Metal-CD-Review: HAGGARD – And Thou Shall Trust The Seer (1997)

Land: Deutschland – Genre: Epic Symphonic Black Metal

1. Chapter I: The Day As Heaven Wept 5.46
2. Chapter II: Origin Of A Crystal Soul 5.56
3. Requiem In D-Minor 2.09
4. Chapter III: In A Pale Moon’s Shadow 9.38
5. Cantus Firmus In A-Minor 2.32
6. Chapter IV: De La Morte Noire 8.03
7. Chapter V: Lost (Robin’s Song) 4.25
8. Outro: A Midnight Gathering 3.00

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Vertraue ihm doch einfach, dem Seher.

Info: Bei diesem Haggard-Album mit dem durchaus episch klingenden Titel handelt es sich um das Debütalbum der deutschen Band, welche aus nicht weniger als einem kompletten, klassischen Orchester-Ensemble besteht. Die Vermutung liegt also nahe, dass sich auch die Musik der Band in keine der üblichen Genre-Schubladen einordnen lassen würde – und das merkt man dann auch direkt bei den ersten Hörproben. Interessant ist sicherlich, dass dieses Album „erst“ im Jahre 1997 veröffentlicht wurde – die Band aber existiert schon seit 1989. Es hat also einige Jahre und Demotapes gebraucht, bis der erste offizielle Longplayer der Band das Licht der Welt erblicken durfte – aber hat es sich auch gelohnt ? Wichtig ist, sich auf dieses musikalische Werk einzulassen, und keine fest eingefahrenen Genreschienen zu erwarten. Man sollte also von einer Art Konzeptalbum sprechen – zudem sich der thematische Hintergrund um den wohl bekannten Nostradamus und dessen Prophezeiungen (daher auch der Albentitel) dreht.

Kritik: Ein Konzeptalbum also… hier besteht immer die gewisse Gefahr, sich zu sehr aus dem Fenster zu lehnen und am Ende ein Werk abzuliefern, welches nichts halbes und nichts ganzes ist. Glücklicherweise begehen Haggard nicht diesen Fehler und fahren von Anfang an, das heisst The Day As Heaven Wept eine wohl durchdachte Kompositionsschiene, die in erster Linie erst mal weniger eingängig, als interessant anmutet. Sicher, den ein oder andern Hördurchlauf wird man bei dieser Scheibe benötigen – doch letztendlich wird man dann auch entsprechend belohnt. Klassische Instrumente sind bei Haggard im Dauereinsatz – wer damit also generell nichts anfangen kann, hat schon einmal schlechte Karten. Denn obschon man Haggard gewisse Death Metal-Einflüsse zugestehen muss (nicht umsonst steht dieser Begriff in vielen offiziellen Genrebeschreibungen der Band), findet man auf diesem Album eher wenig von eben diesen. Auch beim Opener dominieren der dezent-geschickte Einsatz von allerlei Instrumenten, untermalt von jeweils operntauglichen männlichen und weiblichen Gesangsparts. Lange Zeit ist gar kein Schlagzeug zu hören – dies folgt dann im gleichen Atemzug mit den harschen Riffs, die den (relativ kurzen) expliziten Metalpart des Titels ankündigen. Hier hört man zum ersten Male auch die Growls des Leadsängers – im ersten Augenblick sicher gewöhnungsbedürftig, doch man gewöhnt sich schnell an die Harmonie des „düsteren“ und des „lieblichen“ (weiblichen) Gesangs. Zudem kann man über die gesamte Zeit klassische Aspekte wie Streicher vernehmen – das klingt gut und gekonnt. Lediglich in Sachen Tempo scheint man doch merklich auf die Bremse zu treten; innovativ ist das Ganze aber allemal – 7/10. Beim folgenden Origin Of A Crystal Soul scheint man nun vollends in die Verknüpfung von harschen Metal-Elementen und klassischen Orchesterparts (hier auch vermehrt mit Chor-Elementen) einzusteigen. Während die düster-epischen Passagen noch ein wenig blechern daherkommen, sorgen vor allem die abwechslungsreichen Instrumentalparts für einen guten Eindruck. Markant: der Gesang in verschiedenen Sprachen, hier auch mal mit einer längeren auf deutsch vorgetragenen Passage. Klassik und Metal fusionieren, das gelingt sicher nicht jeder Band – 8/10.

