Filmkritik: „20th Century Boys“ (2008)

Originaltitel: 20-Seiki Shônen: Honkaku Kagaku Bôken Eiga
Regie: Yukihiko Tsutsumi
Mit: Toshiaki Karasawa – Etsushi Toyokawa – Takako Tokiwa
Laufzeit: 142 Minuten
Land: Japan
Genre: Abenteuer (genaueres siehe Kritik)

Inhalt: Rockstars haben kein leichtes Leben – das weiss auch der junge Japaner Kenji, der den Weg einer solchen Karriere bereits beschritten hat. Eines Tages aber hängte er seine Gitarre an den Nagel, und arbeitete fortan bei seiner Mutter in einem Lebensmittelgeschäft – welches nur eher mäßig läuft. Auf den ersten Blick scheint er ein ganz normaler junger Mann zu sein, doch es scheint irgendeine Verbindung zwischen ihm und den nunmehr häufiger auftretenden weltweiten Schreckensnachrichten zu geben: ein mysteriöser Unbekannter, der sich schlicht Freund nennt, ist gerade im Gange ein bestimmtes Weltuntergangsszenario in die Tat umzusetzen. Doch dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Plan – sondern um einen, den sich Kenji zusammen mit weiteren Freunden in seiner Kindheit ausgedacht hat. Was als Spiel begann, scheint nun bitterer Ernst geworden zu sein: irgendjemand, der damals von Kenji’s Buch der Prophezeiungen gewusst hat, will die kindliche Fiktion nun wahr werden lassen – und geht dabei über Leichen. Aber wer ist dieser ominöse Freund, und was will er von Kenji ? Dem bleibt letztendlich keine andere Möglichkeit, als seine alten Schulfreunde zusammenzutrommeln und eine Gegenbewegung zur immer stärker werdenden Sekte des Freundes zu bilden. Wird die Gerechtigkeit am Ende siegen ?

Kritik: Als erster Teil einer groß angelegten Spielfilmtrilogie markiert Twentieth Century Boys den Auftakt einer Manga-Verfilmung, bei der man (sofern gewollt) nur schwerlich ähnliche Werke zwecks eines Vergleichs zu Rate ziehen kann. Denn die Vorlage stammt vom japanischen Mangaka Naoki Urasawa (unter anderem Monster), der sich sichtlich nicht scheut, seinen Werken eine gewisse Komplexität zugrunde zu legen. Dieser Fakt; und die Tatsache, dass es sich um eine „typische“ japanische Manga-Realverfilmung handelt, machen Twentieth Century Boys also schon einmal nicht zu einem internationalen Blockbuster – es handelt sich eher um eine Art Spartenkino für grundsätzlich am fantastischen interessierte. Gerade deshalb bringt der Film ein echtes Geheimtipp-Potential mit, schließlich ist man hier im Westen schon reichlich versorgt was den Bedarf an massentauglichen Popcornkino-Werken angeht. Wenn es schon kein direkt greifbares inhaltliches Pendant zum Film gibt, so kann man aber durchaus andere Live-Action-Filme aus Japan zwecks eines Machart-Vergleichs zitieren: die Death Note-Filme beispielsweise. Auch sie basieren auf einem vergleichsweise komplexen Manga (auch eine Anime-TV-Serie entstand), und brauchen sich tatsächlich nicht hinter anderen hochkarätigen Thrillern mit Fantasy-Touch zu verstecken (bis auf den dritten Film der Realfilm-Trilogie). Manga- oder Anime Realverfilmung sind also nicht nur im Trend (wie man so schön sagt), in Japan gehören sie schon lange zum guten Ton in der Medienbranche. Die Frage ist nur: lohnt es sich auch wirklich immer; und erst Recht: sind diese Filme dann auch international tauglich ?

