Filmkritik: „Das Mädchen, Das Durch Die Zeit Sprang“ (2006)

Originaltitel: Toki Wo Kakeru Shôjo
Regie: Mamoru Hosoda
Mit: Riisa Naka – Takuya Ishida – Mitsutaka Itakura
Laufzeit: 98 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm / Drama

Inhalt: Makoto ist 17 Jahre alt und ein ganz normales japanisches Mädchen, das zur Schule geht und immer wieder mit den für sie und ihre Schulfreunde typischen Alltagsproblemen konfrontiert wird. Wie ist die Schule am besten zu bewältigen, was möchte man später einmal werden; und noch viel wichtiger: was ist eigentlich mit den Jungs ? In Makotos näherem Umfeld gibt es derer besonders zwei, Chiaki und Kousuke. Das Trio geht oft zusammen zum Baseballspielen, doch über die Liebe scheint keiner so gerne reden zu wollen… ohnehin gerät das Leben der Schülerin leicht aus den üblichen Bahnen, als sie plötzlich eine besondere Fähigkeit erlangt: sie stellt fest, dass sie durch die Zeit springen kann ! Was läge da näher, als diese neugewonnene Gabe entsprechend zu nutzen, um Fehler in der Vergangenheit auszubügeln; oder vielleicht auch verpasste Situationen zum eigenen – oder zum Vorteil anderer – nachträglich abzuändern ? Doch es bleibt nicht beim erst spielerisch wirkenden Springen in die Vergangenheit, denn schon bald machen sich erste Nebenwirkungen bemerkbar – so erscheint zum Beispiel eine rätselhafte Zahl auf Makotos Unterarm, die irgendwie mit den Sprüngen in Verbindung steht. Und überhaupt, manche Dinge kann man vielleicht trotz des Besitzes einer solchen Gabe nicht ungeschehen machen…

Kritik: Bei Das Mädchen, Das Durch Die Zeit Sprang handelt es sich um das Regie-Erstwerk von Mamoru Hosoda – der sich nach dessen Erscheinen im Jahre 2006 vor allem auch mit dem späteren Summer Wars (2009) einen Namen gemacht hat. Dort porträtierte er eine neuartige Mischung aus Familiengeschichte und Technologie, dem Web 2.0 – betrachtet man nun den 3 Jahre älteren Vorgängerfilm, so muss man doch gewisse Unterschiede feststellen. The Girl Who Lept Through Time, wie er im englischen heisst, wirkt einerseits wesentlich bodenständiger; da er die (vergleichsweise ruhig-emotionale) Geschichte einer jungen japanischen Teenagerin erzählt – andererseits wirkt er aber auch ein wenig, nun: abgehobener. Was hier noch nicht im negativen Sinn zu verstehen ist – aber dass diese Formulierung nicht nur auf die offensichtliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Zeitsprung zutrifft (das Abheben beziehungsweise Springen), wird dann klar; wenn der Film im späteren Verlauf eine zusätzliche fantastische Ebene einstreut. Makoto bleibt nicht die einzige, die von den Zeitsprüngen weiss. Neben ihrem merklich leichtfertigen Umgang (und den eher harmlosen Veränderungen) könnte nämlich ein weitaus ernsterer Hintergrund stecken… von dem nur wenige Eingeweihte wissen. Diese Wendung kommt leicht überraschend; andererseits ist sie nur konsequent und im Nachhinein betrachtet sogar ein Muss.

