Filmkritik: „Ponyo – Das Große Abenteuer Am Meer“ (2008, Studio Ghibli #16)

Originaltitel: Gake No Ue No Ponyo
Regie: Hayao Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: Tomoko Yamaguchi – Kazushige Nagashima
Laufzeit: 101 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Irgendwo in der Tiefe des Meeres… hier werkelt ein seltsam wirkender Zauberer namens Fujimoto aus seinem Unterwasserlabor heraus an der Flora und Fauna der Umgebung. Offenbar hält er auch einige ganz besondere Wesen bei sich: Fische mit menschenähnlichen Gesichtern nämlich. Auch das Fischmädchen Brunhilde ist eines dieser eigensinnigen Kreaturen, welche offenbar sogar über starke magische Kräfte zu verfügen scheint. Eines Tages möchte sie die verlockende Weite des Meeres näher erforschen, und schafft es, unbemerkt zu flüchten – unglücklicherweise bleibt sie dabei in der Nähe des Ufers in einem Glas stecken. Doch ein Junge namens Sosuke rettet den seltsamen Fisch – und tauft ihn prompt auf den Namen Ponyo. Er ist so begeistert von dem Tier, dass er es sogleich in einen Wassereimer steckt und mit zum Kindergarten nimmt. Doch Sosukes Freude wird alsbald bitterlich getrübt, als der erzürnte Meeresvater von Ponyo einige Tricks anwendet, um den Fisch zurückzuholen. Sie gelangt wieder in Gefangenschaft, doch offenbar hegt sie von nun an nur noch einen Wunsch: ein Menschenkind zu werden, um so bei Sosuke bleiben zu können. Währenddessen haben Sosuke, seine Mutter und die Damen aus dem Altersheim mit den immer stärker werdenden Stürmen zu kämpfen, das Meer tobt unverdrossen und scheint gar das gesamte Land zu überfluten. Doch ob doch noch alles gut ausgehen kann, können weder Sosuke noch Ponyo allein entscheiden – auch die jeweiligen Mütter der beiden haben hier ein Wörtchen mitzureden…

Kritik: Mit der mittlerweile 16.ten Ghibli-Kritik auf diesem Blog ist die Bewertungsreihe bezüglich des weltberühmten Animationsstudios erst einmal vorüber – allerdings nicht für alle Zeiten, schließlich wurde bereits 2010 ein weiterer Titel in Japan veröffentlicht. Der wird wohl noch im Laufe dieses Jahres (Mitte 2011) hierzulande veröffentlicht werden, ähnlich verzögert wie das vorliegende, hierzulande aktuellste Werk Ponyo – welches bereits im Jahre 2008 in den japanischen Kinos gezeigt wurde. Dass sich die Wartezeit aber mehr als gelohnt hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Nachdem Altmeister Hayao Miyazaki beim letzen Ghibli-Blockbuster Die Chroniken Von Erdsee das Regiezepter kurzerhand an seinen eigenen Sohn Goro Miyazaki weitergereicht hatte, übernimmt nun wieder der Meister höchstselbst diesen wichtigen Posten – und das spürt man bis in die letzte Pore des Films. Weiterhin ist Ponyo nach einiger Zeit wieder der erste explizite Kinderfilm aus dem Ghibli-Hause – während bereits Das Königreich Der Katzen einen deutlichen Schritt in diese Richtung ging. Ähnlich vielschichtig und philosophisch aufgebaut wie ein Filmkaliber a’la Prinzessin Mononoke ist dieses Werk also nicht – man sollte also nicht mit dahingehenden Erwartungen in diesen Film gehen. Denn dann kann man nur enttäuscht werden – aber wenn Miyazaki einen (reinen) Kinderfilm machen möchte, dann soll (und darf) er das auch tun. Genau in diesem Sinne muss man Ponyo auch betrachten – jegliche Vergleiche zu früheren Ghibli-Werken sollten sich zumeist auf die zeichnerisch-technische Ebene beschränken. Genau diese Vorgehensweise lassen einige Kritiken allerdings vermissen – oftmals wird bemängelt, dass Ponyo nicht mehr so universell und gar zu kindlich daherkomme. Nun, wenn man wie Miyzaki eine deutlich jüngere Zielgruppe anpeilt, und dabei kein Prinzessin Mononoke 2.0 erschaffen möchte, dann muss man dies auch als Kritiker so hinnehmen.

