Hintergrund, kurze Instrumenten-Intermezzi… und der erste wirklich heftig-emotionale Höhepunkt, der sich ab Minute 6.30 entwickelt und bis zum Ende andauert.

Es folgt das 15-minütige Credo, welches abermals vor Komplexität und Vielfalt nur so strotzt, und gekonnt mit den verschiedenen Stimmungen zu jonglieren weiss – stets auf dem höchsten erdenklichen Niveau. Zu Beginn ist das Tempo noch eher zurückhaltend, doch im weiteren Verlauf wird man sich mehrmals geradezu sagenhaften musikalischen Aufbauten widmen, nur um sie kurz darauf wieder zusammenfallen zu lassen und mit beinahe flüsternden Gesangspasssagen den Übergang zur nächsten musikalischen Spitze zu überbrücken. Keine Frage, das Finale ist abermals äusserst heftig, und lässt sogar nicht-religiösen Menschen ein sinngemäß-schmetterndes Amen entlocken. Vielleicht und im besten Fall – auch wenn das dann sicher nicht so schön klingt wie hier. Sanctus und das Agnus Dei sind dann die obligatorischen Abschlussstücke. Beide stehen den vorangegangen Stücken in nichts nach, wenngleich sie natürlich etwas gemäßigter und ruhiger daherkommen. Ganz so wuchtig und brachial wird es hier nicht mehr zugehen – hier dominieren vor allem sinnliche Chor- und Solipassagen, stellenweise halten sich die Instrumente beinahe ganz zurück (besonders beim Agnus Dei). Doch was wäre die Missa Salisburgensis, wenn sie nicht in einem unerwarteten Moment doch wieder die Pauken und Trompeten mit einer ungeheuer umwerfenden Kraft zurückholt. Eigentlich wäre an dieser Stelle bereits Schluss – doch in diesem Fall gibt es noch den Hymnus Plaudite Tympana obendrauf, als Anhang sozusagen. Gut, wenn man sich also während der letzten beiden Stücke wieder etwas entspannend konnte, ist das letztendliche Finale dann doch wieder ein gnadenlos episches und kraftvolles. Zwar gibt es auch hier einen etwas ruhigeren Mittelteil, doch hauptsächlich im Gedächtnis bleiben werden die schmetternden Anfangs- und Endabschnitte.

Gerade Klassik-Neueinsteiger sollten sich ruhig einmal an der MISSA SALISBURGENSIS versuchen – vornehmlich in der hier vorgestellten Fassung; die anderen könnten gerade für nicht-geübte ein wenig zu langweilig klingen. Da sollte man eben doch lieber auf das gnadenlos epische Instrumentenspiel des Collegium Aureums setzen – welches heute leider nicht mehr existiert.


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„Ein einzigartiges Klassik-Album.“

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