Denn was wäre dieser Anime ohne diese (oftmals leider nur leicht angedeuteten) Mystery-Aspekte ? In der Tat, leider nichts allzu besonderes. Schließlich besteht er hauptsächlich aus zwei dominanten Themen, die man nicht gerade selten in anderen Filmen wiederfinden kann: der Geschichte einer Teenagerin mit typischen Sorgen; und Zeitreisen. In diesem Falle wird beides miteinander verknüpft, sodass grundsätzlich ein typischer Anime vom Charakter „relativ normale Hauptfiguren brechen aus dem Alltag aus“ entsteht. Gerade hinsichtlich dieses Aspektes haben schon viele japanische Werke gezeigt, wie unterhaltend und anspruchsvoll sie eigentlich sein können – man betrachte nur die Filmografie des renommierten Studio Ghibli. Im Gegensatz zu den Ghibli-Filmen beispielsweise aber geht Das Mädchen Das Durch Die Zeit Sprang einen etwas anderen Weg; eben weg von abenteuerlichen Fantasy-Welten, weg von der Natur; weg von mysteriösen Fabelwesen. Man könnte hier also von einer Art moderner Großstadt-Geschichte sprechen – was sowohl einen Vorteil als auch einen Nachteil hat. Sicherlich sind hier weitaus mehr bekannte Elemente eines (allgemeinen) Jugend-Lebens und Möglichkeiten einer Identifikation gegeben; dafür fehlt aber das typische Gefühl des Abtauchens in eine andere Welt – welches andere Anime-Filme oftmals mit sich bringen. So wirkt der Film einstweilen etwas kühl, und vermag es kaum einen Bogen weg von der relativ eingeschränkt wirkenden Erzählweise zu schlagen – einziger Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt Makoto. Dieses Porträt gelingt den Machern zwar ausserordentlich gut, keine Frage – etwas schade ist es nur, dass andere Aspekte wie die Zeitsprünge kaum behandelt werden. Sie machen (optisch und akustisch) ordentlich was her; doch inhaltlich und im Kontext ermöglichen sie kaum Spielraum für Interpretationen oder einen nachhaltigen wirkenden Eindruck.

Das Ganze hat ein wenig vom Jumper-Prinzip: Zeitreisen sind ein spannendes Thema mit unglaublich viel Potential, egal ob nun in Bezug auf Animes, Serien oder Hollywoodproduktionen. Nur, wie sollte man eine möglichst spannende Geschichte erzählen, ohne den Zuschauer vielleicht zu sehr zu überfordern (mit verschiedenen Zeitebenen und deutlicheren Wissenschafts-Bezügen besispielsweise) ? Doch gerade hier begehen viele Filmemacher einen eklatanten Fehler: sie unterschätzen das Publikum. Oder, sie wollen gar nicht erst eine tiefer gehende, anspruchsvolle Geschichte erzählen – sondern ganz explizit reines Popcorn-Kino machen. Gewiss, Das Mädchen Das Durch Die Zeit Sprang ist kein handelsübliches Popcorn-Kino – der Film bietet dann doch noch eine spürbare Grundeinheit in Sachen Komplexität und Tiefgründigkeit. Aber eben auch keine besonders nennenswerte: abermals wird der Hauptfokus auf einen einzelnen Charakter gelegt, wobei gerade dieser (Makoto) relativ leichtfertig mit der vermeintlich sagenhaften Fähigkeit umzugehen scheint. Dass sie durch die Zeit reisen kann, scheint sie nicht sonderlich zu hinterfragen – stattdessen schwirren ihr weiterhin alltägliche Themen wie Schularbeiten oder Jungs im Kopf herum. So kommt es, dass eher ein locker-leichter, witzig-verspielter Eindruck entsteht – und weniger ein epischer (welcher beim Thema Zeitreisen eigentlich erwünscht sein sollte, wenn es sich nicht gerade um eine Komödie handelt). Immerhin gibt es in Bezug auf diese Bereiche dann doch noch gewisse Besonderheiten, die man hier im Westen (in vergleichbaren Filmen) wohl so nicht zu sehen bekommen wird: bei vielen der Reisen denkt sie nicht vorrangig an sich, sondern versucht; ihren Freunden und Bekannten ein wenig „auf die Sprünge“ zu helfen. Die in westlichen Gefilden obligatorische Liebesgeschichte kommt zwar auch vor – jedoch in einer weitaus angenehmeren, deutlich zurückhaltenderen Variante.