Gesagt, getan – dementsprechend dankbar werden diesmal vor allem die jüngeren zeigen, die an Ponyo einen wahren Narren fressen werden. Von Ghibli wurde man ja seit jeher mit wunderbar gezeichneten und gestalteten (Fantasy-)Welten beschenkt, bei denen vor allem die atemberaubenden Hintergründe für Furore sorgten – und auch dieses Mal bleibt sich das Studio in dieser Hinsicht treu. Vielleicht sogar mehr als treu – wie man immer wieder hören kann, zeigt sich Miyazaki nicht gerade begeistert von aktuellen technischen Spielereien wie den übermäßigen Einsatz von CGI-Animationen oder dem 3D-Kino im allgemeinen. So manche böse Zunge würde jetzt behaupten, dass er sich gerade aufgrund dessen nicht weiterentwickeln würde oder seine Werke gar an Aktualität verlieren – was natürlich völliger Quatsch ist. Im Gegenteil, er bleibt sich selbst und seinem Schaffen treu – treu im Sinne der altbewährten Ghibli-Tradition. Und wenn sich das europäische oder amerikanische Publikum tatsächlich schon so geblendet von 3D und überteuerten Computereffekten zeigt (und Ghibli Werke als viel zu „langweilig“ oder „minimalistisch“ bezeichnet), ja dann sollte man sich eine internationale Verbreitung wohl doch noch mal überlegen. Auch darüber machte sich Miyazaki immer wieder Gedanken – bekanntlich kamen damalige Japan-Kassenabräumer wie Mein Nachbar Totoro nie in die deutschen Kinos. Einerseits zu Unrecht, verpassten viele potentiell interessierte so ein einmaliges Anime-Meisterwerk für Kinder – andererseits vollkommen zurecht, weiss die westliche Welt solche Werke oftmals nicht entsprechend zu würdigen. Herr Miyazaki, lassen Sie sich bloss niemals von westlichen Vertriebsfirmen beschwichtigen, ihre Werke den entsprechenden Märkten anzupassen. Machen Sie immer weiter so wie allein Sie es für richtig halten – selbst wenn das bedeutet, dass Interessierte die Filme dann aus Japan importieren müssen !

Doch glücklicherweise scheint das Experiment Ponyo im internationalen Sinne geglückt – wobei der Film noch viel mehr Erfolg gehabt haben müsste, betrachtet man in einmal genauer. Vergleiche zu amerikanischen Cartoon-Gurus wie Walt Disney scheinen in mancherlei Hinsicht zwar angebracht (hinsichtlich der Popularität und des Kultfaktors), viele Zuschauer werden so aber auch leicht in die Irre geführt – in der Hinsicht, dass Miyazaki am Namen Disney gemessen wird. Man sollte einfach wissen (und international anerkennen), dass Miyazaki seit Beginn seiner Karriere schon in einer ganz anderen Liga spielte. Denn neben den typischen Popcornkino-Qualittäten aus dem Hause Disney wartet der Japaner immer wieder mit weitaus tiefsinnigeren, von der japanischen Kultur angehauchten Philosophie-Botschaften auf. Und auch in Ponyo tauchen einiger dieser Aspekte auf – wenn auch viel unterschwelliger und weniger ausgearbeitet als in früheren Ghibli-Produktionen. Doch gerade das ist ja der Clou: selbst wenn Erwachsene dieses Mal weniger „Futter“ bekommen, so bietet der Film immer noch genügend Aspekte, die den jüngeren nicht so auffallen werden. Somit ist Ponyo eben doch wieder ein Film für die ganze Familie geworden – mit dem Unterschied, dass nun auch die allerjüngsten explizit auf ihre Kosten kommen. Die niedlichen Zeichnungen, 2 fünfjährige Charaktere als sinnvolle Identifikationsfiguren, ein fantasievolles Porträt der Meereswelt und dessen Kräfte, ein wahrhaft wunderbarer Filmsoundtrack… die Liste ist lang, und lässt einfach keinen Platz für größere Durststecken oder Kritik.

