Metal-CD-Review: HAGGARD – Eppur Si Muove (2004)

Land: Deutschland – Stil: Epic Symphonic Black Metal

1. All’inizio È La Morte
2. Menuetto In Fa-Minore
3. Per Aspera Ad Astra
4. Of A Might Divine
5. Gavotta In Si-Minore
6. Herr Mannelig (Long Version)
7. The Observer
8. Eppur Si Muove
9. Largetto / Epilogo Adagio
10. Herr Mannelig (Short Version)

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Und sie bewegt sich doch.

Info: Wenn man generell an musikalischen Experimenten beziehungsweise Konzept-Alben interessiert ist, führt wohl kein Weg am 2004’er Album Eppur Si Muove von Haggard vorbei. Besagter Albentitel bezieht sich auf die historisch wichtige, schillernde Persönlichkeit Galileo Galilei und bedeutet in etwa so viel wie „und sie bewegt sich doch“ – wobei die Erde gemeint ist. Diese hsitorisch-wissenschaftliche bedeutsame Erkenntnis steht dabei stellvertretend für viele andere, die in den damaligen Zeiten eher verteufelt wurden, als dass sie allgemein und besonders in religiösen Kreisen akzeptiert wurden. Auf eben diesen Themenkomplex stürzte sich die deutsche Band Haggard – die im übrigen aus einer Vielzahl von Mitgliedern besteht. Als „Kopf“ der Band gilt Asis Nasseri, der für einen Großteil des Gesangs (sowie für die Grunts) zuständig ist – aber nicht nur das, schließlich schreibt und komponiert er die meisten Lieder selbst, und spielt ausserdem noch Gitarre. Ein echter kreativer Kopf also – nicht zuletzt lässt auch das etwas eigentümliche Genre, in welches diese CD am ehesten einzuordnen ist, darauf schließen. Eine Kombination von Klassik (hauptsächlich Barock) und Black Metal ? Und dazwischen noch allerlei Folk- und Mittelaltereinflüsse ? Ist Haggard nun eine Metal-Band oder ein Sammelplatz von musikalisch begabten Menschen, die man alle ebenso in ein klassisches Ensemble stecken könnte ? Gerade das ist der Clou – beides trifft uneingeschränkt zu.

Kritik: Die musikalische Vielfalt und das Können jedes einzelnen Mitglieds sind es, die dieses „Experiment“ nicht nur zu einem eben solchen machen, sondern zusätzlich zu einem mehr als gelungenen. Der Auftakt wird mit All´Inizio E La Morte beschritten, ein Titel, der sich nur schwer in Worte fassen lässt. Haggard sind wahrhafte Meister, wenn es um die Kombination von klassischen und Metal-Elemten geht: hier wechseln sich deutschsprachige, männliche Gesangsparts mit engelsgleichen Frauengesängen und lateinischen Backgroundchören ab, doch natürlich ist es an dieser Stelle noch nicht vorbei was die musikalische Vielfalt angeht: auf englisch vorgetragene Grunt-Passagen in bester Death Metal-Manier gehören ebenso zum Gesamteindruck wie die abwechslungsreiche, orchestrale Instrumentalisierung – die mal deutlich in klassische Gefilde driftet, größtenteils aber von harten Metal-Gitarrenriffs dominiert wird. Hinzu kommen Streicher, das kräftige Schlagzeug… man kann einfach nicht anders als diesen ersten Track als „episch“ zu bezeichnen – schenkt aus den Wein… ! 10/10. Das folgende Menuetto In Fa-Minore ist ein kurzes, klassisches Intrumentalstück von  Robert von Greding, welches einen auf die erste explizite Reise in Barocke Gefilde mitnimmt. Ein klassisches Stück, welches perfekt interpretiert und absolut versiert eingespielt wurde – 9/10.

Bereits der Titel klingt episch-erhaben: und das ist Per Apera Ad Astra auch. Hier handelt es sich um ein raffiniertes Stück Musik, welches mit allerlei Abwechslung und Stimmungswechseln daherkommt. Es beginnt stilecht mit ein wenig weiblichem Soprangesang von darauffolgenden Death Metal-Gruntpassagen auf englisch, doch bereits hier werden die markanten Bezüge zur Klassik sehr deutlich. Vermehrt treten Streicher auf, welche von mal lieblichem, mal düsterem Gesang abgelöst werden – nicht zu vergessen auch die Metal-Aspekte, die sich von allem in den Riffs, und gegen Ende auch noch einmal vermehrt in den anderen Gitarrenparts niederschlagen. Einzig das Schlagzeug wirkt hier deutlich zu schwach auf der Brust, beinahe etwas „blechern“ – das schmälert den Gesamteindruck etwas und sorgt für Verwunderung ob der sonst so guten Produktionsqualität. Auch wirkt dieser Titel recht schwerfällig, und ist deshalb keinesfalls ein Ohrwurm zu bezeichnen (obwohl, welcher Titel von Haggard ist das schon – es regiert eben Komplexität). Neben der Frauenstimme gibt es ausserdem keine weiteren, sonderlich spannenden Stimm- oder Sprachexperimente wie noch zwei Titelnummern zuvor – 6/10. Nach diesem kurzen Dämpfer schickt sich das episch anmutende Of A Might Dive an, das Album wieder auf Kurs zu bringen. Und das gelingt auch tadellos – man nimmt sich ordentlich viel Zeit, das Lied beginnen, und damit auch sich spannend entwickeln zu lassen. Es startet mit dezenten Streicher-Klängen, einem kurzen Chor-Einsatz auf Latein, danach folgt das leise Klimpern eines Klaviers… in welche Richtung würde sich dieses Stück entwickeln, handelt es sich gar um ein reines Instrumental-Interlude ? Doch ein Blick auf die Spieldauer von 8 Minuten verrät gegenteiliges… die ersten Gesangspassagen folgen nach 2-3 Minuten, woraufhin ein Instrumentalteppich angefeuert wird, der am ehesten dem Titel entsprechen zu scheint: it’s mighty and divine ! Brutale Metal-Growls vermischen sich mit einem treibendem Klassik-Metal-Beat und lateinischem Chorgesang. Das geht enorm nach vorne, und auch wenn die Musik keinesfalls tanzbar (noch nicht mal zum Headbangen) geeignet ist, sollten diese akustischen Eindrücke niemanden auf den Sitzen halten. Derart gut eingespielte, klassische Elemente findet man bei Metal-Bands eher selten (unter anderem noch bei Rhapsody Of Fire, wenn auch kaum vergleichbar) – 10/10.