Von wegen Klassik – das folgende Requiem In D-Minor ist ein reines Klassik-Stück oder auch -Interludium. 2 Minuten lang kann man hier allerlei Streich- und Blasinstrumenten lauschen, sodass man sich für einen Moment doch auf einer reinen Klassik-CD wähnt. Das an den Tag gelegte Niveau ist dabei überraschend hoch – 8/10. Ein apokalyptischer Chor stimmt zum folgenden In A Pale Moon’s Shadow ein, welches sich schnell zu einem echten Ohrwurm (trotz der offensichtlichen Komplexität) mausert. Hier klingt vor allem auch das Schlagzeug schön vordergründig, es folgt ein wahre Fusionierungs-Orgie von Metal und Klassik. Hier ist wahrlich alles vertreten: Streicher, Klavier, wunderbarer Frauengesang und tief-bedrohliche Growls, Chöre, reine Instrumentalpassagen und krachende Doublebass-Momente. Ein Eindruck, den man beim ersten Hören erst einmal verarbeiten muss – doch letztlich besteht kein Zweifel daran, dass es sich bei diesem Titel um die Hymne des Albums handelt – 10/10. Nun folgt wieder ein reines Klassik-Instrumentalstück mit dem Titel Cantus Firmus In A-Minor, welches nicht ganz so viele Instrumente beschäftigt wie das Interludium zuvor, aber ebenso versiert vorgetragen wird – 8/10. De La Morte Noire ist ein weiterer Titel der Marke Epos, dafür sorgt allein die Spieldauer und die gefühlte Abwechslung. Jedoch erscheint es etwas schade, dass sich die Band beinahe ausschließlich auf die eher ruhigen, dramatischen Momente zu beziehen scheint, was nicht immer für Aha-Momente sorgt. Richtig brachial, episch oder erhaben-orchestral geht es also auch in diesem Stück nicht zu – im Sinne der Klassik könnte man also von einem dauerhaften Adagio sprechen, als von erfrischenden Allegri. Dennoch bewegt sich das, was die Band da macht, auf einem sehr hohen Niveau und kann einen, sofern man sich darauf einlässt, in den Bann ziehen – 5/10. Das folgende Lost (Robin’s Song) weiss sich da schon eher mit verschiedenen Stimmungen und Einflüssen zu profilieren. Das der Metal-Part hier nun vollends in den Hintergrund zu rücken scheint (bis auf das Schlagzeug und die Growls am Ende), kommt dem Titel dabei sehr zugute. Hier hat man erstmals das Gefühl, eine „richtige“ Ballade zu hören, die den Hörer nachdenklich zu stimmen vermag, sich dabei aber immer noch weit, weit weg vom Balladen-Mainstream dieser Erde bewegt – 10/10. Es folgt nur noch ein kurzes Outro (nichts allzu besonders, der Chorgesang wirkt eher dumpf oder flach-verhalten – 6/10), und dann ist man auch schon durch mit der relativ kurzen Scheibe.

Fazit: Ein gewagtes, interessantes Konzept- und zugleich Debütalbum einer ungewöhnlichen deutschen Bandformation… eigentlich stehen die Zeichen gut. Während man über die Zielgruppenfrage eher noch hinwegsehen kann (Klassik-Fans ? Metaller ? Beides – aber warum dann nicht auch konstant beides machen ?) vermag gerade der Produktionsstechnische Hintergrund nicht immer, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Eher im Gegenteil ! Insgesamt wirkt der Sound noch recht flach und wenig pompös, die weiblichen Gesangstimmen noch etwas zaghaft und leise; und gerade bei den reinen Metal-Parts fehlt einfach der gewisse zündende Funke, der letzte (Produktionsstechnische) Schliff. Die Klassik-Parts wirken dagegen schon weitaus authentischer eingespielt und abgemischt, die Kombination von Klassik und Metal als Experiment scheint insgesamt zu glücken. Etwas schade ist da nur, dass die Band nicht noch mehr stimmungstechnische Richtungen ausprobierte, und sich zumeist an gemäßigteren, teils sogar lamentierenden Stücken aufhält und nur höchst selten für die ein oder andere Auflockerung sorgt. Beinahe könnte man also von einem düster bis depressiven Album sprechen; was zur Abwechslung auch nicht verkehrt wäre – doch wirklich traurig oder dramatisch wirkt es dann eben leider auch zu keinem Zeitpunkt. Man dümpelt also auf einem quasi-Mittelfeld vor sich in, und wagt nur selten Ausbrüche nach oben oder unten. Hinzu kommt eine etwas bescheidende Gesamtspieldauer von gerade einmal 41 Minuten, was für einen Longplayer nicht gerade als besonders ausführlich bezeichnet werden kann. Dennoch handelt es sich hier um ein Werk, welches man definitiv einmal gehört haben sollte.


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„Für ein blindes Vertrauen reicht es noch nicht ganz.“

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