Es ist wie es ist: mal so – mal aber auch eher so. Während die ersten Death Note-Filme überdurchschnittlich gut waren, zeigen negative Live-Action Beispiele wie Casshern oder Deburiman, wie es besser nicht geht. An Twentieth Century Boys fällt zuerst auf, dass eine Genre-Zuordnung schwierig erscheint: am ehesten könnte er als moderner Abenteuerfilm rangieren (im Sinne einer brandgefährlichen Schnitzeljagd), doch ebensogut könnte man von einem Thriller sprechen – der mit markanten Drama-Einschlägen und dennoch einem flotten (Erzähl-)Tempo daherkommt. Der Film hat gewiss ein wenig von allem –  passend zur komplexen Geschichte und den grundsätzlich interessanten Charakteren. Ein wahres Epos ist er aber dennoch nicht geworden (trotz der enormen Spieldauer), denn mehr als deutliche Schwächen gibt es zuhauf. Die markanteste von allen ist, dass die Macher es den Zuschauern nicht gerade leicht machen, den Film anzunehmen – denn als was soll man ihn betrachten ? Sollte man ihn ernst nehmen, schließlich ist die Geschichte nicht ohne und zudem auf verschiedene Zeitebenen verteilt ? Was aber hat es dann mit den slapstickartig-verspielten Momenten auf sich, die sich besonders in Sachen Mimik und Gestik der Charaktere manifestieren ? Vielleicht wollte man hier ein gewisses Maß an Selbstironie etablieren, oder aber Referenzen auf den Ursprung der Geschichte zulassen (>Manga) ? In jedem Fall wirken so gerade die Anfangsszenen mit Kenji leicht merkwürdig, erst im späteren Verlauf scheint sich das Ganze wieder etwas zu mäßigen. Ein weiterer spezieller Aspekt an Twentieth Century Boys sind die Charakterporträts, die zwar einerseits ungewöhnlich ausführlich daherkommen – andererseits aber auch stark stereotyp (und deshalb nicht immer glaubwürdig) wirken. Einzig die Wandlung Kenjis vom Typen, der in seinem Leben alles schon mal ausprobiert hat und vom „Normalo“ zum (unfreiwilligen) Weltenretter avanciert, sorgt für einen netten Unterhaltungswert – aber auch solche Heldengeschichten gibt es bereits zuhauf.

Das nächste, vielleicht noch gravierende Problem ist in Bezug auf die Produktion zu sehen – das Projekt wird als eines der aufwendigsten und teuersten überhaupt (in Bezug auf Live-Action-Portierungen) beworben. Die Spezialeffekte kommen allerdings niemals über ein handelsübliches TV-Serienniveau hinaus, unterbieten selbiges sogar – wunderbar zu sehen beispielsweise an den kümmerlichen Explosionen auf dem Flughafen. Immerhin fällt die Schauplatzwahl recht abwechslungsreich aus, und auch die Szenengestaltung zeugt von einem gewissen Aufwand. Die Rückblicke auf die Kindheit der Protagonisten sind in einer gänzlich differenten Optik gehalten – hier geht die Idee auch tatsächlich auf. Betrachtet man den technischen Part aber im Gesamten, so muss man doch zweifelsohne feststellen, dass er erschreckend billig daherkommt – selbst wenn er nicht wirklich billig gewesen sein sollte; es geht allein um die Wirkung. Die Optik im Gesamten, die relativ nichtssagenden Darsteller die bestenfalls mittelprächtige Leistungen abliefern, und; als Krone der Fehlgriffe: ein Soundtrack, der nur vermeintlich kultig daherkommt. Da gewisse musikalische Größen (Rockstars) im Film namentlich genannt werden, werden auch dementsprechende Songs gespielt (20th Century Boy von T-Rex beispielsweise), doch leider hat man sich dazu entschlossen, gerade in späteren Szenen auf eigenartiges, selbstkomponiertes Gitarrengeschrammel zu setzen. Das wirkt abermals makaber, und will einfach nicht so recht zu den gezeigten (Apokalypse-)Szenen passen. Diese kommen optisch ebenfalls wieder mit einer gemischten Qualität daher: die Außenansichten auf die riesige Roboter-Aparatur wirken noch ganz nett, die lodernden Feuer in den Straßen und die Zerstörung sind gut inszeniert. Spätestens als es dann aber in das „Innere“ des Roboters geht, ist Schluss mit lustig beziehungsweise mit Qualität: eine derart lachhafte Gestaltungsarbeit hat man sonst eigentlich noch nirgendwo gesehen. Wieder entsteht der Eindruck, dass hier eher eine Art Experiment stattfindet, als dass versierte Filmemacher am Werk sind.