Beim nun folgenden Gavotta In Si-Minore handelt es sich wie Track 2 wieder um ein rein klassisches, kurzes Interlude – welches in Sachen Kompositionsqualität fantastisch ist. Und wieder kann man nicht anders als zu denken… warum ist es nur so kurz ? Dezent, und doch schön kräftig – das ist die Kraft des klassischen – 9/10. Und nun zum meist diskutierten Track des Albums, Herr Mannelig. Im Grunde handelt es sich um eine sehr schönes, traditionelles Lied, welches sehr stimmig eingespielt wurde. Doch es gibt ein Problem, zum einen sind das die Sprachbarrieren (hier italienisch, im Original sogar Altschwedisch) und der stark vordergründige Frauensopran-Part. Wer mit weiblichen Gesängen eher weniger anfangen kann beziehungsweise sich einen solchen auf einem Metal-Album eher als unterstützende Zugabe in Chören et cetera wünscht, für den könnte das ein klein wenig zuviel des Guten sein. Dennoch, eine technisch perfekte Version… 7/10. Mit The Observer folgt ein weiteres Stück der Marke nicht-zuzuordnen: mal deutlich ruhig, mal kräftig-metallisch; dabei aber immer interessant und musikalisch vielschichtig. Dies ist im übrigen eines der Stücke, in denen der Metal-Part am heftigsten zum Tragen kommt: das Schlagzeug nimmt ordentlich Fahrt auf, die Riffs sind kräftig, die Grunts schön fies. Doch was wäre dieser Haggard-Titel ohne untermalende Streicher… 10/10. Es folgt der Titeltrack Eppur Si Muove, welcher dramatisch-spannend beginnt. Und abermals: sehr klassisch ! Das Stück braucht seine Zeit sich voll entfalten zu können, man braucht Geduld und vielleicht einige Hör-Durchgänge – aber dann kann das Feuerwerk zünden. Episch wie eh und je – aber vielleicht nicht mehr ganz so originell und kräftig (9/10). Vor dem zu vernachlässigenden Finaltrack (siehe oben) folgt noch ein letztes Interlude mit dem Namen Largetto / Epilogo Adagio. Klassikfans werden abermals begeistert sein – für nicht-Liebhaber der Materie fallen vor allem Adagio-Stücke zumeist eher etwas langatmig aus. Schließlich bedeutet Adagio eben dieses: eine gewisse musikalische Schwermut, eine lässige Getragenheit, kurzum: alles, nur kein Tempo und kein Bombast (6/10).

Fazit: Das Album hat wenig Schwächen, genauer gesagt sind es derer 2:  die erste findet sich in Bezug auf die Produktionsqualität. Hinsichtlich der klassischen Passagen (alle Instrumente, Arrangements und Gesänge) geht das Konzept voll auf, hier ist die Qualität auf dem höchsten Niveau anzusiedeln – sobald man aber den eher Metal-orientierten Bereich einmal näher besieht, muss man definitiv einen qualitativen Unterschied feststellen. Gerade das Schlagzeug und die Gitarren wirken einstweilen viel zu dumpf, so manches mal gar etwas blechern – das darf eigentlich nicht sein. Die zweite Schwäche ist in diesem Sinne keine, die in die Bewertung mit einfliessen sollte – aber das Album ist dann doch verdammt kurz. Eine Spieldauer von gerade einmal 45 oder 46 Minuten, von denen einige Minuten auch noch als Interludes gewertet werden könnten, sowie 6 Minuten einer eigentlich überflüssigen Short-Version von Herr Mannelig ? Dies muss dann doch noch zu einem (leichten) Punkte-Abzug führen. Ansonsten eine klare Empfehlung für alle, die mal etwas wirklich frisches zu Ohren bekommen möchten – und ein Beweis für alle Black- bezeihungsweise Death Metal-Hasser die meinen, diese Art von Musik kann nur hart und abgedroschen klingen.


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„Ein Fortschritt, aber leider klingt das Ganze noch immer etwas verwaschen.“

Ein Gedanke zu “Metal-CD-Review: HAGGARD – Eppur Si Muove (2004)

  1. Dann bin ich mal gespannt wie ein Flitzebogen, wie das Album wohl kliegen mag!
    Sowie auch das andere, welches du bewertet hast.
    Wie ich sah, hast du ein neues Feld um Antworten zu hinterlassen, gewöhnungsbedürftig möcht ich sagen, 3 x Anmelden Knöppe??? na ja wir sehen uns, um dann Blade Runner zu schauen !!! oder auch Halo Anime 🙂
    CU
    CB

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