Dennoch bleibt es schade, dass die Macher einfach nicht aus dem Vollen schöpfen, wenn es um das mögliche Potential des Films geht. Gerade die interessantesten Aspekte lässt man einfach geschehen – und behandelt sie nicht weiter. So wird der erste Zeitsprung als glücklicher Zufall porträtiert (immerhin, hätte Makoto vorher nicht diese Fähigkeit erlangt, dann…) und auch weitere hintergründige Ansätze wie die Bedeutung eines speziellen Gemäldes bleiben nur sehr zaghaft angeschnitten. Und wenn der Film in großen Schritten auf das Finale zugeht, entsteht zweifelsohne ein zwiespältiger Eindruck: die Bilder sind sagenhaft, die Musik ist traumhaft schön – doch in einer Art und Weise will der (inhaltliche) Funke nicht wirklich überspringen, zu kryptisch und oberflächlich wird die Verbindung der verschiedenen Zeitebenen („ich warte auf dich in der Zukunft“) dargestellt. In technischer Hinsicht gelang den Machern allerdings nur lobenswertes: die Farben sind kräftig (aber niemals zu bunt), überhaupt wirkt die gesamte Optik kristallklar, die Szenenbilder stecken voller Details – alles untermalt von einem höchst gefühlvollen Soundtrack. Und auch in Bezug auf die Hintergründe braucht sich dieser Film nicht hinter anderen zu verstecken: gerade die Straßenzüge, die Sonnenuntergänge, die blauen Himmel (mit den Charakteren im Vordergrund) sehen einfach nur fantastisch aus. Selbst die etwas aus dem Stilrahmen fallenden Zeitreisen-Sequenzen hinterlassen einen positiven Eindruck, wenngleich nie ganz klar wird ob diese gezeigte „Welt“ irgendeine Bedeutung hat oder ob es sie nur in der Fantasie von Makoto gibt.

Fazit: Das Mädchen, Das Durch Die Zeit Sprang ist ein schwierig zuzuordnender Film. Im Grunde wäre er eine recht gewöhnliche, harmlose (Tragik-)Komödie über ein japanisches Schulmädchen, die mit den für das alter typischen Sorgen und Nöten zu kämpfen hat. Die Zeitreisenthematik sorgt aber für einen zusätzlichen Sci-Fi-Aspekt; bleibt dabei jedoch nur äusserst oberflächlich behandelt und wirkt so eher wie ein unausgereiftes Beiwerk zu einem ansonsten aus authentisch getrimmten Film. Schließlich geht es trotz der Zeitreisen beinahe ausschließlich um zwischenmenschliche Beziehungen – die man, wie Makoto lernen wird, nicht immer entscheidend beeinflussen kann. Auch nicht, wenn man noch einmal „von vorne“ beginnt ! Sicherlich kein schlechter Anime, aber einer mit einem deutlich verschenkten Potential. Wer hier eine episch angelegte Geschichte voller Hintergründe und Mystery-Aspekte erwartet, wird gnadenlos enttäuscht werden; und muss sich mit einigen nur sehr kärglich angeschnittenen Hinweisen zufriedengeben – und sich auf die Kraft der Liebe und der Freundschaft besinnen. Das aber eben auch nur in einem relativ unspektakulären, wenig nachhaltig wirkenden Ausmaße.

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6 Gedanken zu “Filmkritik: „Das Mädchen, Das Durch Die Zeit Sprang“ (2006)

  1. Hmmm… meine Familie war von der Stimmung des Films auch eher unbeeindruckt. Das hängt wohl damit zusammen, was man von so einem Film erwartet. Mich hat die Leichtfüßigkeit der Jugend sehr gefesselt, wahrscheinlich aus persönlichen Gründen. Gepaart mit der Dramatik des Schlusses war es für mich eigentlich DER Film des Sommers 2007, und ich werde nie vergessen, wie ich ihn das erste Mal auf einer VHS(!!!!, zu Kalkulationszwecken), und nur in Grün- und Grautönen an einem Sommerabend in meiner kleinen Wohnung geschaut habe. Was hätte ich wohl für so ein Abenteuer in meiner Schulzeit gegeben. Von der Liebe ganz zu schweigen. 🙂

    @makoto:
    So ganz hast Du den Film aber auch nicht verstanden, wenn ich Deinen Kommentar so lese.

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  2. Achje.. Jemand hat den Film nicht verstanden.
    Die Tante ist ja das Mädchen Makoto selbst, die aus der Zukunft in die Vergangenheit gesprungen ist, um das Bild zu restaurieren …

    Vielleicht den Film nochmal anschauen…

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    1. Da ist aber jemand frech… was ich durchaus schätze. Nun, bei der Masse an verkonsumiertem Material kann es schon einmal vorkommen, dass ich etwas übersehe. Es kann – sollte allerdings nicht, ich gebe mir (weiterhin) Mühe.

      Wenn Du mir aber noch sagst, inwiefern der von Dir erwähnte Aspekt meine Sicht auf den Film ändern könnte; wäre ich Dir sehr verbunden. Ich befürchte nämlich, dass diese Feststellung keine direkten Auswirkungen auf meine aufgeführten Kritikpunkte hat. Wenn doch, würde ich ein erneutes Ansehen sicherlich in Erwägung ziehen.

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