Bisher nicht erwähnt: die Story. Diese ist in der Tat der mit einzigste wirklich positive Aspekt am Film, wie es oft bei Manga-Vorlagen der Fall ist (wieso sollte man sonst überhaupt an eine Live-Action-Portierung denken) – eine Geschichte, die in einem Zeitraum von Jahrzehnten spielt und einem stets das Gefühl vermittelt, als könnte das „Ende der Welt“ im Filmsinne tatsächlich bald bevorstehen ? Eine Geschichte, die zudem mit vielen unterschiedlichen Charakteren aufwartet, und reichlich spannende Suchen behandelt ? So wird in der Vergangenheit gegraben, Hinweise müssen entschlüsselt, Identitäten aufgedeckt werden – hier zeigt sich das wahre Potential der Geschichte. Umso bedauerlicher ist es da, dass die Macher auch hier eher das Potential verschenkt haben anstatt es sinngemäß zu nutzen: der Film scheint vor Logik-Löchern nur so zu strotzen, indem er eine relativ wenig glaubwürdige Welt zeichnet und viele Umstände einfach geschehen lässt ohne sie zu erläutern. Beispiele: warum findet der „Endkampf“ nur zwischen den beiden Parteien (Böse gegen Gut) statt, wo ist die japanische Regierung, die Politik, das Militär ? Als Schlachtfeld dient schließlich nicht irgendein Hinterhof, sondern japanische Straßenschluchten mit vielen Zivilisten. Da kann ein lachhaftes Aufgebot von 10 oder 20 Mann mit Maschinengewehren doch nicht das Maß aller Dinge sein ? Und warum gibt es überhaupt einen zweiten Teil mit einem gewissen Hauptcharakter (wie am Ende nach dem Abspann ersichtlich), wenn nur wenige Szenen zuvor etwas ganz bestimmtes (recht eindeutiges) gezeigt wurde ? Diese Fragen beantwortet der Film nicht, ebenso nicht wie die zentralste überhaupt: die nach der Identität von Freund. Hier gilt dann wohl der Cliffhanger-Aspekt: man soll noch Lust auf den zweiten (und dritten) Teil haben. Doch diese entsteht so nicht wirklich, zumal der erste Teil schon relativ abgeschlossen wirkt – wenn denn tatsächlich das geschehen ist, was man glaubt gesehen zu haben. Vielleicht ist aber auch etwas ganz anderes, mysteriöses im Gange…

Fazit: Nein, Twentieth Century Boys ist keine der besseren Live-Action-Portierungen – das sollte jedem Zuschauer (ob Mangakenner oder nicht) schnell ersichtlich werden. Wenn man einmal ganz kritisch sein würde, müsste man (im internationalen Vergleich) sogar von einer auffallend dilettantischen Regie- und Produktionsarbeit sprechen – alles garniert von einem teuren technischen Part, der jedoch keinesfalls zu glänzen weiss. Sicher, der Film hat weitaus mehr Herz und Hirn als ein amerikanischer Transformers – doch im Endeffekt vergeigt auch diese japanische Verfilmung eines Mangas einen Großteil des zugrundeliegenden Potentials. Kaschiert wird das Ganze nur eben nicht von Bombast-Spezieleffekten a’la Michael Bay, sondern durch eine unnötig verkomplizierte Erzählweise. Twentieth Centuy Boys ist aber immer noch weitaus spannender und erträglicher als der völlig überladene Casshern – aber für eine überdurchschnittliche hohe Wertung reicht es einfach nicht. Schade !

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