Die Story ist für einen Kinderfilm auffallend vielschichtig gearbeitet, und glänzt zudem durch zwei unbedingte Attributierungen: Fantasie und Spannung. Gekonnt vermischt Miyazaki Elemente der greifbaren, aktuellen Realität mit Aspekten der Fantasy – so trifft ein liebevoll inszeniertes Familienporträt auf eine mystisch-faszinierende Unterwasserwelt voller fabelhafter Kreaturen. Die Handlung wird dabei stets in einem recht ansehnlichen Tempo vorangetrieben, wirkt dabei im Gegensatz zu manchen westlichen Pedanten aber niemals reißerisch oder überladen. Dafür sorgt natürlich auch der optische Gesamteindruck: die kraftvollen Farben, die nette Gestaltung der Unterwasserwesen, die Bewegungen des mal ruhigen, mal tobenden Meeres… Stichwort Meer: oftmals haben Miyazaki-Filme einen unverkennbaren Bezug zur Entwicklung der Ökologie, und beinhalten dementsprechende Botschaften. Das ist auch dieses Mal der Fall – und tatsächlich findet sich in Bezug darauf der vielleicht einzigste Kritikpunkt am Film. Die Darstellung, dass sich das Meer wieder mehr „Raum“ verschafft, wird noch recht gut in den Filmkontext eingeflochten – so sieht man überflutete Straßen und die Kraft die Natur, welche aber dennoch nicht als allzu „zerstörerisch“ oder gar gefährlich wirkend daherkommt. Doch leider gerät das Ganze mit dem seltsamen Elixier des Meer-Mannes leicht ausser Kontrolle, wobei dessen Motivation ohnehin nie wirklich nachvollziehbar erscheint. Zudem scheint er in den wichtigsten Momenten überall zu sein, nur nicht an den entscheidenden Stellen – dann kehrt er plötzlich zurück und scheint eine ganz andere Meinung zu haben als noch zuvor. Warum nun genau „die Zerstörung der Welt“ durch die Verwandlung von Ponyo in einen echten Menschen aufgehalten worden sein soll, wird ebenfalls nicht ersichtlich; und wirkt zudem leicht überspitzt dargestellt.

Fazit: Ein optisch und akustisch mehr als erhabener Anime-Kinderfilm aus dem Hause Ghibli – erdacht und erschaffen von einem der Altmeister des Genres, Hayao Miyazaki. Hier wird konsequent auf traditionelle Werte gesetzt – sowohl in Bezug auf die Filmproduktion selbst, als auch auf den letztendlichen Inhalt. Aber auch dieser weiss entsprechend zu begeistern, und gerade die jüngeren Zuschauer zu fesseln. Und, wie es ebenfalls typisch für einen Miyazaki ist, auch zu bewegen: gerade das Porträt der unschuldigen Freundschaft zwischen Sosuke und Ponyo wirkt überzeugend-emotional, dabei aber niemals heuchlerisch oder gekünstelt. Auch das Element der „Liebe“ soll eine nachvollziehbare Rolle spielen – altersgerecht wird erklärt, dass auch Kinder jemandem „ihr Herz“ schenken können, wenn sie ihn nur genug mögen. Stellvertretend für die dahingehende, allgemein verankerte gesellschaftliche Skepsis steht Fujimoto, der sich fragt, ob das finale magische Prozedere überhaupt funktionieren könnte. Doch Ponyo’s Mutter ist überzeugt, glaubt an die Kraft und die Güte der Menschen; sodass sich doch noch ein Happy End entwickeln kann. Ein Happy-End findet sich im folgenden auch in Bezug auf diese Rezension – eine absolute Empfehlung für die ganze Familie.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Ponyo – Das Große Abenteuer Am Meer“ (2008, Studio Ghibli #16)

  1. Die Filme von Hayao Miyazaki stellen ein ganz großes, hässliches Loch in meinen Filmkenntnissen dar (nicht das einzige, aber eines von denen, die ich am wenigsten verschmerzen kann). Das muss ich demnächst mal angehen. Am besten fange ich wahrscheinlich mit Prinzessin Mononoke an, oder?

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    1. Hmm, dann siehst Du allerdings gleich zu Beginn einen der „Besten“ Ghibli-Filme – Prinzessin Mononoke war soweit ich weiss der am positivsten aufgenommen Werke aus dieser Schmiede. Auch meiner Meinung nach (10/10 Punkten) kommt das nicht von ungefähr…

      Musst Du Dir überlegen, eigentlich ist Reihenfolge ja egal… aber dann darfst Du nach Mononoke keine großartigen „Miyazaki-Steigerungen“ mehr erwarten 😉

      Vielleicht böte sich auch Chihiros Reise als „Einstiegswerk“ an… war auch mein’s.^^
      Oder noch besser Nausicaä, einer der ersten Miyazaki-Filme überhaupt, der mitunter erst zur Gründung des Ghibli-Studios geführt hat.

      Danke für Deinen Kommentar ! 🙂

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